Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl - Geburtshelfer der Europäischen Union


Hausarbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Chronologie der Ereignisse

1. Problemstellung

2. Historische Grundlagen
2.1 Der europäische Gedanke bis zum Ende der Weltkriege
2.2 Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und der Schumann-Plan

3. Organe und Vertragsabschluss
3.1 Inhaltliche Grundlagen des EGKS Vertrages
3.2 Die Organe der Gemeinschaft

4. Politik der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl
4.1 Wirtschaftliche Bilanz der ersten Jahre
4.2 Politische Entwicklung

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

I. Chronologie der Ereignisse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Problemstellung

Als die Vertreter der militärischen Führung Deutschlands im Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation unterzeichneten, waren große Teile der urbanen Regionen des zentraleuropäischen Festlandes zerstört, viele Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und abermals tiefe Vertrauensbarrieren zwischen den Völkern Europas entstanden. Deutschlands Zukunft sollte nun von den vier Siegermächten: USA, Russland, Großbritannien und Frankreich bestimmt werden, welche sich darüber bereits in den Konferenzen von Casablanca (1943), Jalta und Potsdam (1945) verständigt hatten. Lange Zeit bestanden unter den Alliierten durchaus unterschiedliche Meinungen, wie mit Deutschland als mächtigem Staat im Zentrum Europas zu verfahren sei und es bedurfte langwieriger Konsultationen um den Grundstein für das heutige friedliche Zusammenleben der europäischen Völker zu legen.

Nachdem National- und Territorialstaaten viele Jahrhunderte die Weltpolitik bestimmt hatten und oftmals zu kriegerischen Auseinandersetzungen um Gebiete und Einflussbereiche beitrugen, bot sich nun wieder verstärkt die Chance die „europäische Idee“ aufzugreifen und durch regionale Integration dem gesteigerten Friedensdurst der europäischen Bevölkerung zu entsprechen. Der zweite Weltkrieg kann dabei als Initialzündung des europäischen Einigungsprozesses verstanden werden, da verschieden Pläne zuvor zwar diskutiert wurden, in der breiten Öffentlichkeit jedoch keine Resonanz fanden.

Mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) wurde eine supranationale Organisation geschaffen, welche neben der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) als Vorstufe und Basis der heutigen Europäischen Union betrachtet werden kann. Gegenstand der vorliegenden Arbeit soll daher eine genauere Analyse der EGKS als Institution sowie deren Bedeutung für den europäischen Einigungsprozess sein. Zunächst werden dazu die historischen Rahmenbedingungen dargelegt, um anschließend die institutionellen Bestandteile beleuchten zu können. Schwerpunkt der Arbeit sind die politischen Zusammenhänge, welche sowohl die Gründungsjahre betreffend, als auch im Bezug auf die aktuellen europäischen Strukturen analysiert werden sollen. Grundlage der inhaltlichen Auseinandersetzung sind vor allem das Vertragswerk der EGKS, als auch verschiedene Publikationen zum europäischen Integrationsprozess selbst.

2. Historische Grundlagen

Bevor sich der Fokus der Betrachtung auf das eigentliche Thema dieser Arbeit richtet, ist es erforderlich in groben Zügen die historischen Grundlagen für die Entstehung europäischer Institutionen im heutigen Sinne zu skizzieren. Zunächst stellt sich jedoch die Frage nach dem tatsächlichen zeitlichen Rahmen oder einer „Stunde Null“, mit der historische Betrachtungen im Regelfall beginnen. Bezieht man die fundamentalen Errungenschaften Jerusalems, Athens und Roms, die zweifellos eine enorme Bedeutung für die Entstehung eines „europäischen Geistes“ haben, in die Betrachtung ein, so kann man das Alter des heutigen Europas mit gut dreitausend Jahren beziffern.[1] Je nach Interpretationsweise und Wissenschaftsdisziplin fällt diese zeitliche Umrahmung natürlich durchaus unterschiedlich aus, was in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht weiter thematisiert werden soll. Ebenso muss im Sinne der Übersichtlichkeit auf eine umfangreiche Darstellung der Entwicklung eines europäischen Kerngedankens von der Antike bis in die Gegenwart verzichtet werden. Im folgenden Abschnitt werden daher die wesentlichen Schlaglichter und für den politischen Einigungsprozess bedeutsame Ereignisse vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit beleuchtet, um eine historische Basis für die Entstehung der Gemeinschaft für Kohle und Stahl zu schaffen.

2.1 Der europäische Gedanke bis zum Ende der Weltkriege

Unter dem Vorsitz des österreichischen Außenministers Fürst von Metternich versammelten sich 1815 die Staatsmänner und Fürsten Europas in Wien, um über die Neuordnung Europas in territorialer und politischer Hinsicht zu entscheiden. Die vier Vertragsparteien – Preußen, Österreich, Großbritannien und Russland – vereinbarten damals ihre

auswärtige Politik auf der Basis der Gleichrangigkeit multilateral zu verknüpfen und die Handlungsfreiheit jedes einzelnen Staates an den stillschweigenden Konsens der übrigen Vertragsparteien zu binden.[2] Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die räumliche Ordnung Europas im Wesentlichen durch dieses Gleichgewicht bestimmt, welches wiederum auf einer großräumigen wirtschaftlichen Integration beruhte. An dieser Stelle sei auf die Bildung von Zollvereinen oder die wachsende Bedeutung grenzübergreifender Eisenbahnstrecken verwiesen. Die innereuropäischen Spannungen, die im Zeitalter des Imperialismus auf andere Kontinente abgeleitet wurden, schlugen nach Vollendung der Kolonialisierung umso heftiger nach Europa zurück.

