Die Dimension der Identität - . Aspekte der Identitätsfindung im Werk von Burkard Zink


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

47 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Der Lebenslauf des Augsburger Chronisten Burkard Zink
2.2 Der Aufbau der Chronik
2.2.1 Das erste Buch der Chronik
2.2.2 Das zweite Buch der Chronik
2.2.3 Das dritte Buch der Chronik
2.2.4 Das vierte Buch der Chronik
2.2.5 Das Verhältnis der einzelnen Bücher zueinander
2.3 Augsburg im Spätmittelalter
2.3.1 Die Zunfterhebung von 1368
2.3.2 der Städtekrieg 1387-1388
2.3.3 Der Bischofsstreit 1414-1423
2.3.4 Der „Reichskrieg“ 1461-1463

3. Aspekte der Identitätsdimension
3.1 Das Bild des Menschen
3.2 Das Identitätsmodell nach Lothar Krappmann
3.2.1 Identität als Balance in sozialer Interaktion
3.2.2 Qualifikationen des sozialen Rollenhandels
3.2.3 Rolle des Konzeptes bei der Analyse der Identitätsdimensionen
3.3 Analyse der Identitätsdimensionen im Werk des Burkard Zink
3.3.1 Die Familie
3.3.2 Die Reichsstadt
3.3.3 Zusammenleben im Innern
3.4 Stadtchronistik im Spätmittelalter
3.5. Aufkommen eines neuen Denkens zum Ende des Mittelalters

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Vorstellungswelt des Augsburger Chronisten Burkard Zink.

Durch eine Betrachtung des Lebensumfeldes und des Aufbaus der Chronik soll eine erste Annäherung an die Person erreicht werden. Darüber hinaus widmen wir uns der Betrachtung der markanten Stellen der Chronik, um einen Einblick in Wert- und Normvorstellungen des Chronisten zu erlangen. Diese Aussagen werden im Folgenden anhand des Identitätsmodells von Lothar Krappmann überprüft und vertieft. Anschließend erfolgt eine Betrachtung der Stadtchronistik im Mittelalter, um einen Vergleich des Werkes Burkard Zinks mit anderen zeitgenössischen Chroniken anstellen zu können. Abschließend werden wir uns mit den neuen Gedankenströmungen des ausgehenden Mittelalters beschäftigen und klären, inwieweit der Chronist mit diesen bereits in Berührung gekommen ist.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, einige Persönlichkeitsaspekte des Burkard Zinks herauszustellen und seine Motivation für die neuartige, eingehende Beschäftigung mit den handelnden Personen in seiner Chronik zu ergründen.

[Daniel Scholz und Florian Rolf]

2. Grundlagen

2.1 Der Lebenslauf des Augsburger Chronisten B. Zink

Burkard Zink wurde 1396 in Memmingen geboren, wo sein Vater „ain gewerbig man[1] “ war. Mit 11 Jahren verließ er die Heimatstadt und zog zu einem Bruder seines Vaters, der zu Rieg in Krain als Pfarrer tätig war. Der Onkel ließ den elfjährigen Knaben eine Schule in Reifnitz besuchen und wollte ihn anschließend auf die Universität nach Wien schicken. Zink konnte sich für die Pläne seines Onkels nicht begeistern und kehrte wieder zurück nach Memmingen. Dort hatte sich in seiner Abwesenheit einiges zu seinen Ungunsten verändert: Sein Vater war gestorben und das Erbe war unter den Geschwistern aufgeteilt worden. So kehrte er wieder zu seinem Onkel nach Rieg in Krain zurück. Doch auch dieser war in der Zwischenzeit verstorben und so begann Zink, nach einem verunglückten Versuch, sich als Handwerker zu verdingen, ein fahrendes Schülerleben. Fortan zog er mehrere Jahre in verschiedenen schwäbischen Städten und Schulen lernend und lehrend und gelegentlich auch sein Brot erbettelnd umher. Auf seinen Fahrten kam er 1415 nach Augsburg, wo er nicht, wie es seinem bisherigen Bildungsgang und dem Wunsch seiner Verwandtschaft entsprochen hätte, die geistlichen Weihen empfing, sondern in das Geschäft eines Kaufmanns eintrat. Hier liegt der Wendepunkt in seinem Leben. Von nun an ließ er sein Schülerleben ruhen und widmete sich mit ganzer Kraft dem Handel. Die Fertigkeiten und Kenntnisse, die er in seiner Jugendzeit erworben hatte, blieben aber dennoch eine wichtige Stütze seiner Existenz. So halfen ihm seine Schreibkenntnisse in Zeiten der Not, als er nach seiner Heirat zeitweilig die Anstellung verlor, ein Auskommen zu finden. Darüber hinaus sicherten seine Kenntnisse ihm die Aufmerksamkeit des Rates, was dazu führte, dass ihm wiederholt einige kleinere Ämter und Aufträge anvertraut wurden. Jedoch blieb die Anstellung Zinks im städtischen Dienst nur von vorübergehender Dauer. Seine eigentliche Profession blieb der Handel.

