Die Hilfsschule zur Zeit des Nationalsozialismus


Hausarbeit, 2005

21 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Bild des behinderten Menschen in der Geschichte

3. Rückblick in die Entstehungsgeschichte der Sonderschule

4. Hilfsschule im Dritten Reich
4.1 Sozialdarwinismus und Nationalsozialismus
4.2 Einfluss sozialdarwinistischer Gedanken auf die Einstellung zum behinderten Menschen
4.3 Ökonomische Überlegungen zur Hilfsschule
4.4 Aufgaben der Hilfsschule im Nationalsozialismus
4.5 Hilfsschule und Euthanasie
4.6 Hilfsschule im II. Weltkrieg

5. Die Hilfsschule am Beispiel der Pestalozzischule in Halle (Saale)

6. Schlußbetrachtung

7. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

„Das einzige positive Selbstgefühl, das der Mensch kennen kann,

gründet auf der Voraussetzung, dass er gut, richtig und willkommen ist.

Ohne diese Überzeugung ist ein Mensch, welchen Alters auch immer, verkrüppelt durch Mangel an Vertrauen, an vollen Selbstgefühl, an Spontaneität und Würde.

Ohne das Gefühl des Richtigseins hat man kein Gespür dafür, wieviel an Wohlgefühl, Sicherheit, Hilfe, Gesellschaft, Liebe, Freundschaft, Gegenständen, Lust oder Freude man beanspruchen kann.

Das Ziel des Lebens ist Leben. Das Ziel des Wohlbefindens ist, all das zu ermutigen, was Wohlbefinden hervorruft.“

(Jean Liedloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. 1985)

Fast auf den Tag genau sind sechzig Jahre vergangen, als der II. Weltkrieg sein Ende fand und mit ihm der nationalsozialistische Staat.

Überall in den Medien werden wir heute verstärkt an das Kriegsende und an die Verbrechen der damaligen Zeit erinnert (Arbeitslager, Konzentrationslager etc.). Eine Randgruppe - die Menschen mit Behinderung, die von der nationalsozialistischen Herrschaft schwer betroffen waren, soll Schwerpunkt dieser Arbeit sein. Im Speziellen wird in dieser Schrift die Hilfsschule im Nationalsozialismus beleuchtet.

Am Anfang wird der Einfluss sozialdarwinistischer Gedanken auf die Einstellung zum Behinderten und ökonomische Überlegungen aufgezeigt.

Der inhaltliche Schwerpunkt dieser Arbeit sind die Aufgaben der Hilfsschule im Nationalsozialismus.

Als ein wichtiger Punkt soll weiterhin der Zusammenhang zwischen Hilfsschule und der Euthanasie Bearbeitung finden. Die Hilfsschule war sehr von den unterschiedlichen sozialen und politischen Phasen des Nationalsozialismus beeinflußt. Genauer werde ich auf die Phase im II. Weltkrieg eingehen. Als Beispiel für eine Hilfsschule soll die Pestalozzischule in Halle (Saale) dienen. In meiner Schlußbetrachtung werde ich einige Gedanken zur Aussonderung von Menschen mit Behinderung in unserer Zeit darlegen.

Bevor konkret auf die Hilfsschule im Nationalsozialismus eingegangen wird, soll anfangs kurz das gesellschaftliche Bild des behinderten Menschen in der Geschichte dargestellt werden.

2. Bild des behinderten Menschen in der Geschichte

So weit wir auch in die Geschichte zurückblicken können, wurden behinderte Menschen, mit seltenen Ausnahmen, in den verschiedensten Gesellschaften ausgeschlossen. Schon bei den Naturvölkern können wir auf dieses Phänomen stoßen. Entscheidend für den Umgang mit behinderten Menschen waren die vorherrschenden Bräuche, Riten und mystischen Vorstellungen.[1] Oftmals wurde eine Behinderung als ein „böses Zeichen Gottes“ begriffen. Auch die Ansicht, dass Krankheit eine Sünde ist, war sehr verbreitet.

