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Formen der Kontaktaufnahme des Erzählers mit dem Leser und deren Funktion in Ch. M. Wielands "Agathon"

Title: Formen der Kontaktaufnahme des Erzählers mit dem Leser und deren Funktion in Ch. M. Wielands "Agathon"

Intermediate Examination Paper , 2004 , 29 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Tanja Kasper (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Die Fragestellung dieser Arbeit ist dem Bereich der Narratologie, also der Erzählforschung, zuzurechnen. Spätestens seit der von Wolfgang Iser in den 1960er Jahren begründeten ′Rezeptionsästhetik′ ist die Schnittstelle zwischen Leser und Erzähler noch interessanter geworden. Obwohl der Begriff des ′Erzählers′ in der letzten Zeit stärker kritisiert wird1 möchte ich ihn hier der Vereinfachung halber verwenden.2 Dieser kann in Texten „[…] nur als Vorstellungsobjekt aufgrund mehr oder weniger deutlicher Spuren im Text rekonstruiert werden […]“3. Zu diesen Spuren gehören auch die hier untersuchten ′Kontaktaufnahmen mit dem Leser′. Diese Bezeichnung ist eine eigens für die vorliegende Arbeit definierte, da nach meinen Recherchen etwas Ähnliches bisher als eigenes Thema so nicht berücksichtigt worden ist, weshalb folgende Arbeit als Forschungsarbeit zu betrachten ist. Das Thema ist meines Erachtens allerdings grundlegend für einen Diskurs über den Erzähler-Leser Bezug, da hier sehr gut nachgewiesen werden kann, dass der Erzähler den Bezug zum Leser explizit aufnimmt um ihn mit in die Erzählung einzubeziehen. Das geschieht vor allem indem eine gemeinsame Ebene für Leser und Erzähler geschaffen wird, in dem beide einen gemeinsamen sozusagen virtuellen ′Raum′ zur Verfügung haben. Hier wird über gemeinsame ′Kontexte′ gesprochen die sich zumeist aus der Erzählung ergeben aber auch darüber hinaus wie hier im ′Agathon′ auch aus dem gemeinsam Menschlichen. Am ehesten fällt einem zu diesem Thema dabei sicherlich ein direktes Anreden des Lesers ein, durch Verwendung der 2.Person Singular oder Plural. Diese bilden aber im Agathon eine kleine Minderheit und das Thema nur darauf zu beschränken wäre auch eine sehr oberflächliche Betrachtung des Problems. Folgende Merkmale definieren die ′Kontaktaufnahme mit dem Leser′, wobei eins mindestens erfüllt sein muss:

1. Der Erzähler gibt sich im Text mehr oder weniger zu erkennen (vor allem bei den Kapiteln 1.1; 1.3; 1.4; 2.1; 2.2; 2.3; 2.4)
2. es ist ein deutlicher Einschnitt in der Handlungsebene erkennbar, die den Leser auf eine meist, erste, reflektierende Ebene versetzt (bei fast allen Formen, am wenigsten bei Kapitel 1.2)
3. der Erzähler fingiert eine ′Mündlichkeit′ im Erzählen (vor allem Teil 2)
4. der Leser wird in irgendeiner Form beim Erzählen miteinbezogen (vor allem 1.1; 1.2)

1 Vgl. Fludernik, Monika: The Fictions of Language and the Languages of Fictions. Reprint. London 1999.

2 Auch der Begriff ′Handlungsebene′ wird hier der Einfachheit halber unkritisch nach Vogt, Jochen: Einladung zur Literaturwissenschaft. 2., durchg. und akt. Aufl. München 2001. angewandt.

3 Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze – Personen – Grundbegriffe. 2., überarb. und erw. Aufl. hrsg. von Ansgar Nünning. Stuttgart; Weimar 2001.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

A Einleitung

B Verschiedene Formen der Kontaktaufnahme und deren Funktion

1. Indirekte Kontaktaufnahmen

1.1. Pluralis Majestatis/Modestiae

1.2 Das Indefinitivpronomen 'man'

1.3 Klammerparenthesen

1.3.1 Ohne Kommentar des Erzählers

1.3.2 Mit Kommentar des Erzählers

1.3.3 Verteilung

1.4 Angekündigte Zusammenfassungen des Erzählers

1.5 Kapitelüberschriften

1.6 Benennung von Lesern oder einzelnen Gruppen

2. Direkt: fingierte Mündlichkeit

2.1 Scheinbare Ausrufe des Erzählers

2.2 Rhetorische Fragen

2.3 Fiktiver Leser-Erzähler Dialog

2.4 Direkte Anrede an den Leser

3. Gesamtverteilung der verschiedenen Formen

C Resümee

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die verschiedenen narrativen Strategien der Kontaktaufnahme zwischen Erzähler und Leser in Christoph Martin Wielands Roman "Geschichte des Agathon". Ziel ist es, die Funktionen dieser meist indirekten oder als "fingierte Mündlichkeit" gestalteten Eingriffe zu analysieren und aufzuzeigen, wie der Erzähler den Leser in eine virtuelle gemeinsame Ebene einbindet und aktiv in seiner Wahrnehmung sowie Meinungsbildung lenkt.

  • Narratologische Analyse der Leser-Erzähler-Beziehung
  • Differenzierung zwischen indirekten und direkten Kontaktaufnahmeformen
  • Untersuchung der "fingierten Mündlichkeit" als rhetorisches Mittel
  • Wirkungsanalyse der Leserlenkung und aktiven Steuerung der Rezeption
  • Evaluation des Erzähler-Status als autoritäre oder gleichrangige Instanz

Auszug aus dem Buch

1.1 Pluralis Majestatis/Modestiae

Um die Problematik der indirekten Leseranrede zu verdeutlichen möchte ich mit der kontinuierlichsten und häufigsten Methode Wielands beginnen.

