Wesentliches Strukturmerkmal des deutschen Gesundheitswesens ist die Trennung in verschiedene Sektoren, im Bereich der Leistungserbringung und in Bezug auf die Vergütung. Patienten werden hierzulande entweder im stationären oder im ambulanten Bereich versorgt. Auch innerhalb dieser beiden Sektoren gibt es verschiedene Arten von Leistungserbringern, die aufgrund unterschiedlicher gesetzlicher Regelungen vergütet werden (Trennung in Akutversorgung, Rehabilitation, Pflege, Bedarf an Heil- und Hilfsmitteln, Arzneimitteln etc.). Obwohl Deutschland dabei bezüglich der Kosten nach Berichten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Spitzenplatz einnimmt, ergibt sich bei der Qualität der Patientenversorgung nur ein Platz im Mittelfeld. Die Ursache hierfür wird in der mangelnden Verzahnung der verschiedenen Leistungssektoren gesehen. Sektorenspezifische finanzielle Anreize verschärfen diese Schnittstellenproblematik. Zunehmende Spezialisierung und die Durchsetzung ökonomischer Einzelinteressen bedingen ein hohes Maß an Über-, Unter- und Fehlversorgung. So werden zum Beispiel in Deutschland doppelt soviel Herzkatheteruntersuchungen durchgeführt wie in anderen europäischen Ländern. Im Vergleich dazu erfahren aber nur ca. 30 % der Herzinfarkt-Patienten die optimale Behandlung. Die Sterberaten bei verbreiteten Erkrankungen, wie zum Beispiel Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Diabetes oder Dickdarmkrebs, liegen zum Teil um ein Vielfaches höher als in vergleichbaren europäischen Ländern. Neben der Ineffektivität des deutschen Gesundheitswesens und dem aus dem demografischen Wandel und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit resultierendenden Finanzierungsproblem der gesetzlichen Krankenversicherung (siehe auch Kapitel 4.1. und 4.2. – Seiten 18 – 19) haben die festgestellten Qualitätsmängel und die verbreitete Verfolgung von Einzelinteressen durch Leistungserbringer, die die sektorale Trennung der Versorgung und Vergütung ausnutzen, zu einer zunehmenden Unzufriedenheit der Patienten mit der gesetzlichen Krankenversicherung geführt. Durch die neugeschaffene Möglichkeit, mit mehreren Leistungserbringern gemeinsame Verträge zur Integrierten Versorgung (beziehungsweise zunächst einmal Modellvorhaben und Strukturverträge) zu schließen, versucht der Gesetzgeber seit Mitte der 1990er Jahre diese, durch die sektorale Trennung entstandenen, Probleme zu lösen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die sektorale Trennung des deutschen Gesundheitswesens und die sich daraus ergebenden Probleme
1.1. Hypothesen der Diplomarbeit
2. Integrierte Versorgung
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Ziele
2.3. Formen
2.4. Managed Care als Weiterentwicklung der Integrierten Versorgung
3. Die gesetzlichen Grundlagen der Integrierten Versorgung
3.1. Die Gesetzgebung zur Integrierten Versorgung seit Mitte der 1990er Jahre
3.2. Die Regelungen des § 140 a-d SGB V
3.2.1. Grundlagen
3.2.2. Vertragsinhalte
3.2.3. Vergütung
3.2.4. Anschubfinanzierung und Bereinigung
3.3. Integrierte Versorgung und Qualitätssicherung (§ 137 SGB V)
3.4. § 6 der Bundespflegesatzverordnung
4. Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Modellen Integrierter Versorgung
4.1. Die demografische Entwicklung in Deutschland
4.2. Die ökonomische Situation der gesetzlichen Krankenversicherung
4.3. Die Einführung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs und der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen
4.4. Die Einführung der DRGs
4.5. Disease-Management-Programme
4.6. Der Grundsatz „Ambulant vor stationär“
4.7. Die wachsende Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung
4.8. Zunehmende Patientensouveränität
4.9. Der medizinisch-technische Fortschritt
5. Auswertung von Fachliteratur zum Stand und den Perspektiven der Integrierten Versorgung in Deutschland
5.1. Beteiligung von Krankenhäusern an Modellen zur Integrierten Versorgung
5.1.1. Hindernisse
5.1.2. Bedingungen
5.1.3. Chancen
5.2. Auswirkungen auf die Versorgung der Patienten und ihre Zufriedenheit
5.2.1. Qualität der Leistungen
5.2.2. Datenfluss und Datenschutz
5.3. Die Kosten
5.3.1. Auswirkungen auf die Kostensituation bei den Krankenkassen
5.3.2. Finanzielle Konsequenzen für die Krankenhäuser
5.4. Die Rolle der Pflege in Modellen Integrierter Versorgung
5.4.1. Die integrierenden Kompetenzen der Pflege
