Vivit et non vivit - Friedrich II. und die falschen Friedriche


Seminararbeit, 2004

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Die falschen Friedriche
1.1. Giovanni de Calcaria
1.2. Tile Kolup

2. Die Bedeutung der Kaisersage
2.1. Die Lehren Joachims von Fiore

3. Warum Friedrich II.?
3.1. Stupor Mundi
3.2. Mythenumranktes Leben
3.3. Friedrich als Erneuerer der verderbten Kirche
3.4. Vivit et non vivit
3.5. Andere Gründe

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

"Ich bin König Friedrich."[1] Mit diesen Worten behauptete 1283 ein Mann in Köln, er sei der 1250 gestorbene Kaiser Friedrich II. Die Kölner Episode war kein Einzelfall. Tatsächlich gaben sich nach Friedrichs Tod eine ganze Reihe von Hochstaplern als wiedergekehrter Kaiser Friedrich aus. Was aber hat all diese Männer zu ihrem Tun bewogen? Wie kommt es, dass die falschen Friedriche so leicht Gehör finden und sich manchmal jahrelang an der Macht halten konnten?

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir uns mit der Kaisersage befassen, einer Sage, der zufolge ein messianischer Endkaiser erscheinen und vor dem Weltuntergang ein Reich des Friedens errichten wird. Gefragt werden muss aber auch, warum es gerade Friedrich II. war, den die falschen Prätendenten zu ihrem Vorbild erkoren. Das heißt, ein zentrales Anliegen dieser Arbeit wird sein, die Gestalt Kaiser Friedrichs II. zu beleuchten und dabei zu fragen, welche Umstände ein derart intensives Nachleben ermöglicht haben.

Über diesen Betrachtungen sollen jedoch die falschen Friedriche nicht vergessen werden, Männer, die sich den Rang eines Kaisers anmaßten und mit unterschiedlichem Erfolg ihr riskantes Spiel spielten. Dabei ist es sinnvoll, den Untersuchungszeitraum auf die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts zu beschränken, denn dies ist die Zeitspanne, in der die meisten falschen Friedriche auftraten.

Vorweg noch ein paar Worte zur Quellenlage und zum Forschungsstand. Zu den falschen Friedrichen existieren nur wenige Quellen und diese sind oft nicht allzu genau. Mancher dieser Pseudokaiser hat nur so kurz "regiert", dass sich der jeweilige Vorfall bestenfalls mit wenigen Sätzen in einer Stadtchronik niedergeschlagen hat. Auch sind die falschen Friedriche Gegenstand nur sehr weniger Darstellungen gewesen. Als herausragendes Werk muss man Victor Meyers 1868 erschienene Arbeit "Tile Kolup" nennen, die sich allerdings auf einen der berühmtesten Pseudo-Friedriche konzentriert.[2] Der Autor, ein Wetzlarer Gymnasiallehrer, glänzt nicht nur durch Genauigkeit und hohes wissenschaftliches Niveau; noch dazu gelang es Meyer, sein Sujet mit einer Frische zu schildern, die man bei professionellen Historikern leider nur selten antrifft. Mehr Gewicht auf die Kaisersage legte Julius Heidemann in seiner Arbeit "Die deutsche Kaiseridee und Kaisersage im Mittelalter und die falschen Friedriche"[3], ebenso Norman Cohn in der Studie "Kaiser Friedrich als Messias".[4]

Eine andere Situation als bei den falschen Friedrichen finden wir natürlich bei Friedrich II., dessen politisches Leben und Wirken sehr gut dokumentiert sind. Hier steht uns neben reichhaltigem Quellenmaterial eine Vielzahl von Darstellungen zur Verfügung, unter denen man – im Hinblick auf das gewählte Thema – die Arbeiten von Ernst Kantorowicz[5], Hans Martin Schaller[6] und Wolfgang Stürner[7] hervorheben muss.

