Musik als Träger rechtsextremistischer Inhalte - Schwerpunkt: Rechtsrock


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Popkultur und Rechtsextremismus
1.1 Skinheads und Punks in den späten Sechzigern
1.2 Politisierung innerhalb der Skinheadszene
1.3 Parteiliche Infiltrierung
1.4 Rechtsrock in West-Deutschland

2 Zwischen Patriotismus und geistigem Brandstiften Rhetorik und Symbolik rechtsextremer Musik
2.1 Die Böhsen Onkelz – Rechte Revolution im Kinderzimmer?
2.2 Oi! – „Nicht Rechts, Patriotisch!“
2.3 Rechtsrock und der Umgang mit der BPJS
2.4 RAC und der unsichtbare Feind
2.5 Kultbands und Märtyrer

3 Schlussbetrachtung

Abstract

Spätestens seit der Infiltrierung rechtsextremer und rechtsoffener Skinheads von Seiten der NPD[1] und nicht zuletzt durch deren Parteivorsitzenden Udo Voigt, verließ der Rechtsrock sein Schattendasein in den Hinterhöfen der Bundesrepublik Deutschland und avancierte zu einer der wichtigsten politischen Sprachrohre der extremen Rechten. Wurden die Anschläge in Lichtenhagen und Solingen Anfang der Neunziger noch von politisch unorganisierten Gruppen rechtsextremen Skinheads verübt, so sind seit Mitte der Neunziger Jahre Skinheads ein fester Bestandteil in der politischen Arbeit und bilden die militante Speerspitze der neuen Deutschen Rechtsextremen.

Inwiefern Rechtsrock, Musik mit rassistischen, antisemitischen und neonazistischen Inhalten, dessen Protagonisten sowie der Konzertkult ideologisierendes und politisches Mittel sein können und warum inhaltlich gemäßigter Rechtsrock als Ausläufer der „Nationalen Idee“ in den Kinderzimmern des deutschen Mittelstands salonfähig geworden ist, soll in dieser Seminararbeit erörtert werden.

1 Popkultur und Rechtsextremismus

1.1 Skinheads und Punks in den späten Sechzigern

Als sich Ende der 60er Jahre in Großbritanniens Arbeitersiedlungen die Skinhead-Bewegung formierte, verstand sich diese anfänglich als eine Gegenbewegung zur friedfertigen und braven Attitüde der Mods („Modernists“) und Hippies. Im Zuge sozialer Einschnitte, stetig wachsender Arbeitslosenzahlen und den damit verbundenen Existenzängsten, entwickelte die Skinheadszene aus ihrem sozialen Dilemma eine Art „Klassen-Stolz“. Ein kahl geschorener Kopf, Hosenträger und hochgekrempelte Bluejeans, die die schweren Arbeiterstiefel hervorhoben, galten fortan als Symbol für das neu erlangte Selbstbewusstsein der weniger privilegierten Jugendlichen der Unterschicht.

Im Gegensatz zu der ebenfalls langsam aufkeimenden Punkbewegung, die sich in ihrer subversiven Kraft und dem anfänglichen Fehlen szeneinterner Dogmen täglich neu zu definieren schien, beschränkte sich der damalige Skinheadkult lediglich auf das Besuchen von Fußballspielen, in deren Rahmen es oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fangruppen kam. Gewalt war ebenso wie übermäßiger Alkoholkonsum ein fester Bestandsteil und Ritual einer exzessiven Wochenendgestaltung, wobei sich die, aus der sozialen Situation bedingenden Aggressionen nie direkt gegen ein konkretes Ziel richteten. Viel eher genügte die Ausübung von Gewalt sich selbst - aber auch als Beleg für ein, in der Szene häufig bis ins Maßlose überzeichnetes Männlichkeitsbild.

Ein weiterer Bestandteil der Szeneaktivität war das Besuchen von Musikveranstaltungen. Trotz der stark westlichen Prägung des Skinheadkults und dem latenten Nationalismus der in Großbritannien geborenen weißen Skinheads, waren Konzerte nicht eben nur diesen vorbehalten: Ein beachtlicher Teil der Szene begründeten schwarzafrikanische und jamaikanische Immigranten, die das gleiche soziale Schicksal der Arbeiterklasse teilten. So erscheint es auch nicht verwunderlich, dass neben den genannten westlichen Einflüssen auch viele, zu meist afrikanische und später auch jamaikanische Elemente den Skinheadkult entscheidend mitbegründeten: Der von schwarzafrikanischen Einwanderern gespielte Reggae, der in seiner aggressiven Spielweise in klarem Gegensatz zu dem sich später abzeichnenden jamaikanischen Reggae stand, wurde zum Soundtrack der Skinheadszene. Als Mitte der 70er Punk modisch akzeptabel wurde und den gesellschaftlichen Mainstream erreichte, ebbte die zwischenzeitlich ebenfalls zum „Trend“ gewordene Skinhead-Welle, welche letztlich auch vom sozial besser gestellten britischen Mittelstand mitgetragen wurde, langsam ab und verschwand kulturell in den Randbezirken der Städte.

