Geschichtskarten in Theorie und Unterrichtspraxis


Hausarbeit, 2004

16 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zur Theorie von Geschichtskarten
1.1. Was sind Geschichtskarten?
1.1.1. Generalisierung und Perspektivität
1.1.2. Relative Anschaulichkeit
1.2. Erscheinungsformen von Geschichtskarten
1.3. Kartenbausteine

2. Die Geschichtskarte im Unterricht
2.1. Schulgeschichtskarten
2.2. Die drei Phasen der Kartenarbeit
2.3. Formen der Kartenarbeit
2.3.1. Karten und Sozialformen
2.3.2. Geschichtskarten im Stundenablauf – keine Geschichtsstunde ohne Karte?

3. Anwendungsbeispiele
3.1. Soldatenfriedhof Affaltern
3.2. Mit Kolumbus auf großer Fahrt

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Geschichtskarten nehmen unter den Medien des Geschichtsunterrichts einen klassischen Rang ein. Schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Karten und Atlanten für die Schule entwickelt.[1] Seit dieser Zeit gehört die Karte zum festen Instrumentarium des Geschichtsunterrichts. Allerdings hat es auch Kritik an der schulischen Arbeit mit Karten gegeben. So stellte der Bremer Reformpädagoge Fritz Gansberg im Jahre 1912 die polemische Frage: "Wann werden die Schulbehörden sich entschließen, den Gebrauch der Landkarte bei Todesstrafe zu verbieten?"[2] Demgegenüber steht das noch heute oft von Geschichtslehrern geäußerte Credo: "Keine Geschichtsstunde ohne Karte!"

In dieser Arbeit wird gezeigt werden, dass die Frage, ob und wie oft Karten im Geschichtsunterricht eingesetzt werden, davon abhängt, auf welche Weise die Schüler mit ihnen konfrontiert werden. Um dieses Thema behandeln zu können, wird zunächst, im ersten Teil, ein Überblick über die Theorie von Geschichtskarten gegeben. Was sind Geschichtskarten? In welchem Formen treten sie auf und wie ist ihr Verhältnis zu topographischen Karten? Daran anschließend soll geklärt werden, was bei der schulischen Kartenarbeit generell zu beachten ist und welche Karten sich in verschiedenen Unterrichtssituationen anbieten. Im letzten Teil der Arbeit werden dann zwei Anwendungsbeispiele vorgestellt. Gerade diese Beispiele sollen zeigen, dass Geschichtskarten weit mehr sein können als bloße Illustration eines Lehrervortrags.

1. Zur Theorie von Geschichtskarten

1.1. Was sind Geschichtskarten?

Das menschliche Dasein ist grundsätzlich auf Räume bezogen, deren genaue Kenntnis Vorteile im täglichen Leben bedeutet. Insofern liegt es nahe, Wissen über Räume in einer anschaulichen Form festzuhalten: in einer Karte. Erste Ansätze zu einer Kartierung sind schon für die Zeit um 6200 v. Chr. nachweisbar[3]. Seitdem bilden Karten eine anthropologische Konstante. Indem wir dieses feststellen, sprechen wir allerdings von topographischen Karten, in denen versucht wird, den Raum – Länge, Breite und Höhe – in seiner aktuellen Erscheinungsform festzuhalten.

Demgegenüber fügen Geschichtskarten den genannten drei Dimensionen noch eine vierte Dimension, hinzu: die Zeit.[4] Anders ausgedrückt, ermöglichen Geschichtskarten die Lokalisierung historischen Geschehens.

