Formen der Kontaktaufnahme des Erzählers mit dem Leser und deren Funktion in Ch. M. Wielands "Agathon"


Zwischenprüfungsarbeit, 2004
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung

B Verschiedene Formen der Kontaktaufnahme und deren Funktion
1. Indirekte Kontakaufnahmen
1.1. Pluralis Majestatis/Modestiae
1.2 Das Indefinitivpronomen 'man'
1.3 Klammerparenthesen
1.3.1 Ohne Kommentar des Erzählers
1.3.2 Mit Kommentar des Erzählers
1.3.3 Verteilung
1.4 Angekündigte Zusammenfassungen des Erzählers
1.5 Kapitelüberschriften
1.6 Benennung von Lesern oder einzelnen Gruppen
2. Direkt: fingierte Mündlichkeit
2.1 Scheinbare Ausrufe des Erzählers
2.2 Rhetorische Fragen
2.3 Fiktiver Leser-Erzähler Dialog
2.4 Direkte Anrede an den Leser
3. Gesamtverteilung der verschiedenen Formen

C Resümee

D Literaturverzeichnis

„Jedes Buch das etwas taugt, spielt mit seinem Leser."

(Theodor W. Adorno)

A Einleitung

Die Fragestellung dieser Arbeit ist dem Bereich der Narratologie, also der Erzählforschung, zuzurechnen. Spätestens seit der von Wolfgang Iser in den 1960er Jahren begründeten 'Rezeptionsästhetik' ist die Schnittstelle zwischen Leser und Erzähler noch interessanter geworden. Obwohl der Begriff des 'Erzählers' in der letzten Zeit stärker kritisiert wird[1] möchte ich ihn hier der Vereinfachung halber verwenden.[2] Dieser kann in Texten „[…] nur als Vorstellungsobjekt aufgrund mehr oder weniger deutlicher Spuren im Text rekonstruiert werden […]“[3]. Zu diesen Spuren gehören auch die hier untersuchten 'Kontaktaufnahmen mit dem Leser'.

Diese Bezeichnung ist eine eigens für die vorliegende Arbeit definierte, da nach meinen Recherchen etwas Ähnliches bisher als eigenes Thema so nicht berücksichtigt worden ist, weshalb folgende Arbeit als Forschungsarbeit zu betrachten ist.

Das Thema ist meines Erachtens allerdings grundlegend für einen Diskurs über den Erzähler-Leser Bezug, da hier sehr gut nachgewiesen werden kann, dass der Erzähler den Bezug zum Leser explizit aufnimmt um ihn mit in die Erzählung einzubeziehen. Das geschieht vor allem indem eine gemeinsame Ebene für Leser und Erzähler geschaffen wird, in dem beide einen gemeinsamen sozusagen virtuellen 'Raum' zur Verfügung haben. Hier wird über gemeinsame 'Kontexte' gesprochen die sich zumeist aus der Erzählung ergeben aber auch darüber hinaus wie hier im 'Agathon' auch aus dem gemeinsam Menschlichen.

Am ehesten fällt einem zu diesem Thema dabei sicherlich ein direktes Anreden des Lesers ein, durch Verwendung der 2.Person Singular oder Plural. Diese bilden aber im Agathon eine kleine Minderheit und das Thema nur darauf zu beschränken wäre auch eine sehr oberflächliche Betrachtung des Problems. Folgende Merkmale definieren die 'Kontaktaufnahme mit dem Leser', wobei eins mindestens erfüllt sein muss:

1. Der Erzähler gibt sich im Text mehr oder weniger zu erkennen (vor allem bei den Kapiteln 1.1; 1.3; 1.4; 2.1; 2.2; 2.3; 2.4)
2. es ist ein deutlicher Einschnitt in der Handlungsebene erkennbar, die den Leser auf eine meist, erste, reflektierende Ebene versetzt (bei fast allen Formen, am wenigsten bei Kapitel 1.2)
3. der Erzähler fingiert eine 'Mündlichkeit' im Erzählen (vor allem Teil 2)
4. der Leser wird in irgendeiner Form beim Erzählen miteinbezogen (vor allem 1.1; 1.2)

