Aggression und Gewalt an Schulen


Examensarbeit, 2005

74 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Inhalt der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Ausmaß der Aggression von Kindern und Jugendlichen
2.1 Verbreitung des Problemverhaltens
2.1.1 Schule und Schulweg
2.1.2 Allgemeine Delinquenz und Aggressivität
2.1.3 Geschlechter
2.1.4 Schultypen
2.1.5 Alter
2.1.6 Ausländische Jugendliche
2.2 Bedingungen des Problemverhaltens
2.2.1 Familienmerkmale
2.2.2 Persönlichkeit und psychische Probleme
2.2.3 Verarbeitung sozialer Informationen
2.2.4 Soziale Kompetenz und Problembewältigung
2.2.5 Schulische Merkmale
2.2.6 Peergruppen
2.2.7 Freizeitverhalten
2.2.8 Medien
2.2.9 Substanzengebrauch
2.3 Zusammenfassung

3 Misshandlung eines Jugendlichen in Hildesheim
3.1 Die Werner-von-Siemens-Schule in Hildesheim
3.2 Die Übergriffe
3.3 Die Ereignisse werden öffentlich
3.4 Der Prozess
3.5 Die Lehrer
3.6 Bewertung

4 Begriffsbestimmungen von Aggression und Gewalt
4.1 Der Aggressionsbegriff
4.2 Der Gewaltbegriff
4.3 Begriffliche Differenzierung von Aggression und Gewalt

5 Erscheinungsformen von Aggressionen und Theorien über Aggressionen
5.1 Erscheinungsformen von Aggressionen
5.1.1 Ärger-Aggression und instrumentelle Aggression
5.1.2 Direkte und indirekte Aggression
5.1.3 Kollektive Aggression
5.1.4 Autoaggression
5.2 Aggressionstheorien
5.2.1 Psychoanalytische Theorien – Triebtheorien
5.2.2 Frustrations-Aggressions-Hypothese
5.2.3 Lerntheoretische Aggressionsmodelle
5.2.4 Soziologische Theorien
5.2.5 Schlüsse aus den aggressionstheoretischen Ansätzen

6 Pädagogische Handlungsperspektiven
6.1 Mediation
6.2 Zusammenarbeit von Lehrern und Sozialpädagogen
6.3 Lehrerkooperation
6.4 Kooperation zwischen Eltern und Lehrern
6.5 Das Münchner Lehrertraining
6.6 Sozialklima entwickeln

7 Ausblick

8 Literatur

1 Einleitung

1.1 Inhalt der Arbeit

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit Aggression und personaler Gewalt[1] von Kindern und Jugendlichen auseinander. Es wird gezeigt, aus welchen Motiven und Umständen heraus Kinder und Jugendliche zu Aggressionen neigen. Im Anschluss werden Möglichkeiten vorgestellt, mit deren Hilfe Aggression ohne Anwendung von Gewalt begegnet werden kann.

Die Aggression von Kindern und Jugendlichen ist nicht nur für Lehrer von Interesse. Glaubt man den vielfältigen Medienberichten, gehören Aggression und personale Gewalt zum Alltag an deutschen Schulen. Meldungen über Gewalt an Schulen, Berichte von randalierenden Jugendlichen, von deren Diebstählen, Sachbeschädigungen, Überfällen, Prügeleien, Angriffen mit Messern oder Schusswaffen deuten auf einen Anstieg der Taten hin. Der Amoklauf im September 2002 in Erfurt mit 17 Toten und daraufhin zunehmende Präsens von Gewalttaten mit besonderer Brutalität in den Medien legen die Vermutung nahe, dass die Schwere der Fälle zugenommen hat. Öffentlichkeit und Politik reagieren darauf. Politiker fordern schärfere Sanktionen, Lehrer kleinere Klassen und Eltern Polizei in den Schulen und mehr Schulsozialarbeit. Die bereits geringen finanziellen Mittel werden statt dessen weiter gekürzt.[2]

Im Folgenden werden diese intuitiven Vermutungen über Form und Ausmaß von Aggression auf wissenschaftlicher Ebene bestätigt oder korrigiert und Mittel zur Prävention und Intervention vorgestellt. Hier musste eine Auswahl der Mittel bzw. Maßnahmen getroffen werden.