5.4.2. Faktoren, die die Einbindung der Pflege in Modelle zur Integrierten Versorgung erschweren
5.5. Die Grenzen Integrierter Versorgung
6. Ausgewählte Beispiele für Modelle Integrierter Versorgung
6.1. Die „Prosper“/„proGesund“- Netze der Bundesknappschaft
6.1.1. Ziele und Konzept
6.1.2. Die Qualität der Patientenversorgung und die Patientenzufriedenheit
6.1.2.1. Datenfluss und Datenschutz
6.1.3. Die Kostensituation
6.1.4. Die Rolle der Pflege
6.2. Das „Dahner-Modell“ / Konzept „Hausarztzentrierte Versorgung chronisch kranker Menschen gemäß §§ 140 a ff SGB V“
6.2.1. Ziele und Konzept
6.2.2. Die Qualität der Patientenversorgung und die Patientenzufriedenheit
6.2.2.1. Datenfluss und Datenschutz
6.2.3. Die Kostensituation
6.2.4. Die Rolle der Pflege
6.2.4.1. Die „IV-Fachkraft“ als Case-Manager
6.2.4.2. Die Vergütung der „IV-Fachkraft“
6.3. Das Modell „Integra“ Halle
6.3.1. Ziele und Konzept
6.3.2. Die Qualität der Patientenversorgung und die Patientenzufriedenheit
6.3.3. Die Kostensituation
6.3.4. Die Rolle der Pflege
6.4. Das „Ludwigsburger Netzwerk“
6.4.1. Ziele und Konzept
6.4.2. Die Qualität der Patientenversorgung und die Patientenzufriedenheit
6.4.3. Die Kostensituation
6.4.4. Die Rolle der Pflege
6.4.4.1. Beratung, Schulung, Anleitung
6.4.4.2. Brückenpflege
6.4.4.3. Pflegeüberleitung
6.4.4.4. Qualitätssicherung
7. Überprüfung der Hypothesen
7.1. Die Qualität der Patientenversorgung und die Patientenzufriedenheit
7.2. Die Kostensituation
7.3. Die Perspektiven für die Pflege
8. Kritische Bewertung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht den aktuellen Stand und die Zukunftsperspektiven der Integrierten Versorgung in Deutschland. Im Fokus steht dabei die Analyse ausgewählter Modellprojekte hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Versorgungsqualität, die Patientenzufriedenheit und die Kosteneffizienz, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Pflege innerhalb dieser neuen Versorgungsstrukturen.
- Analyse der sektoralen Trennung des deutschen Gesundheitswesens als Ausgangsproblem
- Untersuchung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und regulatorischen Einflussfaktoren
- Evaluation konkreter Praxisbeispiele (z.B. Prosper/proGesund, Dahner Modell, Integra Halle, Ludwigsburger Netzwerk)
- Bewertung der Rolle und Professionalisierungspotenziale für den Pflegebereich
- Kritische Reflexion der Zielerreichung im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Patientenorientierung
Auszug aus dem Buch
5.4.1. Die integrierenden Kompetenzen der Pflege
Die Pflege stellt zahlenmäßig die größte Berufsgruppe in unserem Gesundheitswesen dar. Sie erfüllt dort in allen Bereichen wichtige Aufgaben und verfügt daher über spezielle integrierende Kompetenzen. Sie besitzt besondere Fähigkeiten im Bereich der patientenorientierten Kommunikation und ist kompetent bei der Organisation und Strukturierung von Abläufen und Arbeitsprozessen. Auch führt sie täglich Vermittlungsaufgaben zwischen den unterschiedlichen Akteuren im Gesundheitswesen durch. Deshalb ist sie besonders qualifiziert für eine koordinierende Funktion im Bereich der Integrierten Versorgung. Ihre multiprofessionelle und interdisziplinäre Ausrichtung, ihre besondere „Schnittstellenkompetenz“ und ihre Erfahrungen im Case-Management verschaffen ihr eine gute Stellung in der Konkurrenz mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens.
Ewers / Schaeffer spezifizieren die integrierenden Kompetenzen der Pflege:
sie ermöglicht medizinische Versorgung, indem sie Patienten und ihre Angehörigen begleitet und so die Folgen und Belastungen von Krankheit für diese minimiert;
sie dominiert bei der poststationären Versorgung der Patienten;
sie hat eine herausragende Bedeutung bei der Koordination und Durchführung der Versorgung im häuslichen Bereich und fungiert als Koordinator zwischen Arztpraxis, Krankenhaus und Patient;
sie leistet Beratung, Anleitung und Supervision für Angehörige;
sie fungiert als „Case-Manager“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die sektorale Trennung des deutschen Gesundheitswesens und die sich daraus ergebenden Probleme: Das Kapitel identifiziert die Sektorentrennung als zentrale Ursache für Qualitätsmängel und Ineffizienz im deutschen Gesundheitssystem. Es leitet daraus die Hypothesen der Arbeit ab, die den Nutzen Integrierter Versorgungsmodelle prüfen sollen.