Da Geschichtskarten aber wesentlich mehr leisten als eine bloße Lokalisierung, soll an dieser Stelle eine Definition eingeführt werden, die so allgemein gehalten ist, dass sie keine der denkbaren Möglichkeiten ausschließt. Dass eine solche Definition nicht ganz einfach ist, zeigt der folgende Vorschlag von Hans-Joachim Fiala. Laut Fiala bildet die Geschichtskarte "die Erde oder Teile der Erde eben, verkleinert, generalisiert und die Erscheinungen der Natur und Gesellschaft zu einem Zeitpunkt ab, der im allgemeinen vor dem Gegenwärtigen liegt"[5]

Diese Definition hat zwei Schwächen: Zum einen liegt der Zeitpunkt einer geschichtskartographischen Darstellung nicht "im allgemeinen", sondern immer vor der Gegenwart. Zum anderen vermögen Geschichtskarten die Welt nicht nur zu einem historischen Zeit punkt, sondern gerade auch in historischen Zeit räumen zu zeigen.

Günstiger, wenngleich noch stärker abstrahierend, ist der Vorschlag Christina Böttchers:

Ihr zufolge sind Geschichtskarten "maßstäblich verkleinerte, vereinfachte und verebnete Grundrißbilder historisch-geographischer Räume."[6]

1.1.1. Generalisierung und Perspektivität

Geschichtskarten zeigen also historisch-geographische Räume. Sie zeigen diese Räume in verkleinerter Form, außerdem verebnet, d.h. die drei Dimensionen des Raumes werden zweidimensional dargestellt. Schließlich: Geschichtskarten sind vereinfachte, genauer: generalisierte Darstellungen. Letzterer Punkt verdient unsere besondere Beachtung. "Generalisierung" bedeutet hier, dass der Kartenautor die vorhandene Informationsfülle begrenzt, um ein lesbares Kartenbild zu erreichen.[7] Dabei wird er danach trachten, insbesondere auf diejenigen Informationen zu verzichten, die für die Fragestellung der betreffenden Karte irrelevant bzw. von untergeordnetem Interesse sind. So macht etwa eine Karte wie "Die Gregorianische Kalenderreform in Mitteleuropa"[8] keinerlei Angaben zu Gebirgszügen.

Generalisierung bedeutet also eine Reduktion des insgesamt Darstellbaren unter didaktischen Gesichtspunkten. Diese Reduktion erfolgt nach inhaltlichen (Fragestellung) wie auch formalen Kriterien (Übersichtlichkeit). Dabei sollte uns immer bewusst sein, dass grundsätzlich jede Karte nur einen Bruchteil der Komplexität der historischen Welt wiedergeben kann.

Der Kartograph muss also ständig Entscheidungen darüber treffen, was er für darstellungswürdig hält. Da diese Entscheidungen subjektiv sind, fließt hier – genauso wie bei der graphischen Umsetzung der Karte – die Perspektive des Kartenautors mit ein. Dementsprechend hat jede Karte ihre Perspektivität. So spiegelt etwa die mental map eines nord-amerikanischen Schülers dessen Perspektive wieder: Nord-Amerika erscheint hier, ins Zentrum der Darstellung verlegt, als Mittelpunkt der Welt, was dadurch unterstrichen wird, dass der jugendliche Kartenautor nur Kontinente, aber keine Staaten benennt – mit Ausnahme der USA und des benachbarten Kanada.[9]

Perspektivität – und damit das Einfließen subjektiver Sichtweisen – ist auch der Grund, warum Geschichtskarten kritisch gesehen werden müssen, nicht zuletzt im Rahmen des Geschichtsunterrichts.[10]