Maßnahmen, wie Kontrollen der Kleidung und Taschen, Videoüberwachung und Schulhauspatrouillen, die oft gefordert werden, um den ansteigenden Bedrohungen durch Aggression und Gewalt entgegen zu wirken, vermitteln Angst und Unsicherheit, Kontrolle und Bedrängnis. Die Aggression kann sich steigern. Dies ist in den USA zu beobachten, wo viele dieser Maßnahmen an den Schulen angewandt werden und die Gewalt weitaus bedenklichere Ausmaße angenommen hat.

Deshalb sollen hier alternative Maßnahmen vorgestellt werden, die einer solchen Gefahr nicht ausgesetzt sind. Sie stellen im Gegensatz zu den oben genannten Maßnahmen einen positiven Ansatz dar, der vor allem den Zielen der Kooperation der Beteiligten, des Erwerbs sozialer Kompetenzen und der nachhaltigen Verbesserung der Situation folgt. Es sollen nicht nur die Symptome bekämpft, sondern auch die dahinter stehenden Probleme gelöst werden.

In meinen Praktika konnte ich diverse Formen von abweichendem Verhalten beobachten. Mit meinen intuitiv angewandten Erziehungsmethoden wie Ermahnen, direktes Ansprechen, Ich-Botschaften etc. konnte ich mir nicht in allen Unterrichtsstunden Aufmerksamkeit verschaffen. Zudem konnte ich bei verschiedenen Lehrern hospitieren und habe reichhaltige Erfahrungen über den Umgang der Lehrer mit den Schülern sammeln können. Mich erstaunte jedoch immer wieder, dass dieselbe Klasse bei verschiedenen Lehrern völlig unterschiedlich reagierte. Dies nahm ich zum Anlass der Beschäftigung mit Erziehungsmethoden und Interventionsmaßnahmen in verschiedenen Seminararbeiten. Daran knüpft die vorliegende Arbeit an.

Auch wenn durch die Praxis viel im Umgang mit Kindern und Jugendlichen gelernt werden kann, ist es unerlässlich, sich eingehend mit den theoretischen Grundlagen zu beschäftigen. Weder Theorie noch Erfahrung können allein zu einem bestmöglichen Ergebnis pädagogischen Handelns führen. Die Theorie ermöglicht, in der Distanz bestimmte Situationen zu analysieren und sie vermittelt gute Ideen für pädagogisches Handeln. Ein guter Erzieher benötigt zudem Erfahrungen pädagogischen Handelns, um sich weiterentwickeln zu können. Pädagogische Handlungen müssen theoretische Grundlagen haben. Die Theorie gibt also Erkenntnisse zur Begründung pädagogischen Handelns.

Am Beispiel der Vorfälle einer Hildesheimer Schule, an der ein Jugendlicher über Monate von seinen Mitschülern gequält wurde, sollen Mechanismen aufgezeigt und Fragen gestellt werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Im Kapitel 2 wird zunächst der Ist-Stand des Ausmaßes von Gewalt an Schulen festgestellt. Gemeinsam mit dem konkreten Beispiel aggressiven Handelns in Kapitel 3 soll die Notwendigkeit der Betrachtung dieses Themas aufgezeigt werden. Im Kapitel 4 werden die Begriffe Gewalt und Aggression definiert, um eine wissenschaftliche Begriffsgrundlage zu schaffen. Die Formen der Aggression und die Theorien der Entstehung von Aggression werden im Kapitel 5 vorgestellt. Sie bilden die Grundlage für die Vorstellung ausgewählter Methoden der Prävention und Intervention gegen Aggression und Gewalt. Ein Ausblick in Kapitel 7 schließt die Arbeit ab. Die Nutzung der männlichen Formen bei Personen (Schüler, Lehrer, Sozialarbeiter etc.) soll das Lesen erleichtern. Sie schließt die weiblichen Formen (Schülerin, Lehrerin, Sozialarbeiterin etc.) stets mit ein.

