Zur NS-Herrschaftspraxis: Statt Sozialismus - Sozialdarwinismus und Rassenideologie


Seminararbeit, 2005
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die NS-Rassenideologie – Die „arische Rasse“ und das „Untermenschentum“
2.1. Theoretische Grundlagen – „Rassenkampf“ und „Rassenhygiene“
2.2. Arier versus „Untermensch“ – eine nationalsozialistische Charakterisierung

3. Die „Gegenrasse“ – Der Jude als Todfeind der arischen Rasse

4. Die NS-Euthanasie – Die Zerstörung „lebensunwerten Lebens“
4.1. Das Sterilisationsgesetz
4.2. Die Kinder-Euthanasie
4.3. Die „Aktion T 4“ in den Jahren 1939 bis 1941
4.4. Die Sonderbehandlung 14f13 und die „Wilde Euthanasie“ 1941 bis 1945

5. Die soziale Ausgrenzung und Verfolgung von „Asozialen“
5.1. Maßnahmen zur „Endlösung der sozialen Frage“
5.2. Die „Endlösung des Zigeunerproblems“ im Dritten Reich
5.3. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Um dem auf Deutschlands Erde gewachsenen Volke wieder zur Blüte zu verhelfen, müssen wir das Unkraut ausjäten und Fremdrassiges entfernen.“[1]

Der Ursprung des nationalsozialistischen Rassenwahns und der daraus resultierenden Verbrechen im Dritten Reich lag in den rassenideologischen und sozialdarwinistischen Theorien des 19. Jahrhunderts und in dem Wunsch der Nationalsozialisten, eine Volksgemeinschaft zu erschaffen, die allen anderen Völkern körperlich als auch geistig überlegen ist und somit die Weltherrschaft auf ewig für sich in Anspruch nehmen kann. Voraussetzung für diese Überlegenheit war jedoch die gleichzeitige Eliminierung aller minderwertigen, artfremden bzw. fremdrassigen, gemeinschaftsunfähigen und erbkranken „Elemente“. Zu Beginn des NS-Regimes erfolgte die Eliminierung, hier noch im Sinne von Ausgrenzung, auf dem Wege der Gesetzgebung. Mit der Radikalisierung des Krieges gab es jedoch nur noch eine Lösung - den Genozid von Millionen unschuldiger Menschen, die nicht in das Bild einer idealen Volksgemeinschaft passten.

In der hier vorliegenden Hausarbeit werden die rassentheoretischen Grundlagen der NS-Rassenideologie näher betrachtet und deren praktische Anwendungen und Auswirkungen auf die für „minderwertig“ erklärten Gruppen untersucht. Der Fokus liegt dabei auf der Frage, welche Maßnahmen sich die Nationalsozialisten bei der Produktion einer rassisch überlegenen Volksgemeinschaft zunutze machten und mit welchen rassenideologischen Grundannahmen sie diese Maßnahmen rechtfertigten. In Kapitel 2 wird zunächst die NS-Rassenideologie vorgestellt, die von der Ungleichheit verschiedener Rassen und der Überlegenheit der arischen Rasse ausgeht, bevor in den nachfolgenden Kapiteln diejenigen Gruppen vorgestellt werden, die als „minderwertig“ und „fremdrassig“ stigmatisiert wurden und die es zu eliminieren galt. Dazu gehörten in besonderem Maße die Juden (Kap. 3), von denen Millionen der „Endlösung“ zum Opfer fielen. Doch auch die Ermordung behinderter Menschen im Rahmen der NS-Euthanasie (Kap. 4) sowie die Verfolgung und Ausgrenzung so genannter „Asozialer“ (Kap. 5), wie etwa Verbrecher, Zigeuner und Homosexuelle, gehörten zur NS-Herrschaftspraxis.

Materialbasis dieser Hausarbeit bilden ausschließlich Monographien, die sich gut fundiert und tiefgründig mit der Thematik der NS-Rassenideologie auseinandersetzen. Generell gestaltete sich die Literaturrecherche als einfach, da die Auswahl an Werken zu diesem Thema relativ umfangreich und vielfältig ist.

2. Die NS-Rassenideologie –

2. Die „arische Rasse“ und das „Untermenschentum“

2.1. Theoretische Grundlagen – „Rassenkampf“ und „Rassenhygiene“

Darwin, Gobineau, Chamberlain – diese Namen sind für das Verständnis der NS-Ideologie von umfassender Bedeutung, da sie mit ihren rassentheoretischen Lehren und Ideen im 19. Jahrhundert die Grundlagen für die Rassenideologie der Nationalsozialisten gelegt haben. Der englische Naturforscher Darwin entwickelte die Lehre vom „Kampf ums Dasein“, der zufolge die stärkeren Individuen, bei gleichzeitiger Eliminierung der schwächeren Individuen durch natürliche Selektion, überleben („survival of the fittest“). Gobineau, der den Begriff „arische Rasse“ prägte, versuchte die Ungleichheit der menschlichen Rassen zu beweisen und teilte diese in kulturbegründende, kulturtragende und kulturzerstörende Rassen ein. Chamberlain, auf den die Formel „arisch = germanisch = deutsch“ zurückgeht, vertrat die Ansicht, die „arische Rasse“ sei die allein kulturträchtige.[2] Aufgrund der intensiven Lektüre und Auseinandersetzung mit diesen Theoretikern während seiner Inhaftierung in Landsberg entwickelte Hitler in „Mein Kampf“ seine eigene Rassenlehre.

