Kann und soll ein rationaler Akteur für seine Entscheidungen unter Risiko die Vergangenheit außer Acht lassen?


Hausarbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Einleitung

Die Frage danach, was die Vergangenheit für unsere Gegenwart bedeutet war scheinbar schon immer eine Frage, die die Gemüter erhitzte. Martin Walser beispielsweise brachte die Stimmung in bundesdeutschen Haushalten mit seiner „Schlussstrichdebatte“ zum überkochen, indem er verlangte die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Andere hingegen, aus meiner Erfahrung meist sozialdemokratisch geprägte Studienräte, halten die Geschichte und die Lehren die man aus ihr ziehen kann für essentiell. Dieser Essay wird in dieser Hinsicht aber für weniger Wirbel sorgen, da es sich nicht um die Vergangenheit in einem globalen Sinne, sondern um die Vergangenheit in einem ganz speziellen Kontext drehen wird: nämlich im Kontext der Entscheidungstheorie. D.h. auf der Grundlage eines theoretischen Modells, in dem Vergangenheit und Entscheidung eindeutig definiert sind. Nichtsdestotrotz wird es auch darum gehen, inwiefern man die Vergangenheit berücksichtigen und aus ihr lernen sollte. Wenn auch nur in einem engen, modelltheoretischen Rahmen.

In diesem Essay werde ich mich mit der Beantwortung der oben gestellten Frage beschäftigen. Hierbei bietet es sich an folgendermaßen vorzugehen: Ich werde zuerst die Begriffe, die in der Frage vorkommen definieren, da diese in der Literatur häufig mit unterschiedlichen Attributen ausgestattet und auch unterschiedlich interpretiert werden. Danach werde ich ein paar Probleme ansprechen, die sich ergeben können und deren Ursache. Dann werde ich versuchen diese Probleme, auf die sich die Fragestellung auch bezieht, ansatzweise zu lösen.

Der rationale Akteur

Zunächst gilt es den Begriff des rationalen Akteur zu klären. Hierbei handelt es sich, kurz gesagt, um eine Modellannahme die einen vollkommen rationalen, superintelligenten und informierten Akteur unterstellt.

Das Modell des rationalen Akteurs ist aus der Einsicht vieler Wissenschaftler entsprungen, dass das menschliche Verhalten viel zu komplex und undurchschaubar ist, um es beispielsweise in ökonomischen Modellen sinnvoll verwenden zu können. Aus dieser Einsicht heraus entwickelte man ein Modell des menschlichen Verhaltens, das in der Modellbildung hinreichend einfach zu handhaben ist, weil es aus nur wenigen definitorisch festgelegten Eigenschaften besteht, aber trotzdem ein Bild zeigt das sich halbwegs mit empirischen Daten deckt. Dieses Modell kann auch gleichzeitig als normativ angesehen werden, d.h. es stellt nicht nur dar, wie ein idealer Akteur handeln würde, sondern auch wie ein „normaler“ Mensch ( im Sinne von einem Menschen wie du und ich )

handeln sollte. Als grundlegende handlungsanleitende Eigenschaft für solch einen Akteur wird angenommen, dass er stets bestrebt ist seinen Nutzen oder Profit zu maximieren. Diese Annahme ist einigermaßen plausibel da es sehr schwer ist hierzu ein Gegenbeispiel zu finden. Um das Modell möglichst einfach und unkompliziert halten zu können unterstellt man dem rationalen Akteur zudem, dass er in der Lage ist unendlich schnell unendlich komplizierte Berechnungen von z.B. Entscheidungsbäumen, Wahrscheinlichkeiten usw. anstellen zu können. Das ist wohl die gröbste und am wenigsten realistische Eigenschaft, die man dem rationalen Akteur zuspricht. Sie vereinfacht die Handhabung aber ungemein. Er wird zudem nicht von Emotionen geleitet, sondern nur von seiner kühl berechnenden Ratio. (Es hat inzwischen allerdings Argumente dafür gegeben, dass Emotionen auch als rational angesehen werden können und diese der Rationalität nicht diametral gegenüberstehen; vgl. passions within reason; Frank; Norton 1988). Die Eigenschaften, die einem solchen rationalen Akteur zugeschrieben werden, können nicht eindeutig bestimmt oder aus irgendetwas abgeleitet werden. Sie sind meist Ausfluss der notwendigen Handhabbarkeit der Akteure. Werden den Akteuren in einem Modell zu viele und zu komplexe Verhaltensweisen unterstellt kann man ein Modell meist nur noch schwer überblicken und der Wissenschaftler würde den wesentlichen Gegenstand und die wesentlichen Erkenntnisse aus einem Modell möglicherweise übersehen. Trotzdem hat das Modell des rationalen Akteurs der Wissenschaft viele gute Dienste erweisen können, da es half grundlegende Zusammenhänge verstehen zu können. Wie z.B. das elementare Marktmodell.

