Fast 300 Jahre liegen zwischen der Datierung des Briefes, dem 22. August 1603, welchen der Dichter Hugo von Hofmannsthal die fiktive Figur des Philipp Lord Chandos an den Empiriker Francis Bacon schreiben lässt, „um sich bei diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichtes auf literarische Betätigung zu entschuldigen“ (461), und der tatsächlichen Niederschrift des Textes im Jahre 1902. Nur diese zeitliche Diskrepanz von rund 300 Jahren, welche durch die grundlegenden Erfahrungen mit einem durch Rationalismus und Aufklärung bestimmten Weltbild geprägt sind, lässt diesen fiktiven Brief, eine „philos[ophische] Novelle[]“, wie Hofmannsthal schreibt, überhaupt erst möglich erscheinen. Über die Einsicht in die Unmöglichkeit einer Entschlüsselung der Welt und dem Erlangen einer allumfassenden Erkenntnis, welche sein übermächtiger Lehrer, Sir Francis Bacon, für möglich erachtete, stürzt Chandos in eine Krise, welcher er in jenem Brief Ausdruck verleiht. Und tatsächlich muss es sich um einen besonderen, bedeutsamen Brief handeln, betrachtet man die einleitenden Zeilen genau. Der Text bestätigt, dass es zwischen Chandos und Bacon in fernerer Vergangenheit eine intensive Korrespondenz gegeben haben muss, welche durch eine Veränderung im Erleben der Welt durch den Lord, ohne dass dies bis dato thematisiert wurde, abgerissen ist. Nun entschließt sich Chandos noch einmal zu schreiben. Seine ersten Worte verdeutlichen sogleich die Bedeutung, die er den folgenden Zeilen und seinem Adressaten beimisst. Er schreibt, dass dies „der Brief“ sei, den er „diesem Freunde“(461) sende. Durch die sprachliche Schaffung einer endgültigen Singularität des Ereignisses des Schreibens und der eindeutigen Bestimmtheit in Bezug auf den Adressaten, Francis Bacon, wird den Zeilen „dieses voraussichtlich letzten Briefes“ (472) eine für das Leben des Chandos grundlegende Relevanz eingeräumt. Der Brief wird damit Rück- und Ausblick zugleich. Hofmannsthal lässt Chandos, und man sollte sich hüten, wie dies oft geschehen ist, beide in Eins zu setzen und die Krise des Lords zu einer Krise des Dichters zu stilisieren, von einem verloren gegangenen Totalitätsgefühl berichten. Chandos erlebte „das ganze Dasein als eine große Einheit“ (463f.), in der er eine bruchlose Identität und unbezweifelte Erkenntnis fühlte. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ – Das Erleben der Einheit der Welt bei Bacon und Chandos
1. Der große Lehrmeister: Francis Bacon
2. Die Pläne der Optimisten
3. Die Methode der Optimisten
4. Der Geist als ein Spiegel der Welt
5. Das Gedächtnis als ein statischer Speicher der Welt
6. Werkzeuge der Erkenntnis - Sprache und Rhetorik
7. Der Nutzen verdammungswürdiger Metaphorik
II. „Es zerfiel mir alles in Teile“ – Der Verlust der Einheit eines konsistenten Weltbildes
1. Das Bewusstwerden des Irrtums der Erkennbarkeit der Welt
2. Das Eigenleben des Gedächtnis als Voraussetzung der Individuation
3. Der Zerfall des versprachlichten Bewusstseins
3.1 Eine sich ankündigende Krise
3.2 (Nicht)-Möglichkeiten von Sprache und des menschlichen Erkenntnisvermögens
3.2.1 Sprache als ein widerspruchsvolles Unding - Nietzsche
3.2.2 Die Dekonstruktion des sprachlichen Individuums - Mauthner
3.3 Zerfall der Kongruenz von Sprache und Welt in Ein Brief
3.4 Verweigerung der Prämissen der Sprachkritik bei Hofmannsthal
4. Das Scheitern der Pläne und der Methode
III. „Ein Fluidum des Lebens und Todes, des Traumes und Wachens“ – Das Erahnen des Doppelsinns
1. Neue Wege der Erkenntnis
2. Die Sprache der guten Augenblicke
3. Das Besondere im Allgemeinen – Die Synthesekraft des Mythos
4. Die Gestaltungskraft der Metaphorik jenseits des wissenschaftlichen Diskurses
4.1 Rück- und Ausblick
4.2 Der Segen des Bildlichen - Hamann
4.3 Die hitzige Flüssigkeit der Bildermasse - Nietzsche
4.4 Beständig das Fremdeste paarend - Hofmannsthal
5. Die Vergangenheit als Schlüssel zur Gegenwart und Zukunft
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Hofmannsthals fiktiven „Chandos-Brief“ als ein zentrales Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes, wie es durch Francis Bacon maßgeblich geprägt wurde. Sie verfolgt die Forschungsfrage, inwieweit Hofmannsthal durch diese Schrift ein rationales, auf Eindeutigkeit und Naturbeherrschung ausgerichtetes Weltbild überwindet und diesem durch die Mittel der Kunst, insbesondere durch Mythos und Metaphorik, ein alternatives Verständnis von Welt entgegenstellt.