Die gefundenen Formen wurden vor allem nach formalen Gesichtspunkten unterschieden und zusätzlich in eher 'indirekte' (s. Teil 1) und eher 'direkte' (s. Teil 2) getrennt. Diese Trennung ist von vornherein problematisch. Es gibt kein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal, das man heranziehen könnte. Behelfsmäßig wurde hier das Merkmal einer 'fingierten Mündlichkeit' eingesetzt, welches aber wiederum nicht optimal objektiv definier- und erkennbar ist. 'Fingierte Mündlichkeit' soll heißen, dass versucht wird die Erzählung zu gestalten, als ob sie mündlich erzählt würde, also z.B. durch besondere Formulierungen oder Formen die teilweise in der Mündlichkeit auf eine Antwort ausgelegt sind, die aber im Roman kaum möglich ist.

Diese Trennung bleibt also fraglich, aber sie ist für diese Arbeit wichtig, da an der 'Direktheit' abzulesen ist wie sehr der Leser sich dieser Kontaktaufnahmen bewusst ist.

Zur genaueren Betrachtung, kann man sich die 'Direktheit' und 'Indirektheit' eher auf einer Skala vorstellen. Dabei sind die 'direkten Anreden des Lesers' als 'direkteste' und z.B. das 'unpersönliche Pronomen 'man' als eine der 'indirektesten' einzuordnen.

Durch den weiten Begriff der 'Kontaktaufnahme' haben wir es im 'Agathon' mit einer Fülle von Beispielen zu tun. Diese Arbeit ist bemüht die Vielfalt dieser Formen darzustellen. Aufgrund der Umfangsbeschränkung kann jedoch nur eine begrenzte Auswahl gezeigt werden, die aber ausreicht, um die Funktionen der jeweiligen Formen darzustellen. Betont werden sollte hier außerdem, dass der 'Vorbericht' und die 'Abdankung' des 'Agathon' aus ähnlichen Gründen nicht gesondert behandelt werden. Diese wurden bereits als eigene Form gut erforscht[4] und es wird hier nur vorausgesetzt, dass sie das Ziel einer Leserlenkung haben und sich in sehr direkter Form an den Leser wenden.

B Verschiedenen Formen der Kontaktaufnahme und deren Funktion

1. Indirekte Kontaktaufnahmen

Wie in der Einleitung bereits angesprochen, lässt sich keineswegs eine eindeutige Trennlinie zwischen direkten und indirekten Leseranreden ziehen. Zusätzlich erschwerend kommt bei den 'Indirekten' das Problem der Erkennbarkeit hinzu. Damit ist gemeint, dass die im Folgenden erläuterten Formen nicht immer eindeutig explizite Kontaktaufnahmen sein müssen. An ausgewählten Beispielen wird versucht eine Erkennbarkeit zu belegen, die sich trotzdem durch die Wirkung auf den Leser gepaart mit auffallender Häufigkeit ergibt.

1.1 Pluralis Majestatis/Modestiae

Um die Problematik der indirekten Leseranrede zu verdeutlichen möchte ich mit der kontinuierlichsten und häufigsten Methode Wielands beginnen.

Die 'Pluralis Majestatis' ist nach Wilpert definiert als „[…] erhabene Selbstbezeichnung Hochgestellter […]“[5] bei der ein meist Adeliger von sich selbst in der Mehrzahl spricht und dabei die 1.Person Plural statt der 1.Person Singular benutzt. Besonders bekannt durch das Beispiel: „ Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser“[6].

In der Literatur wird die Verwendung der 'Pluralis Majestatis' durch den Erzähler, als 'Pluralis Modestiae' bezeichnet, übersetzt bedeutet dies der Plural der Bescheidenheit, bei der der Sprecher „[…] eine Art Einverständnis zwischen sich und dem Leser bzw. Zuhörer als gegeben voraussetzt […]“.[7]

Aber ist es ein Zeichen für Bescheidenheit von dem Einverständnis der Leser auszugehen? Vielmehr doch ein Zeichen gesunden Selbstbewusstseins und der Versuch nicht argumentativ sondern unbemerkt durch rhetorische Kniffe zu überzeugen.