Die Eigenschaften die einem rationalen Akteur meist zugesprochen werden sind mehr oder weniger willkürlich, können aber trotzdem als vernünftig und argumentativ vertretbar angesehen werden. Eine Eigenschaft ist, dass er über eine geordnete Präferenzordnung verfügt. D.h. er hat Präferenzen über Ereignisse zwischen denen jeweils entweder gilt, dass er indifferent (∼) ist zwischen zwei Ereignissen oder dass das eine gegenüber dem anderen vorgezogen wird (≻). Darüber hinaus soll diese Ordnung transitiv sein und keine sogenannte Geldpumpe zulassen. Der rationale Akteur kennt darüber hinaus alle entscheidungsrelevanten Informationen. Das ist auch die Eigenschaft, die mich hier am meisten beschäftigen wird.

Es gibt viele Möglichkeiten den Ansatz des rationalen Akteurs zu kritisieren (Welchen Grund gibt es beispielsweise dafür, dass er allwissend sein muss). Das ist aber nicht das Ziel dieses Essays. Ich werde es daher dabei belassen und mich im Folgenden auf das „klassische“

Modell des rationalen Akteurs stützen, der nur nach Nutzenmaximierung strebt und dabei

einem idealisierten Menschen gleich unendlich schnell rechnen kann, über alle entscheidungsrelevanten Umstände Bescheid weiß, keine Fehler macht und über eine geordnete Präferenzstruktur verfügt.

Entscheid-ungen

Als nächstes gilt es eine Entscheidung unter Risiko zu definieren. Das setzt zunächst einmal die Definition einer Entscheidung voraus. Ich werde mich hier im Folgenden auf die Ausführungen und das Skriptum der Vorlesung „Grundlagen des Entscheidens I“ im Sommersemester 2002 von Professor Rudolf Schüssler beziehen. Professor Schüssler definiert eine Entscheidung folgendermaßen:

Eine Entscheidung ist die bewusste und durch einen Willensakt bewirkte Herstellung der festen Absicht eine von mehreren Wahlmöglichkeiten zu ergreifen.

Hat ein Akteur also mehrere Wahlmöglichkeiten zur Verfügung, so ist eine Entscheidung diejenige Handlung, die ihn dazu veranlasst eine ganz bestimmte davon zu wählen. Seine Entscheidung stützt sich dabei auf verschiedene Kriterien. Gemeinhin geht man davon aus, dass ein Entscheider seine Entscheidung nicht zufällig trifft, sondern die verschiedenen Wahlmöglichkeiten denen er sich gegenübersieht gemäß seinen individuellen Vorlieben (Präferenzen) in eine Rangordnung bringt. Wenn es sich bei dem Entscheider um einen rationalen Akteur handelt, wird er diejenige Entscheidung treffen, die ihm den meisten Nutzen verspricht, die in der Rangordnung seiner Präferenzen also ganz oben steht.

Entscheid-ungen unter Sicherheit

Man kann nun drei verschiedene Situationen unterscheiden, in denen Entscheidungen getroffen werden. Zum ersten ist das die Situation der Entscheidung unter Sicherheit. Diese Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass die Ergebnisse (Outcomes), die man aus der Wahl einer bestimmten Alternative erwarten darf mit Sicherheit eintreten. Als Beispiel kann man die Entscheidung zwischen verschiedenen Eissorten anführen. Hat man die Wahl zwischen Vanille, Schoko und Erdbeere, weiß man ziemlich genau, was das Ergebnis der Wahlmöglichkeiten sein wird. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass man, wenn man ein Vanilleeis bestellt, nicht Vanilleeis bekommen sollte.