2 Ausmaß der Aggression von Kindern und Jugendlichen

Anfang der 90er Jahre entstand die öffentliche Debatte um Gewalt an Schulen.[3] In den Medien wurden Einzelfälle publiziert und Gewalt an Schulen wurde zu einem Schwerpunkt der wissenschaftlichen Forschung.[4]

Die Verbreitung und die Bedingungen des Problemverhaltens werden hier näher untersucht. Dazu haben Lösel und Bliesener (2003) zwei Untersuchungen erstellt. Die Ergebnisse der ersten Untersuchung werden in den folgenden Ausführungen dargestellt.

Der erste Untersuchungsteil wurde in 7. und 8. Klassen in Nürnberg und Erlangen schriftlich durchgeführt. Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien wurden einbezogen. Da Gesamtschulen nicht flächendeckend eingerichtet waren, wurden diese nicht berücksichtigt. Die Untersuchung wurde in 52 Klassen aus 11 Schulen durchgeführt. 1163 Schülerinnen und Schüler nahmen teil.[5]

2.1 Verbreitung des Problemverhaltens

2.1.1 Schule und Schulweg

4% der Jugendlichen wurden im letzten Halbjahr mit einer Waffe bedroht oder haben selbst andere mit einer Waffe bedroht. Etwa ein Drittel hat in der Schule verbale Gewalt erfahren oder hat verbale Aggression gezeigt. Fast die Hälfte aller Befragten hat Schüler oder Schülerinnen geschlagen oder getreten. Da nur wenige angaben, Opfer gewesen zu sein, ist davon auszugehen, dass sich die Aggression auf wenige Opfer konzentrierte. Lösel und Bliesener weisen jedoch darauf hin, dass diese Schläge und Tritte häufig ein spielerischer Charakter haben. Unter 10% der Schülerinnen und Schüler gaben an, einmal oder mehrmals wöchentlich Aggression zu zeigen. Sehr vielen Schülern, die sich selten aggressiv gegen Mitschüler verhalten, stehen wenige Schüler gegenüber, die es häufig tun. Auf dem Schulweg wird weniger Aggression ausgeübt und erlebt, als in der Schule. Es scheint naheliegend, dass die Opfer auf dem Weg zur Schule andere Wege wählen können und somit ihren Peinigern entkommen können, wohingegen sie in der Schule räumlich keine Fluchtmöglichkeiten haben.

2.1.2 Allgemeine Delinquenz und Aggressivität

Leichte Normverletzungen (zum Beispiel: Schwarzfahren) im vergangenen Jahr wurden von ca. 80% der Schülerinnen und Schüler zugegeben. Etwa 30% begingen Diebstähle verschiedener Art, vorsätzliche Körperverletzung, schwänzten die Schule oder betranken sich. Weniger als ein Zehntel der Jugendlichen verübten einen Raub, besaßen unerlaubt Waffen, bedrohten mit einer Waffe, schwänzten länger die Schule, begingen Diebstahl gegenüber Klassenkameraden, gebrauchten Rauschgift et cetera. Die Taten wurden meist nur einmal oder gelegentlich (2-5x) ausgeübt. Schwerwiegende Straftaten waren relativ selten. Mehrfachtäter waren häufiger als Einzeltäter, doch Intensivtäter (6 oder mehr Delikte) machten nur 5% aus. Die Aggression an Schulen steht in einem engen Zusammenhang mit allgemeiner Delinquenz der Jugendlichen.

2.1.3 Geschlechter

Jungen erfahren häufiger körperliche Gewalt als Mädchen. Bei verbaler Gewalt sind die Geschlechterunterschiede gering. Mädchen sind in ähnlichem Maße Opfer wie Jungen, trotz geringerer aktiver Beteiligung an Aggressionen. Mädchen haben mehr Furcht vor Gewalt. Nach Ergebnissen zur allgemeinen Kriminalitätsfurcht haben sie später als Frauen auch größere Furcht als Männer.[6] Jungen sehen ihre Aggressionen häufiger als mehr oder weniger ernsthaftes Kräftemessen. Die klassische Männlichkeitsrolle lässt sie Aggressivität normaler empfinden und deshalb klagen sie weniger darüber. Da Mädchen physisch schwächer sind, hat Furcht bei ihnen eine protektive Funktion.