1. Die falschen Friedriche

Nach dem Tod Kaiser Friedrichs traten falsche Friedriche in Italien und dann in Deutschland in solcher Zahl auf, dass manche Autoren so weit gehen, von einer "Epidemie"[8] zu sprechen. Den Anfang machte 1261 auf Sizilien ein Mann namens Giovanni de Calcaria.[9] Auf de Calcaria folgte Tile Kolup, ein Mann, der ab 1283 in Neuß, Köln und Wetzlar sein Unwesen trieb und 1285 hingerichtet wurde.[10] Etwa zur selben Zeit gab sich in Colmar ein Eremit namens Heinrich als Kaiser Friedrich aus; er soll sich jedoch bei der Ankunft König Rudolfs versteckt haben.[11] Zwei Jahre später erstand in Lübeck ein weiterer Friedrich, der ebenfalls fliehen musste[12], nach einer anderen Version aber hingerichtet wurde. Diesbezüglich heißt es in einer zeitgenössischen Chronik "man gab ihm einen Sack zum Sarge und den Fluss zum Kirchhof".[13]

1295 kehrte "Kaiser Friedrich" einmal mehr von den Toten zurück. Der falsche Prätendent hielt in Esslingen Hof, ließ u.a. Münzen prägen und wurde schließlich als Ketzer verbrannt.[14]

Auch danach hörte das Treiben der falschen Friedriche nicht auf. So machte in den Geißlerscharen, die um 1369 durch Thüringen zogen, ein Konrad Schmid von sich reden, der sich als König von Thüringen und Kaiser Friedrich titulieren ließ.[15] Noch 1546 erschien am Fuße des Kyffhäuser ein Mann, der von sich behauptete, er sei der wiedergekehrte Kaiser Friedrich und wolle endlich den Frieden auf die Welt zurückbringen. Allerdings war die Kaisersage zu diesem Zeitpunkt bereits auf Friedrichs Großvater, Friedrich I. "Barbarossa", übergangen.[16] Daher bezeichnete sich dieser Pseudo-Friedrich auch als "Kaiser Friedrich, der Rotbart"[17].

Welcher dieser Männer von seiner Mission als wiedergekehrter Kaiser Friedrich ehrlich überzeugt war und wer ein einfacher Betrüger, lässt sich heute kaum mehr feststellen. Auf jeden Fall teilten fast alle falschen Friedriche das gleiche Schicksal: Meist wurden sie rasch enttarnt und mit aller Härte verfolgt, was manchmal mit Flucht, öfter jedoch mit Hinrichtung endete.

Nur zwei der uns bekannten Pseudo-Friedriche haben sich durch eine längere Herrschaft ausgezeichnet, nämlich Giovanni de Calcaria und Tile Kolup. Die Taten dieser beiden sollen uns im Folgenden beschäftigen.

1.1. Giovanni de Calcaria

Giovanni de Calcaria[18] war ein sizilianischer Bettler, der dem verstorbenen Friedrich II. sehr ähnlich gewesen sein soll.[19] Wegen dieser Ähnlichkeit überzeugten ihn "etwa im Spätherbst 1261"[20] mehrere adelige Feinde des seit 1258 amtierenden Königs Manfred[21], die Rolle als wiedergekehrter Kaiser zu spielen. de Calcaria bezog zunächst eine Burg in Centuripe, südwestlich des Ätna, wo er seine Anhänger "zu einer Art Hofstaat"[22] versammelte. Seine lange Abwesenheit erklärte der angebliche Kaiser, indem er angab, er habe die Zeit mit Bußübungen verbracht.[23] Als seine Lage in Centuripe unhaltbar geworden war, siedelte de Calcaria ins besser befestigte Castrogiovanni[24] über. Dort wurde er im März 1262 von zweien seiner Anhänger an den Generalvikar Manfreds auf Sizilien, Riccardo I. Filangieri, verraten und in Messina gehängt.[25]