Die 'Pluralis Majestatis' ist nach Wilpert definiert als „[…] erhabene Selbstbezeichnung Hochgestellter […]“ bei der ein meist Adeliger von sich selbst in der Mehrzahl spricht und dabei die 1.Person Plural statt der 1.Person Singular benutzt. Besonders bekannt durch das Beispiel: „Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser“.

In der Literatur wird die Verwendung der 'Pluralis Majestatis' durch den Erzähler, als 'Pluralis Modestiae' bezeichnet, übersetzt bedeutet dies der Plural der Bescheidenheit, bei der der Sprecher „[…] eine Art Einverständnis zwischen sich und dem Leser bzw. Zuhörer als gegeben voraussetzt […]“.

Aber ist es ein Zeichen für Bescheidenheit von dem Einverständnis der Leser auszugehen? Vielmehr doch ein Zeichen gesunden Selbstbewusstseins und der Versuch nicht argumentativ sondern unbemerkt durch rhetorische Kniffe zu überzeugen.

Zusammenfassung der Kapitel

A Einleitung: Vorstellung der narratologischen Fragestellung und Definition des Begriffs der "Kontaktaufnahme mit dem Leser" als zentrales Werkzeug der Leserlenkung.

B Verschiedene Formen der Kontaktaufnahme und deren Funktion: Systematische Kategorisierung narrativer Techniken, unterteilt in indirekte Mittel (z. B. Pluralis Modestiae, Klammerparenthesen) und direkte Mittel (fingierte Mündlichkeit, Rhetorische Fragen).

1. Indirekte Kontaktaufnahmen: Detaillierte Analyse sprachlicher und formaler Strukturen wie "man", Klammern und Zusammenfassungen, die den Leser unbemerkt in den Erzählprozess einbinden.

2. Direkt: fingierte Mündlichkeit: Untersuchung derjenigen Formen, die durch Ausrufe, Fragen oder Dialoge eine unmittelbare, mündlich wirkende Kommunikation zwischen Erzähler und Leser simulieren.

3. Gesamtverteilung der verschiedenen Formen: Statistische und inhaltliche Auswertung der Verteilung dieser Mittel über den gesamten Roman, mit Fokus auf die hohe Dichte dieser Eingriffe im fünften Buch.

C Resümee: Zusammenfassende Erkenntnis, dass Wielands Erzähler überwiegend indirekt, jedoch dominant und steuernd agiert, um den Lesespaß durch eine "fiktive Gemeinsamkeit" zu fördern.

Schlüsselwörter

Narratologie, Erzählforschung, Wieland, Geschichte des Agathon, Rezeptionsästhetik, Leserlenkung, fingierte Mündlichkeit, Pluralis Modestiae, Erzählerfigur, Leser-Erzähler-Beziehung, Rhetorik, Indefinitivpronomen, Romananalyse, literarische Kommunikation.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert narratologische Techniken in Wielands Roman "Geschichte des Agathon", mit denen der Erzähler Kontakt zum Leser aufbaut und diesen in der Textwahrnehmung lenkt.

Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?

Die Arbeit behandelt die Erzähltheorie, die Rolle des fiktiven Lesers sowie die methodische Unterscheidung zwischen direkten und indirekten Formen der Leseransprache.

Was ist die primäre Forschungsfrage?

Es wird untersucht, mit welchen formalen Mitteln der Erzähler den Leser in das Geschehen einbezieht und wie diese Kontaktaufnahmen die Leserlenkung beeinflussen.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Die Untersuchung erfolgt durch eine narratologische Textanalyse auf Basis ausgewählter Beispiele aus dem "Agathon" unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher Fachterminologie.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse indirekter Formen wie Pluralis Modestiae oder Klammerparenthesen sowie direkter Formen wie rhetorische Fragen und fingierte Dialoge.

Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?

Zentrale Begriffe sind Leserlenkung, Narratologie, Fingierte Mündlichkeit, Pluralis Modestiae und Erzählinstanz.

Warum spielt das fünfte Buch eine zentrale Rolle?

Die Analyse zeigt, dass im fünften Buch die Dichte an "Kontaktaufnahmen" besonders hoch ist, da hier eine intensivere Leserlenkung hinsichtlich der moralischen Bewertung der Charaktere notwendig erscheint.

Ist der Erzähler im "Agathon" ein neutraler Vermittler?

Nein, der Erzähler zeigt sich in der Arbeit eher als besserwisserische, didaktische und teils dominante Instanz, die den Leser geschickt im Sinne des Erzählers zu steuern versucht.

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Details

Title
Formen der Kontaktaufnahme des Erzählers mit dem Leser und deren Funktion in Ch. M. Wielands "Agathon"
College
University of Sheffield
Course
Ch. M. Wieland - Agathon
Grade
1,3
Author
Tanja Kasper (Author)
Publication Year
2004
Pages
29
Catalog Number
V40761
ISBN (eBook)
9783638391993
ISBN (Book)
9783638790635
Language
German
Tags
Formen Kontaktaufnahme Erzählers Leser Funktion Wielands Agathon Wieland Agathon
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Tanja Kasper (Author), 2004, Formen der Kontaktaufnahme des Erzählers mit dem Leser und deren Funktion in Ch. M. Wielands "Agathon", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40761
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