2. Integrierte Versorgung: Hier erfolgt eine Begriffsbestimmung und die Einordnung der Integrierten Versorgung als notwendige, kooperative und interdisziplinäre Weiterentwicklung der Regelversorgung. Es werden die Ziele der Effizienzsteigerung und Patientenorientierung dargelegt.
3. Die gesetzlichen Grundlagen der Integrierten Versorgung: Dieses Kapitel erläutert die gesetzliche Verankerung der Integrierten Versorgung, insbesondere durch das SGB V. Es werden die zentralen Regelungen für Verträge, Vergütung und Qualitätssicherung beschrieben.
4. Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Modellen Integrierter Versorgung: Das Kapitel analysiert die treibenden Faktoren für den Wandel, wie die demografische Entwicklung, ökonomische Zwänge der Krankenkassen, die DRG-Einführung und die zunehmende Patientensouveränität.
5. Auswertung von Fachliteratur zum Stand und den Perspektiven der Integrierten Versorgung in Deutschland: Es findet eine Auswertung der Expertenmeinungen statt, wobei insbesondere die Hindernisse für Krankenhäuser, die Rolle der Pflege und die Auswirkungen auf die Versorgungsqualität kritisch hinterfragt werden.
6. Ausgewählte Beispiele für Modelle Integrierter Versorgung: Anhand von vier konkreten Fallbeispielen (Prosper/proGesund, Dahner Modell, Integra Halle, Ludwigsburger Netzwerk) werden Ziele, Konzepte und Erfolge in der Praxis analysiert.
7. Überprüfung der Hypothesen: In diesem Teil werden die zu Beginn aufgestellten Hypothesen auf Basis der theoretischen Literatur und der Fallstudien validiert. Die Ergebnisse zeigen eine Bestätigung bei Kosteneinsparungen, während bei Qualität und Pflegeperspektiven eine kritische Differenzierung erfolgt.
8. Kritische Bewertung: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und äußert Skepsis, ob die Integrierte Versorgung ohne eine Abkehr von rein ökonomischen Einzelinteressen ihre Ziele im Sinne der Patienten voll erreichen kann.
Schlüsselwörter
Integrierte Versorgung, Sektorentrennung, Gesundheitsreform, Krankenhäuser, Pflege, Case-Management, DRGs, Kosteneffizienz, Patientenzufriedenheit, Patientensouveränität, Disease-Management-Programme, Gesundheitsnetzwerke, Qualitätssicherung, SGB V, Versorgungsmanagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Konzept der „Integrierten Versorgung“ in Deutschland und prüft, inwieweit dieses Modell die bestehenden Probleme der sektoralen Trennung zwischen ambulanten und stationären Leistungen lösen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die gesetzlichen Grundlagen, ökonomische Anreizsysteme, die Rolle der Krankenhäuser und Krankenkassen sowie die spezifische Einbindung der Pflege in koordinierende Aufgaben.
Was ist die primäre Forschungsfrage bzw. das Ziel?
Das Ziel ist die Überprüfung von drei zentralen Hypothesen: Führen Versorgungsmodelle zu höherer Qualität und Patientenzufriedenheit? Ermöglichen sie Kosteneinsparungen? Eröffnen sie neue, professionalisierende Perspektiven für die Pflege?
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Auswertung aktueller Fachliteratur und einer detaillierten Analyse von vier konkreten Praxis-Modellen der Integrierten Versorgung basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Einflussfaktoren für den Strukturwandel im Gesundheitswesen, der Auswertung des aktuellen Stands der Integrierten Versorgung sowie der detaillierten Beschreibung und Bewertung der gewählten Beispiel-Netzwerke.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Integrierte Versorgung, Sektorentrennung, DRGs, Case-Management, Patientensouveränität und die Professionalisierung der Pflege.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Pflege in den untersuchten Netzwerken?
Die Autorin kommt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die Pflege in den meisten Modellen weiterhin eine untergeordnete Rolle spielt. Echte Perspektiven entstehen kaum, da pflegerische Aufgaben oft nur administrativ interpretiert oder von anderen Berufsgruppen übernommen werden.
Was ist das zentrale Fazit zur Patientenzufriedenheit?
Obwohl eine höhere Patientenzufriedenheit in den Modellen oft als Ziel genannt wird, konnte die Arbeit keine generelle Beweiskraft finden. Verbesserungen bei Warte- oder Liegezeiten sind nachweisbar, ob dies jedoch eine „qualitativ bessere Versorgung“ darstellt, bleibt laut der Autorin wissenschaftlich unbewiesen.
- Quote paper
- Silja Tenzer (Author), 2004, Integrierte Versorgung. Analyse ausgewählter Modelle unter besonderer Berücksichtigung der Perspektive des Krankenhauses und der Pflege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40201