Das oben bereits benannte Problem besteht nun hier zu erkennen, ob der Erzähler nur sich selbst meint oder ob der Leser miteinbezogen ist. Der alleinige Bezug auf den Erzähler ist meist nur eindeutig zu erkennen wenn typische Erzähleraufgaben geschildert werden wie z.B.:

Wir wollen also lieber gestehen, daß wir uns unvermögend finden, den Tumult der Leidenschaften, […] abzuschildern, als durch eine frostige Beschreibung zu gleicher Zeit unsre Vermessenheit und unser Unvermögen zu verraten.[8]

Fast schon entschuldigend gegenüber dem Leser wirkt der hier vom Erzähler eingestandene Mangel an Worten.[9] Während in diesem Beispiel klar zwischen Erzähler und Leser getrennt wird, stellt sich das nächste Beispiel ganz anders dar:

Und wenn gleich die unverhehlbare Schwäche unsrer Natur uns auf der einen Seite, zu großem Vorteil unsrer Trägheit, von der Ausübung heroischer Tugenden loszählt; so ergötzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem süßen Wahne, daß wir eben so wundertätige Helden gewesen sein würden, wenn uns das Schicksal an ihren Platz gesetzt hätte.[10]

Hier zeigt sich, dass der Leser eindeutig miteinbezogen ist. Formal beweisbar durch die Mehrzahl von „wundertätige[n] Helden“. Vor allem das Gemeinsame des Menschen wie „unsre Natur“, „unsre Trägheit“ und „unsre Eigenliebe“ wird hier betont. Damit wird die reine Handlungsebene verlassen und eine fiktionale gemeinsame Ebene von Erzähler und Leser eröffnet. Gleichzeitig befindet sich dadurch der Leser, an dieser Stelle, mit dem Erzähler gleichberechtigt auf einer Stufe. Gerade dieses typisch Menschliche wird vom Erzähler noch an vielen weiteren Stellen betont. Am häufigsten vertreten ist der Ausdruck „unsrer Seele[n]“, allein siebenmal im siebten Buch.[11]

Aber nicht nur eine Gleichstellung in typisch Menschlichem wird hervorgehoben, sondern auch in Bezug auf die Haltung gegenüber den 'Aktanten'[12]:

Wir wissen freilich was wir ungefähr von ihr [Danae] denken sollen; allein in seinen Augen war sie eine Göttin; und zu ihren Füßen liegend konnte er, zumal bei der Verbindlichkeit, die er ihr hatte, natürlicher Weise, diese Danae nicht mit einer so philosophischen Gleichgültigkeit ansehen, wie wir andern.[13]

Das erste „wir“ bleibt noch unbestimmt in der Frage ob hier vielleicht der Erzähler nur sich selbst meint. Die Formulierung „wir andern“ macht allerdings klar, dass der Leser mitgemeint ist. Das betont geradezu eine Kontrastgemeinschaft des Erzählers mit dem Leser gegenüber den Aktanten. Dem Leser wird eine ähnliche Überlegenheit bzw. ein ähnliches Wissen wie dem Erzähler zugesprochen, um einen der Aktanten bewerten zu können. Sehr häufig geht der Erzähler auch in seiner Beschreibung von den Gefühlen oder Motiven einer Figur über in die Wir-Form:

Danae erzählte ihre Geschichte mit der unschuldigen Absicht zu gefallen. Sie sah natürlicher Weise ihre Aufführung, ihre Schwachheiten, ihre Fehltritte selbst in einem mildern, und (lasset uns die Wahrheit sagen) in einem wahrern Licht als die Welt; welche auf der einen Seite von allen den kleinen Umständen, die uns rechtfertigen oder wenigstens unsre Schuld vermindern könnten, nicht unterrichtet, und auf der andern Seite boshaft genug ist, um ihres größern Vergnügens willen das Gemälde unsrer Torheiten mit tausend Zügen zu überladen […].[14]

Zunächst werden die negativen Eigenschaften wie „ihre Schwachheiten“, „ihre Fehltritte“ eindeutig nur der Figur Danae zugesprochen und der Leser kann so, aus der Distanz über sie urteilen. Nach dem Semikolon geht es jedoch in die 1.Person Plural über und betrifft somit nun auch den Leser. Durch „unsre Torheiten“ wird also eine sehr befördernde Wirkung der Identifikation mit, und der Nachvollziehbarkeit einer Figur, geleistet.