Bei der Delinquenz außerhalb der Schule zeigen Jungen mehr Normverletzungen, insbesondere Gewalttaten und vandalistische Delikte. Geringere Unterschiede bestehen bei Eigentumsdelikten. Mädchen schwänzen häufiger (41%) die Schule als Jungen (34%).

2.1.4 Schultypen

Besonders große Unterschiede im Ausmaß der Aggression bestehen zwischen Gymnasien und Hauptschulen. Die Realschule nimmt eine mittlere Stellung ein. Bei der Viktimisierung existieren kaum Unterschiede. Insgesamt ist die Diskrepanz gering ausgeprägt, so dass keine Schulform als besonders belastet angesehen werden kann. Die Qualität des schulischen Lebens ist unabhängig von der Schulform. Der Vandalismus ist in allen drei untersuchten Schulformen ähnlich auffällig. Trotz der geringen Differenzen muss darauf hingewiesen werden, dass auf allen Skalen die Hauptschüler die höchsten Werte aufweisen.

2.1.5 Alter

An der Untersuchung nahmen nur Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen teil. Deshalb können Lösel und Bliesener nur Aussagen über die 13- bis 15-jährigen Jugendlichen machen.

Zwischen 13 und 15 Jahren steigt die körperliche und verbale Aggression deutlich an. Die 15-jährigen begehen signifikant mehr Eigentumsdelikte, Aggressionsdelikte und Rückzugsdelinquenz. Es konnte nicht festgestellt werden, dass die jüngeren Schüler häufiger Opfer sind.

Tillmann (1998) konstatiert „eine Art ‚Gewaltspitze’ bei den 13- bis 15jährigen“[7]. Nach diesem Alter nimmt die Häufigkeit von körperlichen Gewalthandlungen ab. Über verbales Aggressionsverhalten wird keine Aussage getroffen.

2.1.6 Ausländische Jugendliche

Etwa ein Viertel der an den Studien von Lösel und Bliesener teilnehmenden Jugendlichen war ausländischer Staatsangehörigkeit. Sie erreichten etwas höhere Werte der aktiven Aggressionsausübung, die jedoch unmaßgeblich sind. Ausländische Schülerinnen und Schüler berichten seltener, Opfer zu sein. Bei der Rückzugsdelinquenz haben sie höhere Werte. Es muss jedoch festgestellt werden, dass regionale Faktoren sowie die Stichprobengröße eine Rolle spielen. Eine geringe Anzahl an teilnehmenden Nicht-Deutschen kann wenig verallgemeinert werden. Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen nahmen an der Studie nicht teil.

2.2 Bedingungen des Problemverhaltens

2.2.1 Familienmerkmale

Schul-Bullying[8] und allgemeine Dissozialität hängen nur gering mit objektiven familialen Daten zusammen. Unterschichtzugehörigkeit, Scheidung und andere Probleme erklären nur

einen Teil des Problemverhaltens. Statistisch signifikant sind multiple Korrelationen zwischen Sozialisationsbelastungen und Problemverhalten. Familiäre Belastungen und Opferwerden stehen in wechselseitiger Beziehung. Sehr bedeutsam ist die emotionale Qualität des Familienklimas. Wenn das häusliche Klima als warmherzig und anregend empfunden und die elterliche Erziehung akzeptiert und nicht aggressiv erlebt wird, dann sind Jugendliche weniger aggressiv gegenüber Mitschülern. Schüler die häufig Aggressionsopfer sind, berichten im Großteil über ungünstigeres Familienklima und Erziehungsverhalten. Dabei ist das erlebte Familienklima für delinquente Mädchen erheblicher als für Jungen. Autoritative Erziehung[9] ist am besten für die soziale Entwicklung des Kindes. Wenig emotionale Wärme, wenig Normorientierung und hohe Aggressivität sind Aspekte einer besonders ungünstigen Kombination.