Kamen im antiken Griechenland behinderte Kinder auf die Welt, hatten sie kaum eine Chance zu überleben. „Hinsichtlich der Aussetzung und Auferziehung der Geborenen gelte das Gesetz, daß keine verkrüppelte Geburt aufgezogen werde.“[2] Eine übliche Methode war die Kinder von hohen Felsen oder Klippen zu stürzen. Ebenso war die Aussetzung von behinderten Kindern im frühen römischen Reich nicht ungewöhnlich. Hier wurde sogar zum erstenmal die Tötung von behinderten Kindern gesetzlich erlaubt. „Nach dem Gesetz der 12 Tafeln genügte es zur legalen Tötung, wenn fünf Zeugen das Kind zur Mißgeburt erklärt hatten.“[3] Das römische Rechtssystem beeinflusste erste germanische Zivilrechtsordnungen (z.B. den Sachsenspiegel von Eike von Repkow), in denen zahlreiche Einschränkungen für behinderte Menschen zu finden sind.[4]

Erste Zufluchtsstätten für behinderte Menschen kamen in den ersten Jahrhunderten nach Christus auf, ganz im Sinne der Barmherzigkeit und Frömmigkeit. Die „Rolle des Leidenden“ oder des „Hilflosen“ wurde hier auf den behinderten Menschen übertragen. In Folge des Machtverlustes der Kirche im Mittelalter jedoch, setzten die Inquisition mit einhergehender Folter ein, von der auch viele Menschen mit Behinderung betroffen waren.

Im Zuge der Entwicklung der Industriestaaten wurde die Betreuung behinderter Menschen zunehmend von städtischen Stellen übernommen, und es entstanden immer mehr Anstalten, die meist zur „Aufbewahrung“ und „Wegschließung“ der dienten. Immer mehr verschwanden Menschen mit Behinderung aus dem Straßenbild. Mit diesen Anstalten war eine neue Ausgrenzung und Isolierung geschaffen. Erst in der Zeit der Aufklärung kommt es zur allmählichen Verbesserung der Rechtslage. Mit zunehmenden medizinischen Kenntnissen wandelte sich langsam das Bild vom „behinderten Menschen“. Obwohl der tief verwurzelte Aberglaube vom „Bösen“ und „Dämonischen“ einer Krankheit bis in das 20 Jahrhundert hinein wirkte.[5]

Dieser sehr kurze Exkurs durch die Geschichte vom „Bild des Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft“ soll nur aufzeigen, dass schon in den Anfängen der Menschheitsgeschichte behinderte Menschen von Mißachtung, Aussonderung und sogar Vernichtung betroffen waren. Die Behandlung zur Zeit des Nationalsozialismus war sicherlich ein Tiefpunkt dieser schon traurigen Geschichte, aber keine Neuerfindung.

3. Rückblick in die Entstehungsgeschichte der Sonderschule

Die Sonderschule kann auf eine mehr als 200 jährige Geschichte zurückblicken. Erste Gedanken zur Erziehung von behinderten Menschen wurden schon einige Jahrhunderte zuvor gemacht, zum Beispiel durch Jan Amos Comenius. Zu ersten Institutionen kam es aber erst Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung. Die Geistesströmung der Aufklärung begreift den Menschen mit seinem Verstand als ein entwicklungsfähiges Wesen. Alle Menschen sollten eine ihren Möglichkeiten entsprechende Bildung bekommen. Bis in das 19. Jahrhundert hinein traten jedoch „schwachsinnige“ Kinder und Jugendliche kaum in das öffentliche Bewusstsein. Kinder aus reicheren Familien hatten noch die Chance Privatunterricht zu erhalten. „Schwachsinnige“ Kinder und Jugendliche der ärmeren Bevölkerung wurden in den Volksschulen und deren Vorläufern mehr betreut als gefördert.[6]

In Paris wurde 1777 die erste Schule für Taubstumme von Charles Michel Abbé de l´Epée gegründet.[7] Erste Institutionen in Deutschland waren die von dem Pfarrer Karl Haldenwang 1838 gegründete „Rettungsanstalt für schwachsinnige Kinder“ in Wildberg und von dem schweizer Arzt Guggenbühl 1841 gegründete „Heilsanstalt für Kretinen und blödsinnige Kinder“ auf dem Abendberg.[8]

Institutionen dieser Art entstanden oft aus privaten Initiativen. Die erste öffentliche Einrichtung für behinderte Kinder entstand 1846 in Hubertusburg.

