Die gesellschaftliche Funktion von Sozialwissenschaften


Seminararbeit, 2003
16 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und Entwicklung der Sozialwissenschaften
2.1 „Sozialwissenschaften“
2.2 Historische Entwicklung der Sozialwissenschaften

3. Gesellschaft und Sozialwissenschaften
3.1 Exkurs: Wissen in der globalisierten Risikogesellschaft
3.2 Sozialwissenschaft in der Krise?
3.3 Kommunikation und Gesellschaft: Die Kommunikationswissenschaft
3.4 Annäherung: Die gesellschaftliche Funktion der Sozialwissenschaften
3.5 Zur Logik der Sozialwissenschaften

4. Schlussbemerkung

1. Einleitung

Der Terminus „Sozialwissenschaften“ beinhaltet ein komplexes Themenfeld verschiedenster Disziplinen. Um die einzelnen Felder aufschlüsseln zu können, ist es sinnvoll, überblicksartig auf deren historische Entwicklung, deren ebenso zahlreiche wie unterschiedliche Aspekte ein zugehen und eine gesellschaftlich anerkannte Definition zu treffen, wie dies im 2. Kapitel versucht werden soll.

Robert S. Lynd verwies bereits im Jahr 1939 in seiner Studie „Knowledge for What?“ als einer der ersten darauf, dass die Sozialwissenschaften keine Geheimwissenschaften von Gelehrten darstellen, sondern einen integralen Teil der Gesellschaft bilden, der Menschen hilft, ihre Kultur zu verstehen und zu verändern. Der Charakter einer Kultur und die in ihr enthaltenen Probleme bestimmen u.a. auch publizistikwissenschaftliche Fragestellungen. [1]

Die Meinung in der Öffentlichkeit über den Nutzen der Sozialwissenschaft erscheint jedoch nicht zuletzt aufgrund wachsender gesellschaftlicher Problembereiche wie Massenarbeitslosigkeit und den von vielen als mangelhaft empfundenen sozialwissenschaftlichen Lösungsansätzen verbreitet ambivalent zu sein. Es scheint vielen nicht so recht klar zu sein, wozu man diese Wissenschaft denn eigentlich brauchen kann; selbst Politiker und Universitätsangehörige erwähnten schon des öfteren, dass sich zu viele „nutzlose Soziologen und Publizisten“ auf den Universitäten breit machen.

Woher allerdings wissen diese Personengruppen überhaupt, dass sie mit solchen Aussagen auf Zuspruch und Verständnis in der Bevölkerung stoßen? Woher weiß ein Politiker, was das Volk von ihm, seiner Partei oder seiner Politik hält? Die Antwort ist sehr einfach, auch wenn sie beispielsweise Politikern oder Rechtswissenschaftern womöglich gar nicht bewusst sein mag: Aus Untersuchungen, die v.a. die Methoden der empirischen Sozialforschung anwenden. Die Methoden dieser Untersuchungen können aus Gründen der Komplexität der Gesellschaft zwar nicht so exakt sein wie jene der Naturwissenschaften, aber sie sind inzwischen durchaus soweit gediehen, dass große Geldsummen von staatlicher und wirtschaftlicher Seite in die Anwendung sozialwissenschaftlicher Methoden investiert werden.

Das forschungsleitende Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit geht dem gemäß von der in sich widersprüchlichen, ambivalenten Hypothese aus, dass sich Sozialwissenschaften einerseits wegen mangelnder Anerkennung von verschiedensten Seiten und dem daraus resultierenden Erklärungsbedarf in einer konstanten Krise befinden, die bereits seit deren Bestehen währt; dass aber andererseits die Sozialwissenschaften für die Entwicklung der Gesellschaft und deren grundlegende Selbstdefinition und – Orientierung in stetig wachsendem Ausmaß unverzichtbar werden.

Diese Unverzichtbarkeit resultiert v.a. aus der Annahme heraus, dass nachhaltige Lösungen für die wachsenden Probleme der immer komplexer werdenden globalisierten Risikogesellschaft nur dann gefunden werden können, wenn die verschiedenen Problemfelder lokalisiert, definiert und thematisiert werden, wie es den Sozialwissenschaften in ihrer kurzen und unverzichtbare Akzente setzenden Geschichte bereits mehrfach und eindrucksvoll gelungen ist.