2.2.2 Persönlichkeit und psychische Probleme

Schüler, die hohe Werte im Bullying hatten, also Mitschüler über langen Zeitraum absichtlich schädigten, berichteten in stärkerem Maße über Aufmerksamkeitsprobleme, Identitäts- und Denkprobleme. Sie erreichten höhere Werte bei der Delinquenz und bei der allgemeinen Dissozialität. Lehrer schätzten die Opfer aggressiver Handlungen als weniger durchsetzungsfähig und eher unterwürfig ein. Aggressionsopfer sind besonders ängstlich und depressiv. Sie leiden an Identitätsproblemen, sozialen Schwierigkeiten und ziehen sich sozial schneller zurück. Die Wirkprozesse scheinen jedoch unklar: Entweder führt die dauerhafte Opfererfahrung zur Entwicklung nach innen gerichteter Symptome oder ängstliche Jugendliche erscheinen den Täter als besonders geeignete Opfer. Wahrscheinlich ist eine gegenseitige Verstärkung.

2.2.3 Verarbeitung sozialer Informationen

Lösel und Bliesener (2003) konnten einen Zusammenhang von Aggressivität und Delinquenz mit kognitiven Schemata und Reaktionsbereitschaften feststellen. Der Viktimisierungsgrad hängt nicht mit den kognitiven Schemata und den Reaktionsbereitschaften zusammen. Aggressive Jugendliche haben egoistische Ziele, zeigen weniger Bereitschaft zum Verständnis des Gegenübers oder zur Deeskalation. Sie neigen deutlich mehr zu impulsiven Reaktionen. Die soziale Informationsverarbeitung korreliert am höchsten mit dem Schul-Bullying.

2.2.4 Soziale Kompetenz und Problembewältigung

Aggressive Schüler berichteten selbst über geringere Kompetenz in interpersonellen Konfliktsituationen. Sie erreichen weniger aktives Bewältigungsverhalten und intern-emotionales Coping und gehen Problemen aus dem Weg. Opfer ziehen sich häufiger zurück und sind unbeliebter, weshalb sie erneut hohes Risiko haben, wieder Opfer zu werden.

2.2.5 Schulische Merkmale

Die Schul- und Klassengröße sowie der Urbanitätsgrad des Schulstandorts haben keinen Einfluss auf Schul-Bullying und Viktimisierung. Entscheidenden Einfluss hat das Schulklima. Leistungs- und Disziplindruck und damit insbesondere der Konkurrenzkampf steigern minimal die Aggressivität. Des Weiteren wird aggressives Verhalten durch geringen Zusammenhalt und konflikthaftes Klassenklima erhöht. Das Opferwerden trägt dazu bei, wie das Klassenklima erlebt wird. Aggressive Schüler weisen schlechtere Noten in folgenden Kernfächern auf: Deutsch, Mathematik und Englisch. Jugendliche, die ein Jahr wiederholen mussten, sind häufiger aggressiv. Schlechte Noten können Bedingung, Begleiterscheinung und Folge sozialen Fehlverhaltens sein. Die Opfer sind weder besser noch schlechter in den Kernfächern, aber sie haben schlechtere Noten im Sportunterricht, was auf geringe körperliche Fitness hinweist. Bullies schwänzen häufiger die Schule.

2.2.6 Peergruppen

Eine Peergroup ist eine Gemeinschaft von Jugendlichen gleichen Alters, die sich gegenseitig beim Loslösungsprozess vom Elternhaus unterstützen. Über 50% der befragten Schülerinnen und Schüler gehören einer Clique an. Die Mitglieder kennen sich zu 70% aus der Schule. Etwa die Hälfte trifft sich täglich mit der Clique, 1/3 mehrmals pro Woche. 42% berichteten über gemeinsames Rumhängen. Etwa 15% hatten Prügeleien mit anderen Gruppen, 10% mit Waffengebrauch. Die Jugendlichen, die vom gemeinsamen Rumhängen berichtete, hatten höhere Aggressivitätswerte. Bullies werden häufig in der Klasse abgelehnt, erhalten aber in der Subgruppe Bestätigung.

