Der handlungstheoretische und strukturell-funktionalistische Ansatz in der Jugendsoziologie

F.H. Tenbrucks "Jugend und Gesellschaft" und S.N. Eisenstadts "Von Generation zu Generation" im Vegleich


Hausarbeit, 2004

18 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Jugend: Was ist das?

2. Die handlungstheoretische Jugendtheorie nach Tenbruck
2.1 kurze Biographie
2.2 zentrale Aspekte seiner Theorie
2.2.1. Gesellschaftsanalyse nach Tenbruck
2.2.2. Merkmale der modernen Jugend
2.2.3. Ursachen und Auswirkungen der Ausprägung dieser Merkmale

3. Die funktionalistische Jugendtheorie Eisenstadts
3.1. kurze Biographie
3.2. zentrale Aspekte seiner Theorie
3.2.1. Voraussetzungen für das Fortbestehen des sozialen Systems
3.2.2. Funktionen von altersheterogenen Gruppen
3.2.3. Funktionen von altershomogenen Gruppen

4. Vergleich der Theorien
4.1 Gemeinsamkeiten
4.2. Unterschiede

5. Einordnung der beiden Theoriemodelle

6. Ist eine der Theorien auch heute noch überzeugend?

7. Literaturverzeichnis

1. Jugend: Was ist das?

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, 470 - 399 v. Chr., griechischer Philosoph)“ (Meurer, 26.10.2004)

Dieses Zitat von Sokrates könnte genauso gut der Feder oder dem Mund eines heute lebenden Erwachsenen entsprungen sein. Hieran merkt man, dass sich an der spontanen, alltäglichen Einschätzung der jungen Leute durch die Erwachsenen über die Jahrtausende nicht viel geändert hat. Doch befand sich natürlich die Jugend zu Lebzeiten des Sokrates in einer völlig anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umgebung, als dies für die heutige Jugend der Fall ist. Bevor man jedoch über Jugend sprechen kann, muss man zunächst die Bedeutung dieses Begriffes, der weder „(...)in der Alltagssprache noch in der Fachsprache der Soziologie, der Psychologie oder der Pädagogik(...)“ (Schäfers, 2001, S.17) aus einem Inhalt besteht, klären. Man kann den Begriff anhand von einigen Tatsachen für den Bereich der Soziologie definieren. Zunächst einmal ist Jugend eine Altersphase die jeder Mensch auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen durchlaufen muss. Diese Phase ist durch die Pubertät biologisch vorgegeben, wird aber durch die Gesellschaft „(...)sozial und kulturell ‚überformt’(...)“ (Schäfers, 2001, S.17), da in ihr der junge Mensch die Fähigkeiten zum Handeln als Erwachsener erwirbt. Des Weiteren ist Jugend eine, wie ich später noch erläutern werde, gesellschaftliche Teil- beziehungsweise Subkultur, die bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen besitzt (vgl. Schäfers, 2001, S.17).

Diese kurze Definition erläutert aber lediglich Grundlagen. Welche Funktion hat der Lebensabschnitt der Jugend? Wie nimmt die Gesellschaft industrialisierter Staaten, also beispielsweise unsere eigene, Einfluss auf diesen Lebensabschnitt und welche Folgen hat dies? Wie ist diese Gesellschaft überhaupt aufgebaut und was für Auswirkungen bringt dies für die Heranwachsenden mit sich? Dies sind einige der Fragen die ich in dieser Arbeit anhand der Betrachtung zweier der bedeutendsten soziologischen Theoriemodelle zum Thema Jugend klären will. Dies wird zunächst die handlungstheoretische Jugendtheorie nach Tenbruck sein. Anschließend werde ich mich mit der funktionalistischen Jugendtheorie Eisenstadts auseinandersetzen. Die Betrachtungen dieser Theorien können im Umfang einer Seminararbeit natürlich nicht den Anspruch erheben, vollständig oder erschöpfend zu sein, deshalb werde ich lediglich einige Aspekte behandeln können. Nach den Erläuterungen zu den theoretischen Modellen wird ein kurzer Vergleich, bezüglich Gemeinsamkeiten und Unterschiede der grundlegenden Annahmen, folgen. Dann möchte ich mich der Frage zuwenden, inwieweit die getroffene Einordnung in die übergeordneten Theoriemodelle zutreffend ist. Beginnen werde ich die Arbeit mit Tenbrucks Ansatz, dessen Betrachtung auch ausführlicher sein wird, da er meiner Meinung nach der Überzeugendere ist, diese Einschätzung werde ich im Schlussabschnitt näher erläutern.