Der Erste Weltkrieg zerstörte vormals einheitliche Wirtschaftregionen und hinterließ tausende Kilometer innereuropäische Grenzen, die ökonomisch unüberwindliche Mauern bildeten und somit einen weiteren europäischen Einigungsprozess unmöglich erscheinen ließen. Europa büßte seine Vormachtstellung in der Welt gegenüber den sich konsolidierenden Großmächten Russland und Amerika ein, nicht zuletzt auch durch die Unvernunft der Friedensverträge und der Nachkriegspolitik. Dennoch gab es in der Zeit zwischen den Weltkriegen Bestrebungen, den Gedanken einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion aufzugreifen, um den Kontinent wieder erstarken zu lassen. Die Vorboten der Weltwirtschaftskrise erstickten jedoch weitere Überlegungen bereits im Keim, da alle Länder zum Schutze eigener Interessen Wirtschaftsbarrieren erhoben und ihre Handelspolitik auf den nationalen Einflussbereich beschränkten.

Parallel zu den wirtschaftlichen Einigungsbestrebungen gab es auch politische Initiativen, welche Europa zu seiner Wiedergeburt verhelfen sollten. Untrennbar mit dieser Bewegung verbunden waren Aristide Briand und Gustav Stresemann, „…die ersten führenden Staatsmänner Europas, die den Zusammenschluss des Kontinents als eine notwendige Forderung der politischen Vernunft erkannten, sich aber auch bewusst waren, dass diese allein über eine Verständigung der beiden rivalisierenden Mächte erzielt werden konnte.“[3] Beide verfolgten das Ziel, eine politische Einigung Europas über eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit der europäischen Staaten zu erreichen, welche wiederum durch Aufhebung der Zollschranken und den Abschluss einer Währungskonvention gewährleistet werden sollte. Beide Politiker, damals Außenminister der ehemaligen Kriegsparteien Frankreich und Deutschland, scheiterten am Widerstand des unaufhaltsam wachsenden Nationalismus in ihren Heimatländern. In Deutschland konnte sich Stresemann nicht gegen den emporsteigenden Nationalsozialismus durchsetzen und wurde für seine Versöhnungspolitik als „Erfüllungspolitiker“ beschimpft.[4] Der Franzose Briand musste mit seiner Regierung im Oktober 1930 zurücktreten und erlitt seine letzte Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen zwei Jahre später. Europa verlor damit zwei wichtige Staatsmänner, die mit großem Einsatz für eine friedliche Zukunft des Kontinents gearbeitet hatten.

Es folgte die dunkle Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, welcher Europa erneut zutiefst zerklüftete. Als die Deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1941 ein Gebiet vom Nordkap bis Kreta und von den Pyrenäen bis zur Grenze Russlands erobert hatte, fühlte sich Adolf Hitler als Herrscher über ein „neues Europa“. Seine „Rassenpolitik“ konnte jedoch niemals als Völkerverbindendes Moment wirken und veranlasste die Menschen in den besetzten Gebieten mit den ersten Anzeichen einer militärischen Wendung in den Widerstand einzutreten. Im Unterschied zum Freiheitskampf der europäischen Völker gegen die Herrschaft Napoleons, waren bei der Zerschlagung des Dritten Reiches vor allem außereuropäische Mächte beteiligt, was wiederum erhebliche Auswirkungen auf die zukünftige Gestalt Europas haben sollte.[5]

2.2 Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und der Schumann-Plan

Der Zweite Weltkrieg hinterließ in Europa abermals zerstörte Städte und Landstriche, Millionen Gefallene, Vertriebene und Flüchtlinge, desorganisierte Staatsverwaltungen, sowie Inflation und wirtschaftliche Absperrungen aller Staaten voneinander. Doch bereits während der kriegerischen Auseinandersetzungen bestanden verschiedene Pläne für die Schaffung eines langfristigen Weltfriedens nach Kriegsbeendigung. Der 32. amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt sah den Garant dafür in der Gestaltung der Zusammenarbeit mit Sowjetrussland und war zugunsten dieser Freundschaft zu jeder Konzession auf Kosten Europas bereit. So fielen weite Teile Deutschlands und Osteuropas in russische Hand, ohne dass sein Nachfolger Truman auf der Siegerkonferenz in Potsdam europäische Einigungsbestrebungen hätte vertreten können.