Gewalttätigkeit ist ein Gruppenphänomen und Gewalttäter in Gruppen wirken oft als Vorbild. Dies wirkt besonders auf unsichere Schüler. Der Gewalttäter wird durch die Anerkennung anderer in seinem Handeln verstärkt und die Hemmungen gegen aggressive Tendenzen sinken bei ihm. Lehrer müssen deshalb in Kenntnis dieser Reaktionsmechanismen den Ablauf der Kette unterbrechen. Hinzu kommt, dass einzelne Personen ein abgeschwächtes Gefühl individueller Verantwortung empfinden, wenn sie Gewalttaten in Gruppen begehen.

2.2.7 Freizeitverhalten

In der Studie von Lösel und Bliesener konnte ermittelt werden, dass Jugendliche häufig Musik hören, fern sehen, Freunde treffen, Sport treiben und Fahrrad fahren. Wer viel liest ist als Jugendlicher stärker viktimisiert, aber weniger dissozial. Jugendliche, die viel lesen, sind weniger eng in Freundeskreise eingebunden und damit leichter als Opfer zu sehen. Kontakte in Jugendklubs können ein Risikofaktor sein. Es kommt darauf an, welche Jugendlichen sich dort treffen und welche Aktivitäten sie betreiben. Im ungünstigsten Fall, lernen sich dort Jugendliche kennen, die sich gegenseitig zu Gewalttaten animieren. Konsumorientierte Tätigkeiten gehen, im Gegensatz zu strukturierten Tätigkeiten, mit mehr Bullying, Delinquenz und Dissozialität einher.

2.2.8 Medien

56% der Jugendlichen besitzen einen eigenen Fernseher, 83% eine eigene Stereoanlage, 44% einen eigenen Computer und 39% ein Telespielgerät. Die Jugendlichen sehen im Durchschnitt 2 bis 3 Stunden Fernsehen pro Tag. Etwa ein Achtel aller Jugendlichen sehen mehr als 4 Stunden am Tag fern. Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler nutzen an den Wochenendtagen den Fernseher mehr als 4 Stunden als Freizeitbeschäftigung. Vor allem Musikvideos, Serien, Spiel- und Actionfilme werden konsumiert. Der allgemeine Fernsehkonsum korreliert nur schwach mit aggressivem und delinquentem Verhalten. Der Videokonsum steht in engerer Beziehung zur Aggressivität. Eine deutliche Beziehung ist zwischen dem Konsum gewalthaltiger Filme und aggressivem Verhalten (besonders gegen Mitschüler) zu erkennen. Gewalthaltige Filme müssen dabei nicht die Ursache von Aggressivität sein. Sie haben zumindest eine verstärkende Wirkung.

2.2.9 Substanzengebrauch

Ein Drittel der Jungen und fast die Hälfte der Mädchen haben im letzten Monat mindestens einmal geraucht. 15% der Jungen rauchen täglich, 5% mehrmals pro Woche. Bei den Mädchen fallen die Werte höher aus: 22% rauchen täglich, 7% mehrmals wöchentlich. 25% der Jungen (23% der Mädchen) trinken mindestens einmal wöchentlich Bier, Wein oder Sekt, 1,7% sogar täglich (Mädchen: 0,7%). Mehr als jeder zehnte Junge trinkt mindestens einmal wöchentlich Schnaps oder Likör und 1,5% der Jungen täglich. Bei den Mädchen sind die Werte etwas geringer. Mehr als 8% der Jugendlichen nehmen gelegentlich Drogen, etwa 3% konsumieren oft Drogen.

Der Substanzengebrauch erweist sich damit als Teil eines Syndroms jugendlichen Problemverhaltens. Die Viktimisierung hängt nicht mit dem Substanzengebrauch zusammen. Die Opfer aggressiven Verhaltens sind weder angepasst oder gesundheitsbewusst, noch haben sie einen kompensatorischen Mehrgebrauch.

2.3 Zusammenfassung

Die Studie hat gezeigt, dass leichtere und gelegentliche Aggressionen überwiegen. Mädchen begehen weniger körperliche Aggressionen als Jungen. Bei verbalen und psychischen Aggressionen sind die Werte etwa gleich. Der Grad der Viktimisierung war unabhängig von dem der selbst ausgeübten Aggressionen. Etwa 5 % der befragten Schüler waren Opfer. Sie wurden häufiger in der Schule als auf dem Schulweg Opfer. Mädchen wurden seltener Opfer, berichteten aber in größerem Maße über Angst vor Gewalt. Zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen gab es wenig Unterschiede.