Auffällig ist zudem auch noch das Beispiel „unserm Helden“[15], vor allem durch seine Häufigkeit. Ich möchte hier kein bestimmtes Beispiel wählen, da es in jedem formal unklar bleibt ob das „unser“ sich nur auf den Erzähler oder auch auf den Leser bezieht. Zum Teil ist es inhaltlich erschließbar, dass der Erzähler von seinem Helden spricht, da er über bestimmte Erzählvorgänge redet, die nur dem Erzähler vorbehalten sind. Meistens aber bleibt es völlig unklar. Naheliegend wäre, dass durch die ständige Formulierung „Held“ dem Leser eine bestimmte Sichtweise auf die Figur vorgegeben werden soll. Circa 170-mal taucht das Wort Held auf den 600 Seiten auf, pro dreieinhalb Seiten mindestens einmal. Selten sind dann andere Benennungen von Agathon wie zum Beispiel „unsern Freund Agathon“[16] die hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden sollen, da sie für diese Arbeit keinerlei Bedeutung haben.

Diese ausgewählten Beispiele sollen die Variationen darstellen die am häufigsten im 'Agathon' zu finden sind. Wichtig ist, dass die Hauptfunktion darin liegt, den Leser über Identifikation und Nach- oder Mitempfinden in die Erzählebene einzubeziehen, um ihn eventuell sogar zu einer Reflexion zu bewegen. Urteilen über die fiktiven Figuren aus der Distanz heraus fällt leicht, worauf uns auch der Erzähler selbst im Beispiel zu Danae hinweist, aber nun werden die Verhaltensweisen der Figuren rückbezogen auf allgemein menschliches also auch Leser-Verhalten. Die Gemeinsamkeit mit dem Handeln der fiktiven Figuren und dem des Erzählers erzeugt einen engeren Bezug zu beiden und der Geschichte an sich. Die Beispiele bei denen sich der Erzähler klar von den Lesern distanziert betreffen meist Handlungen des Erzählens oder werden in den 'fiktiven Leser-Erzähler Dialogen' ironisch eingesetzt, um den Leser zu belehren. Darauf wird später noch im Kapitel 2.1 näher eingegangen.

1.2 Das Indefinitivpronomen 'man'

Das Wort 'man' gehört sprachwissenschaftlich zu der Gruppe der Indefinitivpronomen, also der unbestimmten Fürwörter, die wie ein Substantiv gebraucht werden. Unbestimmt sind sie hinsichtlich Geschlecht und Zahl.[17] Inhaltlich bezeichnet 'man' eine unbestimmte Zahl von Personen, die nicht näher charakterisiert sind.[18] In unzähligen Redewendungen wie Das macht man aber nicht oder Man gönnt sich ja sonst nichts, steht das 'man' für eine normierende Mehrheit von Personen und soll somit den oder die Angesprochenen überzeugen.[19] Besonders deswegen wird diese Form in wissenschaftlichen Texten gerne benutzt, um den Leser für die eigene Meinung einzunehmen, in Formeln wie zum Beispiel „[…] man hat in der Folge gesehen, daß […]“.[20] Gerade dieses Zitat stammt jedoch aus dem 'Agathon' selbst. Das vollständige Zitat: „[…] und man hat in der Folge gesehen, daß er [Agathon] sehr gut zu handeln wusste“, nimmt dem Leser die eigenständige Bewertung über Agathons bisheriges Handeln ab und der Erzähler gibt vor, dass es gutes Handeln war. Der Leser wird zudem auch hier in eine handlungsreflektierende Ebene versetzt.