2. Die handlungstheoretische Jugendtheorie nach Tenbruck

2.1 kurze Biographie

Hier möchte ich einen sehr verkürzten Abriss der Biographie von Friedrich H. Tenbruck wiedergeben, da ich denke, dass es trotz aller gebotenen Kürze wichtig ist wesentliche Punkt der Biographie zu kennen, um seine Arbeit besser verstehen und einordnen zu können.

Geboren am 22.9.1919 in Essen, studiert Tenbruck zunächst Geschichte, Philosophie, Germanistik und promoviert 1944 in Marburg, bevor er nach kurzem Dienst in der Wehrmacht als wissenschaftliche Hilfskraft, ebenfalls in Marburg am philosophischen Seminar, von 1946 – 1949 arbeitet. Erst jetzt widmet er sein Augenmerk den Sozialwissenschaften, die er zwischen 1949 und 1951 an der University of Virginia studiert. Wieder in Deutschland ist er zunächst als Assistent in Frankfurt, dann ab 1953 in Stuttgart am Institut für vergleichende Sozialwissenschaften als Studienleiter und Assistent, tätig. Hiernach übernimmt er 1957 eine Assistenzprofessur erneut in den USA, bevor er 1963 kommissarisch den 2. Lehrstuhl für Soziologie in Frankfurt vertritt. Im gleichen Jahr habilitiert er in Freiburg mit seinem Werk „Geschichte und Gesellschaft“ und nimmt einen Lehrstuhl in Frankfurt an. Er wechselt 1967 zur Universität Tübingen und ist seither als Professor für Soziologie tätig. Er stirbt am 9.2.1994 (vgl. Griese, 1982, S. 124 f.; vgl. Friedrich-H.-Tenbruck-Archiv, 22.10.2004.).

2.2 Zentrale Aspekte seiner Theorie

2.2.1. Gesellschaftsanalyse nach Tenbruck

Die zwei grundlegenden Fragen mit denen sich Tenbruck im ersten Kapitel seines Werkes „Jugend und Gesellschaft“ beschäftigt sind: erstens die Frage wie die Gesellschaft die Übergabe des kulturellen Erbes an die Jugend bewerkstelligt (vgl. Tenbruck, 1962, S. 13) und zweitens, wie die Gesellschaft strukturiert ist, die diese Aufgabe zu bewältigen hat (vgl. Tenbruck, 1962, S. 14).