Die Zusammenhänge des Problemverhaltens mit den Bedingungsfaktoren waren zumeist signifikant. Bei einzelnen Variablen gab es kleinere Effekte. Multivariante Analysen zeigten deutliche Zusammenhänge.

Die Zugehörigkeit zu einer Unterschichtfamilie erhöht das Aggressionsrisiko, doch ausgeprägter waren Beziehungen zum Erziehungsverhalten und familiären Klima (fehlende emotionale Wärme, mehr Gewalt und Strenge). Aggressive Jugendliche waren impulsiver, sozial inkompetenter und dominanter als andere Jugendliche. Delinquente Jugendliche zeigten geringeres Verständnis für die Situation, bemühten sich weniger um Klärung. Die Schulgröße und Klassenstärke hatten keinen wesentlichen Einfluss auf die Aggressionen der Schüler. Anders war es bei dem sozialen Klima: Wo größere Anonymität und mehr Leistungsdruck herrschen, nimmt Aggressivität zu. Der Einfluss der Gleichaltrigen konnte klar bestätigt werden. Die Peergruppen-Merkmale, das Freizeitverhalten, der gewalthaltige Medienkonsum und der Substanzengebrauch hingen sehr deutlich mit dem Problemverhalten zusammen.

3 Misshandlung eines Jugendlichen in Hildesheim

3.1 Die Werner-von-Siemens-Schule in Hildesheim

Die Werner-von-Siemens-Schule macht einen freundlichen Eindruck. Das Gebäude ist hell und modern, keine Graffiti an den Wänden, kein zerstörtes Mobiliar. Mit Gewalt gibt es offenbar wenig Erfahrung. „Nur die üblichen Rangeleien“, sagt der Schulleiter Hans-Herman Sölter. Auch die meisten Schüler wollen davon nichts wissen.[10]

Die Werner-von-Siemens-Schule ist eine Schule im Sinne der Bundesbildungsministerin Edelgard Buhlmahn. In dieser Schule lernen alle unter einem Dach. Alle sind hier gleich. Doch die 1700 Schüler kennen sich untereinander kaum. Die Berufsschüler kennen die Abiturienten nicht. Die Realschüler mit Lehre kennen die Hauptschüler nicht und die Schüler im Berufsvorbereitungskurs kennen nur sich.[11]

Schuldirektor Hans-Hermann Sölter sagte, dass Jugendliche, die ein Berufsvorbereitungsjahr absolvieren, oftmals an ihren alten Schulen nicht mehr gewollt sind. Es sind Schüler, die den Hauptschulabschluss nicht erreicht haben, darunter zahlreiche Aussiedlerkinder. Freiwillig käme keiner an eine solche Schule, wenn es die Schulpflicht nicht geben würde.[12] Einer der Angeklagten, Tibet D. sei „unbeschulbar und erziehungsresistent“ sagte der Leiter seiner früheren Schule, Hinrich Tschyhowski.[13]

3.2 Die Übergriffe

Neun Schüler im Alter von 16 bis 18 Jahren sollen einen Klassenkameraden Monate lang gequält haben. Mitschüler sollen von den Misshandlungen gewusst haben. Sie schwiegen.

Das Opfer ist ein 17-jähriger Schüler. Er gilt als schüchtern. Dieter D. ist ein bisschen anders als die Mehrheit. Er ist still, schmächtig, unauffällig, kleidet sich nicht so, wie es allgemein anerkannt ist. Dieter hat keine Freunde, obwohl sich jetzt viele drängen, Freund gewesen zu sein.[14] Er war ein guter Schüler, manchmal erhielt er eine Eins. Aber vielleicht war das sogar der Grund, ausgerechnet ihn auszusuchen. Ebenso könnte sein früheres Auftreten den Ausschlag gegeben haben. Dabei habe er sich nur rechtsradikal gekleidet, ohne die passende Gesinnung zu haben.[15] Die Suche nach Erklärungen wird noch lange dauern und möglicherweise zu keinem Ergebnis führen.