Wie aber kam es, dass sich dieser falsche Friedrich so lange halten konnte? Der Grund liegt vor allem in den politischen Umständen, die damals im Königreich Sizilien herrschten. Denn die Herrschaft von König Manfred I. war 1261 alles andere als unumstritten. Zum einen hatte er sich seit seiner Krönung 1258 viele Adelige des Königreiches zu Feinden gemacht.[26] Besonders auf der Insel Sizilien selbst war es immer wieder zu Aufständen gekommen.[27] Zum anderen versuchten auch die Päpste Alexander IV. und dann Urban IV., die nicht einmal einen "halben" Staufer auf dem Thron dulden wollten, Manfreds Stellung zu unterminieren. So auch in diesem Fall: Kaum hatte Urban IV. von der angeblichen Wiederkehr Friedrichs II. erfahren, als er schon einen Legaten beauftragte, sich über den Vorfall zu informieren und den falschen Kaiser zu unterstützen "auf daß sein Name erhöht werde unter den Völkern".[28]

Sicherlich bedurfte es für den anhaltenden Erfolg des Bettler-Kaisers auch anderer Voraussetzungen. Giovanni de Calcaria hat, neben seiner großen Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Kaiser, von der räumlichen Nähe zum Ätna profitiert, der den Zeitgenossen seit dem Bericht Thomas' von Eccleston als sagenhafter Aufenthaltsort des Endkaisers galt.[29] Zudem hatte der Prophet Joachim de Fiore das Erscheinen dieses letzten Kaisers für das Jahr 1260 vorhergesagt.[30] Auch die zeitliche Nähe zu dieser Prophezeiung mag den Erfolg de Calcarias begünstigt haben.

Doch bei alledem ist die Politik ein Feld, auf dem vor allem die reale Macht zählt. Deshalb ist das etwa halbjährige Regime des falschen Kaisers undenkbar ohne die politische Schwäche Manfreds und die damit einhergehende Unterstützung seiner Feinde für seinen Konkurrenten. Erst das Fehlen einer starken, beherzt handelnden Zentralgewalt hat es ermöglicht, dass sich der sizilianische Pseudo-Kaiser so lange halten konnte.

[...]


[1] "ego sum rex Fridericus!" Gesta Trevirorum, zit. n. Meyer, Victor Tile Kolup (der falsche Friedrich) und die Wiederkunft eines ächten Friedrich, Kaisers der Deutschen: Historische Studie, Wetzlar 1868, 22, Anm. 61. Ausführliche Literaturangaben erfolgen in dieser Arbeit nur bei der ersten Nennung, danach als Kurztitel. Ein Literaturverzeichnis befindet sich im Anhang.

[2] S. Anm. 1.

[3] Heidemann, Julius Die deutsche Kaiseridee und Kaisersage im Mittelalter und die falschen Friedriche. Jahresbericht des Gymnasiums zum Grauen Kloster 1897/98. Wissenschaftliche Beilage, Berlin 1898.

[4] Cohn, Norman, Kaiser Friedrich II. als Messias, in: Wolf, Gunther, Stupor mundi. Zur Geschichte Friedrichs II. von Hohenstaufen, Darmstadt 1966.

[5] Kantorowicz, Ernst, Kaiser Friedrich der Zweite, Bd. 1 u. 2 , Berlin 1936.

[6] Schaller, Hans Martin, Kaiser Friedrich II. Verwandler der Welt, Göttingen, Berlin, Frankfurt 1964 sowie ders., Stauferzeit. Ausgewählte Aufsätze, Hannover 1993.

[7] Stürner, Wolfgang, Friedrich II., Bd. 1 u. 2, Darmstadt 1992-2000.

[8] So Redlich, Oswald, Rudolf von Habsburg, Aalen 1965, 532, sowie Schreiner, Klaus, Die Staufer in Sage, Legende und Prophetie, in: Württembergisches Landesmuseum (Hg.), Die Zeit der Staufer, Bd. 2, Stuttgart 1977, 254. Richtiger ist wohl die Annahme Victor Meyers, der von "fünf bis sechs" Fällen ausgeht (vergl. Meyer, 16), wenngleich man vermuten darf, dass nicht jeder Auftritt eines falschen Friedrich überliefert worden ist.

[9] Vergl. Abschnitt 1.1.

[10] Vergl. Abschnitt 1.2.

[11] Gérard, Charles/ Liblin, J. (Hg.), Les annales et la chronique des dominicains de Colmar, Colmar 1854, 112. Rudolf war 1273 zum deutschen König gewählt worden (Redlich, 133ff.).

