Die "deutsche Frage" 1815-1862


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
16 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Feindbild Frankreich als Gründungsakt der deutschen Nationalbewegung

3. 1815 – 1848: Die deutsche Frage im föderativen Gewandt zur europäischen Friedenssicherung

4. 1848 – 1862: wirtschaftlicher Aufstieg Preußens vs. machtpolitischer Abstieg Österreichs: Vorentscheidung der kleindeutschen Lösung?

5. Zusammenfassung

6. Literatur

7. Quellen

1. Einleitung

Das Anliegen dieser Arbeit soll sein, die deutsche Frage im 19. Jahrhundert, genauer im Vorfeld der Reichsgründung von 1870/71, erneut zu diskutieren. Da sich der chronologische Rahmen auf nahezu ein halbes Jahrhundert erstreckt, verstehen sich nachfolgende Überlegungen natürlich nicht als enzyklopädischer Überblick über geschichtliche Ereignisse, sondern sollen vielmehr Lösungsversuche der deutschen Frage in dieser Zeit skizziert werden, um so aufzuzeigen, dass der Weg der Reichsgründung nun eben kein Vorgezeichneter war, sondern hier auch Alternativen möglich gewesen wären.

Damit die nationale Frage als solche nicht „in der Luft hängt“, halte ich es für nötig „etwas weiter auszuholen“ und somit die Begründung einer deutschen nationalen Bewegung zur Zeit der Befreiungskriege in einem ersten Kapitel zu thematisieren. Nur so wird meines Erachtens die antifranzösische Artikulation des deutschen Nationalismus im weiteren historischen Verlauf verständlich.

2. Feindbild Frankreich als Gründungsakt der deutschen Nationalbewegung

„Ins Feld! ins Feld! Die Rachegeister mahnen.
Auf, deutsches Volk, zum Krieg!
Ins Feld, ins Feld! Hoch flattern unsre Fahnen;
Sie führen uns zum Sieg.

[…]

Gebt kein Pardon! Könnt ihr das Schwert nicht heben,
So würgt sie ohne Scheu
Und hoch verkauft den letzten Tropfen Leben!
Der Tod macht alle frei.

Noch trauern wir im schwarzen Rächerkleide
Um den gestorbnen Mut.
Doch fragt man euch, was dieses Rot bedeute:
Das deutet Frankenblut.

[…]“[1]

Körners poetischer Aufruf zum Kampf gegen die französische Armee zeigt den sich im beginnenden 19. Jahrhundert entwickelnden, durch Napoleons Expansionspolitik initiierten, deutschen Nationalismus. Und eben aus diesem Kampf gegen Napoleon erfolgt die eigene Abgrenzung gegen Frankreich; dieses Feindbild stellt die Grundlage für den neuen deutschen Patriotismus dar, denn schließlich „liegt jeder nationalen Selbstbestimmung implizit immer eine Vorstellung vom anderen, vom Nicht-Identischen zugrunde.“[2] Aus der deutschen Kulturgesellschaft des 18. Jahrhunderts erwächst eine nationale Bewegung, deren Charakteristikum in dieser frühen Phase sich durch Aggression auszeichnet, welche sich wiederum in der Okkupationspolitik Napoleons begründet. Mit Blick auf die Auflösung des „Heiligen Deutschen Reiches Deutscher Nationen“ im Jahre 1806, stellt sich die Frage nach zeitgenössischen Vorstellungen einer deutschen Nation. Welche politischen, geographischen Rahmenbedingungen wurden für ein zukünftiges Deutschland zur Zeit der Befreiungskriege diskutiert?

Nach Abtritt Franz II. als deutscher Kaiser, schien, laut Dann, die Zukunft einer Nationsbildung den deutschen Einzelstaaten zu gehören, stellte doch der politische Überbau durch die Kaiserkrone schon lange kein Machtzentrum mehr dar.[3]

Bis dahin kamen aus Frankreich Impulse zu Reformen, die von der deutschen Intelligenz sehr wohl positiv aufgenommen wurden, doch erfolgte der Meinungsumschwung recht bald; als nämlich deutlich wurde, dass Napoleon „die republikanischen Grundsätze verlassen und nach seinen militärischen Erfolgen von Austerlitz und Jena sich zum Herren über ganz Deutschland gemacht [hatte].“[4]

Doch zurück zur Frage, wie ein erneut vereintes Deutschland in den zeitgenössischen Vorstellungen geographisch aussehen sollte:

„So weit die deutsche Zunge klingt

Und Gott im Himmel Lieder singt

Das soll es sein!

Das, wackrer Deutscher, nenne dein!“[5]

Die letzte Strophe von Arndts Gedicht „Des Deutschen Vaterland“ bildet die Klimax eines liedhaften Gedichtes, in dem Land für Land (auch die Schweiz und Tirol) als Bestandteil des Vaterlandes eingefordert wird.

Wie hier sichtbar, besaß das Deutschland der Befreiungskriege keine feste Gestalt, wurde lediglich auf lyrischer Ebene vage umrissen. Schulze argumentiert, dass das geforderte Deutschland lediglich einen Kulturbegriff darstellte;[6] schließlich stand die nationale Frage zu diesem Zeitpunkt noch am Anfang einer langen sowohl innenpolitischen als auch außenpolitischen Auseinandersetzung.