17 Wochen lang durchlitt er Demütigungen und Schläge. Für sein Leid wurde er von seinen Mitschülern sogar noch verspottet. Dass die Schläger über mehrere Monate unerkannt bleiben konnten, lag auch am Wegsehen der anderen Schüler. Gehört Angst, Einschüchterung und Gewalt zum Alltag an deutschen Schulen? Offenbar war fast die gesamte Klasse an den brutalen Misshandlungen beteiligt. Sie quälten ihren Mitschüler nach Stundenplan, immer mittwochs und donnerstags. Das „Gefängnis“[16] des 18-jährigen[17] aus Nordstemmen bei Hildesheim befand sich im Keller der Werner-von-Siemens-Berufsschule. Der Materialraum ist funktionell eingerichtet. Kühles Licht aus Neonröhren, an den Wänden stehen Regale mit Eisenrohren und Metallleisten. Zweimal pro Woche schloss sich hinter Dieter D. die Eisentür des Materialraumes.

Während der Lehrer im Nebenraum saß, musste der 18-jährige seinen Mitschülern vor laufender Kamera die Füße küssen. Er wurde mit Stahlkappen-Schuhen getreten und er wurde gezwungen, Kreide zu essen, sich bekleidet zu duschen, Zigarettenfilter zu kauen und sexuellen Handlungen an sich vorzunehmen.[18] Das Opfer wurde wiederholt getreten und mit Fäusten oder Metallrohren geschlagen.[19] Sie hatten Dieter D. gezwungen, die Fliesen anzustarren und dabei zu zählen, wie oft das Licht an und aus geschalten wurde. Damit er es nicht so leicht hatte, schlugen sie in einem anderen Rhythmus auf ihn ein. Er musste sich mit Maschinenöl einschmieren, auch den Penis, sie zündelten an seinen Schamhaaren.[20]

[...]


[1] Die Begriffe Aggression, Gewalt und personale Gewalt werden gemäß dem in Kapitel 4.3 festgelegten Begriffsverständnis benutzt.

[2] Vgl. Märkische Oderzeitung (MOZ) vom 04. Februar 2005

[3] Der Begriff „Gewalt an Schulen“ hat sich in der öffentlichen Diskussion gegen den Begriff der „Aggression an Schulen“ durchgesetzt. Gemeint sind hier aber unter genanntem Ausdruck Aggression, personale Gewalt und Gewalt gemäß Kapitel 4.

[4] Tillmann, Klaus-Jürgen u.a. 1999, S. 13

[5] Lösel/Bliesener 2003, S. 33

[6] Vgl. Lösel/Bliesener 2003, S. 51

[7] Tillmann u.a. 1998, S. 17

[8] Schul-Bullying ist eine spezifische Form der Aggression. Bullying ist wiederholte, absichtliche Schädigung anderer Schüler über einen langen Zeitraum. Diese Schädigung wird in einer Beziehung ausgeübt, die ein Machtungleichgewicht aufweist.

[9] Autoritative Erziehung ist warmherzig und setzt gleichzeitig Grenzen.

[10] www.stern.de

[11] FAZ am Sonntag vom 09.02.2004

[12] dpa am 03.02.2004

[13] Spiegel TV , www.spiegel.de/sptv/magazin/0,1518,285437,00.html, 10.10.2004

[14] FAZ am Sonntag vom 09.02.2004

[15] dpa am 03.02.2004

[16] dpa am 03.02.2004

[17] Dieter D. wurde im Verlauf dieser Vorfälle 18 Jahre alt. Ich beziehe mich jeweils auf die in den Quellen angegebenen Altersangaben.

[18] www.sueddeutsche.de

[19] www.123recht.net

[20] www.stern.de

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Aggression und Gewalt an Schulen
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
74
Katalognummer
V40193
ISBN (eBook)
9783638387675
ISBN (Buch)
9783640385492
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aggression, Gewalt, Schulen
Arbeit zitieren
Steffi Lippold (Autor), 2005, Aggression und Gewalt an Schulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40193

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