„Wo wir aber auftauchten, kurzröckig, kurzhaarig und schlankbeinig, fuhren die Männer der älteren Generation zusammen und fragten: 'Was sind das für Geschöpfe?' Wir antworteten: 'Die neue Frau!'"
Diese selbstbewusste Aussage ist, wie Drescher hervorhebt, jedoch bereits als „Nachruf“ 2 zu verstehen; sie bezieht sich auf einen verhältnismäßig schmalen Zeitraum in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, in dem ein auffälliger, auch öffentlich präsentierter Bewusstseinswandel eines Teils der jungen Frauengeneration deutlich wurde. Die Generation dieser um die Jahrhundertwende geborenen Frauen fand sich, im Gegensatz zu ihren Müttern, nicht mehr mit traditionellen Rollenzuweisungen ab, als Nur-Ehefrau und Mutter bei eingeschränkter Sexualität und unterdrücktem Begehren oder nur als ewiges Fräulein in beruflich zumeist untergeordneter Stellung und einer scheinbaren Selbstständigkeit. Die „neuen Frauen“ beanspruchten oder suchten zumindest Wege zur Eigenständigkeit ihrer Persönlichkeit (ohne Verzicht auf Mutterschaft); auf Weiblichkeit (ohne Kniefall vor bürgerlicher Doppelmoral) und auf berufliche Unabhängigkeit (ohne herablassende männliche Regie). Dieses Projekt war 1933 vorbei. Es wurde zerstört wie die Weimarer Republik selbst. Die neuen Machthaber propagierten ein neues, das alte, bürgerliche Frauenideal und setzten es durch.
Als Irmgard Keun (Jahrgang 1905) zwei Jahre vor diesem Einschnitt ihren ersten Roman „Gilgi, eine von uns“ veröffentlichte, befand sich die Republik in ihrer finalen Krise. Der Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte 1929 und das mit dem wirtschaftlichen Niedergang stärker werdende agitatorische Trommelfeuer von links und rechts hatten den zwischen 1924 und 1929 aufkommenden Fortschrittsoptimismus und den Glauben an individuellen Erfolg schrumpfen lassen. 3 In dieser Stabilisierungsphase (1924 – 1929) hatten sich literarisch, künstlerisch, architektonisch und politisch Formen durchgesetzt, in denen auch und besonders weibliche Autoren zur Geltung kamen. Ihre zumeist nach 1929 veröffentlichten Arbeiten sind jedenfalls noch „thematisch und stilistisch in den Trends der Stabilisierungsphase... verankert…“. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
Romangeschehen Spannungsaufbau
Hauptmotive und Figuren
Stilistik
III. Schluss
IV. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Wandel und die Ambivalenz der Frauenrolle in der späten Weimarer Republik anhand von Irmgard Keuns Roman „Gilgi, eine von uns“. Im Fokus steht die kritische Auseinandersetzung mit dem Ideal der „Neuen Frau“ und die Frage, wie die Protagonistin Gilgi ihre Identität zwischen beruflicher Unabhängigkeit, persönlicher Autonomie und den gesellschaftlichen sowie privaten Zwängen ihrer Zeit neu definiert.
- Das Ideal der „Neuen Frau“ in der Weimarer Republik
- Weibliche Identitätsfindung im Kontext von Arbeitswelt und Stadtleben
- Die Auseinandersetzung mit traditionellen Mutterrollen und Familienidealen
- Finanzielle Unabhängigkeit vs. emotionale Bindung
- Stilistische Merkmale der „Neuen Sachlichkeit“ im Roman
Auszug aus dem Buch
II. Hauptteil
„Halbsieben Uhr morgens“ beginnt der Roman, frisch, geordnet, diszipliniert, in kurzen knappen Sätzen mit der nebenher geträllerten Schnulze „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände…“; als dieser Abschied tatsächlich ansteht, endet die Handlung – einige Monate später – bei „feuchte(r), dunkle(r) Abendkühle“.
