In seinem einflussreichstem Werk, „Sein und Zeit“ von 1927, stellt Heidegger die Frage nach dem Sinn von Sein. Er sieht die Frage nach dem Sein zwar von Platon und Aristoteles behandelt, ab dann jedoch, vor allem in der modernen Philosophie sträflich vernachlässigt. Nach Heideggers Meinung habe die Philosophie der Antike noch einen reinen Zugang zum Sein gesucht, wohingegen die darauf folgende Tradition der Metaphysik sich nur noch mit Seiendem befasst habe. Ein Umstand, den er später „Seinsvergessenheit“ nennen wird.
Diese Seinsvergessenheit ist für Heidegger Zeugnis von Unverständnis, da unser Sein uns zwar ontisch am nächsten, ontologisch aber am fernsten sei. Somit nicht leer und selbstverständlich, sondern dunkel und interessant. Heidegger stellt die Frage nach dem Sein und versucht mit „Sein und Zeit“ eine Fundamentalontologie. Obgleich die Ontologie, anders als die Naturwissenschaften, nach allen Formen des Seins, nach dem Sein schlechthin fragt, muss auch eine ontologische Untersuchung von einem bestimmten Sein ausgehen, um überhaupt sinnvoll die Seinsfrage angehen zu können. Es muss ein konkreter Ansatzpunkt gefunden werden. Das geeignetste Sein, das man als solchen wählen kann, sei das Sein des Menschen, das „Dasein“.
Das Dasein hat gleich mehrfachen Vorrang; ontischen und ontologischen Vorrang, und „Vorrang als ontisch-ontologische Bedingung der Möglichkeit aller Ontologien“. Heidegger fasst das Dasein als dasjenige Seiende, dem es in seinem Sein um es selbst geht.
Außerdem gebietet schon die Schwierigkeit einer fundamentalontologischen Analyse, bei einem zugänglichem, uns nahem, nachvollziehbarem und verfügbarem Punkt anzusetzen. Und was wäre uns näher als wir selbst? Im Zentrum der Seinsfrage steht also zunächst, die Daseinsanalyse.
Thema meiner Arbeit ist es, Heideggers Ideen zur Daseinsanalyse und deren ontologische Fundierung herauszustellen. Dazu werden zunächst die existenzialen Strukturmomente des Daseins dargelegt, wovon eines, das Möglichsein, anschließend auf seine Bedeutung und Konsequenzen hin untersucht werden soll. Kann das Dasein als Möglichsein gedacht werden? Welche Art von Möglichkeiten hat es? Was bedeutet das Möglichsein für die Freiheit, für Verantwortung und für den Lebensvollzug des Menschen?
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung
2. Das Dasein
2.1 Die Strukturmomente des Daseins
2.1.1 Die Geworfenheit
2.1.2 Die Befindlichkeit
2.1.3 Das Verstehen
2.1.4 Die Rede
2.1.5 Die Verfallenheit
2.1.6 Die Existenzialität
2.1.7 Der Entwurf
2.1.8 Die Sicht
2.2 Die Ganzheit der Struktur des Daseins
2.2.1 Das Gewissen
2.2.2 Die Sorge
2.2.3 Die Angst
3. Das Möglichsein
3.1 Realisierbare Möglichkeiten
3.2 Ewige Möglichkeiten
3.3 Das Ideal
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht Heideggers Daseinsanalyse in „Sein und Zeit“ mit dem Ziel, die ontologische Fundierung des Möglichseins des Daseins herauszuarbeiten. Dabei wird hinterfragt, wie das Dasein als Möglichsein gedacht werden kann und welche Implikationen dies für Freiheit, Verantwortung und den Lebensvollzug hat.
- Analyse der existenzialen Strukturmomente des Daseins (wie Befindlichkeit, Verstehen und Geworfenheit).
- Unterscheidung zwischen realisierbaren Möglichkeiten und einer als „Ideal“ eingeführten dauerhaften Möglichkeitsstruktur.
- Kritische Auseinandersetzung mit Heideggers Fokus auf den Tod als primären Ausrichtungspunkt.
- Reflexion über die welt- und selbst-konstitutive Macht des Daseins im Spannungsfeld zur Faktizität.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Die Geworfenheit
Das Dasein erkennt in „gestimmtem Verstehen“ (2.1.2, 2.1.3) „dass es ist und zu sein hat.“ Es hat nicht die Wahl zwischen faktisch sein oder nicht faktisch sein. Diese unmittelbar in die Welt geworfene Existenz wird dem Dasein zur Last, da es durch diese seine Faktizität mit den Grenzen seiner Freiheit und seiner eigenen Möglichkeiten konfrontiert wird. Diesen ohnmächtigen, ungewählten, ungefragten, plötzlichen Charakter des faktischen Existierens des Daseins fasst Heidegger unter dem anschaulichen Begriff der Geworfenheit. Das Dasein ist in seine Existenz geworfen. Als Geworfenes ist das Dasein sich selbst überlassen. Wer es geworfen hat und warum ist und bleibt dem Dasein verschlossen. Das Dasein „fällt“ aus einem Undefinierten in die Welt und wird deren Weltlichkeit überantwortet.
Dieser Fall ist aber nicht mit einem Ankommen in der Welt beendet, denn auch in der Welt kann es noch weiter fallen, oder, so würde Heidegger formulieren, weiter verfallen (2.1.5). Es kann aus der Seinsweise des eigentlichen eigenen Seins in die Alltäglichkeit des Man (2.1.5) abstürzen, sich aber wieder durch das Entwerfen (2.1.7) auf die eigenen Möglichkeiten (2.1.6) wieder in die Eigentlichkeit erheben.
Diese Art von ontologischem Sündenfall kennt jedoch keine Erlösung aus der Welt. Die Geworfenheit ist endgültig und nicht umkehrbar und sogar notwendig. Die Faktizität ist ein konstitutives Element des Daseins. Das Dasein ist ein Seiendes, das als „In-der-Welt-sein“ ist. Dennoch ist die Geworfenheit kein abgeschlossener Prozess, das Dasein ist solange es ist im Wurf befindlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung: Einleitung in Heideggers Fragestellung nach dem Sein und Begründung der Daseinsanalyse als Ausgangspunkt für eine Fundamentalontologie.
2. Das Dasein: Erläuterung der Strukturmomente des Daseins, inklusive der Definition zentraler Existenzialien und ihrer Bedeutung für das Verständnis der Daseinsweise.
3. Das Möglichsein: Untersuchung der Rolle des Möglichseins für das Dasein, wobei das „Ideal“ als Alternative zur Todesfixierung kritisch diskutiert wird.
4. Schlussbemerkung: Reflektierende Zusammenfassung der Arbeit und kritische Würdigung von Heideggers Fokus auf die Vereinzelung gegenüber der sozialen Einbindung.
Schlüsselwörter
Dasein, Sein und Zeit, Heidegger, Möglichsein, Existenzialien, Geworfenheit, Verfallenheit, Sorge, Faktizität, Existenzialität, Entwurf, Eigentlichkeit, Man, Sein zum Tode, Ideal.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Heideggers Analyse des Daseins in „Sein und Zeit“, wobei der Fokus gezielt auf die Idee des „Möglichseins“ gelegt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die existenzialen Strukturmomente wie Geworfenheit, Verstehen und Verfallenheit sowie die kritische Reflexion des Todes-Begriffs bei Heidegger.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die ontologische Fundierung des Daseins als Möglichsein darzulegen und zu prüfen, ob neben dem Tod auch andere Konzepte – wie ein „Ideal“ – das lebenslange Möglichsein garantieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die phänomenologische Daseinsanalyse nach Heidegger und bezieht in einem komparativen Ansatz auch Perspektiven von Jean-Paul Sartre ein.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Strukturmomente des Daseins erläutert und anschließend die Bedeutung des Möglichseins, inklusive der Unterscheidung von realisierbaren und ewigen Möglichkeiten, untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Dasein, Möglichsein, Sorge, Existenzialität, Faktizität und Eigentlichkeit charakterisiert.
Warum wird das Konzept eines „Ideals“ eingeführt?
Der Autor führt das „Ideal“ als Alternative zur fixen Ausrichtung auf den Tod ein, um das Dasein lebenslang als Werdendes und Strebendes zu begreifen, ohne es auf eine pessimistische Endlichkeit zu reduzieren.
Wie unterscheidet der Autor zwischen „realisierbaren“ und „ewigen“ Möglichkeiten?
Realisierbare Möglichkeiten verlieren durch ihre Umsetzung ihren Charakter als Möglichkeit, während ewige Möglichkeiten (wie das Ideal) erhalten bleiben und somit kontinuierliche Existenzialität garantieren.
- Quote paper
- Bruno Gransche (Author), 2005, Das Dasein als Möglichsein - Heideggers "Sein und Zeit", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40041