Ausgangspunkt der NS-Rassenideologie bildete die Überzeugung von der unveränderbaren, im Blut bzw. den Genen liegenden Verschiedenheit der Rassen, die somit auf biologische Aspekte und nicht auf Einflüsse der Umwelt oder Erziehung zurückgeführt wurde. So ging auch Hitler in „Mein Kampf“ von der Ungleichheit der Menschen aus, die sich höher- und minderwertigen Rassen zuordnen lassen. Dabei stehen sich die unterschiedlich starken Rassen in einem „Rassenkampf“ gegenüber, in dem die stärkere, auf Rassereinheit basierende Rasse als Sieger hervorgehen wird, während sich die schwächere der überlegenen Rasse unterzuordnen hat. Denn Hitler war der festen Überzeugung, dass die Natur den Trieb zur Rassereinheit habe. Dies impliziere den Untergang des Rassemischlings, den Hitler „Bastard“ zu nennen pflegte, da die Natur ihn mit Unfruchtbarkeit strafe und die „Rassereinen“ zur Blutreinheit treibe.[3] An den Untergang des „Bastards“ sei jedoch die Voraussetzung geknüpft, dass eine „höher stehende unvermischt gebliebene Rasseeinheit“[4] bzw. ein „Grundstock rassisch reiner Elemente“[5] vorhanden bleibe, wie sich Hitler ausdrückte. Die Vermischung von Blut unterschiedlicher Rassen, häufig auch „Durchrassung“ bezeichnet, senke das Niveau der Rasse, führe somit zu einer Abartung der reinen Rasseeinheit und verstoße gegen die Natur. Deshalb galt es im Nationalsozialismus alle Maßnahmen zur „Aufartung“ bzw. „Aufnordung“ zu ergreifen.

Das „Endziel“ der Nationalsozialisten war eine von „minderwertigen Elementen“ befreite Volksgemeinschaft, die jedem anderen Volk in der Welt körperlich und geistig überlegen ist und die Weltherrschaft auf ewig für sich beanspruchen kann. Als minderwertig galten all diejenigen, die nicht in das Bild einer rassisch homogenen, körperlich und geistig leistungsfähigen, erbgesunden und gemeinschaftsfähigen „Herrenrasse“ passten. Daraus leitete Hitler die dringendste Aufgabe des Staates ab. Diese bestand in der Reinhaltung und Gesundung der Erbmasse des Volkes. Damit verbunden war die Pflicht zur „Ausmerze“ aller minderwertigen und parasitären Individuen, d. h. der Staat hatte dafür zu sorgen, alle erblich Kranken und Belasteten für zeugungsunfähig zu erklären sowie alle „Fremdrassigen“ zu eliminieren. Es galt also, den rassisch wertvollsten, gesündesten und kulturspendenden Kern des Volkes und dessen Fruchtbarkeit zu fördern. Für Hitler und die NS-Ideologen stellte die nordisch-arische Rasse den für die Menschheit wertvollsten Kern dar. In Anlehnung an Gobineau galt sie für die Nationalsozialisten als die kulturbegründende und kulturtragende Rasse, denn sie allein habe die menschliche Kultur und Zivilisation sowie die Sprache hervorgebracht und Ergebnisse in Kunst, Wissenschaft und Technik seien das Produkt des Ariers.[6] Die Rassenhygiene wurde somit zum „heiligsten Menschenrecht“ erklärt, gleichzeitig aber auch zur „heiligen Verpflichtung“ für alle erhoben, und der Arier, der sein Blut mit „minderrassigen Elementen“ vermischte, wurde der Rasseschande bezichtigt und als Verbrecher gebrandmarkt.

2.2. Arier versus „Untermensch“ – eine nationalsozialistische Charakterisierung

Den Aussagen einiger damaliger Kulturanthropologen zufolge ist das deutsche Volk aufgrund seiner nordalpinen Lage ein nordisch-europäisches Volk. Aufgrund dieser Tatsache weise es eine spezielle Rassenbeschaffenheit auf, dessen Hauptbestandteil das nordische Blut ausmache, und somit verkörpere es auch am besten das nordische Menschenideal, dem die Deutschen ihre Führungsfähigkeit und Führerrolle in Europa zu verdanken habe.[7] Somit galt es, bereits während der Erziehung den Kindern und Jugendlichen das Gefühl von Überlegenheit zu vermitteln. So wurden im Jahre 1935 Rassenkunde und Vererbungslehre in den Schulen eingeführt, die auch in anderen Fächern ihre Berücksichtigung finden sollten. Das dort vermittelte Wissen basierte u. a. auch auf dem 1933 erschienenen Werk „Neue Grundlagen der Rassenforschung“ von H. Gauch, welches als Grundpfeiler der deutschen Rassenlehre bezeichnet wurde. Nach Auffassung Gauchs existieren lediglich zwei wesentliche Rassenstämme, die gegensätzlicher nicht sein könnten: die nordisch-arische Rasse und das Mongolentum. Jedoch wurden auch alle anderen Rassen, die keine arischen Elemente aufwiesen bzw. nur in vermischter Form, zur mongolischen Rasse dazugezählt, weshalb nur von der „nicht-arischen Rasse“ gesprochen wurde. Gauch nahm eine Unterscheidung zwischen der Rasse der Arier und Nicht-Arier bezüglich geistiger und körperlicher Merkmale vor, wobei die Überzeugung von der Ungleichheit der Menschen und der Überlegenheit der arischen Rasse, wie sie die Nationalsozialisten propagierten, zum Ausdruck gebracht wurde:

Durch seinen hohen athletischen Wuchs, seine aufrechte Körperhaltung und geschwellte Brust strahle der Arier Stärke, Führungsfähigkeit, soldatischen Heldenmut, Standhaftigkeit und Selbstvertrauen aus. Seine typisch blauen Augen, die blonden Haare, roten Wangen und helle Hautfarbe stünden für Schönheit, Ehrgefühl, Jugendlichkeit und Würde. Die tief liegenden weitschauenden Augen und der entschlossene Blick des Ariers seien immer auf ein bestimmtes Ziel gerichtet. Die Langschädlichkeit des Ariers, die ausschlaggebend für die bessere Entfaltung des Gehirns sei, stehe in Beziehung mit dem Herrenbewusstsein des Ariers. Denn ähnlich wie Pferde und schlanke Hunde, die ebenfalls eine längliche Form des Kopfes aufweisen, gelte der Arier als angriffslustig und schneidig. Den Arier zeichne zudem seine Disziplin, Zuverlässigkeit, Unerschrockenheit und Reinlichkeit aus. Der nordisch-arische Mensch sei ein Leistungsmensch und allein die arische Seele und der arische Körper vereinen ausschließlich positive Eigenschaften.

Der Nicht-Arier hingegen verkörpere grundsätzlich das Gegenteil. So drücke seine geduckte tierartige Körperhaltung und seine weinerlich-verschlafene „Fratze“ pure Feigheit und fehlende Willenskraft aus. Die wenig geöffneten Augen, wie sie auch eine Katze hat, brächten seine Hinterhältigkeit, Heuchelei und Unaufrichtigkeit zum Ausdruck. Weitere charakterliche Eigenschaften des Nicht-Ariers seien seine Rücksichtslosigkeit und Aufdringlichkeit, seine Niederträchtigkeit und Gier. In seinem Rundschädel sei wenig Platz für ein Gehirn, was weitere negative Auswirkungen hätte. Die bei Nicht-Ariern fehlende Disziplin manifestiere sich in ihren Tischmanieren – sie fressen, schmatzen und sabbern wie Tiere. Auch hätten sie keinerlei Sinn für Reinlichkeit und leben daher immer in Schmutz und Dreck. Aufgrund ihrer Rasseunreinheit seien Nicht-Arier häufiger von Geistes- und Augenkrankheiten, Taubstummheit und Verwachsungen betroffen. Im Gegensatz zum Arier, der über eine reine und klare Aussprache verfüge, ähnle die unreine Aussprache des Nicht-Ariers derjenigen von Tieren. Zudem belle und quietsche er, rede wie Affen mit den Händen und schnarche beim Schlafen. Die häufigen Bezüge zum Tierreich sollten den Glauben erwecken, dass alle Nicht-Arier eine Zwischenstellung zwischen dem arischen Menschen und den Tieren darstellen. Sie repräsentieren somit eine niedere Rasse und keinen vollkommenen Menschen, ähnlich dem Neandertaler. Der Oberbegriff „Untermensch“ wurde daraufhin zum Symbol für alle Nicht-Arier.[8]

[...]


[1] Saller, Kurt: Die Rassenlehre des Nationalsozialismus in Wissenschaft und Propaganda, Darmstadt 1961, S. 136.

[2] Vgl. Scheffler, Wolfgang: Judenverfolgung im Dritten Reich 1933-1945, Berlin 1960, S. 10.

[3] Vgl. Essner, Cornelia: Die Nürnberger Gesetze oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945, Paderborn u. a. 2002, S. 60.

[4] Ebd., S. 57.

[5] Ebd., S. 58.

[6] Vgl. Saller: Die Rassenlehre, S. 95.

[7] Vgl. ebd., S. 102 f.

[8] Vgl. ebd., S. 109 - 114.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zur NS-Herrschaftspraxis: Statt Sozialismus - Sozialdarwinismus und Rassenideologie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V40343
ISBN (eBook)
9783638388801
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NS-Herrschaftspraxis, Statt, Sozialismus, Sozialdarwinismus, Rassenideologie
Arbeit zitieren
Sarah Spangenberg (Autor), 2005, Zur NS-Herrschaftspraxis: Statt Sozialismus - Sozialdarwinismus und Rassenideologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40343

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