Dennoch unterstützten die USA unter dem Eindruck der sowjetischen Expansionsbestrebungen den Wiederaufbau Europas in entscheidendem Maße und trugen damit zum verhältnismäßig schnellen Erstarken des Kontinents bei. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch das französische Streben nach Wiedererlangung seiner Großmachtstellung und die Erkenntnis, dass ein neues Europa ohne Deutschland nicht vorstellbar sei. Die Politik Großbritanniens war von Winston Churchills Engagement geprägt, zur Überwindung des Faschismus und zur Lösung des Wiederaufbauproblems einen europäischen Bund zu schaffen.[6] So ist es bei umsichtiger Betrachtung im Nachhinein weniger verwunderlich, dass ausgerechnet der ehemals härteste Gegner Deutschlands in Person Winston Churchills, mit seiner „Züricher Rede“ am 19. September 1946 und der Propagierung der „Vereinigten Staaten von Europa“ die Vorlage zur Lösung der europäischen Frage gab.

Es begann eine Phase intensiver parlamentarischer Konsultationen, so zum Beispiel die Zusammenkunft europäischer Vertreter aus zehn Staaten in Gstaad in der Schweiz, bei der die Frage einer europäischen konstituierenden Versammlung diskutiert wurde.[7] Bedeutender war jedoch der „Europakongress“ in Den Haag vom 07. bis 10. Mai 1948, der vom Komitee der Bewegung für die Einheit Europas veranstaltet wurde. Nun waren bereits 750 Teilnehmer aus 25 Staaten anwesend, welche für die Schaffung einer wirtschaftlichen und politischen Union eintraten, die allen demokratischen und die Menschenrechte achtenden europäischen Völkern offen stehen sollte. Den Vorsitz dieses Kongresses führte Winston Churchill höchstpersönlich und unmittelbares Ergebnis war die Gründung des Europarates am 5. Mai 1949. Daneben traten jedoch erstmals die grundlegenden Gegensätze zweier Konzeptionen zur politischen Gestaltung Europas hervor, nämlich das föderalistische und das funktionalistische Prinzip.[8]

Die anfängliche Euphorie verebbte jedoch als klar wurde, dass Großbritannien jedwede Übertragung übernationaler Machtbefugnisse an den Europarat verhindern würde. Das „Commonwealth of Nations“ besaß für England weiterhin ein größeres Gewicht als die neuen Einigungsbestrebungen auf dem europäischen Kontinent. Schließlich sicherte dieser Status den Briten ihre weltpolitische Stellung gegenüber den Mittelmächten Frankreich, Deutschland und Italien, führte jedoch in der Konsequenz zur Stagnation der Verhandlungen im Europarat. Erste Anzeichen deuteten darauf hin, dass man den Weg zur Föderation Europas ohne Deutschland nicht gehen konnte, denn Frankreich und die Beneluxstaaten allein repräsentierten nur einen Teil des künftigen europäischen Kerngebietes.

Die Bedrohung durch die Auswirkungen des Koreakonflikts führte schließlich zu verstärkten Forderungen der Amerikaner nach einem deutschen Verteidigungsbeitrag, welcher nur durch eine Einbindung der Bundesrepublik als gleichberechtigtes Mitglied in der westlichen Gemeinschaft erfolgen konnte. Durch die Konstituierung der Bundesrepublik am 23. Mai 1949 erschien der Gedanke zur Schaffung eines Europas ohne England erstmals realistisch.[9]

[...]


[1] Vgl.: Fuhrmann, Manfred (2002): Bildung. Europas kulturelle Identität. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. S.9.

[2] Vgl.: Doering-Manteuffel, Anselm (1991): Vom Wiener Kongress zur Pariser Konferenz. England, die deutsche Frage und das Mächtesystem 1815 – 1856.Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht. S. 7.

[3] Haesele, Kurt Werner (1958): Europas letzter Weg. Montan-Union und EWG. Frankfurt a.M.: Fritz Knapp Verlag. S.123.

[4] Vgl.: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie: http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Stresemann.

[5] Vgl.: Haesele, Kurt Werner (1958): a.a.O. S.126 -127.

[6] Vgl.: Schweitzer, Michael (1996): Europarecht: das Recht der Europäischen Union; das Recht der Europäischen Gemeinschaften (EGKS,EG, EAG). Berlin: Luchterhand. S.12.

[7] Vgl.: Haesele, Kurt Werner (1958): a.a.O. S.133.

[8] Vgl.: Schweitzer, Michael (1996): a.a.O. S. 14.

[9] Vgl.: Haesele, Kurt Werner (1958): a.a.O. S. 146.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl - Geburtshelfer der Europäischen Union
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Professur für Politikwissenschaft, insbesondere internationale Politik)
Veranstaltung
Regieren jenseits von Staatlichkeit - die Europäische Union
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V40404
ISBN (eBook)
9783638389211
ISBN (Buch)
9783638816090
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit vermittelt einen detaillierten Überblick über Entstehung und Grundlagen der EGKS und schließt die Bedeutung für den europäischen Integrationsprozess in die Betrachtung ein.
Schlagworte
Europäische, Gemeinschaft, Kohle, Stahl, Geburtshelfer, Europäischen, Union, Regieren, Staatlichkeit
Arbeit zitieren
Christian Dube (Autor), 2005, Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl - Geburtshelfer der Europäischen Union, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40404

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