Vor dem Hintergrund der demografischen und sozioökonomischen Entwicklungen zählt die Sicherung der sozialen Systeme zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Ein Geburtenrückgang und eine parallel ansteigende Lebenserwartung führen sukzessive zur Überalterung der Gesellschaft. Die Renten sind in der jetzigen Form und Höhe keineswegs mehr sicher. Während heute zwei Erwerbstätige für eine Altersrente aufkommen, muss im Jahre 2030 jeder Erwerbstätige etwa eine Rente finanzieren. Ohne Erhöhung der Beitragssätze könnte der demografischen Entwicklung nur mit erheblicher Kürzung der Rentenansprüche Rechnung getragen werden. Dies aber würde die Rentner zum einen um den Lohn ihrer erbrachten Lebensleistung bringen und sie zum anderen an den Rand der Armut drängen. Schon jetzt bewegen sich die ausgezahlten Renten vor allem von Frauen am und unter dem Existenzminimum. Seit Jahren debattieren die Politiker um die Zukunftsfähigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung. Reformen folgten auf Reformen. Bislang ist es jedoch keiner Reform gelungen, die Zukunftsfähigkeit des deutschen Rentenversicherungssystems dauerhaft zu sichern. Immer wieder ging und geht es vor allem um die Konsolidierung des Systems und eine Anpassung an die veränderten Bedingungen. Die Regierung hält im Wesentlichen weiter an der gesetzlichen umlagefinanzierten Rentenversicherung in ihren bestehenden Grundzügen und Strukturen und ihrer übergeordneten Bedeutung gegenüber der Privatvorsorge fest. Modelle, die eine Abkehr von der Dominanz der Umlagefinanzierung hin zu weit mehr Kapitaldeckung beinhalten, werden immer wieder in die Diskussion eingebracht. Als besonders vorbildlich und beispielgebend wird dabei gern die Schweiz zitiert. Dennoch finden die Verfechter eines solchen 3-Säulen-Modells in Deutschland offenbar kaum Gehör. Aber woran liegt das? Das Buch arbeitet heraus, wie sich die beiden Altersvorsorgesysteme unterscheiden und was für oder gegen eine mögliche Veränderung der deutschen Rentenversicherung nach dem Schweizer Vorbild spricht. Die Autorin untersucht, ob sich Elemente im Schweizer System finden lassen, die nicht nur ins deutsche übertragbar, sondern auch für die Probleme in Deutschland adäquate Lösungsansätze und zu den neuen Reformansätzen der Bundesregierung bislang unberücksichtigte Alternativen oder ergänzende Optionen sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1. Hintergrund und Fragestellung
1.2. Methodische Vorgehensweise
1.3. Gliederung der Arbeit
2 Grundlagen der sozialen Sicherung in Deutschland und der Schweiz
2.1. Sozialstaat und Sozialpolitik
2.1.1. Aufgaben und Ziele
2.1.2. Typologien
2.1.3. Grundprinzipien
2.1.3.1. Versicherungs- und Solidarprinzip
2.1.3.2. Versorgungsprinzip
2.1.3.3. Fürsorge- und Subsidaritätsprinzip
2.1.4. Finanzierungsmodelle
2.1.5. Beveridge- und Bismarck-Modell
2.2. Geschichte und Gegenwart der Sozialversicherung
2.2.1. Deutschland
2.2.2. Schweiz
2.3. Möglichkeiten und Grenzen des System-Umbaus
2.3.1. Voraussetzungen und Chancen politischer Veränderung
2.3.2. Reformierbarkeit traditioneller Strukturen in Deutschland
2.3.3 Vergleich der sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen
3 Das Drei-Säulen-Modell der Schweiz
3.1. Grundlagen und Ziele
3.2. Säule 1: Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
3.2.1. Organisation und Finanzierung
3.2.2. Leistungen und Anspruchsvoraussetzungen
3.2.2.1. Alters- und Hinterlassenenrenten
3.2.2.2. Hilflosenentschädigung und Hilfsmittel
3.2.2.3. Invalidenrenten
3.2.2.4. Ergänzungsleistungen
3.2.3. Einnahmen und Ausgaben in der AHV und IV
3.3. Säule 2: Berufliche kapitalgedeckte Vorsorge
