Vielvölkerreich und Nationalitätenproblem - Die Idee von Nation und Kulturautonomie im Werk Otto Bauers


Hausarbeit, 2005
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Zeit Otto Bauers
1.1 Einführung
1.2 Das Nationalitätenproblem in Österreich- Ungarn
1.3 Die österreichische Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage

2. Bauers Antwort auf die Nationalitätenfrage
2.1 Der Ansatz
2.2 Der Begriff der Nation
2.3 Nationale Kulturautonomie

3. Bauer und die Bolschewiki

4. Zeitgeschichtliche Bedeutung

Literaturverzeichnis

1. Die Zeit Otto Bauers

1.1 Einführung

Als Otto Bauer 1907 sein Werk „Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie“ veröffentlichte, hatte er vor allem zwei Anliegen. Zum einen suchte er nach einer Lösung, die ein Fortbestehen des multiethnischen Habsburgerreiches, welches durch ein fortschreitendes Autonomiebestreben der diversen Nationen in zunehmendem Maße bedroht schien, ermöglichen sollte. Zum anderen musste eine Strategie gefunden werden, die die Einheit der Sozialdemokraten des Reiches zu sichern im Stande war, um das gemeinsame Ziel einer sozialistischen Gesellschaftsform über nationale Grenzen hinweg weiterverfolgen zu können.

Ziel dieser Arbeit soll es vor allem sein, Bauers Verständnis der Nation und sein Modell zur Lösung des Nationalitätenproblems in Österreich- Ungarn zu verdeutlichen und aufzuzeigen, durch welche historischen Umstände und theoretischen Grundsätze er zu diesem kam. Darüber hinaus soll ein kurzer Überblick über die Auseinandersetzung führender Theoretiker des sowjetischen Sozialismus mit Bauers Werk gegeben und die Relevanz seiner Theorie für die Lösung von Nationalitätenproblemen, die über das Habsburgerreich und die Zeit Otto Bauers hinaus gehen, zumindest ansatzweise beleuchtet werden.

1.2 Das Nationalitätenproblem in Österreich- Ungarn

Das Habsburgerreich um 1900 umfasste zahlreiche Völker mit verschiedenen Kulturen und Sprachen. Es war seit dem „Ausgleich“ 1867 als Doppelmonarchie Österreich- Ungarn organisiert, welche den beiden namensgebenden Landesteilen eine eigenständige Regierung sicherte und nur noch die Außen-, Kriegs- und Finanzpolitik der gemeinsamen Administration unterstellte. Die nicht deutsche bzw. ungarische Bevölkerung machte mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Zu ihr zählten Polen, Tschechen, Kroaten, Ruthenen, Slowenen, Serben und Italiener[1]. Insbesondere die slawischen Nationen, drängten auf eine stärkere Selbstbestimmung, da die politische und kulturelle Führung des Reiches fest in deutscher Hand lag und die ungarische Politik nach dem „Ausgleich“ deutlich das Ziel einer „magyarization“[2] verfolgte.

Obwohl die Industrialisierung in der Doppelmonarchie nur verspätet und langsamer als in anderen westeuropäischen Staaten begann, da die bergige Topographie, geographische und kulturelle Hindernisse zwischen den einzelnen Regionen des Reiches, ungünstige Wasserstraßen und das Fehlen eines bedeutenden Seehafens die Entwicklung hemmten[3], lockte die zunehmende Anzahl industrieller Arbeitsplätze immer mehr Menschen, vorwiegend Bauern, aus den agrarisch geprägten Regionen in die industriellen Zentren. Dies konnte die ethnische Balance ganzer Städte aus dem Gleichgewicht bringen. So wandelte sich beispielsweise Prag durch die starke Zuwanderung tschechischer Bauern von einer vormals deutschen Stadt in eine tschechisch dominierte[4].

Diese Bevölkerungseffekte hatten zum einen den Effekt einer ethnischen „Leopardisierung“, zum anderen entlud sich immer häufiger die Unzufriedenheit der beschäftigungslosen Arbeiter, landlosen Bauern und kleinen Händler, welche die Verlierer der Industrialisierung waren, in nationalen Ressentiments.

Neben den Tschechen, deren politische Führer verschieden Modelle zur besseren Durchsetzung ihrer nationalen Interessen ausarbeiteten, wurde immer Stärker die Südslawenfrage zum entscheidenden Faktor für das Weiterbestehen des Vielvölkerstaates. Die Mehrheit der Slowenen lebte in Österreich, die meisten der Kroaten und Serben in Ungarn. Mit dem größer werdenden Selbstbewusstsein als eigene Nationen und unter dem Druck der Magyarisierung entwickelten nun auch führende südslawische Theoretiker Modelle für eine bessere Selbstbestimmung. Ein Entwurf, der weite Zustimmung erfuhr, sah die Errichtung eines „Trialismus“ im Reich vor, der die Südslawen als dritte Körperschaft neben Deutschen und Ungarn etablieren sollte.