Schon während der Zeit, in der Zink noch ein Angestellter war, betrieb er bereits Handelsgeschäfte auf eigene Rechnung, die lukrative Profite einbrachten. Später agierte er dann als selbstständiger Kaufmann und gelangte zu Reichtum und Ansehen. Seine Geschäfte ließen ihn weit in der Welt herumkommen und führten ihn namentlich wiederholt nach Venedig bis hinaus nach Rhodos. 1440 erwarb er in Augsburg Grund und Boden und somit das dortige Bürgerrecht.

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurde ihm das Reisen allmählich zu mühsam und er versah immer häufiger städtische Ämter und beschäftigte sich mit seinen umfangreichen Memoiren und Geschichtsbüchern. Burkard Zink dürfte im Jahre 1474 gestorben sein.[2]

[Florian Rolf]

2.2 Der Aufbau der Chronik

Die Chronik Burkard Zinks ist aus analistischen, biographischen und selbstbiographischen Stücken bunt zusammengesetzt[3] und nicht einfach nach chronologischen Gesichtspunkten geordnet. Sie besteht aus mehreren selbstständigen Teilen, die eine besondere Einleitung und ein eigenes Schlusswort besitzen. Zink bezeichnet die einzelnen Teile seiner Chronik als Bücher.[4]

Trotz verschiedener Verweise innerhalb der einzelnen Bücher auf Stellen in anderen Büchern der Chronik, ist der Eigenwert der einzelnen Bücher zu betonen, die erst später und nur äußerlich verbunden, zu einem Werk zusammengefasst wurden.[5]

Die Chronik lässt eine dreifache Arbeitsweise des Chronisten erkennen: Auswählende Abschrift einzelner Passagen aus früheren Chroniken, annalistisch geprägte Einzelaufzeichnungen sowie selbstständige zusammenhängende Berichte aufeinander bezogener Ereignisse stehen in seinem Werk nebeneinander. Durch die spätere Neufassung gewinnt die Chronik eine Tendenz zur Einheitlichkeit, ohne diese jedoch erreichen zu können.[6] Wie in anderen zeitgenössischen Geschichtsdarstellungen auch, sind an verschiedenen Stellen kurze oder längere Autorenkommentare und Berichte über interessante Zeitgenossen in die Chronik eingeschaltet.[7] Insgesamt ist die Chronik von einer lebendigen und durchaus subjektiven Auffassung durchdrungen. An zahlreichen Stellen seiner Chronik spricht der Chronist seine Teilnahme an dem Geschehen aus und gewährt dem Leser damit einen Einblick in seine innere Persönlichkeit.[8] Neben den erwähnten früheren Chroniken verwendet Zink die Berichte von Durchreisenden, Kaufleuten und Söldnern sowie seine eigenen Erlebnisse als Quellen für seine Chronik.[9] Die zusammenfassende Niederschrift der Chronik dürfte um das Jahr 1466 erfolgt sein.[10]