3.3.1. Organisation, Finanzierung und Leistungen
3.3.2. Institutionen der beruflichen Vorsorge
3.3.2.1. Vorsorgeeinrichtungen
3.3.2.2. Sicherheitsfonds und Auffangeinrichtung
3.3.3. Wohneigentumsförderung
3.4. Säule 3: Gebundene Selbstvorsorge und freies Sparen
3.5. Rentenvorbezug und Rentenaufschub
3.6. Alterssicherung der Frauen
3.7. Die wirtschaftliche Lage der Rentnerlnnen
3.8. Probleme und Perspektiven in der Altersvorsorge
3.8.1. Finanzielle Konsolidierung in der AHV
3.8.2 Zugespitzte Lage in der Invalidenversiche
3.8.2 Folgen der angespannten Wirtschaftslage flur die BV
4 Die Altersvorsorge in Deutschland im Vergleich zum Schweizer Modell
4.1. Aufbau, Struktur und Ausgestaltung der System
4.2. Arbeitnehmerversicherung versus Volksversicherung
4.3. Finanzierung
4.3.1. Beitragshöhe und Verteilung der Beitragslast
4.3.2. Rentenberechnung und Rentenniveau
233Entwicklung der Einnahmen und Ausgaben
4.4. Möglichkeiten und Nutzung der Frühverrentung
4.5. Armutsrisiko und Verhinderung von Altersarmut
4.6. Die „Riester-Rente“ - Neue Strategien für mehr Eigenvorsorge
4.6.1. Grundzüge der Rentenreform
4.6.2. Förderung der privaten Vorsorge
4.6.3. Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge
4.6.4. Anlage- und Sparverhalten
4.7. Unterschiedliche Schwerpunktsetzung in den Säulen
4.7.1. Umlagefinanzierung versus Kapitaldeckung
4.7.2. Lebensstandardsicherung versus Grundsicherung
4.8. Zusammenfassung der Problemlage in Deutschland
5 Die Altersvorsorge in der Schweiz – eine Alternative für Deutschland
5.1. Lösungsansätze im Schweizer System
5.1.1. Erweiterung des Versichertenkreises
5.1.2. Aufhebung der Bemessungsgrenze
5.1.3. Grundsicherung und Ausbau der Eigenvorsorge
5.2. Handlungsoptionen für die Zukunft
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die grundlegenden Unterschiede zwischen den Altersvorsorgesystemen Deutschlands und der Schweiz, um zu analysieren, ob das Schweizer Drei-Säulen-Modell als tragfähige Alternative oder Lösungsansatz für die krisenbehaftete deutsche Rentenversicherung dienen kann.
- Vergleichende Analyse der Sozialstaatstypen und Finanzierungsmodelle.
- Detaillierte Darstellung des Schweizer Drei-Säulen-Modells.
- Untersuchung der Transferierbarkeit schweizerischer Lösungsansätze auf deutsche Strukturen.
- Bewertung politischer Gestaltungsspielräume bei Rentenreformen.
- Diskussion von Maßnahmen wie der Ausweitung des Versichertenkreises und der Anpassung von Beitragsbemessungsgrenzen.
Auszug aus dem Buch
1.1. Hintergrund und Fragestellung
Vor dem Hintergrund der demographischen und sozio-ökonomischen Entwicklungen zählt die Sicherung der sozialen Systeme zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Ein anhaltender Geburtenrückgang und eine parallel ansteigende Lebenserwartung führten und führen sukzessive zur Überalterung der Gesellschaft. Damit gerät das deutsche, umlagefinanzierte Rentensystem in eine tiefe Krise. Die Renten sind, anders als der frühere Bundesarbeits- und -sozialminister Norbert Blüm verkündete, in der jetzigen Form und Höhe keineswegs mehr so sicher.
Während heute zwei Erwerbstätige für eine Altersrente aufkommen, muss im Jahre 2030 jeder Erwerbstätige etwa eine Rente finanzieren (Maier/Zandonella, S. 33). Sollen die Renten weiter so gewährt werden wie bisher, wäre dies nur mit einer schmerzlichen Erhöhung der Beitragslast zu leisten. Bliebe es stattdessen bei den Beitragssätzen (Anhang, S. 4), könnte der demographischen Entwicklung nur mit erheblicher Kürzung der Rentenansprüche Rechnung getragen werden. Dies aber würde die Rentner zum einen um den Lohn ihrer erbrachten Lebensleistung bringen und sie zum anderen an den Rand der Armut drängen.
