Chancen und Risiken der Mediengesellschaft für den demokratischen Pluralismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 1,7 (gut)


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Mediengesellschaft
2.1. Was sind Medien ?
2.2. Politischer Auftrag der Medien
2.3. Merkmale der Mediengesellschaft
2.4. Neue Anforderungen an die Medien

3. Pluralismus
3.1. Pluralistische Gesellschaft und pluralistische Demokratie
3.2. Hauptmerkmale des Pluralismus
3.3. Gefährdung des Pluralismus durch die Mediengesellschaft ?

4. Chancen und Risiken der Mediengesellschaft
4.1. Globalisierung und Kommerzialisierung des Mediensystems
4.2. Steigerung des Medienangebotes
4.3. Öffentlichkeitswirkung der Medien
4.4. Einfluss der Medien im demokratischen Legitimationsprozess
4.5. Ambivalente Auswirkungen auf den Pluralismus

5. Schluss

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Der Tatbestand, daß die Medien in den Vermittlungsprozessen moderner Gesellschaften inzwischen eine Schlüsselrolle einnehmen, rechtfertigt es, von einer >Mediengesellschaft< zu sprechen“ (Sarcinelli 1998a: 11).

So einfach fällt die Erläuterung für den Gebrauch der neuen wissenschaftlichen Vokabel ‚Mediengesellschaft‘ bei Sarcinelli aus. Doch steckt nicht noch mehr dahinter und begründet die Attraktivität dieses Terminus? Und wie ist es mit dem Anteil der Medien? Ist deren Rolle in modernen Gesellschaften auf die Vermittlung beschränkt? Und dann bleibt die Frage: Vermittlung wovon?

Es können hier nicht alle Fragen beantwortet werden. Manche führen auch nur ein Stück weit zum eigentlichen Schwerpunkt hin. Denn das Thema dieser Arbeit besteht darin, die Aktivitäten der Massenmedien in der modernen Mediengesellschaft auf Gefahren und Chancen für den demokratischen Pluralismus zu untersuchen.[1]

Die Forschung in Kommunikations- und Politikwissenschaft diskutiert seit mehreren Jahrzehnten das Verhältnis von politischem System und Medien. Marcinkowski fasst den Wandel in der Theoriebildung zusammen[2]: Schatz‘ Theorieansatz zu einer Instrumentalisierung der Medien durch die Politik Ende der 70er wurde zuerst von der Idee der Interdependenz und schließlich der Selbstreferenz beider Systeme abgelöst; neuere Theorien erkennen die Medien als eigenständiges Funktionssystem an. Als anderes Extrem, bei Marcinkowski nicht genannt, doch unbedingt einzuordnen, ist Meyers Theorie von der Kolonisierung der Politik durch das Mediensystem. (Meyer 2001) Die Beziehung beider Systeme zueinander bleibt daher unbestimmt und lässt Raum für Spekulationen um wechselseitige Einflussnahme.

In dieser Forschungsliteratur wie auch in den Abhandlungen die sich auf sie beziehen oder an ihr Kritik üben, gerät der demokratische Pluralismus gar nicht, oder nur sehr selten ins Blickfeld. Lediglich im Beitrag von Detjen zum Pluralismus werden neben dessen Merkmalen auch die Notwendigkeit medialer Vermittlung von Politik und deren mögliche Gefahren erwähnt. (Detjen 1998)

Diese Arbeit wählt damit einen neuen Blickpunkt, aus dem die Entwicklungen im Mediensystem und die mediale Repräsentation politischer Themen und Prozesse zu beurteilen sind.

Denn wenn einerseits gesellschaftlicher Pluralismus ein Grundelement moderner Demokratien ist, und andererseits den Medien und ihrer Tätigkeit in diesen Gesellschaften eine Schlüsselrolle zugesprochen wird, stellt sich die Frage, ob die Medien nicht auch Einfluss auf Wahrnehmung oder Ausprägung des Pluralismus nehmen.

Die beiden Schlagworte ‚Mediengesellschaft‘ und ‚Pluralismus‘ bilden die Grundlage für die eigentliche Untersuchung. Dementsprechend soll vorbereitend ein Verständnis vom Inhalt der Begriffe geschaffen, d.h. die Hauptmerkmale herausgestellt und mögliche Probleme und Fragen aufgezeigt werden. Erst dann können die Auswirkungen medialer Vermittlungstätigkeit auf eine pluralistisch verfasste Gesellschaft ermessen und beurteilt werden.