[12] "Dar na cortliken quam de man van steden, dat nen man wiste, wor he hennen vor." Zit. n. Die Chroniken der Deutschen Städte, Bd. 19, Detmar-Chronik, Leipzig 1884, 367.

[13] Zit. n. Redlich, 539.

[14] Gérard/ Liblin, Annales de Colmar, 166 sowie Meyer, 17, Anm. 42. Meyer vermutet jedoch, dass der angebliche Esslinger Vorfall auf einer Verwechslung mit Tile Kolups Hinrichtung in Wetzlar beruht (ebd.).

[15] Vergl. Schreiner, 255.

[16] Nachweislich seit 1519 (vergl. Kantorowicz, Zu den Rechtsgrundlagen der Kaisersage, in: Wolf, Gunther, Stupor mundi. Zur Geschichte Friedrichs II. von Hohenstaufen, Darmstadt 1966, 496).

[17] Zit. n. Schreiner, 255.

[18] So nennt ihn Nicolaus de Jamsilla (vergl. Meyer, 16, Anm. 39). In anderen Quellen auch "de Cocleria" (ebd.) bzw. "di Cocleria" (so bei Enrico Pipisa, der sich auf Saba Malaspina und Capasso bezieht (vergl. Pipisa, Enrico, Il regno di Manfredi, Messina 1991, 212)).

[19] Vergl. Pipisa, 212, der von einem "Doppelgänger" (ital. sosia) spricht.

[20] Vergl. Hampe, Karl, Urban IV. und Manfred, Heidelberg 1905, 9.

[21] Manfred (1232-1266) war ein unehelicher Sohn Friedrichs II. aus der Verbindung mit der piemontesischen Gräfin Bianca Lancia (Pipisa, 13 sowie Engels, Odilo, Die Staufer, Stuttgart, Berlin, Köln 1994, 189).

[22] "una sorta di corte", Pipisa, 212.

[23] Ebd.

[24] Das heutige Enna.

[25] Die von Friedemann Bedürftig vertretene Auffassung, Riccardo Filangieri sei Statthalter des Anjou-Regimes gewesen, ist falsch (vergl. Bedürftig, Friedemann, Taschenlexikon Staufer, München 2000, 68). Erst im Jahre 1265 wurde Karl von Anjou von Papst Clemens IV. mit dem regnum belehnt und ergriff die Regierung erst nach Manfreds Tod in der Schlacht von Benevent (vergl. Cardini, Franco, Manfred, in: Lutz, Liselotte (Hg.), Lexikon des Mittelalters, München, Zürich 1980-1999, Bd. 6, 192 sowie Herde, Peter, Karl von Anjou, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 5, 983).

[26] Arndt, Helene, Studien zur inneren Regierungsgeschichte Manfreds, Heidelberg 1911, 38f.

[27] Pipisa, 211.

[28] Zit. n. Hampe, Urban IV. und Manfred, 10. Für die Originalfassung des Briefes s. Hampe, Urban IV. und Manfred, 81. Es ist allerdings nicht geklärt, ob der Papst den falschen Kaiser wirklich aktiv unterstützt hat.

[29] Eccleston, Thomas v. Liber de adventu Minorum in Angliam, MGH, SS XXVIII, 568. S. a. Abschnitt 2, Die Bedeutung der Kaisersage.

[30] S. Abschnitt 2.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Vivit et non vivit - Friedrich II. und die falschen Friedriche
Veranstaltung
PS Kaiser Friedrich II. (1194-1250)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V40018
ISBN (eBook)
9783638386432
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Staufer Friedrich II. war einer der bedeutendsten Herrscher des Mittelalters. Nach seinem Tod 1250 traten noch lange Zeit Hochstapler auf, die sich - oft mit Erfolg - als wieder auferstandener Kaiser Friedrich ausgaben. In dieser Arbeit wird das Phänomen der "falschen Friedriche" untersucht und auf die faszinierende Gestalt des echten Kaisers zurückgeführt.
Schlagworte
Vivit, Friedrich, Friedriche, Kaiser, Friedrich
Arbeit zitieren
Arne Friedemann (Autor), 2004, Vivit et non vivit - Friedrich II. und die falschen Friedriche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40018

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