Diese Arbeit untersucht, inwieweit wir seit 1998 und unter der Ministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, eine Wende in der deutschen Entwicklungspolitik erleben. Es wird der Frage nachgegangen, ob diese als selbständiger Politikzweig aus dem Kontext der außenpolitischen und außenwirtschaftlichen Interessen heraus trat und sich in ihren Grundsätzen von einer pragmatisch realistischen hin zu einer ethisch idealistischen Politik wandelte, die die Armutsbekämpfung als oberstes Ziel versteht und dafür größere Mittel einzusetzen bereit ist.
Um diese Frage zu beantworten, wird zunächst ein kurzer Rückblick auf die Geschichte deutscher Entwicklungspolitik gegeben, um vor diesem Hintergrund anschließend entwicklungsrelevante Äußerungen und Entscheidungen der rot-grünen Bundesregierung auf richtungsweisende Neuerungen überprüfen zu können. Dabei werden die offiziellen Ziele deutscher Entwicklungszusammenarbeit, veränderte Vergabekriterien, die Restrukturierung des BMZ, sowie die Höhe der Ausgaben für Entwicklungshilfe im Kontext neu aufgeworfener Begriffe und Konzepte von Nachhaltigkeit, globaler Strukturpolitik, Friedenspolitik und den Milleniumentwicklungszielen untersucht.
Nach dieser Bestandsaufnahme soll geklärt werden, ob man die erkannten Veränderungen tatsächlich als einen Wandel von realistischer, an nationalen Interessen orientierter, hin zu einer idealistischen, in erster Linie die Bedürfnisse der armen Länder berücksichtigenden Entwicklungspolitik, deuten kann oder ob lediglich eine Veränderung innerhalb der nationalen Interessen statt fand. Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass es zu einer Deckung von idealistischen und realistischen Interessen kam oder genauer gesagt, dass das Ziel der idealistischen Interessen, nämlich die Armutsbekämpfung im weitesten Sinne, zum Mittel eines realistischen Ziels, nämlich der ökologischen und sicherheitspolitischen Zukunftssicherung, wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Thematik
1.1 Fragestellung dieser Arbeit
2. Grundsätze deutscher Entwicklungspolitik bis 1998
3. Veränderung in den Grundsätzen deutscher Entwicklungspolitik nach 1998
3.1 Stellenwert der Entwicklungspolitik
3.2 Primäre Ziele der Entwicklungspolitik
3.2.1 Entwicklungspolitik im Zeichen der Milleniumserklärung
3.2.2 Entwicklungspolitik als globale Strukturpolitik
3.2.3 Entwicklungspolitik als Friedenspolitik
3.3 Erhöhung der Effizienz der Entwicklungszusammenarbeit
3.3.1 Nachhaltigkeit der Entwicklungspolitik
3.3.2 Vergabekriterien für Entwicklungshilfe
3.3.3 Stärkere Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse
3.3.4 Veränderung der Organisationsstruktur des BMZ
3.3 Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit – ODA seit 1998
3.4 Zusammenfassung
4. Motive hinter der Entwicklungspolitik - Vom politischen Realismus zum Idealismus?
4.1 Idealistische Gründe einer progressiven Entwicklungspolitik
4.1.1 Idealistische Argumentation der Bundesregierung nach 1998
4.2 Realistische Gründe einer progressiven Entwicklungspolitik
4.2.1 Realistische Argumentation der Bundesregierung nach 1998
4.3. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob die deutsche Entwicklungspolitik seit 1998 unter der Regierung von SPD und Grünen einen grundlegenden Wandel von einer realistisch-pragmatischen hin zu einer moralisch-idealistischen Ausrichtung vollzogen hat, die Armutsbekämpfung priorisiert.
- Historische Analyse der deutschen Entwicklungspolitik bis 1998
- Neuausrichtung der Entwicklungsziele und Schwerpunkte ab 1998
- Effizienzsteigerung und strukturelle Reformen im BMZ
- Debatte: Politischer Realismus versus Idealismus in der Entwicklungspolitik
- Einfluss nationaler Interessen auf das entwicklungspolitische Handeln
Auszug aus dem Buch
4.2 Realistische Gründe einer progressiven Entwicklungspolitik:
Mit realistisch ist hier weniger, wie umgangssprachlich, real machbar oder wirklichkeitsnah gemeint, sondern der Begriff des politischen Realismus nach Hans J. Morgenthau. Von realistischer Politik soll also gesprochen werden, wenn diese nationalen sicherheits-, macht- oder wirtschaftspolitischen Eigeninteressen dient.