Daraus ergibt sich folgende Gliederung:

Im nächsten Abschnitt steht die Mediengesellschaft im Fokus des Interesses. Zuerst sollen grundlegend der Begriff ‚Medien‘ geklärt und der klassische Auftrag des Mediensystems in einer Demokratie erläutert werden. Das Konzept der Mediengesellschaft mit seinen Hauptmerkmalen verdeutlicht die Veränderungen innerhalb des Mediensystems und in Beziehung zur Politik.

Der dritte Abschnitt klärt den Begriff des Pluralismus. Hier werden vor allem die Hauptelemente eines demokratischen Pluralismus herausgestrichen, eh eine erste Einschätzung zu Auswirkungen der Mediengesellschaft versucht wird.

Im vierten Abschnitt stellt sich dann schließlich die zentrale Frage nach Chancen und Risiken der Mediengesellschaft für den demokratischen Pluralismus. Dazu werden die zuvor erarbeiteten Merkmale der Mediengesellschaft auf ihre Verträglichkeit mit dem Pluralismus hin untersucht.

Die Erkenntnisse der Untersuchung werden im Schlusskapitel zusammengefasst und bewertet.

Alle für diese Arbeit notwendigen Definitionen werden an entsprechender Stelle im Laufe der Untersuchung gegeben.

Damit wende ich mich als ersten thematischen Schwerpunkt der Mediengesellschaft zu.

2. Mediengesellschaft

„Seit den 90er Jahren [...] [seien] die Medien wissenschaftlich en vogue“ (Koch- Baumgarten 2003: 43; Veränderungen von mir; S.W.) seien, und mit ihnen „Termini wie Mediengesellschaft, Mediendemokratie oder gar Mediokratie ...“ (Ebd.]. Der Inhalt dieser Vokabeln bleibt dabei meist ungenau. Daher sind die Folgen der Entwicklung zu einer Mediengesellschaft nur schwer abschätzbar.

Durch eine kontinuierliche Annäherung an den idealen Inhalt und Auftrag der Medien im Vergleich zu Merkmalen der Mediengesellschaft, soll es gelingen erste Schwierigkeiten zu erfassen.

Damit wenden wir uns der Frage zu, was man unter ‚Medien‘ zu verstehen habe.

2.1. Was sind Medien ?

„M[edien] ist ein Sammelbegriff für alle audiovisuellen Mittel und Verfahren zur Verbreitung von Informationen, Bildern, Nachrichten, etc. (Schubert/ Klein 2001: Medien; Veränderung von mir; S.W.). Sie werden in der Regel in Massenmedien und Medien der Individualkommunikation unterschieden.

Die Massenmedien, zu denen „Presse, Film und Rundfunk“ (Sommer u.a. 1999: 558) gezählt werden, zeichnen sich durch „... eine geringe Zahl von Sendern [und] [...] ein allgemeines, dispersives Publikum [...] [ohne] Rücksendemöglichkeiten ...“ (Ebd.; Veränderung von mir; S.W.) aus. Dem entgegen stehen die Medien der Individualkommunikation wie „ vernetzte Computer und Telefon“ (Ebd.), durch „ die eine individuelle Kommunikationsmöglichkeit zwischen Sender und Empfänger ...“ (Ebd.) gegeben ist.

Für die Politikwissenschaft liegt die Bedeutung der Medien, insbesondere der Massenmedien, in ihrer Funktion als „... Träger der öffentlichen Meinung“ (Ebd.). Die Medien als zentrale „Vermittlungsinstanz“ (Ebd.) in, aber auch zwischen Staat und Gesellschaft sind ein konstitutiver „Teil des öffentlichen Meinungs- und Willensbildungsprozesses ...“ (Ebd.).

Die direkte Auswirkungen von Medieninhalten und Präsentationsformen auf Meinungen und Ansichten des Publikums sind umstritten. Die Notwendigkeit von Presse- und Meinungsfreiheit sowie entsprechender Medienpraxis für eine pluralistische Demokratie gehören jedoch zum Konsens. In diesem Zusammenhang ist auch der politische Auftrag der Medien zu betrachten.

