Lyrik und Musik. Gedichtinterpretationen dreier Werke der Gruppe "Einstürzende Neubauten"


Seminararbeit, 2001

19 Seiten, Note: Sehr Gut


Leseprobe

INhalt

Einleitung

Musik und Lyrik
Newtons Gravitätlichkeit
Form
Inhalt
Die Befindlichkeit des Landes
Form
Inhalt
Redukt
Form
Inhalt

Literatur

Einleitung

Die Gruppe „Einstürzende Neubauten“ wurde am 1.April 1980 in Berlin gegründet. Der Name der Band sollte sich in den nächsten zwanzig Jahren als gut gewählt erweisen. Denn die „Einstürzenden Neubauten“ erfanden sich immer wieder neu. Ihre Musik entwickelte sich von „Hör mit Schmerzen“ zu „Silence is sexy“.

In den achtziger Jahren existierten die „Einstürzenden Neubauten“ noch als reine „industrial“ Gruppe, die mit selbstgebasteltem Schlagzeug, und allem was eine Baustelle hergibt, „Geräusch“, oft nahe der Schmerzgrenze, produzierte. Heute ist ihre Musik leichter zugänglich, scheinbar schon beim ersten Anhören eingängig. Trotzdem kann man nicht wirklich von Angepasstheit sprechen. In den Liedern existiert viel Text hinter dem Text, und auch viel Musik hinter der Musik. Das aktuelle Album „Silence is Sexy“, das Anfang 2000, pünktlich zum zwanzigjährigen Jubiläum erschienen ist, macht die Stille zum Thema. Das macht deutlich, dass sich die „Einstürzenden Neubauten“, bewusst gegen den Zeitgeist wenden, denn Stille ist heutzutage nun wirklich nicht populär.

Der Sänger und Kopf der Gruppe ist Blixa Bargeld. Er wurde 1959 in Berlin (West) geboren, und gründete 1980 die Formation „Einstürzende Neubauten“. Damals noch Blixa Bargeld, N.U. Unruh, Gudrun Gut und Beate Bartel. Heute besteht die Gruppe aus Blixa Bargeld, Alexander Hacke, N.U. Unruh, Jochen Arbeit und Rudi Moser. Blixa Bargeld ist seit 1984 Gitarrist der Band „Nick Cave and the Bad Seeds“. Er arbeitete bereits als Komponist, Autor, Schauspieler, Sänger, Musiker, Performer und Dozent in fast allen Bereichen der Darstellenden Kunst.

Musik und Lyrik

In meiner Arbeit habe ich bei der Interpretation der Gedichte nicht nur den Text selbst, sondern auch die Betonung, Lautstärke und Schnelligkeit des Gesangs berücksichtigt.

Schließlich ist es der Dichter selbst der singt und gehört werden möchte. Lieder sind die einzige Form von Lyrik, die heute wirklich populär ist. Hört man die Lieder der „Einstürzenden Neubauten“, so weiß man auch warum das so ist. Der Text tritt durch die Musik nicht in den Hintergrund, ganz im Gegenteil, er wird betont. Und oft erkennt man den wahren Charakter des Gedichts erst, wenn man in den Genuss des ganzen Kunstwerks kommt, und sich das Lied anhört. Die Kombination „Text und Musik“ spricht den Geist und die Sinne an. Blixa Bargeld betonte die Zusammengehörigkeit von Text und Musik in seine Liedern in einem Interview mit dem deutschen „Tagesspiegel“:

„Macht es einen Unterschied, ob sie einen Songtext oder ein Gedicht schreiben?“

„Bei den Neubauten entwickle ich den Text parallel zur Musik. Ich habe zwar bestimmte Fragestellungen im Kopf, doch erwarte ich von der Musik eine Antwort.“[1]

Natürlich habe ich mich in meiner Arbeit hauptsächlich mit den Gedichten als Text beschäftigt, aber hin und wieder erschien es mir einfach notwendig, die Musik als Sprachrohr mit einzubeziehen.

Auf Metrik und Reimschema im herkömmlichen Sinne wird in diesen „Liedgedichten“ nicht besonders viel Wert gelegt. Denn der Text wird als zur Musik passend entwickelt. In den ersten beiden Gedichten habe ich die Metrik trotzdem untersucht, und sie erwies sich als durchaus spannend, da sie auch eindeutig zur Rhythmik beiträgt.

Wie bei einem Gedichtband, stehen auch bei einem Album die verschiedenen Werke miteinander in Verbindung. Das macht es natürlich besonders schwer, eine repräsentative Auswahl zu treffen. Gerade das Album „Silence is sexy“, scheint manchmal ein kleines selbständiges Universum aus unzähligen Querverweisen darzustellen. Allerdings würde es wohl etwas mehr als 28 000 Zeichen bedürfen, um die gesamte CD zu „enträtseln“, deshalb habe ich versucht möglichst unterschiedliche, und auf ihre Weise eigenständige Texte aus diesem Album auszuwählen.

Newtons Gravitätlichkeit

Ist Newtons Gravitätlichkeit natürliches Gesetz?

Natürlich nicht, eher ein Verbrechen,

(denn)* ich hab sie nicht bestellt.

Grad gegen seine Apfelfalle hab ich mich gewehrt,

sie wurde gegen meinen Willen trotzdem installiert.