Ein ähnliches Beispiel findet sich auf S.535: „Aber man muß hingegen auch gestehen, daß sie [die Kenntnis der Menschen] wenigstens eben so zuverlässig ist, als irgend eine andre; […]“[21]. Der normierende Druck des 'man' wird noch verstärkt durch das „muß“. Der Abschnitt in dem dieser Satz steht, beginnt schon mit einem Satz, der dieselbe Funktion ausübt, formal aber ohne ein 'man' umgesetzt wurde: „Es ist unstreitig einer der größesten Vorteile, […].“[22]

Diese Beispiele sollen verdeutlichen, dass die Funktion der Meinungsvorwegnahme sich durch das ganze Buch zieht und immer wieder in verschiedenen Formen auftaucht. Wieland steigert diese Meinungsvorwegnahme sogar noch im folgenden Beispiel: „Man müßte wohl sehr eingenommen sein, wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten Heldentugenden in eine so große Hochachtung gekommen sind.“[23] Hier wird derjenige, der nicht mit der vorgegebenen Meinung übereinstimmen will als „sehr eingenommen“ bezeichnet und die „Heldentugenden“ werden noch mit dem wertenden Adjektiv „vermeinten“ unterlegt.

Weitere Beispiele verteilen sich noch unzählig und recht gleichmäßig über das ganze Buch.

1.3 Klammerparenthesen

Die Parenthese ist eine rhetorische Gedankenfigur und heißt übersetzt soviel wie Einschub. Meist wird sie formal durch Gedankenstriche oder Klammern gekennzeichnet.[24] Hier geht es nur um die geklammerte Version, da diese auch für den Leser die auffälligere Version ist und die Masse der Parenthesen im 'Agathon' ausmacht.

Diese Form der Leseranrede wird von Wieland so vielfältig eingesetzt, dass man sie zunächst nur unter dem formalen Aspekt der Einklammerung zusammenfassen kann. Die folgenden Beispiele zeigen eine kleine Auswahl. Vom reinen Nebentext „(dachte Agathon)“[25] über kleine Zusatzinformationen „(wie er sich zu erinnern glaubte)“[26] bis hin zu eindeutigen Kommentaren des Erzählers „(der Himmel weiß mit welchem Grunde)“[27] kann man vieles beobachten.

Im Folgenden werden diese verschiedenen Ausführungen noch etwas näher betrachtet.

1.3.1 Ohne Kommentar des Erzählers

Die Informationen, die in diesen Klammerparenthesen enthalten sind, sind von sehr unterschiedlicher Art. Für die Zwecke dieser Arbeit reicht jedoch ein sehr grobes Schema zur Unterscheidung aus.

Zunächst gibt es eine Gruppe, die ähnlich wie im Drama eine Art Nebentext enthält. Diese Art der Klammerparenthesen gehört zu den indirektesten der Leseranrede. Ähnliche Beispiele der Minimalerfüllung dieser Kategorie wie das bereits oben erwähnte „dachte Agathon“ findet man im zehnten Buch, drittes Kapitel: „(unterbrach ihn Agathon)“[28] oder sogar nur „(dacht er)“[29]. Etwas mehr Information gibt das Beispiel: „(eine hübsche, dicke Frau von drei oder vier und vierzig Jahren)“[30].

Diese Beispiele sind aber auch gleichzeitig fast alle Vorkommenden dieser Gruppe. Sie sind somit seltene Ausnahmen, trotzdem erwähnenswert, da an anderen Stellen die gleichen Informationen durch Kommata abgetrennt sind. Wäre es Willkür, würden beide Versionen ungefähr gleich häufig vorkommen. Die umklammerte Version ist jedoch so selten, dass ein bewusster Einsatz wahrscheinlicher ist. Bestimmte Gemeinsamkeiten, an welchen Stellen oder in welchem Zusammenhang diese Form besonders auftaucht, sind nicht zu erkennen.

Eine Untersuchung zu Parallelen in der Verwendung dieser bestimmten Art von Klammerparenthese ergibt keine Auffälligkeiten.

Eine weitere große Gruppe ist die der Quellenangaben. Hier einige Beispiele dazu: „(wie Plato sagt)“[31], oder „(nach dem Ausdruck eines weisen Alten)“[32], weiterhin „(pflegt man dem Horaz nachzusagen)“[33] und „(einer alten Sage nach)“[34].