2.2.1 Das erste Buch der Chronik

Das erste Buch der Chronik beginnt mit der Einführung der Zunftverfassung 1368 und schließt mit den Ungeldunruhen von 1397. Inhaltlich basiert dieser Teil auf einer älteren anonymen Augsburger Chronik, die Zink im Besitz eines alten Mannes gefunden hatte. Zink beließ es jedoch nicht bei einer bloßen Abschrift, sondern „erneuerte“ die alte Chronik, indem er die Ausdrucksweise änderte sowie Worte und Redensarten vertauschte, die ihm nicht zusagten. Zink bemüht sich in seinen Ausführungen um eine klare Herausstellung der Tatsachen und scheut sich nicht vor Verallgemeinerungen und Ausschmückungen von knapp gehaltenen Passagen. Aber auch das Kürzen oder gar Streichen von ihm unwichtig erscheinenden Passagen, wie z.B. die Berichte über das Wetter, sind für Zink im Rahmen seiner „Erneuerung“ probate Mittel und ein Zeichen dafür, dass er nicht den geringsten Respekt vor dem Wortlaut seiner Vorlage hat. Einzig und allein der Inhalt der Chronik ist für Zink von Interesse. Auffällig ist auch der willkürliche Umgang mit Datierungen im ersten Buch seiner Chronik. Hier kommt es immer wieder zu Abweichungen im Vergleich zu den in der Vorlage genannten Datierungen, die deshalb historisch nicht brauchbar sind.[11] Für Frensdorff hat das erste Buch der Zinkschen Chronik vor allem historiographischen und philologischen Wert. Er weißt jedoch auf den besonderen historischen Wert der Zusätze hin, die Zink an einigen Stellen seiner Vorlage beigefügt hat. In diesen Zusätzen deutet der Chronist später eingetretene Veränderungen an, beschreibt einen früheren Zustand der Verhältnisse oder fügt Details ein, die ihm aus mündlichen Überlieferungen bekannt sein konnten. Nach eigenen Angaben hat Zink seine Arbeit am ersten Buch seiner Chronik im Sommer des Jahres 1466 abgeschlossen.[12]

2.2.2 Das zweite Buch der Chronik

Das zweite Buch der Chronik stellt eine selbstständige Arbeit dar und ist nicht eine bloße Abschrift wie das Erste. Dieser Teil der Chronik hat den Charakter einer Ausarbeitung bzw. einer Erweiterung bereits schriftlich vorliegender Quellen.

Nach einer kurzen Notiz über die Anwesenheit R. Ruprechts in Augsburg im Jahre 1401 und einer Erwähnung der Dombauarbeiten im Jahre 1413 folgt eine ausführliche Darstellung des Augsburger Bischofsstreits zwischen Anselm von Nenningen und Friedrich von Grafeneck. Die Schilderung des Streits zwischen den beiden Bischöfen wird durch die Beschreibung der Ereignisse auf dem Konstanzer Konzil unterbrochen. Es folgt ein Einschub einiger höchst verschiedenartiger Berichte aus den Jahren 1409-1429 und anschließend die Weiterführung des Bischofsstreits von 1416 bis zu seinem Ende. Im Weiteren geht der Chronist auf die hussitische Bewegung und der zu ihrer Unterdrückung unternommenen Züge bis zum Jahr 1431 ein. Ohne eine chronologische Reihung fügt sich wiederum eine Reihe von Einzelberichten aus den Jahren 1434-1460 an. Hiernach wendet sich Zink der Aufzählung aller Orte und Gegenden zu, die er auf seinen Reisen bisher gesehen hat, und zählt die Inseln zwischen Venedig und Rhodos auf.

Schlussendlich wendet sich Zink wieder der Ereignisgeschichte zu und schildert die Vorkommnisse der Jahre 1459-66.

Zink hat vermutlich von 1450- 1460 an dem zweiten Buch seiner Chronik gearbeitet, wobei er in einigen Passagen jedoch auf bereits früher entstandene Niederschriften zurückgegriffen haben dürfte. Die Darstellung der letzten Ereignisse (1460-1466) erfolgt nahezu unmittelbar, unter dem Eindruck der sich während des Schreibens entwickelnden Ereignisse.[13]

2.2.3 Das dritte Buch der Chronik

Das dritte Buch seiner Chronik trennt Zink bewusst als ein „besunder buech[14] “ von dem übrigen Teil der Chronik. Dieses Buch ist die Selbstbiographie Burkard Zinks, in der er schildert, wie er in seinen „kintlichen tagen gelept… und wie es… [ihm] gangen ist[15] “.