Nachdem er kurz darauf eingeht wie wichtig die Funktion der Jugend als „(...)Filter, durch den die Kultur einer Gesellschaft ständig passieren muß(...)“ (Tenbruck, 1962, S. 12) ist, erläutert er den zentralen Unterschied zwischen einfachen und komplexen Gesellschaften. In der einfachen Gesellschaft ist der/die Heranwachsende aufgrund der sozialen Einbindung in die Familie und der fehlenden Kommunikationsmittel dem direkten Zugriff der Gesellschaft entzogen (vgl. Tenbruck, 1962, S. 17). Gesellschaften mit einem hohen Grad an Differenzierung hingegen müssen auf die Heranwachsenden zugreifen können um die Sozialisierung dieser überhaupt bewerkstelligen zu können, da diese Aufgabe nicht mehr durch die Familie allein lösbar ist (vgl. Tenbruck, 1962, S. 18). Nun gibt er eine erste kurze Antwort auf die eingangs gestellte Frage, wie die Übergabe des kulturellen Erbes an die Jugend gestaltet wird. Tenbruck erkennt ein allgemeines Gesetz: „der Anteil der gesellschaftlichen Organisation an dem Transport der Kinder und Jugendlichen in die Gesellschaft, also in die auf sie wartenden erwachsenen Rollen, steigt mit dem Grade der sozialen Differenzierung.“ (Tenbruck, 1962, S. 21). Dies ist notwendig, denn „der in die Offenheit der Gesellschaft versetzte Jugendliche“ (Tenbruck, 1962, S.20) könnte nach der Einschätzung Tenbrucks nicht aus eigenen Mitteln heraus in die Gesellschaft hineinfinden. Solche gesellschaftlichen Organisationen sind zum Beispiel das Schulwesen in all seinen Formen, Fürsorgeeinrichtungen aller Art, das Kommunikations- und Informationsnetz in das Jugendliche eingebunden sind und nicht zuletzt der Staat mit Gesetzen und Verordnungen (vgl. Tenbruck, 1962, S. 22/23). All dies seien lediglich „(...)Stücke faktischer Sozialisierung(...)“ (Tenbruck, 1962, S. 25). Hinzu kommen nämlich „alle freien Zugriffe auf die Jugend“ (Tenbruck, 1962, S. 31) durch vor allem die oben genannten Medien, sowie die Einflüsse der verschiedenen Gruppen in denen Jugendliche moderner Gesellschaften sich bewegen. Denn eine Eigenschaft dieser Gesellschaften ist, dass jeder Mensch in einer Vielzahl mehr oder weniger bindender/verbindlicher Gruppen verkehrt. Dies führt aufgrund des ständigen, teils beliebigen Wechselns der Mitglieder einer Gruppe zu einer „Loslösung der Handlung vom Handelnden“ (Tenbruck, 1962, S.31), da ein Gruppengedächtnis aufgrund der mangelnden Beständigkeit fehlt. Diese Umstände fordern, dass die Gesellschaft Standardisierungen bereithält und vermittelt, um ihren Mitgliedern eine gewisse Handlungs- und Erwartungssicherheit zu geben, die diese brauchen (vgl. Tenbruck, 1962, S. 29). Der Mensch braucht, und insbesondere der Jugendliche, Rollen in Gruppen zur Identifikation. Doch gerade hier schlagen sich die Merkmale moderner Gesellschaften negativ nieder, da „die Jugendlichen Rollen mit der Differenzierung der Gesellschaft an Bestimmtheit und Kontur verloren haben.“ (Tenbruck, 1962, S. 34).

Die genannten Begebenheiten einer Gesellschaft haben „damit das Ergebnis der Sozialisierung einem nicht leicht durchschaubaren Spiel von Kräften überantwortet.“ (Tenbruck, 1962, S. 34). Viele Einflüsse wirken als Faktor der Sozialisierung auf den jungen Menschen ein, dies wirft nunmehr die Frage auf, „Was nämlich wird unter den angezeigten Bedingungen aus der Jugend?“ (Tenbruck, 1962, S. 45), mit der sich das folgende Kapitel näher befassen wird.

2.2.2. Merkmale der modernen Jugend

Was ist Jugend, wie entsteht sie und was sind ihre spezifischen Eigenheiten? Dies sind grob umrissen die Kernfragen, die im Kapitel „Moderne Jugend“ (Tenbruck, 1965, S. 53) behandelt werden.

Bei den hierauf gegebenen Antworten handelt es sich nicht um Erklärungen, die lediglich auf einen Nationalstaat bezogen sind, sondern Tenbruck versucht ganz bewusst seine Beschreibung der Jugend, die sich „(...)auf die aus verschiedenen Ländern vorliegenden Materialien, Erhebungen und Gesamtdarstellungen(...)“ (Tenbruck, 1965, S. 53) stützt, auf alle entwickelten Industriestaaten auszudehnen, da es sich bei dem Phänomen Jugend seiner Ansicht nach um ein „(...) Ergebnis einer charakteristischen Gruppenbildung, die sich in der komplexen Gesellschaft unvermeidlich einstellen muß. “ (Tenbruck, 1965, S. 67) handelt. Hierauf werde ich später noch einmal vertiefend zurückkommen. Was also ging aus den Erhebungen zur Situation der Jugend hervor? Tenbruck macht fünf grundlegende Tatsachen ausfindig. Erstens erkennt er „(...) eine enorme Verlängerung der Jugendspanne (...)“ (Tenbruck, 1965, S. 53) seit dem vorletzten Jahrhundert. Dies hat meiner Einschätzung nach zwei fundamentale Ursachen, von denen er jedoch nur eine erwähnt.