Seit Jahren debattieren die Politiker um die Zukunftsfähigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung. Reformen folgten auf Reformen. Eine der wichtigsten war nach dem Rentenanpassungsgsesetz 1972 (Anhang, S. 10) die Rentenreform 1992, die bereits 1989 verabschiedet worden war (Anhang, S. 11). Ihr folgten eine Anhebung der vorgezogenen Altersgrenzen (Anhang, S. 1) auf das 65. Lebensjahr, eine Modifizierung der Rentenanpassung und eine Rückführung beitragsfreier Zeiten (Anhang, S. 3). Die so genannten versicherungsfremden Leistungen (Anhang, S. 15) sollten durch Steuermittel finanziert und die Rentenkasse entlastet werden. Doch auch dies führte nicht zu einer dauerhaften Lösung. Die Belastungen der Rentenversicherung durch die Wiedervereinigung und die hohe Arbeitslosigkeit Mitte der 90er Jahre machten eine weitere Reform notwendig. So wurde nur fünf Jahre später das nächste Rentenreformgesetz verabschiedet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel skizziert die demographische Krise des deutschen Rentensystems, die Notwendigkeit von Reformen und die Zielsetzung der Arbeit, das Schweizer System als Vergleichsmodell heranzuziehen.
2 Grundlagen der sozialen Sicherung in Deutschland und der Schweiz: Hier werden die theoretischen Grundlagen wie Sozialstaatstypen, Grundprinzipien und Finanzierungsmodelle beider Länder gegenübergestellt sowie historische Entwicklungen beleuchtet.
3 Das Drei-Säulen-Modell der Schweiz: Ein detaillierter Überblick über den Aufbau, die Organisation und die Finanzierung des Schweizer Modells mit Fokus auf die drei Säulen (AHV, berufliche Vorsorge, Selbstvorsorge).
4 Die Altersvorsorge in Deutschland im Vergleich zum Schweizer Modell: Eine systematische Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei Finanzierung, Rentenberechnung und politischen Reformansätzen wie der Riester-Rente.
5 Die Altersvorsorge in der Schweiz – eine Alternative für Deutschland: Dieses Kapitel diskutiert konkrete Handlungsoptionen für Deutschland, basierend auf den im Vergleich gewonnenen Erkenntnissen über das Schweizer System.
Schlüsselwörter
Altersvorsorge, Rentenversicherung, Sozialstaat, Drei-Säulen-Modell, demographischer Wandel, Umlageverfahren, Kapitaldeckung, Riester-Rente, Rentenreform, Generationenvertrag, Sozialpolitik, Invalidenversicherung, Rentenniveau, Beitragsbemessungsgrenze, Altersarmut.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gegenwärtigen Herausforderungen der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland und untersucht, inwieweit das Schweizer Drei-Säulen-Modell als Inspirationsquelle für Reformen dienen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der Vergleich zwischen dem umlagefinanzierten deutschen System und dem schweizerischen Mischmodell aus Umlage und Kapitaldeckung sowie die Auswirkungen demographischer Veränderungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob das Schweizer Modell Elemente enthält, die zur Lösung der Probleme in Deutschland beitragen können und ob diese Elemente übertragbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Politikfeldanalyse, um sozialpolitische Strukturen, Ziele und Ergebnisse der Altersvorsorgesysteme beider Länder historisch und normativ zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert die Grundlagen, die spezifischen Säulen der Schweizer Altersvorsorge sowie einen direkten Leistungs- und Finanzierungsvergleich mit dem deutschen Rentensystem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Alterssicherung, Umlageverfahren, Kapitaldeckung, Generationenvertrag, Rentenreform und Sozialpolitik.
Warum wird das Schweizer Modell oft als vorbildlich zitiert?
Das Schweizer System wird aufgrund seines ausgeglichenen Mixes aus staatlicher Grundsicherung und kapitalgedeckter Eigenvorsorge als stabil und krisensicher eingestuft.
Welche Bedeutung hat die Rentenreform 2001 für Deutschland?
Sie markierte einen Wendepunkt durch die Einführung der Riester-Rente und den Versuch, die private kapitalgedeckte Vorsorge zur Ergänzung der gesetzlichen Rente zu stärken.
- Quote paper
- Solveig Schuster (Author), 2004, Das Modell der Altersvorsorge in der Schweiz - eine Alternative für Deutschland?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40217