Die Selbstbiographie im engeren Sinne ist noch einmal zweigeteilt: Ausführlich beschreibt Zink die Ereignisse seiner Jugend in der Reichsstadt Memmingen und die Geschichte seines Werdegangs in Augsburg bis zum Tod seiner ersten Frau im Jahre 1440. Anschließend geht die Erzählung in eine kalendarische Aufreihung von Familiennachrichten über, die mit dem Tod der Mutter 1401 beginnt und alle wichtigen Geburts- und Todesdaten der engeren Familie bis 1456 auflistet. Dieser zweite Teil der Selbstbiographie wird nur noch punktuell durch erzählende Passagen aufgelockert. Die Autobiographie lässt vermuten, dass Zink sich rückblickend mit den Jahren seiner Jugend und seiner ersten Ehe, der Zeit seines gesellschaftlichen Aufstieges, ganz besonders identifizierte.[16]

Zink dürfte die Arbeit an seiner Selbstbiographie im Jahre 1459 abgeschlossen haben.[17]

2.2.4 Das vierte Buch der Chronik

Das vierte Buch ist das umfangreichste Buch der Chronik. Zink kündigt in der Einleitungsbemerkung für dieses Buch an, dass er keine vollständige Darstellung der städtischen Geschichte seit seiner Ankunft anstrebt, sondern „ain tail der geschicht, die beschechen sind hie in dieser Stat Augsburg, seider ich [B. Zink] her kommen bin“[18] aufschreiben möchte. Er beginnt mit dem Jahr 1416 und beendet seine überwiegend chronologisch geordneten Aufzeichnungen im Jahre 1468.

Das vierte Buch der Chronik stellt ebenso wie Buch III. eine überwiegend selbstständige Leistung von Burkard Zink da, die weitgehend unabhängig von schriftlichen Vorlagen entstanden ist. Im August 1468, inmitten der Feindseligkeiten zwischen der Stadt Augsburg und Herzog Ludwig dem Reichen bricht der Chronist seine Aufzeichnungen ab. An einigen Stellen lassen sich Einzelaufzeichnungen erkennen, die erst später in das Buch IV. integriert worden seien dürften und darauf schließen lassen, dass die chronologische Ordnung der Ereignisse erst im Nachhinein vorgenommen wurde.[19]

2.2.5 Das Verhältnis der einzelnen Bücher zueinander

Wie bereits erwähnt, hatte Zink die Bücher II. und IV. seiner Chronik bereits überwiegend fertig gestellt, bevor er die Arbeiten an dem ersten Buch seiner Chronik beenden konnte. Das dritte Buch seiner Chronik ist wahrscheinlich bereits vor dem Abschluss des zweiten und vierten Buches entstanden. Für diese Annahme sprechen die Verweise innerhalb des zweiten und vierten Buches auf das dritte Buch der Chronik. Das innerhalb des ersten Buches keine Bezüge auf die anderen Teile zu finden sind, obwohl es nach diesen fertig gestellt wurde, lässt sich durch die Verschiedenheit der behandelten Zeit und Gegenstände erklären.[20]

Die interessanteste Frage ist sicherlich die nach dem Verhältnis der Bücher zwei und vier zueinander, da sie sowohl größtenteils über dieselbe Zeit berichten, als auch in nahezu denselben Jahren abgefasst wurden. In beiden Büchern lässt sich nur eine Stelle finden, an der Zink einen Bezug zwischen beiden herstellt[21], obwohl mehrfach in beiden Büchern derselbe Gegenstand behandelt wird.[22]

Für Frensdorff ist das Buch II. eine Sammlung ausgearbeiteter Stücke, die aus unbekannten Gründen nicht mehr in das Buch IV. eingeordnet wurden und so in ihrer vorläufigen Form zwischen dem ersten und dem dritten Buch eingeordnet wurden. Mit dieser Theorie ließe sich auch das Fehlen von Verweisen der Bücher aufeinander plausibel erklären[23]. Schnith widerspricht dieser Theorie mit dem Hinweis auf den selbstständigen Schluss des zweiten Buches und dessen Charakter als eine Erweiterung schriftlich vorliegender Quellen, ohne eine andere belegbare Erklärung nennen zu können[24], womit die genaue Funktion des Buch II. innerhalb der Chronik strittig bleibt.