Im Folgenden sollen nun die wichtigsten Gründe genannt werden, die aus solch einer Motivation heraus für eine Entwicklungspolitik, die eine nachhaltige Entwicklung der armen Länder bewirkt, sprechen.
Durch die Globalisierung sind die Nationalstaaten, insbesondere wirtschaftlich, eng miteinander verbunden. Immer mehr Faktoren hängen grenzüberschreitend voneinander ab und bedingen sich gegenseitig. Die Nationalstaaten verlieren dadurch immer mehr an Souveränität und Handlungskontrolle, sind immer mehr von wirtschaftlichen und politischen Vorgängen außerhalb des Nationalstaates abhängig. Man spricht von einem Zustand internationaler Interdependenzen.
Krisen, Konflikte und Probleme, die anderswo entstehen, können somit leicht auch negative Auswirkungen auf Deutschland haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Thematik: Darstellung des Kontextes der Nord-Süd-Beziehungen sowie der Herausforderungen bei der Armutsbekämpfung.
2. Grundsätze deutscher Entwicklungspolitik bis 1998: Rückblick auf die historische Entwicklung, die stark von nationalen Interessen und dem Ost-West-Konflikt geprägt war.
3. Veränderung in den Grundsätzen deutscher Entwicklungspolitik nach 1998: Analyse der Reformen und neuen Schwerpunkte wie Armutsbekämpfung und globale Strukturpolitik unter der rot-grünen Bundesregierung.
4. Motive hinter der Entwicklungspolitik - Vom politischen Realismus zum Idealismus?: Untersuchung der theoretischen und praktischen Motivationen hinter der aktuellen Entwicklungspolitik im Spannungsfeld von Moral und nationalem Kalkül.
Schlüsselwörter
Entwicklungspolitik, Bundesregierung, Armutsbekämpfung, Milleniumserklärung, Globalisierung, Entwicklungszusammenarbeit, BMZ, Politischer Realismus, Idealismus, Nachhaltigkeit, Nord-Süd-Beziehungen, Strukturpolitik, Friedenspolitik, ODA, Interessenpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und Neuausrichtung der deutschen Entwicklungspolitik nach dem Regierungswechsel 1998.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit thematisiert den Wandel von einer eher interessengeleiteten, realistischen Politik hin zu einer stärker idealistischen Ausrichtung, wobei Faktoren wie Armutsbekämpfung und globale Strukturpolitik im Fokus stehen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob die Veränderungen in der deutschen Entwicklungspolitik seit 1998 tatsächlich einen moralischen Wandel darstellen oder ob sich lediglich die Form der Verfolgung nationaler Interessen gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse, die historische Rückblicke mit der Untersuchung aktueller Regierungsentscheidungen und -erklärungen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konkreten inhaltlichen und strukturellen Reformen im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie die Argumentationsmuster der Bundesregierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Entwicklungspolitik, Armutsbekämpfung, Politischer Realismus, Idealismus, Globalisierung und Zukunftssicherung.
Welche Rolle spielt der Begriff „Global Governance“ in der Arbeit?
Der Begriff taucht zwar nicht explizit als solches auf, aber die Arbeit diskutiert intensiv die globale Strukturpolitik und die Forderung der Bundesregierung nach einer gerechteren Gestaltung der Globalisierung sowie der Einbindung von Entwicklungsländern in internationale Institutionen.
Was sagt die Arbeit zur Rolle von Horst Köhler?
Der Autor führt an, dass der ehemalige IWF-Direktor und spätere Bundespräsident durch seine Expertise in Nord-Süd-Fragen die entwicklungspolitische Verantwortung Deutschlands stärker in das öffentliche Bewusstsein gerückt hat.
Wie bewertet die Arbeit die „Trendwende“?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass es zwar eine bedeutende Wende innerhalb der realistischen Argumentation gab – hin zur präventiven Bekämpfung von Armut als Sicherheitsvorsorge –, aber eine rein idealistische Wende nur begrenzt stattgefunden hat.
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- Timo Alexander Holthoff (Author), 2005, Von Realismus zu Idealismus? Veränderung in den Grundsätzen deutscher Entwicklungspolitik nach 1998, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40552