1.2 Politisierung innerhalb der Skinheadszene

Bereits Mitte der 70er bildeten sich die ersten Anzeichen für eine Spaltung der Skinheadszene. Der zu diesem Zeitpunkt in Europa an immer größerer Beliebtheit gewinnende jamaikanische Reggae[2], fand auch bei dem jamaikanischen und schwarzafrikanischen Teil der Szene regen Zuspruch, so dass anstelle kahl geschorener Köpfe, „Rasta“- und „Dreadlocks“ die äußere Erscheinung vieler Jugendlichen prägten. Aber nicht nur das Abweichen vom stilistischen Kodex führte letztlich zum Bruch innerhalb der Szene: So behandelte die neue Generation von Reggae-Musikern erstmals Themen wie die staatliche und gesellschaftliche Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung und bekannte sich zur Rastafari[3].

Das substanzlose und martialische, von einer naiven Vorstellung von Klassenkampf dominierte Weltbild vieler weißer Skinheads bot keine Antwort auf die Neuorientierung innerhalb der Szene, so dass schließlich ein Großteil der weißen Skinheads in der Rassismuskritik der neuen Reggae- und Ska-Musik einen Angriff auf sich und „ihre Heimat“ sahen, welche unabhängig ihrer sozialen Misere, und die dafür in Verantwortung gebrachte Regierung, immer als unantastbar galt. Da die Veranstaltungsorte und Szenetreffpunkte weiterhin von der Rasta-Bewegung und deren Sympathisanten aus der Skinheadszene besucht und für Konzerte genutzt wurden, folgte bald die musikalische und schließlich auch politische Distanzierung vieler weißen Skinheads vom Rasta-Kult. Aus der schwarzafrikanischen Urform des Reggaes und den brachialen Rhythmen des Punkrocks entwickelte sich der neue Sound für die neue Skinheadszene, der „Oi!-Punk“ bzw. „Skinhead-Oi!“. Die Parole lautete fortan „Strength throu’ Oi!“, aus dem Deutschen übersetzt, und im Dritten Reich als die nationalsozialistische Propagandaformel „Kraft durch Freude“ bekannt. Dennoch verstand man sich anfänglich wieder als strikt „unpolitisch“, bis sich 1977 die englische Skinheadgruppe „Skrewdriver“ formierte. Um ihren Frontmann Ian Stuart verzichtete erstmals eine Skinheadband in ihrer Musik bewusst auf sämtliche afrikanische Elemente und propagierte vor einem breiten Publikum einen „Endsieg der weißen Rasse“, so dass Konzerte ausschließlich von weißen Skinheads besucht wurden; sprachen die Texte mit beinah ausschließlich rassistischen, nationalsozialistischen und antisemitischen Inhalten eine, in ihrer Radikalität mehr als deutliche Sprache. Innerhalb kürzester Zeit bildeten sich landesweit weitere Bands rechtsextremer Prägungen, Netzwerke wurden geknüpft, Konzerte und rechte Skin-Treffen organisiert.[4]

Der Anfang der 90er verstorbene Ian Stuart avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Idol und geistigen Führer der Szene und galt mit der Gründung der „Blood & Honour“[5] -Organisation im Jahre 1983 weltweit als einer der ersten Funktionäre der Rechtsrockszene. Mitte der 80er Jahre expandierte der Gedanke von einer „überlegenen weißen Rasse“ in Form von Tonträgern, welche auf dem hauseigenen Musiklabel veröffentlicht wurden, in ganz Europa und schließlich bis nach Nordamerika.