[Florian Rolf]

2.3 Augsburg im Spätmittelalter

Im Folgenden wird auf die Situation Augsburgs in den Jahren 1368-1463 eingegangen. Es werden vier prägnante außen- und innenpolitische Aspekte hervorgehoben, welche auch in der Chronik des Burkard Zink Erwähnung finden.

Diese Ereignisse werden in die Analyse eingehen und stellen dort im übertragenen Sinne die Interaktionspartner Zinks dar.

2.3.1 Die Zunfterhebung von 1368

Die Augsburger Handwerker versuchten, wie auch in anderen Reichsstädten im 14. Jahrhundert, zunehmend Einfluss im Großen Rat zu gewinnen, der unter patrizischer Herrschaft regiert wurde. Sie verlangten die Einführung einer Zunftverfassung und forderten die Eingliederung aller Bürger in die bestehenden Zünfte, also auch die der ratsfähigen Geschlechter. Neben der Beteiligung der Zünfte am Stadtregiment sollte außerdem festgelegt werden, dass nur Zunftangehörige in den Rat gewählt werden können.[25] Parallel zu diesen politischen Forderungen gab es aber auch wirtschaftliche Interessen, die vor allem von wohlhabenden Handwerkskreisen vertreten wurden. Sie lehnten den Dirigismus der Patrizier ab und verlangten mehr Freiraum für die persönliche Lenkung des Marktes.[26]

Diese Forderungen fanden keinen Anklang im Rat, der sich nicht weiter damit auseinandersetzen wollte. Unter den Handwerkern wuchs daraufhin jedoch eine missmutige Stimmung, die der Rat nicht mehr länger dämpfen konnte.

Am 22./23.10.1368 schlossen sich bewaffnete Handwerker zusammen, um ihre Forderungen mit Waffengewalt zu unterstreichen. Die Geschlechter lenkten daraufhin ein und die Zunftbewegung hatte einen Erfolg zu verzeichnen. Noch im selben Jahr wurde ein Zunftbrief erlassen, der den Mitgliedern der Zünfte Zugang zum Rat verschaffte. Es wurde festgelegt, dass in Zukunft einer der beiden Bürgermeister von den Zünften und ein weiterer von den Patriziern gestellt werden sollte.[27]

2.3.2 Der Städtekrieg 1387-1388

Aufgrund der ständigen Bedrohung durch die Fürsten und dem Wunsch nach mehr städtischer Selbstständigkeit, schlossen sich 1376 vierzehn schwäbische Reichsstädte zum Schwäbischen Städtebund unter der Führung Ulms zusammen.

Augsburg zögerte zunächst, da es versuchte, zwischen dem Städtebund und dem Kaiser, der die Vereinigung nicht anerkannte, zu vermitteln.[28] Im Sommer 1379 trat auch Augsburg dem Bund bei und dachte an einen friedlichen Weg zur Lösung der Konflikte. Ulm dagegen dachte schon zu dieser Zeit an einen großen Krieg gegen die Fürsten.

Die Wittelsbacher sahen sich durch den Schwäbischen Städtebund und dessen aggressive Politik bedroht. Als Herzog Friedrich im November 1387 den Erzbischof Pilgrim von Salzburg einlud und ihn gefangen nahm, richtete der Schwäbische Städtebund eine Kriegserklärung an Bayern.[29]

Bei der Entscheidungsschlacht am 23.08.1388 westlich von Stuttgart wurde das schwäbische Heer geschlagen.[30] Im Frühjahr 1389 befahl König Wenzel den Bürgerschaften die Auflösung ihrer Bündnisse, die eigentlich schon durch die Goldene Bulle (1356) grundsätzlich verboten waren. Zur Wahrung von Recht und Ordnung sollten Fürsten und andere Herren zusammenwirken.

Augsburg musste nach Kriegsende hohe Geldsummen an das Herzogtum Bayern entrichten und versuchte eine Einigung mit den Fürsten und Bischof Burkhard zu schließen.

2.3.3 Der Bischofsstreit 1414-1423

Im Jahre 1414 kam es zu einem Streit zwischen dem vom Domkapitel zum Bischof gewählten Anshelm von Nenningen und dem von König Sigmund favorisierten Benediktinerabt Friedrich von Grafeneck.