Hinsichtlich der politischen Ebene, führt wiederum Dann aus, sei der Nationalstaat nicht Ziel der nationalen Bewegung gewesen. Vielmehr bestimmte die Einführung verfassungsrechtlicher Verhältnisse für die Einzelstaaten das Ziel, um so bürgerliche Freiheits- und Gleichheitsrechte und politische Mitbestimmung zu garantieren.[7] Dies scheint wohl nur eine Diskussionslinie gewesen zu sein, war doch der Freiheitsbegriff nicht absolut mit der Variante der bürgerlichen Freiheit konnotiert, sondern bezeichnete, so Jeismann, gleichfalls Tugendhaftigkeit, Stolz, Ehre, Glaube und Treue.[8] Diese Ambivalenz des Freiheitsbegriffes greift auch Schulze auf und argumentiert sogar, dass dieser Begriff in der Dichtung und Programmatik der Freiheitskriege nirgendwo das Verlangen nach liberalen Verfassungsformen ausdrücke, sondern für nationale Befreiung von feindlicher Unterdrückung stehe.[9]

Doch wenn auch Unstimmigkeiten in der Forschung vorhanden sein mögen, so besteht doch darin Konsens, dass Antworten auf die deutsche Frage von der patriotischen Bewegung allenfalls vage waren. Ein zentralistisch gelenkter Staat entsprach noch nicht den zeitgenössischen Vorstellungen, vielmehr herrschte die Losung im Kriegsjahr 1813 ‚Für König und Vaterland’ vor und war somit sicherlich ein nationsbildendes Ereignis, gebettet in der Realität partikularer deutscher Fürstentümer.[10] Diese – allen voran Preußen und Österreich – „setzten sich an die Spitze der populären Empörung gegen Frankreich und putschten ihre Heere mit dem Mittel der nationalen Leidenschaft auf.“[11] Überspitzt formuliert konstituierte sich mit Napoleons Okkupationspolitik ein Feindbild gegen Frankreich, welches zum Motor der daraus resultierenden nationalen Bewegung wurde, die sich wiederum nur allzu gern von den einzelnen Fürsten für ihre Interessen im Kampf gegen Napoleon instrumentalisieren ließ. Die Ausprägung des Feindbildes erfolgte mit einer derartigen Intensität, dass es sich, wie auch später noch deutlich werden wird, jederzeit wieder aktivieren lassen sollte; war also – zumindest in Konfliktsituationen – immer mit der deutschen Frage in dem hier behandelten Zeitraum, aber auch darüber hinaus, eng verbunden.

[...]


[1] Theodor Körner, Lied der schwarzen Jäger. Online in Internet: http://www.gutenberg.spiegel.de/koerner/leier/leier19.htm

[2] Michael Jeismann, „Feind“ und „Vaterland“ in der frühen deutschen Nationalbewegung 1806-1815. In: Ulrich Herrmann (Hg.), Volk – Nation – Vaterland. Hamburg 1996. S. 281.

[3] Otto Dann, Deutsche Nationsbildung im Zeichen französischer Herausforderung. In: Otto Dann (Hg.), Die deutsche Nation. Geschichte – Probleme – Perspektiven. Vierow bei Greifswald 1994. S. 15.

[4] Ebd., S. 15.

[5] Ernst Moritz Arndt, Des Deutschen Vaterland. online in Internet: http://www.gutenberg.spiegel.de/arndt/gedichte/vaterln32.htm

[6] Hagen Schulze, Der Weg zum Nationalstaat. Die deutsche Nationalbewegung vom 18. Jahrhundert bis zur Reichsgründung. München 1997. S. 69.

[7] Vgl. Dann (Anm. 3), S. 18.

[8] Vgl. Jeismann (Anm. 2.), S. 287.

[9] Vgl. Schulze (Anm. 6), S. 69.

[10] Vgl. Dann (Anm. 3), S. 18.

[11] Reiner Marcowitz, Einleitung. In: Reiner Pommerin/Reiner Marcowitz (Hgg.), Quellen zu den deutsch-französischen Beziehungen: 1815-1919. S. 1.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die "deutsche Frage" 1815-1862
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Nationale Bewegung und "weiße Revolution": Bedingungen und Etappen der Gründung des Deutschen Reiches 1870/71
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V40367
ISBN (eBook)
9783638388931
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Gliederung zur näheren Information dieser Arbeit: Feindbild Frankreich als Gründungsakt der deutschen Nationalbewegung, 1815-1848: Die deutsche Frage im föderativen Gewandt zur europäischen Friedenssicherung, 1948-1862: wirtschaftlicher Aufstieg Preußens vs. machtpolitischer Abstieg Österreichs: Vorentscheidung der kleindeutschen Lösung?
Schlagworte
Frage, Nationale, Bewegung, Revolution, Bedingungen, Etappen, Gründung, Deutschen, Reiches
Arbeit zitieren
Marian Brys (Autor), 2005, Die "deutsche Frage" 1815-1862, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40367

Kommentare

  • Gast am 14.3.2006

    Rückfrage.

    Wer ist denn der genannte "namhafte Komponist Robert Schubert"? Schumann ist wohl gemeint.

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