Seitdem hat sich mir die Fliegerei um einiges erschwert.

Holt sie die Firma wieder ab dann bleibe ich kulant,

tut sie’s nicht, dann sag ich jetzt und hier,

das (sic!) ich für nichts mehr garantier’.

Selbst in einem Schwerkraftregelkreis kann die Regel leicht zerbrechen

und das ist nur für Bleierne und Flügellahme – Verbrechen. 2

*wird nicht gesungen

Form

Der Text „Newtons Gravitätlichkeit“ besteht aus zwei Strophen, oder Abschnitten, die ungleich lang sind. Die erste Strophe besteht aus sechs Versen, die zweite aus fünf.

Schema:

2) Einstürzende Neubauten: Silence is Sexy. Zomba Records 2000.

Im Gedicht gibt es vier Zäsuren, von denen nur zwei mit Beistrich und Gedankenstrich gekennzeichnet sind, die restlichen zwei werden nur durch Gesangspausen im Lied deutlich.

Die Verse sind großteils Langverse, viele mit fünf, sechs oder sieben Hebungen.

Sie sind unterschiedlich lang, auffällig ist, dass die Länge der Verse in beiden Strophen ähnlich verteilt ist. Der erste Vers ist in beiden Strophen 14 – silbig, die zwei folgenden Verse sind zehn- und sieben- bzw. neun- und achtsilbig, also eher kurz. Die darauffolgenden zwei- bzw. drei Verse sind wieder länger.

Obwohl sich der Dichter nicht an eine genau festgelegte Metrik hält, so sind die Hebungen und Senkungen in den Versen doch großteils alternierend, durch Abweichungen von der Alternation, durch Doppel- und Dreifachsenkungen, und durch unregelmäßige Zäsuren entsteht eine ganz eigentümliche Rhythmik.

Durch die Alternation ist das Gedicht sehr schnell, und wird auch so gesungen. Durch die Länge der Verse, und die zahlreichen Hebungen, ist es schwer, das gesamten Gedicht beim ersten Hören zu erfassen, aus wahrscheinlich diesem Grund, wird es auf der CD zweimal hintereinander vorgetragen.

Die Verteilung von Versen mit und ohne Auftakt ist scheinbar willkürlich. Die ersten fünf Verse beginnen mit einem Auftakt, die folgenden drei ohne, danach wieder einer mit Auftakt, ein Vers ohne, und der letzte Vers wiederum mit Auftakt.

Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Verskadenz ebenso ungenau ist. Der erste Versschluss hat eine männlich Kadenz, der zweite eine weibliche, die darauffolgenden sieben eine männliche, und die zwei letzten eine weibliche. Diese sehr ungenaue Metrik liegt allen hier interpretierten Gedichten zugrunde, wobei sie bei diesem Gedicht noch die größte Regelmäßigkeit aufweist. Es handelt sich hierbei also um freie Verse eines modernen Texts.

Das Gedicht ist zum Teil gereimt, wenn man die Verse die sich nicht reimen, mit X bezeichnet, sieht das Reimschema folgendermaßen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Satzbau stimmt mit dem Versbau überein, denn mit jedem Versende endet auch ein Teilsatz. Durch diese hohe Übereinstimmung wird wiederum eine Gleichmäßigkeit erzeugt. Die auffallende Lebhaftigkeit beim Gesang wird natürlich einerseits durch die Art und Schnelligkeit des Singens, aber auch durch die Zäsuren, die nicht mit dem Satzbau übereinstimmen, erreicht.

Auffällig sind Verse, die durch ähnlichen Satzbau und ähnliche Wortwahl verbunden werden.

Der vierte und fünfte Vers bestehen aus einem Satz, dessen zwei Teilsätze sehr ähnliche Wortkombinationen aufweisen:

Grad gegen seine Apfelfa ll e hab ich mich gewehrt,

sie wurde gegen meinen Wi ll en trotzdem installiert.

Solche scheinbar zufälligen Wiederholungen verbinden die einzelnen Verse stark miteinander, und setzen sie aber dadurch auch gewissermaßen in Kontrast zueinander.

Solche lautlichen Kohärenzen und Wortwiederholungen treten in „Newtons Gravitätlichkeit“ immer wieder auf, und verleihen dem Gedicht eine ganz eigentümliche Strukturierung.

Z.B. im siebten, achten und neunten Vers, die auch aus einem einzigen Satz bestehen:

Holt sie die Firma wieder ab dann bleibe ich kulant,/ tut sie’s nicht, dann sag ich jetzt und hier, /das ich für nichts mehr garantier’

[...]


[1] ) http://www2.tagesspiegel.de/archiv/2000/03/30/ak-ku-mu-13237.html

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Lyrik und Musik. Gedichtinterpretationen dreier Werke der Gruppe "Einstürzende Neubauten"
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Veranstaltung
Projektseminar
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V40636
ISBN (eBook)
9783638391092
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lyrik, Musik, Gedichtinterpretationen, Werke, Gruppe, Einstürzende, Neubauten, Projektseminar
Arbeit zitieren
Magdalena Mayer (Autor), 2001, Lyrik und Musik. Gedichtinterpretationen dreier Werke der Gruppe "Einstürzende Neubauten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40636

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