2004 traten zehn osteuropäische Länder der Europäischen Union (EU) bei. Aus einer Staatengemeinschaft mit ehemals 15 Mitgliedern wurde eine mit 25. Sobald diese Länder die im Vertrag von Maastricht festgelegten Kriterien erfüllen, könnten sie der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EMU) beitreten. Damit ist die Übernahme der gemeinsamen Währung, dem Euro (€) verbunden. Die Europäische Zentralbank (EZB) entscheidet mithilfe des Zinssatzes unmittelbar über den Euro und seine Verbreitung. Das Entscheidungsgremium der EZB, der Governing Council, besteht aus dem sechsköpfigen Executive Board (EXB) und den Präsidenten der nationalen Zentralbanken. Er bestand zum Zeitpunkt der EU-Osterweiterung aus 18 Mitgliedern (EXB + 12 NZB-Präsidenten). Im internationalen Vergleich ist diese Anzahl für ein Monetary Policy Committee relativ groß. Sollten aber alle EU-Länder EMU beitreten, wird der Governing Council sogar über 30 Mitglieder umfassen, was seine Arbeit erheblich beeinträchtigen würde.
Darüber hinaus ergibt sich das Problem eines Missverhältnisses zwischen politischer und ökonomischer Macht. Da jedes Mitglied des Governing Councils über eine Stimme verfügt und die meisten neuen Mitglieder wirtschaftlich „kleine“ Länder sind, könnte sich bei Abstimmungen im Governing Council die (als unangenehm empfundene) Situation ergeben, dass eine Koalition „kleiner“ Länder die Mehrheit stellt und damit die Geldpolitik bestimmen kann, aber weniger als 20% des BIP der Eurozone repräsentiert. Eine Reform, die die Größe des Governing Councils erheblich beschneidet und effiziente Entscheidungen auch nach der Erweiterung sicherstellt, scheint unerlässlich.
An dieser Stelle beginnt das Problem der Arbeit. Wie soll die Struktur geändert werden und welche Kriterien sind dabei zu berücksichtigen? In der Arbeit wird zunächst die Notwendigkeit einer Reform näher begründet und dann verschiedene Reformmodelle dargestellt und untersucht. Die Arbeit schließt mit einem eigenen Reformvorschlag, der auf den positiven Aspekten der analysierten Modelle beruht.
Obwohl die Arbeit speziell von der Reform der EZB im Zuge der EU-Osterweiterung handelt, sind die Untersuchung und deren Ergebnisse auch heute noch aktuell. Das Problem der EZB lässt sich nämlich auf die meisten anderen Institutionen übertragen, wie z.B. die Reform der Kommission oder den EU-Vertrag. Hier könnten die gewonnenen Erkenntnisse nachwievor nutzbringend eingesetzt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Erster Teil: Warum eine Reform der EZB notwendig ist
2.1 Geschichtliche Entwicklung zur EU und zur Economic and Monetary Union, sowie ihre Institutionen
2.2 Zur Notwendigkeit einer Reform des Governing Councils im Zuge der EU-Osterweiterung
2.2.1 Argumente gegen eine Reform
2.2.1.1 Das Gegenargument von W. Paczynski und D. Gros
2.2.1.2 Das Gegenargument: Condorcet Jury Theorem
2.2.2 Argumente für eine Reform
2.2.2.1 Der Status Quo Bias
2.2.2.1.1 Empirische und Psychologische Argumente
2.2.2.1.2 Status quo Bias
2.2.2.2 Der Regional Bias
2.2.2.2.1 Überrepräsentation und Entscheidungskosten
2.2.2.2.2 Modell von Berger
2.2.2.2.3 Entscheidungskosten
2.3 Konklusion des Ersten Teils
3 Zweiter Teil: Verschiedene Reformvorschläge
3.1 Delegation/Zentralisierung
3.1.1 Darstellung Delegation
3.1.2 Darstellung Zentralisierung
3.1.3 Kritik Delegation/Zentralisierung
3.1.4 Vorschlag von Gros et al.
3.1.5 Vorschlag des Europäischen Parlaments (EP)
3.2 Repräsentation
3.2.1 Darstellung Repräsentation
3.2.2 Kritik Repräsentation
3.3 Stimmgewichtung
3.3.1 Darstellung Stimmengewichtung
3.3.2 Kritik Stimmengewichtung
3.4 Rotation und EZB Vorschlag
3.4.1 Darstellung Rotation
3.4.2 Der Vorschlag der EZB
3.4.3 Kritik Rotation und EZB Vorschlag
4 Dritter Teil: Evaluation der Argumente und eigener Vorschlag
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Notwendigkeit und die Ausgestaltung einer Strukturreform der Europäischen Zentralbank (EZB) im Kontext der EU-Osterweiterung, um die Handlungsfähigkeit des Governing Councils angesichts einer drohenden Überlastung durch eine wachsende Mitgliederzahl zu sichern und die Effizienz der geldpolitischen Entscheidungsfindung zu wahren.