Zusammengefasst werden folgende bekannte Leute in dieser Gruppe von Parenthesen aufgeführt: Plato, Guidi, Horaz, Phryne, Xenophon, Cicero, Montesquieu, Shakespeare und Helvetius. Hinzu kommen noch weitere Quellen, die er nicht beim Namen nennt: „einer unsrer tugendhaftesten Dichter“[35], „einer alten Sage nach“[36], „erfahrner Kenner der menschlichen Dinge“[37], „ein weiser Alter“[38] und „eines der größesten Bücher-Kenner von Europa“ [39] . Die Meisten sind, außer „einer alten Sage nach“, allein seiner subjektiven Meinung nach beurteilt und ausgewählt, aber so formuliert, dass sie trotzdem sehr überzeugend auf den Leser wirken.

Zunächst wird einem hierbei die enorme Bildung Ch. M. Wielands[40] vor Augen geführt. Auffällig ist trotzdem, dass er diese Verweise extra anführt und formal betont.

Dieser Kniff würde sich hervorragend in seine Fiktion einer Herausgeberschaft[41] einer wahren Geschichte einfügen, die durch ein griechisches Manuskript belegt ist. Der Erzähler betont wie sehr diese Geschichte an die Wahrscheinlichkeit gebunden ist und diese Nachweise würden diesen Eindruck noch unterstreichen. Wenn man weiterhin bedenkt, dass Wieland oft der Nachahmung beschuldigt wurde, könnte man noch eine beabsichtigte ironische Wirkung vermuten.

Man kann hier nur sehr schwierig eine bewusste Ansprache des Lesers nachweisen, aber eine deutliche Wirkung auf den Leser ist zu erkennen. Der Erzähler macht sich dem Leser bewusst und tritt aus dem Hintergrund der Erzählung ein wenig hervor. Das geschieht durch das Hervorheben mit einer Klammer, die den normalen Erzählfluss unterbricht.

[...]


[1] Vgl. Fludernik, Monika: The Fictions of Language and the Languages of Fictions. Reprint. London 1999.

[2] Auch der Begriff 'Handlungsebene' wird hier der Einfachheit halber unkritisch nach Vogt, Jochen: Einladung zur Literaturwissenschaft. 2., durchg. und akt. Aufl. München 2001. angewandt.

[3] Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze – Personen – Grundbegriffe. 2., überarb. und erw. Aufl. hrsg. von Ansgar Nünning. Stuttgart; Weimar 2001.

[4] Vgl. z.B. Busch, U.: Vorrede und Nachwort, Neue Sammlung 1. 1961.

[5] Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. 8., verbesserte und erw. Aufl. Stuttgart 1989. S.614. Die Kritik an diesem Nachschlagewerk sowie die Problematik der Einseitigkeit sind mir durchaus bewusst, allerdings mussten auch hier Abstriche aufgrund der Umfangsbeschränkung gemacht werden. Andere Lexika hätten sein können Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. 3. neubearb. Auflg. hrsg. von Harald Fricke. Berlin 2000 oder Meid, Volker: Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart 1999.

[6] DUDEN Fremdwörterbuch. 7., neu bearb. Und erw. Aufl. Mannheim 2001. S.777.

[7] Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., akt. und erw. Aufl. hrsg. von Hadumod Bußmann. Stuttgart 2002.

S.521.

[8] Wieland, S.341 Z.27-33; Achtes Buch. Drittes Capitel. Grundlage für meine Analyse ist folgende Reclam-Ausgabe des 'Agathon': Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Erste Fassung von 1766. Stuttgart 1979. Diese wird im Folgenenden als Literaturangabe nur noch mit 'Wieland', der Seitenzahl und dem Buch mit Kapitel angegeben. Die Zitate sind nicht der neuen Rechtschreibung angepasst worden.

[9] Anstatt dies der Unzulänglichkeit der Sprache zuzuschreiben wird das Problem der eigenen Unfähigkeit zugeschrieben. Ein sehr interessantes Zitat im Hinblick auf die Frage, ob der Erzähler sich dem Leser gegenüber eher dominant/autoritär oder gleichrangig gibt, auf die hier nicht ausführlich eingegangen werden kann.