- Die philosophische Auseinandersetzung mit Francis Bacon als Symbolfigur der Moderne und Rationalität.
- Die Analyse des Zerfalls eines konsistenten Weltbildes und der sprachkritischen Implikationen bei Chandos.
- Die Untersuchung der Rolle von Gedächtnis und Sprache in der Konstruktion von Subjektivität.
- Die Rekonstruktion neuer Erkenntniswege jenseits der wissenschaftlichen Logik, insbesondere durch das Konzept der „guten Augenblicke“.
- Die Bedeutung des Mythos und der Metaphorik als Mittel zur Erschließung einer individuellen Welterfahrung.
Auszug aus dem Buch
3. Die Methode der Optimisten
Bacon schreibt in der Vorrede zur Instauratio Magna, welche in ihrem zweiten Teil, dem Novum Organum, die Darstellung der bei der Erkenntniserweiterung notwendigen methodischen Anweisungen, also das Werkzeug enthält, über die bisherigen Leistungen der Philosophie und die Notwendigkeit einer Neuorientierung:
Deshalb bleibt das ganze [bisherige] Verfahren, das wir zur Erforschung der Natur einsetzen, nicht gut eingerichtet. Es gleicht einem äußerlich prächtigen Bau ohne sicheres Fundament. […] Abhilfe konnte nur so kommen, daß man an die Dinge mit neuen Methoden in der lauteren Absicht heranging, zu einer vollständigen Erneuerung der Wissenschaften und Künste, überhaupt der ganzen menschlichen Gelehrsamkeit, auf gesicherten Grundlagen zu kommen.
Bacon bezweifelt die Fähigkeit der bisherigen Wege der Erkenntnisgewinnung, welche nur durch einzelne Beobachtungen und Feststellungen, ohne diese auf einer empirisch gesicherten Grundlage fundamentiert zu haben, allgemeingültige Aussagen machen zu können. Die somit gewonnenen Wissensbestände befänden sich in einer großen Unordnung und müssten grundlegend systematisiert werden, um kenntlich und somit nutzbringend gemacht werden zu können. Dabei ist Bacon weniger an der philosophischen Fragestellung interessiert, was Erkenntnis eigentlich sei, sondern vielmehr von dem Gedanken geleitet, wie die Wege der Erkenntnis methodisch verbessert werden können. Er trennt demnach grundsätzlich die Sphären der Erkenntnis als Ergebnis eines kognitiven Prozesses und der Erkenntnis in Folge des Handelns, welcher er mit seiner Methode eine fundamentale Rolle beim Erlangen für den Menschen nützlicher Erkenntnisse beimisst. Die Methode, mit welcher er vorzugehen gedachte, war negativ bestimmt. Durch Induktion, also dem Gang vom besonderen zum allgemeinen Gegenstand und logische Ausschlüsse, sollte die Wissenschaft zur Erkenntnis des Ganzen gelangen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung situiert den Brief in der Korrespondenz zwischen Lord Chandos und Francis Bacon und skizziert die Krise als einen Gegenentwurf zu einem rationalistischen, durch Bacon geprägten Weltbild.