Dazwischen kämpft und sucht die jugendliche Gilgi Wege und Irrwege durch Krisen, Trennungen, Ekel und Sprachlosigkeit und zahlt ihren Preis für dasjenige, was sie anfangs bereits zu besitzen glaubte: ein unanfechtbares Bewusstsein ihrer selbst. In der spießbürgerlichen Wohnung macht sie sich lustig über „Trautes Heim – Glück allein“, über „veitstänzerische Kornblumen“, Tischdecken mit „Kreuzstichblümchen“ und das „Plüschsofa“ in der Ecke.
Zum Frühstück konsumiert die Familie eine Art Kaffee, „sieht braun aus, ist heiß, schmeckt scheußlich und wird widerstandslos getrunken“. Nur Herr Kron, der Vater, isst ein Ei. „Es ist Symbol. Eine Konzession an die männliche Überlegenheit. Ein Monarchenattribut, eine Art Reichsapfel.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das soziokulturelle Phänomen der „Neuen Frau“ in der Weimarer Republik und verortet Irmgard Keuns Roman in der krisenhaften Endphase dieser Epoche.
II. Hauptteil: Dieser Abschnitt analysiert das Romangeschehen, die zentrale Bedeutung der fünf Mutterfiguren für Gilgis Identitätsentwicklung, das Motiv der finanziellen Unabhängigkeit und die spezifische Erzählweise im Stil der Neuen Sachlichkeit.
III. Schluss: Das Fazit fasst das offene Ende des Romans zusammen und diskutiert die zeitgenössische Rezeption des Werks als Prototyp des modernen Zeitromans.
IV. Literaturverzeichnis: Hier werden die verwendeten Primär- und Sekundärquellen zur literaturwissenschaftlichen Einordnung des Romans aufgeführt.
Schlüsselwörter
Neue Frau, Irmgard Keun, Gilgi eine von uns, Neue Sachlichkeit, Weimarer Republik, Identitätsfindung, Weiblichkeit, Mutterbilder, Autonomie, Großstadt, Angestelltenkultur, Geschlechterrollen, Literaturanalyse, Feminismus, Zeitroman
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der sogenannten „Neuen Frau“ in Irmgard Keuns Roman „Gilgi, eine von uns“ vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche am Ende der Weimarer Republik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Identitätskrise der Protagonistin Gilgi, ihre Abgrenzung von traditionellen Mutterbildern sowie die Spannung zwischen beruflicher Unabhängigkeit und emotionaler Bindung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Weg der Protagonistin Gilgi zur Selbstbestimmung anhand der wesentlichen thematischen und stilistischen Romanmotive nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Kontext zeitgenössischer Sekundärliteratur und soziokultureller Trends der 1920er Jahre interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Spannungsaufbaus, die Untersuchung der Hauptmotive (insbesondere der Mutterfiguren) und eine Betrachtung der stilistischen Mittel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören die „Neue Frau“, „Neue Sachlichkeit“, „Identitätsfindung“, „Autonomie“ und die spezifische „Weimarer Konstellation“ aus ökonomischem Druck und sozialem Wandel.
Warum spielt die Auseinandersetzung mit verschiedenen Mutterfiguren eine so große Rolle für Gilgi?
Gilgi erlebt die Mutterfiguren als bedrohliche Beispiele für den Verlust von Individualität und Attraktivität, was ihr als „Schreckensbild“ dient und ihren eigenen Emanzipationsprozess vorantreibt.
Welche Bedeutung hat das „Geldproblem“ für Gilgis Charakterentwicklung?
Die finanzielle Abhängigkeit wird als zentraler Faktor für den Verlust der weiblichen Identität erkannt; Gilgi muss lernen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, um nicht in die existenzielle Abhängigkeit der anderen Frauenfiguren zu geraten.
Wie verändert sich die Erzählperspektive im Laufe des Romans?
Die Erzählweise wandelt sich von einer distanziert-analytischen Schilderung mit parodistischen Zügen hin zu einer persönlicheren, subjektiveren Perspektive in der Ich-Form am Höhepunkt der Lebenskrise.
Was macht das Ende des Romans für die Leser besonders?
Das offene Ende zwingt die Leser dazu, Gilgis Weg der Selbstbestimmung eigenständig weiterzudenken, ohne dass der Autor einfache oder abgeschlossene Antworten vorgibt.
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- Laura Anna Friedrichs (Author), 2004, Die "Neue Frau" anhand des Romans "Gilgi, eine von uns" von Irmgard Keun, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40001