Unter den Serben war jedoch ein anderer Entwurf, der den Anschluss ihrer Gebiete an Serbien vorsah, durchaus populär. Diese Idee entwickelte ihre besondere Brisanz nach der Machübernahme 1903 durch König Peter Karadjordjević in Serbien, dessen Regierung Mazedonien und Bosnien- Herzegowina als rechtmäßig serbische Territorien ansah. Ein dauerhafter Konflikt mit der Habsburgermonarchie nahm seinen Anfang.

Mit der Jungtürkenrevolte im Osmanischen Reich und der Annexion Bosnien- Herzegowinas durch das Habsburgerreich verschärfte sich die Südslawenfrage weiter. Zum einen wurde die im „Ausgleich“ festgelegte Balance zwischen Österreich und Ungarn dem Empfinden der Ungarn nach unverhältnismäßig gestört und der Anteil der slawischen Reichsbevölkerung zusätzlich erhöht, zum anderen rief die Durchführung dieser Aktion durch den habsburgischen Außenministers Alois Lexa von Ährenthal heftigen Protest auf Seiten der Serben und auch der Russen hervor. Die weitere Geschichte des Südslawenproblems führt direkt zu den Wurzeln des ersten Weltkrieges.

1.3 Die österreichische Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage

Die parteiliche Organisation im Habsburgerreich verlief vorwiegend entlang nationaler Grenzen. Es gab innerhalb der Parteien wenige Bemühungen, sich supranational zu organisieren. Die gemeinsame Nationalität verband die Parteien einer Volksgruppe untereinander oft mehr, als die gleiche politische Gesinnung die Parteien über nationale Grenzen hinweg einte. Um die Jahrhundertwende waren alle Parteien außer der SDAP nach Nationalitäten getrennt organisiert.

Es gab zahlreiche kleine Parteien, von größerer Bedeutung waren neben den Sozialdemokraten, den Vertretern der Arbeiterklasse, aber lediglich die Liberalen, die vor allem das wohlhabende Bürgertum repräsentierten und die Christlich Sozialen, die ihre Klientel im „little man in between“[5] sahen.

Die österreichischen Sozialdemokraten, die sich 1889 als Föderation nationaler Verbände zur SDAP zusammengeschlossen hatten und unter dem Vorsitz von Viktor Adler standen, verfolgten einen reformistischen Kurs, dessen Ziel eine Übertragung der Produktivkräfte auf die Gesellschaft ohne revolutionären Umsturz war.[6] Die SDAP hatte einen eindeutig supranationalen Anspruch und stellte sich als einzige Partei gegen die Aufspaltung in nationale Organisationen. Allerdings hatte auch sie an den immer stärker werdenden „centrifugal forces“[7] zu leiden, die an ihr zerrten. Somit lag es im elementarsten Interesse der Partei, ein Konzept zur Lösung des Nationalitätenproblems zu entwerfen. Das Hauptproblem lag hierbei im Werk Marx’ und Engels, auf das sich die Sozialdemokraten in erster Linie stützten. Marx ignorierte nationalistische Tendenzen fast völlig und betrachtete Nationalismus als „bourgeoise Passion“. Er erkannte zwar in seinem späteren Werk die nationalen Ressentiments, die auch zwischen Arbeitern verschiedener Nationen vorhanden waren, war aber überzeugt, dass diese im Sozialismus verschwinden würden, was einen großen Einfluss auf die meisten späteren Marxisten haben sollte. Sowohl Marx als auch Engels glaubten, ein international vereinigtes Proletariat würde nicht mehr nach nationaler Eigenständigkeit streben, sondern diese hinter dem Wunsch nach sozialer Emanzipation zurückstellen[8].

Die Sozialdemokraten waren allerdings mit einer anderen Realität konfrontiert, die durchaus einen stärker werdenden Nationalismus auch und gerade innerhalb der Arbeiterschaft mit sich brachte.

Der Kongress der zweiten Internationale, die 1897 in London abgehalten wurde hatte erklärt:

„This congress declares that it stands for the full right of all nations to self determination and expresses sympathy for the workers of every country suffering under the yoke of military, national and other absolutisms.”[9]

Somit standen die österreichischen Sozialdemokraten in der Pflicht und entwickelten 1899 auf ihrem Kongress in Brünn das Konzept eines Nationalitätenbundesstaates, der jedem der sogen. Kronländer volle Selbstbestimmung über innere und kulturelle Angelegenheiten zusicherte. Auf dem selben Kongress wurden zahlreiche Beschlüsse gefasst, die zu einem Ausgleich zwischen den nationalen Fraktionen der Sozialdemokraten führen sollten. Jedoch erwiesen sich diese Beschlüsse für das Eindämmen der Zentrifugalkräfte als nicht ausreichend.[10]

Der sozialistische Theoretiker Karl Kautsky widmete sich in seinem Werk intensiv der Nationalitätenfrage[11] mit dem Ziel, die von Marx und Engels gelassene Lücke zu füllen. Er sah die Nation jedoch als reine Sprachgemeinschaft und damit das Nationalitätenproblem als bürgerlichen Sprachenstreit, dessen Lösung er der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung unterordnete.