I. Die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ – Das Erleben der Einheit der Welt bei Bacon und Chandos: Dieses Kapitel analysiert das ursprüngliche, von Bacon beeinflusste Weltbild des Lord Chandos, das auf einer unerschütterlichen Zuversicht in die Erkenntnisfähigkeit des Menschen basierte.
II. „Es zerfiel mir alles in Teile“ – Der Verlust der Einheit eines konsistenten Weltbildes: Hier wird der krisenhafte Prozess des Zusammenbruchs dieses Weltbildes beschrieben, der als eine fundamentale Erschütterung von Sprache, Denken und der individuellen Identität verstanden wird.
III. „Ein Fluidum des Lebens und Todes, des Traumes und Wachens“ – Das Erahnen des Doppelsinns: Das abschließende Kapitel expliziert den Ausweg aus der Krise, der nicht in der Rückkehr zur alten Ordnung, sondern in einer neuen, mythisch und metaphorisch geprägten Welterfahrung liegt.
Schlüsselwörter
Hugo von Hofmannsthal, Lord Chandos, Francis Bacon, Erkenntniskritik, Sprachkritik, Dekonstruktion, Rationalismus, Moderne, Mythos, Metaphorik, Gedächtnis, Subjektivität, Epiphanie, Induktion, Welterkenntnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert Hofmannsthals „Chandos-Brief“ als ein zentrales literarisches Zeugnis, das die Krise des modernen, rationalistisch geprägten Weltbildes thematisiert und durch einen Gegenentwurf zur baconschen Philosophie auflöst.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Erkenntnistheorie, die Sprachphilosophie, die Funktion des Gedächtnisses und das Verhältnis zwischen rationaler Wissenschaft und dichterischer Welterschließung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den „Chandos-Brief“ als eine bewusste Auseinandersetzung mit Bacons wissenschaftlichem Programm der Naturbeherrschung zu lesen und aufzuzeigen, wie Hofmannsthal durch die Mittel des Mythos und der metaphorischen Sprache eine neue, ganzheitliche Form der Erkenntnis etabliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird ein literaturwissenschaftlicher und philosophischer Ansatz verfolgt, der den Brief in den Kontext der Baconschen Philosophie sowie zeitgenössischer sprachkritischer Ansätze (Nietzsche, Mauthner) stellt, um die Dekonstruktion und Neukonstruktion des Weltbildes von Chandos nachzuzeichnen.
Was genau wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte: Die Analyse der baconschen Prägung des jungen Chandos, die detaillierte Darstellung des Zerfalls dieses Weltbildes in der Krise und die Untersuchung der neuen Erkenntniswege in Form des „doppelsinnigen“ Erlebens und der mythologischen Synthese.
Welche Schlüsselbegriffe sind für das Verständnis der Arbeit essentiell?
Entscheidend sind die Begriffe Totalitätsbewusstsein, induktive Methode, Sprachkrise, „gute Augenblicke“ (Epiphanie), mythische Synthese und die Spiegelmetapher im Kontrast zur metaphorischen Bildermasse.
Wie genau vollzieht sich der „Verlust der Einheit“ bei Lord Chandos?
Der Verlust geschieht durch das Versagen der Sprache, die vormals eine geordnete Welterfassung ermöglichte. Wenn Chandos versucht, die Welt weiter mit den „alten“ logischen Begriffen zu erfassen, zerfallen diese Begriffe für ihn, was ihn in eine tiefe Isolation und schließlich in die Sprachlosigkeit führt.
Welche Rolle spielt der Mythos bei der Lösung der Chandos-Krise?
Der Mythos fungiert für Chandos als neues Erkenntnismedium. Im Gegensatz zur rationalen Zergliederung ermöglicht er es, Widersprüche und Gegensätze innerhalb der Dinge zu vereinen, ohne sie gewaltsam zu nivellieren, und somit ein neues „Gleichgewicht“ der Welterfahrung zu finden.
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- Stefan Mielitz (Author), 2005, 'Alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich' - Hofmannsthals 'Brief' als ein Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40192