2.2. Politischer Auftrag der Medien

Den Medien, insbesondere den Massenmedien, wurden „... unter Rückgriff auf normative Konzepte der Demokratietheorie ...“ (Schatz 2000: Massenmedien) verschiedene Funktionen zugeschrieben. In dieser klassischen Vorstellung geht man davon aus, es sei Aufgabe der Medien, „... das politische Handeln und seine Folgen aus kritischer Distanz [zu] beobachte[n] und einem breiten Publikum möglichst ausgewogen und objektiv, angemessen und sachlich [zu] vermittel[n]“ (Meyer 2001: 75; Veränderungen von mir; S.W.). Nur so kämen die vielfältigen Ansichten in einer pluralistischen Gesellschaft zur Artikulation und würde die Partizipation der Bürger auf einer durch Informationen und Diskurse gebildeten Meinung beruhen.

Die Funktionen der Medien werden in der Literatur unterschiedlich gruppiert. Es lassen sich jedoch fünf große Aufgabenbereiche zusammenfassen.

Ihre „Generalfunktion“ (Bergsdorf 1980: 90) besteht in der „Herstellung von Öffentlichkeit“ (Detjen 1998: 281).

Den Medien wird auch die „Diffussion von Wissen und Kenntnissen“ (Bergsdorf 1980: 90) sowie die „Artikulation von Sachverhalten“ (Detjen 1998: 281) übertragen, was sich mit Bildung und Information des Publikums umschreiben lässt.

Darüber hinaus sollen sie einerseits zur gesellschaftlichen und politischen Sozialisation der Bürger beitragen, indem die „Tolerierung inhaltlicher Pluralität“ (Bergsdorf 1980: 90) vermittelt wird.

Andererseits ermöglichen sie die Artikulation der vielfältigen Interessen im Pluralismus rücken auch „... die Belange von Randgruppen in den Horizont der Aufmerksamkeit ..“ (Detjen 1998: 281).

Letztendlich obliegt es den Medien ebenso mit Kritik und Kontrolle über die „Machtträger[]“ (Schatz 2000: Massenmedien) und das politische System zu wachen.

Diese klassische Sichtweise, die auf der Annahme absoluter Unabhängigkeit von politischem System und Mediensystem beruht, ist mit der Diskussion um den Wandel des Verhältnisses der beiden Bereiche zueinander angefochten worden. Nicht nur Meyer betont, dass man sie vielerorts „... seit längerem kommentarlos zur Seite gelegt ...“ (Meyer 2001: 75) habe.

Zudem muß eingestanden werden, dass sich auch die Anforderungen an das Mediensystem selbst verändert haben. Schatz spricht von „ der zunehmenden Kommerzialisierung und Globalisierung der nationalen Mediensysteme ...“ (Schatz 2000: Massenmedien), die diese unter Druck setze und die Wahrnehmung ihrer klassischen Aufgaben erschwere.

Beide Veränderungsprozesse, innerhalb des Mediensystems und in seinen Beziehungen nach außen, führen zum Konstrukt von der Mediengesellschaft.

2.3. Merkmale der Mediengesellschaft

In der Literatur zur politischen Kommunikation und zu den Beziehungen von Medien und politischem System ist ‚Mediengesellschaft‘ zu einem gern gebrauchten Schlagwort avanciert. Dennoch gibt es verhältnismäßig wenige Versuche, diese Vokabel in ihrer Bedeutung fassbar zu machen.[3]

Aus den erfolgten Auseinandersetzungen[4] mit dem Inhalt des Begriffes lassen sich vier grundlegende Merkmale einer Mediengesellschaft zusammenfassen:

Die nationalen Mediensysteme vernetzen sich auf globaler Ebene; sie agieren dabei wettbewerbsorientiert und gewinnmaximierend.

Die Leistungen der Medien wurden in Umfang und Geschwindigkeit gesteigert; sowohl eine Ausdifferenzierung der publizistischen Medien als auch neue Medienformen erhöhen das Angebot.

Die den Medien entgegengebrachte Aufmerksamkeit ist gesamtgesellschaftlich groß; sie prägen die Handlungen und deren Darstellung in den vielfältigsten Bereichen.[5]

Die Medien erlangen mehr und mehr Bedeutung im demokratischen kommunikativen Legitimationsprozess.[6]

Man muss zugeben, dass die ‚Mediengesellschaft‘ nur ein weiterer Erklärungsversuch für die „Komplexität und Dynamik“ (Saxer 1998: 52) der Moderne ist und es ihr somit an Erklärungsvermögen mangelt.. Dennoch beschreiben die hier aufgezählten Merkmale Entwicklungen und Tendenzen, die sich durchaus beobachten lassen. Die Frage ist nun, welche Konsequenzen eine solche Entwicklung der Medien für demokratische, pluralistische Gesellschaften haben kann.