Bei dem Streit um den Augsburger Bischofsstuhl stellten sich die Bürger auf die Seite des von Grafeneck; mit Anshelm von Nenningen hatten sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht.[31]

Von Grafeneck appellierte an das zur gleichen Zeit in Konstanz zusammengetretene Konzil. Der dort neu gewählte Papst Martin V. entschied sich für Bischof Anshelm. Die Bürger waren mit dieser Entscheidung nicht zufrieden und wandten sich einige Zeit später erneut an Martin V., der daraufhin beide Streitparteien zu sich nach Rom einlud. 1424 entschied man sich schließlich für Peter von Schaumberg als neuen Augsburger Bischof. „Und in den weilen da saßt babst Martinus den Nenninger ab von dem bistumb und nam im die kirchen… Item am suntag nach dem auffertag 1424 jar rait bischoff Peter von Schawenberg zu Augspurg ein als ain frummer bischoff reiten und wandeln solt.“[32]

2.3.4 Der „Reichskrieg“ 1461-1463

Im Jahre 1461 geriet der Ansbacher Markgraf Albrecht Achilles mit Herzog Ludwig dem Reichen von Bayern-Landshut, der die Stadt Donauwörth besetzte, in einen Krieg.[33] Die Augsburger befürworteten den Krieg nicht und gingen auf Distanz, denn „…sie versahen sich kains gewins.“[34]

Erst unter dem Druck Friedrichs III., der mit dem Verlust von Freiheiten für die Reichstädte drohte, beteiligten sich die Augsburger widerwillig an diesem Reichskrieg, den der Markgraf für seine territorialen Ziele nutzen wollte. Bayern verwüstete große Teile des auswärtigen Besitzes der Augsburger, zwei Versuche, die Stadt selbst anzugreifen, schlugen allerdings fehl. Nach dem Krieg konnten die Bayern aus Donauwörth zurückgedrängt werden.[35]

[Daniel Scholz]

3. Aspekte der Identitätsdimension

3.1 Das Bild des Menschen

Für Burkard Zink sind Familie, Stadt und Reich die selbstverständlichen Formen des Zusammenlebens.

Von Geburt an steht der einzelne Mensch im Umkreis der Familie als nächster Ordnung. Bezeichnend für die Familie ist, dass sie wie selbstverständlich gegeben ist und der Mensch ohne sein Zutun in ihr steht. Folglich setzt Zink in seiner Chronik das Dasein der Familie einfach voraus und berichtet überwiegend über äußere Familienereignisse, ohne einzelne Geschehnisse näher zu problematisieren.

Über der Familie steht als höhere Sphäre die Gemeinschaft der Städter, die stets auf die Wahrung ihrer Unabhängigkeit bedacht ist. Zink geht es vordergründig um die Sicherung und Ausweitung des einzelstädtischen Lebens unter besonderer Berücksichtigung des Handels. Die Erringung endgültiger Freiheit vom stadtherrlich-bischöflichen Regiment, die Zurückdrängung der kirchlichen Rechte innerhalb der Stadtmauern und die Sicherung einer größtmöglichen Handlungsfreiheit für die politisch bestimmenden Kreise der Stadt sind die handlungsleitenden Ziele der reichsstädtischen Politik.

Neben der äußeren Politik steht das Zusammenleben im Inneren. Beide Bereiche lassen sich nicht scharf voneinander trennen, wie überhaupt eine Scheidung der Politik von den anderen Lebensbereichen nur sehr begrenzt möglich ist. Auf der Entwicklungsstufe, die von Zink aufgezeigt wird, kann man die Stadt noch als eine Gemeinschaft verstehen, auch wenn überall bereist auflösende Tendenzen sichtbar werden. Die Standesgrenzen in Augsburg sind noch durchlässig und dem Anfangs mittelosen Zink gelingt der wirtschaftliche und soziale Aufstieg.[36]