1.1.2. Relative Anschaulichkeit

Wir haben oben festgestellt, dass Geschichtskarten erst durch Generalisierung überhaupt lesbar werden. Insbesondere dann, wenn der Kartenautor sich auf eine einzige Fragestellung beschränkt und diese wiederum nur über einen kurzen Zeitraum darstellt, können Geschichtskarten sehr anschaulich sein. Davon abgesehen können sie Dinge sichtbar machen, die in der Realität unsichtbar sind (zum Beispiel Grenzverläufe). Andererseits muss man feststellen, dass Geschichtskarten die Wirklichkeit in extrem abstrahierter Form wiedergeben. So wird der Raum in der Regel in vertikaler Draufsicht gezeigt – eine Sicht, die man im täglichen Leben allenfalls vom Flugzeug aus hat. Zudem erscheinen die Informationen auf Karten in verschlüsselter Form: Straßen werden zu Linien, Städte zu Punkten, Klöster zu Kreisen mit einem Kreuz am oberen Rand. Damit relativiert sich die Anschaulichkeit von Geschichtskarten. Erst wenn der Betrachter im Umgang mit Karten geschult ist, kann er von ihrer Anschaulichkeit profitieren. Aus diesem Grund ist die Vermittlung von Kartenlesekompetenz ein grundlegendes Ziel schulischen Geschichts- und Geographieunterrichts, ein Umstand der uns noch in einem späteren Kapitel beschäftigen soll.[11]

1.2. Erscheinungsformen von Geschichtskarten

Da Geschichtskarten in unzähligen Variationen existieren, ist eine genauere Klassifizierung unumgänglich. Zunächst gilt es zwischen "Geschichtskarten" und "Historischen Karten" zu unterscheiden. Dies ist schon deshalb geboten, weil beide Begriffe in der Literatur oftmals nicht klar voneinander abgegrenzt oder gar synonym gebraucht werden.[12]

Geschichtskarten sind nicht nur "maßstäblich verkleinerte, vereinfachte und verebnete Grundrißbilder historisch-geographischer Räume." – sie geben idealerweise auch den aktuellen Forschungsstand zu einer historischen Fragestellung wieder. Damit entspricht ihr geschichtswissenschaftlicher Rang dem der Sekundärliteratur.[13]

[...]


[1] Böttcher, Christina Die Karte, in: Pandel, Hans-Jürgen/Schneider, Gerhard (Hg.) Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach 1999, 172f.

[2] Raisch, Herbert, Weniger ist oft mehr! Grundlagen der Kartenarbeit im Geschichtsunterricht, in: Praxis Geschichte 4/1999, 4-14.

[3] Böttcher, 171.

[4] Vergl. Böttcher, 174.

[5] Zit. n. Vathke, Werner Kartenarbeit, in: Pandel, Hans-Jürgen/Schneider, Gerhard (Hg.) Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Düsseldorf 1985, 148.

[6] Böttcher, 173.

[7] Vergl. Böttcher, 183.

[8] Vergl. Bruckmüller, Ernst/Hartmann, Peter Claus (Hg.) Putzgers Historischer Weltatlas, Berlin 2001, 95.

[9] Vergl. diese Karte bei Breetz, Egon Einstieg in die Kartenarbeit, in: Praxis Geschichte 4/1999, 13, Abb. 3.

[10] S. a. Abschnitt 2.2.

[11] Ebd.

[12] So etwa in der ansonsten einwandfreien Darstellung von Joachim Rohlfes, vergl. Rohlfes, Joachim Die Geschichtskarte, in: ders. Geschichte und ihre Didaktik, 344ff. Göttingen 1986, 344.

[13] Böttcher, 174.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Geschichtskarten in Theorie und Unterrichtspraxis
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich Meinecke-Institut)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V40232
ISBN (eBook)
9783638387996
Dateigröße
899 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Karte zählt zu den klassischen und zugleich oft vernachlässigten Medien des Geschichtsunterrichts. In dieser Arbeit werden zunächst einige theoretische Aspekte von Geschichtskarten aufgezeigt. Im Anschluss geht es um die praktische Kartenarbeit: Was können Karten leisten und wie sollte man in verschiedenen Klassenstufen mit ihnen arbeiten? Schließlich wird anhand von zwei Unterrichtsvorschlägen gezeigt, welch vielfältige Einsatzmöglichkeiten das Medium Geschichtskarte bieten kann.
Schlagworte
Geschichtskarten, Theorie, Unterrichtspraxis
Arbeit zitieren
Arne Friedemann (Autor), 2004, Geschichtskarten in Theorie und Unterrichtspraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40232

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