„Während das Kind in der einfachen Gesellschaft die Kultur gewöhnlich mit dem Abschluß der körperlichen Reife absorbiert hat, wird der Sozialisierungsprozeß durch die höhere Arbeitsteilung in der differenzierten Gesellschaft über die Sexualreife hinaus verzögert, was sich in der europäischen Geschichte bereits zu Beginn der Neuzeit zu bemerkbar machen anhebt.“ (Tenbruck, 1965, S. 65)

Ein weiterer wichtiger Grund, ist glaube ich jedoch auch die wegen des guten Ernährungszustandes der Bevölkerungen in den Industriestaaten immer früher einsetzende Pubertät, die natürlich zur Folge hat, dass der sexuelle Reifungsprozess früher abgeschlossen ist und somit zur Verlängerung der Jugendphase beiträgt. Als zweiten charakteristischen Punkt mit dem sich die Verfassung der Jugend verstehen lässt, beschreibt Tenbruck eine Form der „(...) allgemeinen Radikalisierung der Jugendphase (...)“ (Tenbruck, 1965, S. 54). Erkennbar würden die Sprunghaftigkeit und Formlosigkeit als Kennzeichen des heute alltäglichen jugendlichen Verhaltens bereits „an den in Musik, Tanz, Sprache, Umgang gepflegten Formen“ (Tenbruck, 1965, S. 54). Als Resultat sei die Entwicklung der Person häufig schwierig, gelinge gar nicht oder nur zum Teil (vgl. Tenbruck, 1965. S. 54). Jugendliche sind heutzutage in viele altershomogene Gruppen eingegliedert (Schule, Sportverein, etc.) die einen wichtigen Teil der Sozialisierung übernehmen (vgl. Tenbruck, 1965, S. 69). Hieraus entwickeln die Jugendlichen eigene Mode, Musik, Sport, etc. und sie bauen die Orientierung an der Erwachsenenwelt ab (vgl. Tenbruck, 1965, S. 55). Tenbruck sieht alle notwendigen Bedingungen um in der Soziologie von einer Teilkultur, also einer Gruppe, die über Eigenständigkeit und Selbstkontrolle verfügt, zu sprechen erfüllt, worin das dritte Merkmal zur Beschreibung zu sehen ist (vgl. Tenbruck, 1965, S. 55). Die wahrscheinlich am meisten bekannte und zitierte Aussage Tenbrucks ist das vierte Kennzeichen von Jugend in modernen Gesellschaften, der so genannte „(...)Puerilismus der Gesamtkultur(...)“ (Tenbruck, 1965, S. 55), der bereits von Huizinga zu Beginn des letzten Jahrhunderts erkannt wurde (vgl. Tenbruck, 1965, S. 55). Eigenschaften dieses Puerilismus sind nach Tenbruck vor allem folgende:

[...]

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Details

Titel
Der handlungstheoretische und strukturell-funktionalistische Ansatz in der Jugendsoziologie
Untertitel
F.H. Tenbrucks "Jugend und Gesellschaft" und S.N. Eisenstadts "Von Generation zu Generation" im Vegleich
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1.3
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V40136
ISBN (eBook)
9783638387248
ISBN (Buch)
9783638895781
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ansatz, Jugendsoziologie, Beispiel, Tenbrucks, Jugend, Gesellschaft, Vergleich, Eisenstadt, Generation, Generation)
Arbeit zitieren
Florian Rößle (Autor), 2004, Der handlungstheoretische und strukturell-funktionalistische Ansatz in der Jugendsoziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40136

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