Burkard Zink besitzt ein auf die Gemeinschaft aller Augsburger Bürger bezogenes reichsstädtisches Bewusstsein. Diese Gemeinschaft Augsburger Bürger bildet eine Interessengemeinschaft gegen die fürstlichen Gewalten. Für ein nationales Bewusstsein im heutigen Sinne gab es in der Vorstellungswelt des Burkard Zink keinen Raum.[37] Die christliche Ordnung besitzt für Zink fraglose Gültigkeit und es gibt für ihn keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Unveränderlichkeit des einen christlichen Glaubens. Die Ausbildung einer Meinung, die von der christlichen Richtschnur des Handelns abweicht, liegt für Zink außerhalb des möglichen.[38]

Trotz seines stark ausgeprägten reichsstädtischen und christlichen Bewusstseins, ist sein Ich stark genug, um seinen Stoff von persönlichem Denken durchdrungen darzustellen.[39] Im Gegensatz zu den anderen Augsburger Chroniken gewährt Burkard Zink einen reichen Einblick in die inneren und intimeren Verhältnisse und Vorkommnisse der Stadt. Die Emotionalität der Darstellung, Originalität der Sprache und Schilderung des Zeitgeschehens einmal nicht aus dem Blickwinkel der Herrschenden, sondern aus dem des wachen und doch bescheiden[40] gebliebenen Bürgers machen das Besondere der Chronik aus und rechtfertigen die Einschätzung, dass die Augsburger Historiographie in Burkard Zink, wenn nicht ihren Höhestand erreichte, so doch zur vollen Blüte gekommen ist.[41]

Zink kennt keine klar definierte Trennung von Physischem und Psychischem und räumt dem persönlichen Moment stets seinen Raum ein. Für ihn besitzt der Mensch bestimmte angeborene Charakterzüge, die aber nicht unveränderlich sind und durch die Einwirkung verschiedener Lebensschicksale zur Entfaltung kommen.[42]

Der Chronist sieht sich als natürlichen Bestandteil seiner Familie und als Bürger seiner Stadt. Dennoch sondert er seine Selbstbiographie reinlich von der Chronik seiner Vaterstadt ab und stellt somit sein Ich ganz bewusst in den Mittelpunkt. Seine Lebensbeschreibung stellt ein Paradebeispiel für die biographische Selbstkonstituierung des spätmittelalterlichen Ichs dar.[43]

[...]


[1] Vgl. Die Chroniken der deutschen Städte Bd. 5. Leipzig 1866. Hg. von C. Hegel, S. 122.

[2] Vgl. Einleitung der Chronik des Burkard Zink 1368-1468 von F. Frensdorff. In: Die Chroniken der deutschen Städte Bd. 5. Leipzig 1866. Hg. von C. Hegel. S.XI-XLV, hier S. XXI-XXIII, und Lorenz, Ottokar, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, unveränderter Nachdruck der Bände I (1886) und II (1887), Augsburg 1999, S. 103-104.

[3] Vgl. Schnith, Karl, Die Reichsstadt Augsburg im Spätmittelalter, Eine Untersuchung zur reichsstädtischen Geschichtsschreibung des 15. Jahrhunderts, Diss. München 1958, S. 76.

[4] Vgl. Frensdorff, a.a.O., S. XIII.

[5] Vgl. Lorenz, a.a.O., S. 104.

[6] Vgl. Schnith, a.a.O., Die Reichsstadt Augsburg im Spätmittelalter, S. 80/81.

[7] Vgl. Wenzel, Horst, Die Autobiographie des späten Mittealters und der frühen Neuzeit, München 1980, S.44.

[8] Vgl. Frensdorff, a.a.O., S. XXXIV.

[9] Vgl. Schmidt, Heinrich, Die deutschen Städtechroniken als Spiegel des bürgerlichen Selbstverständnisses im Spätmittelalters, Göttingen 1958, S. 30.

[10] Vgl. Schnith, Die Reichsstadt Augsburg im Spätmittelalter , S. 32.

[11] Vgl. Frensdorff, a.a.O., S. XV-XVI.

[12] Vgl. ebenda, S. XVI.

[13] Vgl. Frensdorff, a.a.O., S. XVII-XVIII.

[14] Die Chroniken der deutschen Städte Bd. 5. Leipzig 1866. Hg. von C. Hegel, S. 122.

[15] Ebenda.

[16] Vgl. Wenzel, a.a.O., S. 44/45.