Mit dem Erfolg im Wahlrechtskampf 1907, in dem die Sozialdemokraten für die Einführung eines direkten allgemeinen Wahlrechts gekämpft hatten, verloren sie auch ihr gemeinsames Kampfziel. Zudem wandte sich Kautsky stärker der deutschen Arbeiterbewegung zu. Diese Tatsachen ließen die Nationalitätenfrage unausweichlich in den Vordergrund treten und „das Vakuum, das in diesem Bereich bestand, plötzlich fühlbar werden“[12].

Es war also eine deutliche marxistische Antwort auf die Nationalitätenfrage überfällig, die Geburtsstunde des Austromarxismus hatte geschlagen.

2. Die Antwort Otto Bauers auf die Nationalitätenfrage

2.1 Der Ansatz

Otto Bauer wurde 1881 als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten in Wien geboren. Im Alter von 19 Jahren trat er der SDAP bei und begann in Wien ein Studium der Geschichte, Sprachen, Nationalökonomie, Soziologie, Philosophie und Jurisprudenz, das er 1906 als Doktor der Rechte abschloss.[13] Während seiner Studentenzeit stieß er in der sozialistischen Studentenbewegung in Wien als jüngstes Mitglied zu einer Gruppe marxistischer Intellektueller und traf dort u.a. auf Karl Renner, Max Adler und Rudolf Hilferding. Diese Gruppe gab seit 1904 die „Marx- Studien“ heraus, in denen auch Bauer veröffentlichte. Zusätzlich verfasste er mehrer Artikel für die „Neue Zeit“, das führende Organ der deutschen Sozialdemokratie. Ab 1907 war Bauer dann einer der Herausgeber der neuen sozialistischen Theoriezeitschrift „Der Kampf“[14].

1907 veröffentlichte Bauer auch sein erstes großer Werk. „Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie“ enthielt seine Antwort auf das Nationalitätenproblem und avancierte zum Standardwerk des Austromarxismus.

Otto Bauer änderte seine Meinung zu einigen wichtigen politischen Fragen im Laufe seines Lebens, einige sogar mehrmals, z.B. zum Anschluss der deutschsprachigen habsburgischen Gebiete an das Deutsche Reich. Selbst seine Bevorzugung des Personalprinzips gegenüber dem Territorialprinzip änderte sich schon kurze Zeit nach der Veröffentlichung der „Nationalitätenfrage“[15]. Diese Arbeit kann in ihrem engen Rahmen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem umfangreichen Werk Otto Bauers wiedergeben. Die hier angeführten Sichtweisen Bauers beziehen sich somit, wenn nicht anders gekennzeichnet, auf den Standpunkt 1907.

[...]


[1] Vgl. Low, Alfred D., Otto Bauer, socialist theoretician of nationalism, and his critics, in: CRSN, XXII, 1-2 (1995), S. 105.

[2] Jelavich, Barbara, Modern Austria. Empire and republic 1815 – 1986, Cambridge u.a. 1987, S. 72.

[3] Vgl. Jelavich, S. 77.

[4] Ebd., S. 80.

[5] Jelavich, S.86.

[6] Vgl. Jelavich, S. 84-85.

[7] Low, S.104.

[8] Vgl. Low, S. 103.

[9] Lenin, Wladimir Iljitsch, The right of nations to self- determination. Selected writings, Westport 1951, S.47.

[10] Vgl. Low, S.104.

[11] Kautsky, Karl, Nationalität und Internationalität, Stuttgart 1908.

[12] Konrad, Helmut, Otto Bauer und die Nationalitätenfrage, in: Fröschl, Erich/ Zoitl, Helge (Hrsg.), Otto Bauer (1881-1938). Theorie und Praxis, Wien 1985, S.108.

[13] Vgl. Deutsch, Julius, Otto Bauer, in: Grosse Österreicher. Neue Österreichische Biographie ab 1815, Bd. X, Zürich/ Leipzig/ Wien 1957, S.209- 218.

[14] Vgl. Krätke, Michael, Otto Bauer. Die Mühen des dritten Weges, in: SPW 98 (1997), S. 56- 57.

[15] Vgl. Konrad, S. 108- 109.

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Details

Titel
Vielvölkerreich und Nationalitätenproblem - Die Idee von Nation und Kulturautonomie im Werk Otto Bauers
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V40053
ISBN (eBook)
9783638386678
ISBN (Buch)
9783638651516
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vielvölkerreich, Nationalitätenproblem, Idee, Nation, Kulturautonomie, Werk, Otto, Bauers
Arbeit zitieren
Philipp Stute (Autor), 2005, Vielvölkerreich und Nationalitätenproblem - Die Idee von Nation und Kulturautonomie im Werk Otto Bauers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40053

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