- Analyse der institutionellen Herausforderungen durch die EU-Osterweiterung
- Bewertung der Effizienz des Governing Councils (GC)
- Diskussion theoretischer Modelle zur Entscheidungsfindung
- Kritische Würdigung verschiedener Reformvorschläge (Delegation, Repräsentation, Rotation)
- Entwicklung eines fundierten eigenen Reformansatzes
Auszug aus dem Buch
2.2.1.1 Das Gegenargument von W. Paczynski und D. Gros
Wojiech Paczynski argumentiert, dass viele Annahmen und Argumente, die eine Reform rechtfertigen würden nicht stichhaltig sind. Außerdem argumentiert er, dass der Einfluss einer Veränderung der Größe oder Zusammensetzung des GC auf die von vielen Autoren als problematisch eingestuften Parameter und Faktoren, viel zu gering ist, als dass eine Veränderung zu einem signifikanten Effizienzgewinn führen könnte. Er nimmt an, dass die aktuellen Regeln wie sie im Vertrag von Maastricht fest geschrieben sind durchaus in der Lage sind ein Arbeitsumfeld bereitzustellen, in dem der GC ausreichend gute und schnelle Entscheidungen treffen kann.
Paczynski ist allerdings kein radikaler Gegner einer Reform der Entscheidungsprozeduren des GC. Er streitet auch nicht die grundsätzliche Gültigkeit gewisser volkswirtschaftlicher Argumente ab. Was er allerdings abstreitet ist der signifikante Einfluss der Faktoren, die von diesen Autoren als Gründe für eine Reform angeführt werden. Beispielsweise gibt Paczynski gerne zu, dass mit der aktuellen EU-Erweiterung die kulturelle und ökonomische Heterogenität der Staatengemeinschaft ansteigen wird, was auch die Heterogenität der unterschiedlichen nationalen Inflationsraten ansteigen lässt. Die Medianinflation wird aber durch diesen Anstieg nicht wesentlich beeinflusst. D.h. selbst wenn es einen Regional Bias der Gouverneure geben sollte, würde dieser sich nicht in einer anderen Geldpolitik niederschlagen. Paczynski denkt zwar, dass die Heterogenität innerhalb der EMU nach einer Erweiterung ansteigen wird und damit auch die Streuung und die Standardabweichung der verschiedenen Inflationsraten. Er denkt aber, dass die Medianinflation davon nur in einem geringen Ausmaß betroffen sein wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die institutionellen Herausforderungen der EZB im Zuge der EU-Erweiterung und stellt die zentralen Forschungsfragen zur notwendigen Anpassung der Gremienstruktur.
2 Erster Teil: Warum eine Reform der EZB notwendig ist: Dieses Kapitel begründet die Notwendigkeit einer Reform, indem es theoretische Argumente und empirische Studien zur Effizienz des Governing Councils analysiert.
3 Zweiter Teil: Verschiedene Reformvorschläge: Hier werden verschiedene Ansätze wie Delegation, Zentralisierung, Repräsentations- und Rotationsmodelle detailliert vorgestellt und hinsichtlich ihrer Eignung bewertet.
4 Dritter Teil: Evaluation der Argumente und eigener Vorschlag: Im abschließenden Teil bewertet der Autor die vorangegangenen Argumente und entwickelt basierend auf der Analyse einen eigenen Reformvorschlag zur Optimierung der EZB-Strukturen.
Schlüsselwörter
Europäische Zentralbank, EZB, Governing Council, EU-Osterweiterung, Geldpolitik, Währungsunion, Reformbedarf, Stimmgewichtung, Zentralisierung, Rotation, Delegation, Preisniveaustabilität, Eurosystem, Entscheidungskosten, Effizienz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert, ob die Struktur des Governing Councils der Europäischen Zentralbank durch die EU-Osterweiterung reformbedürftig ist, um eine effiziente Geldpolitik weiterhin zu gewährleisten.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Effizienz der Entscheidungsfindung in großen Gremien, die Ausgewogenheit zwischen politischem und ökonomischem Gewicht sowie die demokratische Legitimation.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Notwendigkeit einer Strukturreform zu begründen und verschiedene Reformvorschläge, wie Delegation oder Rotation, auf ihre Vor- und Nachteile hin zu untersuchen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es erfolgt eine qualitative Analyse institutioneller Modelle und die Heranziehung formaler ökonomischer Theorien, wie des Condorcet Jury Theorems und des Modells von Berger.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Problematik (Status Quo Bias, Regional Bias) und eine Darstellung sowie Kritik verschiedener Reformmodelle wie Delegation, Zentralisierung und Rotation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind EZB-Reform, Governing Council, Effizienz, Währungsunion und ökonomische bzw. politische Entscheidungsfindung.
Warum hält der Autor den offiziellen EZB-Vorschlag für kritisch?
Der Autor hinterfragt den EZB-Vorschlag vor allem aufgrund seiner Komplexität, mangelnder Transparenz und der Tatsache, dass er die Probleme der Entscheidungsfindungskosten nicht vollständig löst.
Welchen eigenen Reformansatz schlägt der Autor vor?
Der Autor favorisiert ein Zentralisierungsmodell in Anlehnung an Gros, ergänzt um Leistungsverträge (Performanceverträge) für das Executive Board, um die Bindung an die strategischen Vorgaben sicherzustellen.
- Quote paper
- Jörg Viebranz (Author), 2004, Die Reform der Europäischen Zentralbank im Zuge der EU-Osterweiterung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40458