Andreas Möckel macht hier eine Einteilung in ältere und jüngere Sonderschulen.[9] Zu den „älteren Sonderschulen“ zählt er: die Taubstummenschule, die Blindenschule, Schulen der Rettungshäuser, Heil- und Erziehungsanstalten für geistig behinderte Kinder und Heil- und Erziehungsanstalten für körperlich behinderte Kinder. Wie hier zu erkennen ist, fand jede Gruppe von behinderten Kindern, durch die jeweiligen spezifischen Interessen und Probleme, ihre Förderer und Fürsprecher. Diese älteren Sonderschulen nahmen behinderte Kinder auf, die nicht in die Volksschule aufgenommen wurden. Zu den „jüngeren Sonderschulen“, die sich durch Spezialisierung und Differenzierung aus den „älteren Sonderschulen“ entwickelt haben, zählt Möckel sieben Schultypen:

Sprachheilschulen,

Schulen für schwerhörige Kinder,

Schulen für sehbehinderte Kinder,

Schulen für geistig behinderte Kinder,

Schulen für verhaltensgestörte Kinder,

Krankenhausschulen und

Hilfsschulen.

Diese „jüngeren Sonderschulen“ nahmen Kinder auf, die vorher schon in anderen Schulformen waren und dort den schulischen Anforderungen nicht entsprechen konnten.

Die Hilfsschule, auch als Schule für Lernbehinderte bezeichnet, ist eine ganz neue Form von Schule, die es so noch nicht gegeben hat. Auf die Entwicklung der Hilfsschule soll hier besonderes Augenmerk gelegt werden, da es später die Schulform im Nationalsozialismus ist, welche eine ganz besondere Stellung einnimmt.

Heinrich Ernst Stötzner schrieb in seiner Schrift „Schulen für schwachbefähigte Kinder“ ein erstes Konzept für Hilfsschulen als selbständige Institution.[10]

Von Schuldirektoren und von interessierten Lehrern gegründet, entstanden Hilfsschulen als Einrichtungen der Städte. In Braunschweig und Leipzig entstanden 1881 die ersten eigenständigen Hilfsschulen. Anfangs orientierten sie sich noch an den Lehrplänen der Elementarschule, um eine Rückversetzung zu erzielen. Später aber hatten sie eindeutig die Funktion mit geeigneten Methoden die „schwachbefähigten“ Schüler zu „nützlichen“ Menschen zu erziehen, und die Volksschulen damit zu entlasten. Das Kriterium für die Aufnahme eines Schülers in eine Hilfsschule war das zweijährige Versagen in der Volksschule.

[...]


[1] vgl. Sierck, Udo: „Mißachtet-Ausgesondert-Vernichtet“. 1981. In: http://bidok.uibk.ac.at/library/mabuse_sierck-krueppel.html?hls=Geschichte (20.04.05)

[2] Aristoteles: „Politik“ 7/14, 1335 b/19ff, zit. in. Stekl, H., Hofmüller, G.: „Ausschliessung, Förderung, Integration-Historische Wurzeln von Einstellungen gegenüber Behinderten“ In: „http://bidok.uibk.ac.at/library/hofmueller-ausschliessung.html?hls=Geschichte (20.04.05)

[3] Sierck, Udo, 1981

[4] Stekl, H., Hofmüller, G.: .: „Ausschliessung, Förderung, Integration-Historische Wurzeln von Einstellungen gegenüber Behinderten“.1982

[5] vgl. Stekl/ Hofmüller. 1982

[6] vgl. www.sonderpaedagoge.de (18.04.05)

[7] vgl. Harney,K. /Krüger, H.-H. (Hrsg.): „Einführung in die Geschichte der Erziehungswissenschaft und der Erziehungswirklichkeit“.Leske+Budrich. Opladen. 1997. S.249

[8] vgl. www.sonderpaedagoge.de (18.04.05)

[9] vgl. Möckel, A.: „Geschichte der besonderen Grund- und Hauptschule“. Klett-Cotta. 2001 Heidelberg S. 8 ff.

[10] vgl. http://www.sonderpaedagoge.de/geschichte/deutschland/lb/

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Details

Titel
Die Hilfsschule zur Zeit des Nationalsozialismus
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Pädagogik)
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V40265
ISBN (eBook)
9783638388214
Dateigröße
725 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hilfsschule, Zeit, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Susanne Täntzler (Autor), 2005, Die Hilfsschule zur Zeit des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40265

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