Entscheid-ungen unter Un-sicherheit

Die zweite mögliche Entscheidungssituation ist eine Situation unter Unsicherheit (oft auch Unwissenheit oder Ungewissheit). Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass den möglichen Ergebnissen einer Handlung keinerlei Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden können oder sie vollkommen unerheblich sind. Man steht in einer solchen Situation also vor mehreren Wahlmöglichkeiten, von denen jede mehrere mögliche Ergebnisse haben kann. Man kann aber nicht sagen mit welcher Wahrscheinlichkeit. Da in einer Entscheidungssituation unter

Unsicherheit keine Wahrscheinlichkeiten für die möglichen Ergebnisse vergeben werden können, kann also kein Ergebnis wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher sein als ein anderes. Man geht daher von einer gleichen Wahrscheinlichkeitsverteilung für alle Möglichkeiten aus (Prinzip des unzureichenden Grundes).

Entscheid-ungen unter Risiko

Nachdem nun die beiden extremen Entscheidungssituationen kurz umrissen worden sind kann ich mich auf die dritte Entscheidungssituation, nämlich die Entscheidung unter Risiko konzentrieren. Um sie wird es sich in diesem Essay im Weiteren handeln, wenn von Entscheidungen die Rede ist. Die Entscheidung unter Risiko ist eine Art Mischung der Entscheidungen unter Sicherheit und Unsicherheit. Bei einer Entscheidung unter Risiko kann man zwar, wie bei der Entscheidung unter Unsicherheit, nicht sagen, welches Ergebnis sich aus einer Reihe möglicher Ergebnisse schließlich einstellen wird, es lassen sich aber Wahrscheinlichkeiten angeben mit denen ein einzelnes Ergebnis bei der Wahl einer Wahlmöglichkeit tatsächlich herauskommen wird. Man kann also jedem Outcome xi

eine Wahrscheinlichkeit pi zuordnen. Das Produkt pixi stellt somit den Wert der, den man bei einer unendlichen Wiederholung durchschnittlich jedes Mal erhoffen darf. Die Summe dieser Produkte aller möglicher Ergebnisse i einer Wahlmöglichkeit stellt den sogenannten Erwartungswert EW=Σ pi xi dar. Lange hat man angenommen, dass es rational für einen Akteur sei, den Erwartungswert zu maximieren und danach seine Entscheidungen auszurichten. Allerdings kam daran Zweifel auf, als durch Daniel Bernoulli das St. Petersburg-Paradox bekannt wurde. Das St. Petersburg-Paradox ist ein Spiel mit einem unendlich großen Erwartungswert. Wenn also ein rationaler Akteur entscheidet wie viel er zu zahlen bereit wäre, um daran teilnehmen zu dürfen, müsste er auch einen unendlich hohen Betrag akzeptieren.. Das allerdings ist widersinnig und intuitiv irrational. Man kam daraufhin zu der Überzeugung als Wert für die Ergebnisse nicht monetäre Größen zu nehmen, sondern den Nutzen u(xi), den die Ergebnisse für den Akteur haben. Nimmt man einen abnehmenden Grenznutzen an, so wird auch der Betrag den man für das St. Petersburgspiel bereit sein sollte zu bezahlen endlich.

Nutzentheorie ist allerdings eine sehr umfangreiche, komplexe und kontrovers diskutierte Materie, so dass ich aus Zeit und Platzgründen nicht näher darauf eingehen kann. Nur soviel ist hier wichtig: Es gibt Verfahren mit denen es möglich ist Präferenzen für ein Individuum in eine Rangordnung zu bringen und die relativen Abstände voneinander zu bestimmen. Es ergibt sich dann daraus eine sogenannte Von Neumann-Morgenstern-Nutzenfunktion. Mit

solchen Nutzenfunktionen ist es aber noch nicht möglich Nutzenvergleiche zwischen verschiedenen Akteuren durchzuführen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kann und soll ein rationaler Akteur für seine Entscheidungen unter Risiko die Vergangenheit außer Acht lassen?
Hochschule
Universität Bayreuth  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Dynamische Konsistenz von individuellen und kollektiven Entscheidungen unter Risiko
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V40461
ISBN (eBook)
9783638389716
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit befasst sich mit dem Problem, dass in manchen Theorien der Rationalwahl von einem rationalen Akteur gefordert wird die Vergangenheit bei seinen Entscheidungen nicht zu berücksichtigen. Es wird gezeigt, dass diese Forderung unter realistischen Bedingungen oder der Annahme von Bounded Rationality nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.
Schlagworte
Kann, Akteur, Entscheidungen, Risiko, Vergangenheit, Acht, Dynamische, Konsistenz, Entscheidungen, Risiko
Arbeit zitieren
Jörg Viebranz (Autor), 2002, Kann und soll ein rationaler Akteur für seine Entscheidungen unter Risiko die Vergangenheit außer Acht lassen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40461

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