1.3 Parteiliche Infiltrierung

Der heutige NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt entdeckte als einer der ersten deutschen rechtsextremen Politiker das politische und wirtschaftliche Potential innerhalb von Subkulturen und erklärte Mitte der Neunziger Jahre, nachdem er den Posten des Parteivorstands übernommen hatte, die Mitgliederrekrutierung aus Jugend- und Subkulturen zur Chefsache: Neben dem „Kampf um die Köpfe“, dem „Kampf um die Parlamente“ nahm der „Kampf um die Straße“ im so genannten „Drei Säulen Konzept“ Einzug in das Parteiprogramm der NPD und gilt nach wie vor als einer der grundlegendsten parteipolitischen Leitfäden.[6]

Der „Kampf um die Straße“ wird jedoch nicht allein vom Parteivorsitzenden Udo Voigt geführt. Gemeint sind Jugend- bzw. Subkulturen, welche zumeist öffentlich - auf der Straße - präsent sind. So erkannte Udo Voigt, sowohl das öffentliche als auch polarisierende Potential der Skinheadszene, welche, sei es durch das Kleben von Plakaten und dem Verteilen von Flugblättern für Konzerte, Sprühen von Graffiti als Botschaften an Häuserwänden, das Auftreten in größeren Gruppen, dem szenespezifische Kleidungscode[7] und natürlich durch die Musik als Sprachrohr, sich auch über die Szenengrenzen hinaus Aufmerksamkeit verschafft. Galt die Skinheadszene trotz ihrer latenten Sympathie zum Nationalsozialismus und ihrer rassistischen, antisemitischen und homophoben Tendenzen selbst bei rechtsextremen Parteien wie der DVU oder den REP als zu „prollig“, infiltrierte Udo Voigt Mitte der Neunziger beachtliche Teile der „Freien Kameradschaften“, des „Nationalen Widerstands“ und einige weitere losen Zusammenschlüsse von Skinheads und anderen „nationalen Kräften“ und verhalf so der alternden NPD schlagartig zu einer „Verjüngungskur“. Auch die Bands der Szene stellten sich in den „Dienst der Sache“, wie z.B. durch das Aufspielen bei NPD-Parteitagen und anderen parteipolitischen Veranstaltungen, bei denen auch Skinheads fortan als Saalordner eingesetzt wurden. Skinheads bilden aber nicht nur den militanten Kern der Rechtsextremen, sondern sind für die von einigen Parteifunktionären geführten Musiklabel und Mailorder auch von finanziellem Interesse: So sind es neben den szenespezifischen Kleidungstücken gerade indizierte und illegale Tonträger, die einen beachtlichen Absatz erzielen können.[8]

[...]


[1] „Nationaldemokratische Partei Deutschland“

[2] Eine langsamere und wenigere „raue“ Mischung aus schwarzafrikanischem Ur-Reggaes und Ska-Musik

[3] Religiösen Bewegung aus Jamaika, die „Ras“, den äthiopischen Kaiser Haile Selassie I., als Gott verehrt. In Europa fand diese
erstmals durch Bob Marley (musikalische) Erwähnung, den wohl bekannteste Protagonist des jamaikanischen Reggaes.

[4] Parallel gründeten sich aber auch Gruppen antifaschistischer Skinheads, wie z.B. die S.H.A.R.P.- Bewegung (Skinheads against racial
prejudice
)

[5] Zu deut. „Blut und Ehre“, auch unter dem Kürzel B+H bekannt

[6] Vgl.: Die neue NPD seit 1996 unter http://www.npd.de/npd_info/parteigeschehen/2004/p1104-5.html

[7] Bomberjacke und Springerstiefel sind für Schüler in wirtschaftlich schwächeren Regionen Ostdeutschlands oft Integrationsmittel und
ebnen zumeist den Einstig in die Skinszene.

[8] Vgl. Abs. mit: Skinheads und Rechtsextremismus, April 2001 4. überarbeitete Auflage, S. 34-38, Herausgegeben vom
Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen, Abteilung Verfassungsschutz

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Musik als Träger rechtsextremistischer Inhalte - Schwerpunkt: Rechtsrock
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Politische Rhetorik
Note
2,3
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V39994
ISBN (eBook)
9783638386265
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständige Zitierung über Fußnoten, daher kein Literaturverzeichnis
Schlagworte
Musik, Träger, Inhalte, Schwerpunkt, Rechtsrock, Politische, Rhetorik
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Musik als Träger rechtsextremistischer Inhalte - Schwerpunkt: Rechtsrock, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39994

Kommentare

  • Gast am 20.8.2005

    Vielversprechend!.

    Das Preview ließt sich schon recht interessant. Sehr differenziert und gut recherchiert! Auch wenn ich mich selber ein wenig mit dem Thema Skinheads beschäftigt habe, konnte ich ein wenig dazulernen. Nur sind 6,99 Euro für mich schon eine Stange Geld! Bitte runtersetzen, Grin! ;-)

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Titel:  Musik als Träger rechtsextremistischer Inhalte - Schwerpunkt: Rechtsrock



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