[17] Vgl. Frensdorff, a.a.O., S. XVII.

[18] Die Chroniken der deutschen Städte Bd. 5, a.a.O., S. 144.

[19] Vgl. Frensdorff, a.a.O., S. XX/XXI.

[20] Vgl. Frensdorff, a.a.O., S. XXII.

[21] Auf der Seite 150 (Buch IV.) verweißt Zink auf die auf S. 93 (Buch II.) beschriebenen Ereignisse.

[22] Vgl. Frensdorff, a.a.O., S. XXIII.

[23] Vgl. ebenda, S. XXIV.

[24] Vgl. Schnith, Die Reichsstadt Augsburg im Spätmittelalter, S. 32.

[25] Vgl. Zorn, Wolfgang, Augsburg. Geschichte einer deutschen Stadt, Augsburg 1972, S. 131-135.

[26] Vgl. Schubert, Ernst, Einführung in die Grundprobleme der Deutschen Geschichte im Spätmittelalter, Darmstadt 1992, S. 142f.

[27] Vgl. Blendinger, Friedrich, Die Zunfterhebung von 1368, In: Gottlieb, Gunther/Baer, Wolfram (Hrsg.): Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, Stuttgart 1984, S.150-153, hier S. 151.

[28] Vgl. Schnith, Die Reichsstadt Augsburg im Spätmittelalter (1368-1493), In: Gottlieb, Baer, (Hrsg.), a.a.O., S. 153-170, hier S. 156.

[29] Vgl. Schnith, Die Reichsstadt Augsburg im Spätmittelalter, S. 157.

[30] Vgl. Zorn, a.a.O., S. 137.

[31] Vgl. Schnith, Die Reichsstadt Augsburg im Spätmittelalter, S. 159.

[32] Die Chroniken deutscher Städte, Bd.V, a.a.O., S. 86f.

[33] Vgl. Zorn, a.a.O., S. 147f.

[34] Die Chroniken deutscher Städte, Bd.V, a.a.O., S. 246

[35] Schnith, Die Reichsstadt Augsburg im Spätmittelalter, S. 161f.

[36] Vgl. Schnith, Die Augsburger Chronik des Burkard Zink, S. 38/39.

[37] Vgl. ebenda, S. 42/43.

[38] Vgl. Schnith, Die Augsburger Chronik des Burkard Zink, S. 48.

[39] Vgl. ebenda, S. 81.

[40] An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Zink zwar aus der Vorstellungswelt kleinerer Leute kam und diese in seinen Aufzeichnungen nachspiegelt, seine chronikalische und autobiographische Aktivität jedoch ein Aufsteigerbewusstsein signalisieren, eine Orientierung nach oben in seiner augsburgischen Umwelt. (Vgl. Schmidt, Heinrich: Bürgerliche Selbstverständnis und städtische Geschichtsschreibung, In: Städtische Geschichtsschreibung im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, hg. von Johanek, Peter, Köln, Weimar, Wien 2000, S. 1-17, hier S. 11).

[41] Vgl. Lorenz, a.a.O., S. 105.

[42] Vgl. Schnith, a.a.O., S. 57.

[43] Vgl. Gleba, Gudrun, Die Aufzeichnungen des Münchener Bürgers Jörg Kazmair, In: Städtische Geschichtsschreibung im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, hg. von Johanek, Peter, Köln, Weimar, Wien 2000, S. 215-231, hier S. 216.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Die Dimension der Identität - . Aspekte der Identitätsfindung im Werk von Burkard Zink
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für Geschichte und für Philosophie)
Veranstaltung
Geschichtsschreibung im späteren Mittelalter
Note
1,7
Autoren
Jahr
2005
Seiten
47
Katalognummer
V40362
ISBN (eBook)
9783638388917
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dimension, Identität, Aspekte, Identitätsfindung, Werk, Burkard, Zink, Geschichtsschreibung, Mittelalter
Arbeit zitieren
Florian Rolf (Autor)Daniel Scholz (Autor), 2005, Die Dimension der Identität - . Aspekte der Identitätsfindung im Werk von Burkard Zink, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40362

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Dimension der Identität - . Aspekte der Identitätsfindung im Werk von Burkard Zink



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden