Molotovs Berlin-Besuch im November 1940


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

43 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Polenfeldzug und Vertiefung der bilateralen Beziehungen

2. Das Kriegsjahr 1940 – Jahr der expansion
2.1. Hitler erringt die Vorherrschaft in Europa
2.2. Die Expansionspolitik Stalins – Ausdruck einer Defensiv-Strategie?

3. Risse im deutsch-sowjetischen Verhältnis

4. Molotovs Berlin-Besuch
4.1. Zur Person Vjačeslav Molotovs (1890-1986)
4.2. Vorbereitende Direktiven
4.3. Die Berliner Gespräche (12.–14. November 1940)
4.3.1. Auftakt – der erste Tag
4.3.2. Die Gespräche scheitern
4.4. Der sowjetische Vorschlag vom 25. November 1940

5. Die Bedeutung der Berliner Verhandlungen
5.1. Hitlers Entschluss zum Angriff auf die Sowjetunion
5.2. Die Konsequenzen für die Berliner Gespräche

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anmerkung: Diese Arbeit folgt den Regeln der neuen Rechtschreibung

Einleitung

Die Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen 1917 und 1941 ist eine Geschichte extremer Wechselfälle. Sie beginnt mit zwei Revolutionen: Zuerst beendete die russische Revolution von 1917 die Herrschaft des russischen Zaren. Nur ein Jahr später, im November 1918, wurde auch der deutsche Kaiser zur Abdankung gezwungen. Doch die Staaten, die aus diesen beiden Revolutionen hervorgegangen waren, unterschieden sich grundsätzlich. Denn obschon man in Deutschland den Kaiser gestürzt hatte, waren die bisher herrschenden Klassen dort an der Macht geblieben. Ganz anders in Russland: Nicht nur, dass die Oktoberrevolution die alten Eliten entmachtet und vertrieben (teilweise sogar ermordet) hatte; darüber hinaus verfolgten die nunmehr herrschenden Bolschewiki das Ziel, eine kommunistische Wirtschaftsweise einzuführen und die Revolution auch in andere Länder zu tragen. Gerade dieser messianistische Ansatz war der Grund, weshalb die in Deutschland regierenden Politiker den russischen "Umstürzlern" zunächst mit großem Misstrauen gegenüberstanden. Dass es dennoch zu einer langsamen Annäherung kam, war in erster Linie der 1919 entstanden Ordnung von Versailles zu verdanken. Denn durch Versailles wurden sowohl Deutschland als auch Russland im internationalen System isoliert – Deutschland wegen des verlorenen Angriffskrieges, Russland wegen der antikapitalistischen und nach Weltrevolution strebenden Grundhaltung seiner Regierung.

Mit dem 1922 geschlossenen Vertrag von Rapallo gaben die beiden Staaten dieser Annäherung eine äußere Form. Rapallo markierte den Beginn einer engen Zusammenarbeit auf vielen Gebieten, nicht zuletzt denen der Wirtschaft und des Militärs. Diese Zusammenarbeit schien beendet, als 1933 mit der NSDAP erklärte Feinde des Bolschewismus die Macht in Deutschland übernahmen. Doch trotz großer Propagandaschlachten wurden zumindest die ökonomischen Beziehungen auch während der dreißiger Jahre aufrechterhalten.

Den großen Umschwung brachte dann das Jahr 1939 mit dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts. Durch diesen Pakt gab die Sowjetunion Hitler freie Hand für den deutschen Angriff auf Polen; des Weiteren teilten Deutschland und die Sowjetunion in einem "Geheimen Zusatzprotokoll" Ost- und Südosteuropa unter sich auf. Auch die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen erlebten im Gefolge des Hitler-Stalin-Pakts eine nie gekannte Blüte. Daher kann man feststellen, dass die deutsch-sowjetischen Beziehungen Anfang 1940 einen absoluten Höhepunkt erreicht hatten.

Doch schon nach kurzer Zeit zeigten sich erneut Risse im Verhältnis beider Staaten. Hitler, bislang Sieger an allen Fronten, konkurrierte ab Mitte 1940 immer unverhohlener mit der Sowjetunion um die im Hitler-Stalin-Pakt festgelegten "Einflusssphären". Interessenkonflikte im Baltikum und in Südosteuropa sowie der Abschluss eines deutsch-italienisch-japanischen Dreimächtepakts riefen in Moskau große Beunruhigung hervor. Würde sich Hitler nun doch, in Rückbesinnung auf seine ursprünglichen Ziele, gegen die Sowjetunion wenden?

In dieser kritischen Phase erfolgte die Einladung des sowjetischen Außenministers Vjačeslav Molotov nach Berlin. Sein Deutschland-Besuch im November 1940 wurde zum letzten diplomatischen Großereignis im Rahmen einer Partnerschaft, der Hitler dann am 22.6.1941 gewaltsam ein Ende setzen sollte.

Um die Bedeutung von Molotovs Besuch richtig einschätzen zu können, ist es zunächst nötig, die Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts nachzuvollziehen. Insbesondere muss geklärt werden, welches die Gründe für die rasche Abkühlung zwischen Berlin und Moskau waren. Aus dieser Betrachtung erschließen sich die Verhandlungspositionen, mit denen die beiden Partner in die Gespräche vom November 1940 gingen. Darüber hinaus muss die Frage beantwortet werden, woran die Berliner Gespräche gescheitert sind und welche Auswirkungen ihr Scheitern für die Entwicklung bis zum Juni 1941 hatten.

Doch zuvor noch ein paar Worte zur Quellenlage. Bis 1990 war die Quellenlage zu den Beziehungen von Nationalsozialismus und Bolschewismus von einem starken Ungleichgewicht gekennzeichnet: Gab es einerseits im Westen eine beinahe lückenlose Veröffentlichung der wichtigsten Dokumente des Dritten Reichs (nebst einer breiten Memoirenliteratur), so zeigte sich andererseits die Sowjetunion wenig bereit, Informationen über die Zeit des Hitler-Stalin-Pakts nach außen dringen zu lassen. Der Grund hierfür war, dass die Sowjetregierung nach dem Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" die Zeit der faschistisch-sozialistischen Partnerschaft möglichst herunterspielen wollte.

Mittlerweile hat sich diese Situation durch die Öffnung vieler Archive der Früheren Sowjetunion verbessert. Die Arbeit zum vorliegenden Thema profitiert hiervon insofern, als uns heute die Direktiven zur Verfügung stehen, die Vjačeslav Molotov bei seiner Fahrt nach Berlin im Gepäck hatte. Auf diese, im Archiv des Politbüros der KPdSU gefundenen Direktiven stützt sich unter anderem eine Veröffentlichung V.K. Volkovs, in der der Autor sowohl die Vorgeschichte als auch die Auswirkungen der Berliner Gespräche sehr gut beleuchtet hat.[1]

Unter den westlichen Darstellungen zum Thema ist The Deadly Embrace von Anthony Read und David Fisher hervorzuheben.[2] Diese glänzende Untersuchung der Phase des Hitler-Stalin-Pakts bietet eine detaillierte Darstellung von Molotovs Berlin-Besuch. Bedauerlich bei Read/Fisher ist lediglich, dass die Autoren auf genauere Quellenangaben verzichtet haben.

Bleibt anzumerken, dass inzwischen eine Unzahl von Veröffentlichungen zur angeblich "ungleichen" Partnerschaft beider totalitärer Staaten existieren – und damit eine beinahe ebenso große Zahl von Interpretationen ihrer einzelnen Aspekte. Diese Interpretationen zu zeigen und in Bezug auf unser Thema kritisch zu werten, ist Ziel der vorliegenden Arbeit.

1. Polenfeldzug und Vertiefung der bilateralen Beziehungen

Die ersten 9 Monate nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts verliefen in fast ungetrübter Harmonie. Beide Partner hielten sich an die am 23.8.1939 getroffenen Vereinbarungen und setzten sich über wichtige außenpolitische Schritte jeweils vorher in Kenntnis.[3]

Zunächst brach Hitler den Krieg vom Zaun, um dessentwillen er den Pakt mit der Sowjetunion gesucht hatte: Den Krieg mit Polen. Als dieser nach wenigen Wochen zugunsten Deutschlands entschieden war, besetzten die beiden Partner die im "Geheimen Zusatzprotokoll" zum Hitler-Stalin-Pakt vereinbarten polnischen Gebiete und schrieben die so entstandenen Grenzen umgehend in einem weiteren Vertrag, dem "Grenz- und Freundschaftsvertrag" vom 28.9.1939, fest. In drei weiteren Zusatzprotokollen einigten sich Deutschland und die Sowjetunion

1. über die Rückführung von Reichsdeutschen aus den sowjetisch besetzten Teilen Polens.
2. über die Unterbindung jeglicher politischer Agitation in den besetzten Gebieten.
3. über den Tausch zweier Gebiete: Litauen, das bisher zur deutschen Interessensphäre gezählt hatte, wurde nun dem sowjetischen Machtbereich zugeschlagen. Im Gegenzug erhielt das Deutsche Reich die Wojewodschaft Lublin und die bisher sowjetischen Teile der Wojewodschaft Warschau.[4]

Zusätzlich zu den politischen Abmachungen wurde am 11.2.1940 ein weiterer Ausbau der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen beschlossen. Durch diesen neuen Vertrag wurde – im Zusammenspiel mit einer bereits am 19.8.1939 geschlossenen Vereinbarung – die "traditionelle Form des Rußlandgeschäfts auf Kreditgrundlage" wiederhergestellt.[5] In der Folge sollten sich die Wirtschaftsbeziehungen als der stabilste Teil der deutsch-sowjetischen Partnerschaft erweisen. Dabei erhielt die Sowjetunion wie gehabt Werkzeugmaschinen und andere industrielle Fertigprodukte vom Deutschen Reich auf Kredit und galt diese Kredite dann mit Rohstoffen und Agrarerzeugnissen ab. Neu jedoch war das gewaltige Volumen des Warenaustauschs. So belief sich allein der Vertrag vom 11.2.1940 auf eine Summe von mehr als 620 Mio. Reichsmark.[6] Schon vor Abschluss des Nichtangriffspaktes hatte Stalin erklärt: "Die Sowjetunion will von Deutschland lernen, besonders auf dem Gebiet der militärischen Rüstung."[7] Das neue Abkommen bot der Sowjetunion hierzu reichlich Gelegenheit.

Mit dem Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28.9.1939 und dem Wirtschaftsvertrag vom Februar 1940 hatten die Beziehungen der stalinistischen Sowjetunion und des faschistischen Deutschland einen Höhepunkt erreicht. Dies schlug sich auch nieder in einer Vielzahl von Freundschaftsbekundungen der Spitzenpolitiker beider Länder, darüber hinaus in einer Propaganda, die die Gegner von gestern als natürliche Partner darstellte.[8]

2. Das Kriegsjahr 1940 – Jahr der expansion

Im Verlauf des Jahres 1940 gelang es sowohl der Sowjetunion als auch Hitler-Deutschland, ihren Einflussbereich in Europa entscheidend zu erweitern. Die daraus resultierende Verschiebung der Kräfte sollte jedoch bald zu Spannungen führen.

2.1. Hitler erringt die Vorherrschaft in Europa

In den Jahren seit seiner Machtergreifung hatte die aggressive Politik Adolf Hitlers eine Reihe von Erfolgen verbuchen können. Auf die Rückgewinnung des Saarlands und die Remilitarisierung des Rheinlandes war der Anschluss Österreichs und des Sudetengebiets und schließlich die Zerschlagung der Tschechoslowakei mit Angliederung von Böhmen und Mähren erfolgt. Diese Serie kampflos errungener Siege setzte Hitler nun mit offenem Krieg fort: An den "Blitzkrieg" gegen Polen schlossen sich die Besetzung der Niederlande und Belgiens, der Aufsehen erregende Sieg über Frankreich und schließlich die Besetzung Dänemarks und Norwegens an. Im Ergebnis war Deutschland zur Hegemonialmacht in Mitteleuropa geworden, der allein Großbritannien noch Widerstand leistete. Diese gewaltige Erweiterung des deutschen Machtbereichs, das Selbstvertrauen, dass den militärischen "Blitzsiegen" entsprang sowie die Erschließung neuer Rohstoffquellen in den besetzten Gebieten – dies alles sollte zu einer deutlichen Akzentverschiebung in der Behandlung des sowjetischen Partners führen.

2.2. Die Expansionspolitik Stalins – Ausdruck einer Defensiv-Strategie?

Doch auch die von Josif Stalin geführte Sowjetunion hatte die Zeit nach Paktabschluss zu einer Reihe territorialer Gewinne genutzt: Kaum war der Ostteil des geschlagenen Polens besetzt, verstrickte sich die Sowjetunion in einen Konflikt mit Finnland, der nach erbitterten Kämpfen zur Einverleibung mehrerer finnischer Gebiete führte.[9] Im Juni 1940 schlug Stalin dann nochmals zu: Zunächst annektierte die Sowjetunion die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen, wenig später entriss Stalin dem Königreich Rumänien die Provinzen Bessarabien und die Nordbukowina.

Doch während uns die expansiven Akte des nach Weltherrschaft strebenden Dritten Reichs kaum zu überraschen vermögen, stellt sich die Frage, warum nun auch die Sowjetunion auf eine aggressive Außenpolitik einschwenkte.

Warum stürzte sich Stalin erstmals seit Ende des Bürgerkriegs in einen bewaffneten Konflikt mit einem Nachbarstaat (Finnland), und warum nutzte er auch danach jede Gelegenheit, sich neue Gebiete anzueignen?

Zu dieser Frage existieren zwei Thesen: Nach der ersten These sind Stalins Annexionen von 1940 schlicht Ausdruck einer imperialistischen Großmachtpolitik. Dementsprechend stünden die sowjetischen Zugewinne von 1940 in einer Linie, die von der "Sammlung der russischen Lande" im 15./16. Jahrhundert scheinbar kontinuierlich bis hin zur Erreichung des Supermacht-Status nach 1945 führt.[10] Eine solche Sichtweise war während des Kalten Krieges vor allem in der westlichen Welt weit verbreitet – passte sie doch nur allzu gut zur damals üblichen Dämonisierung der Sowjetunion. Doch auch heute scheint es, angesichts seiner monumentalen Verbrechen, auf der Hand zu liegen, Stalin eine imperialistische Außenpolitik zuzuschreiben, ja, manche Historiker versteigen sich sogar zu der Behauptung, Stalin habe 1941 geplant Deutschland anzugreifen.[11]

Im Gegensatz hierzu geht meine These davon aus, dass Stalin 1939/40 eine Defensiv-Strategie verfolgte. Demzufolge hätten seine Annexionen den Sinn gehabt, die Sowjetunion mit einem Schutzgürtel gegen Angriffe aus dem Westen zu umgeben.

Auf den ersten Blick scheint vieles für die Richtigkeit der ersten These zu sprechen. Gerade, dass Stalin und Molotov ihre aggressiven Akte selbst als „defensiv“ charakterisierten, lässt auf imperialistische Tendenzen schließen. Ist es doch ein uralter außenpolitischer Trick, die eigenen Raubzüge als Verteidigungsmaßnahmen darzustellen. Hitler selbst hatte auf diesen Trick zurückgegriffen, als er seinen Angriffskrieg gegen Polen als Verteidigungskrieg ausgab („Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen..."[12] ).

Doch vielleicht liegen die Dinge doch nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Versuchen wir eine genauere Analyse der damaligen sowjetischen Politik.

Zunächst: Es ist grundsätzlich ein Fehler, von Stalins mörderischer Innenpolitik direkt auf seine Außenpolitik zu schließen.[13] Denn Stalin war zwar skrupellos, dabei aber auch äußerst vorsichtig. Und dies gilt sowohl für seine Außen- als auch für seine Innenpolitik. Sicherlich: War der sowjetische Diktator einmal zum Schlagen entschlossen, dann tat er es brutal und ohne zu zögern. Hiervon zeugt seine Kollektivierungspolitik genauso wie die großen Säuberungen der 30er Jahre und nicht zuletzt die Art, in der Stalin später Krieg gegen Deutschland führte. Doch bevor Stalin zur Tat schritt, war er stets darauf bedacht, seine Position nach allen Seiten abzusichern. Dies beweist nicht nur sein von taktischen Manövern geprägter, maulwurfsartiger Weg zur Macht, sondern gerade auch seine von Anfang an vorsichtige Politik gegenüber Hitler. Stalins gesamtes Verhalten nach 1933 zeigt, dass er die Gefahr, die von Hitler ausging, klar erkannt hat – klarer als viele westliche Politiker. Er, der sich eigens "Mein Kampf" übersetzen ließ, um die Hitler’sche Ideologie besser verstehen zu können[14], vergaß nie, dass Hitler die Ukraine und Sibirien als "deutschen Lebensraum"[15] bezeichnet und den gegen Moskau gerichteten Anti-Kominternpakt ins Leben gerufen hatte. Auch sonst hatte Hitler kaum eine Gelegenheit ausgelassen, gegen den "jüdisch-internationalen Bolschewismus"[16] zu hetzen, den er mal als "Pest"[17], mal als "Inkarnation des menschlichen Zerstörungstriebs"[18] bezeichnete.

Angesichts dieser offenen Feindseligkeit war Stalins Politik von 1933–1939 von wiederholten Versuchen gekennzeichnet, Bündnispartner unter den Westmächten zu finden, um so den befürchteten deutschen Angriff zu verhindern oder doch zumindest Zeit zu gewinnen.[19] Erst nachdem ihn die Westmächte unzählige Male brüskiert hatten (nicht zuletzt auf der Münchener Konferenz von 1938, zu der die Sowjetunion nicht einmal eingeladen worden war), gab er schließlich dem Drängen Ribbentrops und Hitlers nach und unterzeichnete den Pakt mit Deutschland. Bezeichnenderweise war Stalin am Abend des 23.8.1939 deprimiert. Statt dauerhaft den Frieden zu sichern, war es dem vo ž d' nur gelungen, den Krieg hinauszuschieben.[20]

Wenn Stalin also allen Grund hatte, vorsichtig zu agieren, so muss man doch fragen, wie seine aggressiven Akte von 1939/1940 mit dieser Vorsicht zusammenpassen. Betrachten wir diese Akte nochmals im einzelnen:

1. Die Besetzung Ostpolens. Diese entsprach den Abmachungen des Hitler-Stalin-Paktes. Dass sie nur zögerlich erfolgte, deutet nicht gerade auf eine sowjetische Gier nach neuen Territorien hin. Andererseits konnte Stalin nicht einfach auf diese Gebiete verzichten. Dies hätte ihm die deutsche Seite zweifellos als Schwäche ausgelegt, in der Folge wäre vermutlich auch Ostpolen unter deutschen Einfluss geraten.
2. Der Finnische Winterkrieg. Schon in den Moskauer Verhandlungen mit Frankreich und England (12.–21.8. 1939) hatte die Sowjetunion den Wunsch geäußert, eine Garantie für Finnland zu übernehmen und eine "Sicherheitszone vor ihrer Nordwestgrenze"[21] aufzubauen. Im Einzelnen bedeutete das, dass die Sowjetunion die nur 37 km von Leningrad entfernte finnische Grenze nordwärts verschieben und einige nahe Leningrad gelegene Inseln als Militärstützpunkte pachten wollte.[22] Im Gegenzug bot Stalin den Finnen im Oktober 1939 umfangreiche Territorien im Norden und in Ostkarelien zum Tausch an. Das sowjetische Anliegen war insofern verständlich, als Finnland dem Deutschen Reich nahe stand, so dass man in Moskau befürchtete, die Deutschen könnten es kurz über lang als Aufmarschgebiet nutzen. Erst als die Verhandlungen am Widerstand der Finnen gescheitert waren, entschloss sich Stalin zum Krieg, der dann nur nach schweren Kämpfen den Sieg brachte. Trotz allem fiel der Friede von Moskau (12.3.1940) sehr mild für die Finnen aus und selbst als Stalin 1945 die Chance hatte, Finnland endgültig zu sowjetisieren, nahm er diese Chance nicht wahr.

[...]


[1] Volkov, Vladimir Konstantinovič Sovetsko-germanskie otnošenija vo vtoroj polovine 1940 goda, in: Voprosy Istorii 2/97, 3–17.

[2] Read, Anthony/Fisher, David The Deadly Embrace – Hitler, Stalin and the Nazi-Soviet Pact, 1939–1941, London 1988.

[3] So instruierte Hitlers Botschafter in Moskau, v. d. Schulenburg, die Sowjetregierung über den bevorstehenden deutschen Angriff auf Belgien und die Niederlande (10.5.1940). Im Gegenzug informierte Molotov die Reichsregierung vor der Annexion der baltischen Staaten im Juni 1940 (vergl. Pätzhold, Kurt/Rosenfeld, Günther Sowjetstern und Hakenkreuz 1938–1941, Dokumente zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen, Berlin 1990, Dok. 222 und 223, 296f.).

[4] Vergl. Pätzhold/Rosenfeld Dok. 170–173, 260ff.

[5] So äußerte sich der deutsche Gesandte Karl Schnurre in der Zeitschrift für Nationalsozialistische Wirtschaftspolitik (zit. n. Zeidler, Manfred Deutsch-sowjetische Wirtschaftsbeziehungen im Zeichen des Hitler-Stalin-Paktes, in: Wegner, Bernd (Hg.) Zwei Wege nach Moskau – Vom Hitler-Stalin-Pakt zum "Unternehmen Barbarossa", München/Zürich 1991, 96.

[6] Vergl. Zeidler in: Wegner, 101.

[7] Zit. n. Zeidler in: Wegner , 93.

[8] Dementsprechend schrieb Stalin im Dezember 1939 an Adolf Hitler: "Die Freundschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion, die mit Blut zementiert ist, hat alle Aussicht, eine feste und dauernde Freundschaft zu werden." (zit. n. Deutscher, Isaac Stalin – Eine politische Biographie (Bd.2), Berlin 1979, 471). Einen Monat später erklärte Hitler im Berliner Sportpalast: "Durch Jahrhunderte haben Deutschland und Rußland in Freundschaft und Frieden nebeneinander gelebt. Warum soll es in der Zukunft nicht wieder möglich sein? Ich glaube, es wird möglich sein, weil die beiden Völker das wünschen!" (zit. n. Pätzhold/Rosenfeld, Dok. 209, 286).

[9] Im Frieden von Moskau (12.3.1940) musste Finnland Gebiete an der Karelischen Landenge und westlich und nordöstlich des Ladogasees an die Sowjetunion abtreten. Hinzu kamen mehrere im Finnischen Meerbusen gelegene Inseln und ein Streifen östlich von Salla und Kuusamo (vergl. Ueberschär, Gerd R. Hitler und Finnland 1939-1941, Wiesbaden 1978, 149).

[10] So sah etwa Isaac Deutscher Stalins damalige Politik als Ausdruck eines "russischen Expansionismus" (Deutscher, 479). Auch der frühere Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Berlin, Berežkov, unterstellte Stalin schon 1940 imperiale Ziele: "Es unterlag keinem Zweifel, daß Stalin imperiale Ambitionen hatte. Er träumte davon, alles was das zaristische Rußland nicht nur im Westen, sondern auch im Osten besessen hatte, wiederzugewinnen." Vergl. Berežkov, Valentin Ich war Stalins Dolmetscher, München 1991, 296.

[11] Die These, mit dem Überfall vom 22.6.1941 sei Hitler lediglich einem sowjetischen Angriff "zuvorgekommen", lässt sich anscheinend sehr gut vermarkten – besonders unter den nach wie vor zahlreichen Apologeten Adolf Hitlers. Tatsächlich ist diese "Präventivkriegsthese" wissenschaftlich unhaltbar. Schließlich ist, wie Stefan Voß zu Recht festgestellt hat, bislang "noch kein Dokument veröffentlicht worden, welches Stalins Entscheidung für einen Angriff gegen Deutschland 1941 eindeutig belegt." (Voß, Stefan Stalins Kriegsvorbereitungen 1941, Hamburg 1998, 41). Angesichts dieser Situation greifen die Befürworter der "Präventivkriegsthese" immer wieder auf ziemlich fadenscheinige Argumente zurück. Als Beispiel für viele sei der Historiker Joachim Hoffmann genannt: Ein Zitat Michail Kalinins "Krieg, das ist der Moment, wenn man den Kommunismus verbreiten kann." (zit. n. Voß 1998, S. 38.) bildet für Hoffmann, den "Beweis" für einen sowjetischen Angriffsplan. An weiterführender Literatur sei an dieser Stelle neben der Voß'schen Untersuchung auch auf folgende Publikation hingewiesen: Pietrow-Ennker, Bianka (Hg.) Präventivkrieg? – Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, Frankfurt a. M. 2000 . Zu den Angriffsplänen Adolf Hitlers s. dagegen Abschnitt 5.1. der vorliegenden Arbeit.

[12] Zit. nach: Domarus, Max Hitler – Reden und Proklamationen, Bd. 2, Würzburg 1963, 1315. Nach einem fingierten Angriff auf den grenznahen deutschen Sender Gleiwitz überfiel Hitler Polen am 1.9.1939. Vor dem "Großdeutschen Reichstag“ behauptete Hitler, er habe "zurückschießen" müssen, irrte sich aber in der Uhrzeit um eine Stunde: In Wirklichkeit war der deutsche Angriff bereits um 4 Uhr 45 erfolgt.

[13] Vergl. hierzu Förster, Jürgen Hitlers Wendung nach Osten. Die deutsche Kriegspolitik 1940–1941, in: Wegner, Bernd (Hg.) Zwei Wege nach Moskau – Vom Hitler-Stalin-Pakt zum "Unternehmen Barbarossa", München/Zürich1991, 114.

[14] Vergl. Pätzhold/Rosenfeld, Einleitung, 15.

[15] So etwa auf dem NS-Parteitag 1936 in Nürnberg. Vergl. Read, Anthony/Fisher, David The Deadly Embrace – Hitler, Stalin and the Nazi-Soviet Pact, 1939-1941, London 1988, 17f. und Deutscher, 446.

[16] Rede vor dem Großdeutschen Reichstag vom 30.1.1937, zit. n. Domarus, Bd. 1, 671.

[17] Ebenda.

[18] Rede vor dem Großdeutschen Reichstag vom 20.2.1938, zit. n. Domarus, Bd. 1, 799.

[19] Die damalige Doktrin der "Kollektiven Sicherheit" ist eng mit dem Namen des sowjetischen Außenministers Maksim Litvinov (1876–1951) verknüpft. Nach dem Scheitern der "Kollektiven Sicherheit" wurde Litvinov im Mai 1939 durch Molotov ersetzt.

[20] Laut Chruščev erklärte Stalin am Abend des 23.8.1939: "Dieser Krieg wird für eine gewisse Zeit an uns vorübergehen." – was wahrlich nicht optimistisch klingt (zit. n. Fleischhauer, Ingeborg Die sowjetische Außenpolitik und die Genese des Hitler-Stalin-Paktes, in: Wegner, Bernd (Hg.) Zwei Wege nach Moskau – Vom Hitler-Stalin-Pakt zum "Unternehmen Barbarossa", München/Zürich1991, 35).

[21] Vergl. Ueberschär Hitler und Finnland 1939–1941, Wiesbaden 1978, 55.

[22] Vergl. Ueberschär 1978, 75ff.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Molotovs Berlin-Besuch im November 1940
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Osteuropa-Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
43
Katalognummer
V40043
ISBN (eBook)
9783638386616
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im November 1940 waren die deutsch-sowjetischen Beziehungen äußerst gespannt. Hatten sich Hitler und Stalin noch im Herbst 1939 einvernehmlich Polen geteilt, so wurden wenig später Risse in den bilateralen Beziehungen sichtbar. In dieser schwierigen Situation fuhr der sowjetische Außenminister Vjatscheslav Molotov nach Berlin, um im persönlichen Gespräch die Möglichkeiten einer weiteren Zusammenarbeit zu klären.
Schlagworte
Molotovs, Berlin-Besuch, November
Arbeit zitieren
Arne Friedemann (Autor), 1998, Molotovs Berlin-Besuch im November 1940, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40043

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