2.4. Neue Anforderungen an die Medien

Die Erwartungshaltung des demokratischen Staates gegenüber den Medien ist zwiegespalten. Denn zum einen sollen die Medienunternehmen wirtschaftlich arbeiten, zum anderen werden ihnen weiterhin gesellschaftliche Dienste wie die politische Willens- und Meinungsbildung übertragen. (vgl. Saxer 1998: 58f.) Doch um so mehr das Mediensystem mit „Reichweitenverlusten“ (Wolff 2003: 138), „... Zusammenschlüsse[n] [...] zu großen publizistischen Einheiten ...“ (Schatz 2000: Massenmedien; Veränderungen von mir; S.W.) und Einschränkungen in der „Autonomie der Journalisten“ (Ebd.) zu kämpfen hat, desto weniger Aufmerksamkeit kann es seinem politischen Auftrag widmen.

Die Medien sind längst nicht mehr nur eine Vermittlungsinstanz für die Kommunikation zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen. Immer wieder wird zugegeben, dass sie zu einem eigenständigen Akteur herangewachsen sind.[7]

Damit kann das Mediensystem durch die Forderungen von Staat und Gesellschaft nicht mehr einseitig auf die dienenden Funktionen beschränkt werden. Dies heißt nicht, dass sie diese vollkommen ablegen. Ihre Rolle als Träger und Verbeiter der öffentlichen Meinung ist seit langem eingeübt. Nicht nur Interessengruppen und soziale Bewegungen vertrauen auf die Aufmerksamkeitswirkung medialer Berichterstattung.

Der Wandel zur Mediengesellschaft hat jedoch auch Einfluss darauf genommen, was das Mediensystem zu leisten in der Lage ist. Als ökonomisch abhängige Unternehmen, zählen Einschaltquoten und Werbeeinnahmen mehr, als ein gesteigerter Wissensstand und höhere politische Partizipation beim Publikum. Unterhaltung siegt über Bildung, das Massenwirksame über die Partikularinteressen, das spektakulär Neue über den routinierten Gleichlauf.

Diese aus normativer Sichtweise als Qualitätsverlust in den Medien bezeichnete Entwicklung wird Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten haben. Inwieweit sie den demokratischen Pluralismus berührt, ist Schwerpunkt des übernächsten Abschnittes. Zuvor soll der Begriff ‚Pluralismus‘ selbst geklärt werden.

[...]


[1] Es handelt sich dabei um hauptsächlich theoretische Betrachtungen, die nicht an ein bestimmtes Land, dessen politisches System oder dort bemerkten Entwicklungen gebunden sind. Die Mediengesellschaft und die damit einher gehenden Veränderungen im Mediensystem werden als allgemeines Phänomen vieler Länder angesehen. Wenn es jedoch an der ein oder anderen Stelle notwendig sein sollte, konkretere Ereignisse und Entwicklungspunkte zu benennen, wird hier die Bundesrepublik Deutschland als Erfahrungsraum für die Verfasserin herangezogen werden.

[2] Überblick über die Entwicklung nach: Marcinkowski et al. 2001; 14f.

[3] Unter Umständen erfolgt diese Charakterisierung für ihre gesteigerte Variante, die ‚Mediendemokratie‘. (Schatz et. al. 2002: 13)

[4] Dies sind die Zugriffsversuche von Jarren (2002: 29- 32) und Saxer (1998: 52f.) aber auch Schatz et. al. Erläuterungen zur Mediendemokratie‘ (2002: 13).

[5] Dieser Sachverhalt wird auch als Mediatisierung bezeichnet. (vgl. Jarren 2003: 30f.)

[6] Bedenkt man, dass sich in der gegenwärtigen Entwicklung „[d]ie Politik [...] immer mehr der direkten Erfahrungswelt der Bürger“ (Jansen 1997: 19) entzieht, so kann die Vermittlung politischer Themen und Entscheidungen nur noch über die (Massen-)Medien erfolgen.

[7] Kepplinger begrenzt das aktive Eingreifen der Medien noch auf „Konfliktsituationen“ (1998: 363), während Koch- Baumgarten ihre beständige „... Doppelrolle als politische Akteur und gleichzeitig als Medium ...“ (2003: 46) anerkennt.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Chancen und Risiken der Mediengesellschaft für den demokratischen Pluralismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,7 (gut)
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V40078
ISBN (eBook)
9783638386821
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chancen, Risiken, Mediengesellschaft, Pluralismus, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Sarah Weier (Autor), 2005, Chancen und Risiken der Mediengesellschaft für den demokratischen Pluralismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40078

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