[10] Wieland, S.169 Z.7-14; Fünftes Buch. Achtes Capitel.

[11] Das würde auch die Behauptung des Nachwortes bestätigen, dass das philosophische Ziel des Romans in der Verknüpfung des Individuellen mit dem Generellen und des Besonderen mit dem gesetzlich Typischen liegt um dem Leser die Natur- und Seelengeschichte des Menschen zu vermitteln (vgl. Nachwort zum 'Agathon' von Reinhard Döhl und Fritz Martini. S.646).

[12] Nach Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, S.7 im Sinne von Handlungsträgern.

[13] Wieland, S.153 Z.14-20; Fünftes Buch. Viertes Capitel.

[14] Ebd., S.338 Z.17-28; Achtes Buch. Zweites Capitel.

[15] Z.B. ebd., S.179 Z.14; Fünftes Buch. Zehentes Capitel.

[16] Wieland, S.176 Z.36; Fünftes Buch. Neuntes Capitel.

[17] Vgl. Lexikon der Sprachwissenschaft, S.296.

[18] Vgl. Wahrig Grammatik der deutschen Sprache. 3., vollständig neu bearb. und akt. Aufl. Gütersloh/München 1999. S.275.

[19] Vgl. Duden Deutsches Universalwörterbuch. 4. Aufl. Mannheim 2001. [CD-ROM]. Unter dem Stichwort 'man'.

[20] Wieland, S.470 Z.32f.; Neuntes Buch. Fünftes Capitel.

[21] Wieland, S.535 Z.13ff.; Zehentes Buch. Fünftes Capitel.

[22] Ebd., S.535 Z.3ff.; Zehentes Buch. Fünftes Capitel.

[23] Ebd., S.170 Z.8ff.; Fünftes Buch. Achtes Capitel.

[24] Vgl. Wilpert, S.591.

[25] Wieland, S.165 Z.1; Fünftes Buch. Siebentes Capitel.

[26] Ebd., S.342 Z.32f.; Achtes Buch. Drittes Capitel.

[27] Ebd., S.340 Z.32; Achtes Buch. Zweites Capitel.

[28] Ebd., S.515 Z.9; Zehentes Buch. Drittes Capitel.

[29] Ebd., S.158 Z.11; Fünftes Buch. Fünftes Capitel.

[30] Ebd., S.575 Z.31-32; Elftes Buch. Drittes Capitel.

[31] Wieland, S.145 Z.24; Fünftes Buch. Erstes Capitel sowie S.156 Z.4-5; Fünftes Buch. Fünftes Capitel.

[32] Ebd., S.528 Z.14; Zehentes Buch. Drittes Capitel.

[33] Ebd., S.173 Z.18; Fünftes Buch. Neuntes Capitel.

[34] Ebd., S.245 Z.5; Siebentes Buch. Viertes Capitel.

[35] Ebd., S.183 Z.9f.; Fünftes Buch. Eilftes Capitel.

[36] Ebd., S.245 Z.5; Siebentes Buch. Viertes Capitel.

[37] Ebd., S.498 Z.1-2; Zehentes Buch. Zweites Capitel.

[38] Ebd., S.528 Z.14; Zehentes Buch. Drittes Capitel.

[39] Ebd., S.533 Z.8-9; Zehentes Buch. Fünftes Capitel.

[40] Vgl. zum Beispiel, Schaefer, Klaus: Christoph Martin Wieland. Stuttgart; Weimar 1996. S.5-10.

[41] Begriff nach Wilpert, S.336.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Formen der Kontaktaufnahme des Erzählers mit dem Leser und deren Funktion in Ch. M. Wielands "Agathon"
Hochschule
University of Sheffield
Veranstaltung
Ch. M. Wieland - Agathon
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V40761
ISBN (eBook)
9783638391993
ISBN (Buch)
9783638790635
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formen, Kontaktaufnahme, Erzählers, Leser, Funktion, Wielands, Agathon, Wieland
Arbeit zitieren
Tanja Kasper (Autor), 2004, Formen der Kontaktaufnahme des Erzählers mit dem Leser und deren Funktion in Ch. M. Wielands "Agathon", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40761

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