2. Definition und Entwicklung der Sozialwissenschaften

2.1 „Sozialwissenschaften“

Um die gesellschaftliche Funktion von Sozialwissenschaften in ihrer vermuteten Ambivalenz näher bestimmen zu können, erscheint es vorab sinnvoll, eine gesellschaftlich anerkannte Definition dieses weitläufigen Begriffes zu treffen, wobei grundsätzlich in Frage zu stellen wäre, ob angesichts hoher Komplexität überhaupt von „der Gesellschaft“ gesprochen werden kann.

Nahelegend erscheint in diesem Zusammenhang vorab der Blick in eine zumindest von einem (vermuteten) Großteil unserer deutschsprachigen Gesellschaft anerkannte Enzyklopädie wie dem Brockhaus, die den Begriff „ Sozialwissenschaften“ in folgender Weise umschreibt: „ (...) Sammelbezeichnung für diejenigen Wissenschaften und Forschungszweige, in denen die gesellschaftlichen Aspekte menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens sowie die Organisationsgrundlagen, -formen und Rahmenbedingungen menschlicher Vergesellschaftung im Zentrum stehen In engerem Sinn gehören hierzu Soziologie, Politikwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften sowie ergänzend Ethnologie, Anthropologie und Sozialpsychologie. Zum weiteren Bereich gehören auch Rechtswissenschaften, Geschichtswissenschaften, Psychologie und Pädagogik.(...)“[2]. Diese Definition ist nur eine von vielen und vergisst v. a. auf die Kommunikationswissenschaften als junge Disziplin.

Der Sozialwissenschafter Helmut Kromrey sieht die Wissenschaft „vom Sozialen“ vordergründig in Zusammenhang mit der empirischen Forschung: „ Alle Sozialwissenschaften verstehen sich als empirische Disziplinen; sie verfahren bei der Gewinnung ihrer Aussagen im wesentlichen nach der gleichen Forschungslogik und bedienen sich der Instrumente aus dem gleichen Werkzeugkasten...“[3]

Zusammengefasst lässt sich somit sagen, dass eine ausdrückliche Definition von „Sozial“ - Wissenschaft erst seit relativ kurzer Zeit gegeben werden kann, da Wissenschaft bislang v.a. bzw. quasi selbstverständlich Naturwissenschaft war.

2.2 Historische Entwicklung der Sozialwissenschaften

Zu Entwicklung und Methoden der Sozialwissenschaften findet sich wiederum im Brockhaus eine überblicksartige Kurzbeschreibung, die bereits von mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung der Sozialwissenschaften im Gegensatz zu den Natur- und Geisteswissenschaften zeugt:

„(...) Vor dem Hintergrund der Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft und der Differenzierung zwischen staatlich- politischer, wirtschaftlicher, historischer und im engeren Sinn soziologischer Fragestellungen entwickelten sich die Sozialwissenschaften zunächst im 19. Jahrhundert, wobei ältere Einflüsse, Philosophie und Menschenbild der Aufklärung, aber auch die schottische Moralphilosophie (A. de Tocqueville, L. von Stein, Hegel und Marx) eine wichtige Rolle spielten. In dem Maße, in dem die Naturwissenschaften in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Vorbildcharakter gewannen, entwickelten sich auch für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften Versuche, entweder durch die klare Bestimmung eines eigenen Forschungsgegenstandes und einer eigenen Methode oder durch Übernahme naturwissenschaftlich ausgerichteter Maßstäbe wissenschaftstheoretisch, gesellschaftlich und politisch Anerkennung zu erlangen. Auch wenn in der Folge Selbstverständnis und Eigenwert der Sozialwissenschaften in einer Reihe von Kontroversen (Methodenstreit, Werturteilsstreit, Positivismusstreit) zur Diskussion standen, hat sich bis heute weder eine genaue Grenze gegenüber den Naturwissenschaften ziehen noch eine am Maßstab der natur- wissenschaftlichen Methoden ausgerichtete eigenständige Form der Sozialwissenschaften entwickeln lassen, vielmehr stehen die Sozialwissenschaften als „dritte Kultur“ (W. Lepenies) zwischen Natur- und Geisteswissenschaften und tragen dadurch eher dem Bewusstsein einer wechselnden Zuständigkeit von Theorien für das Sozialwesen Mensch Rechnung.“[4]

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt aber u.a. auch, dass mit dem Schwinden der Bedeutung verbindlicher Zielvorgaben, wie sie bis dahin Religion und Tradition bereitstellten, auch zentrale Orientierungs- und Legitimationsgrundlagen für menschliches Handeln verloren gingen. Die entstehende Lücke sollte nach der Vorstellung des frz. Philosophen Auguste Comte (dieser prägte auch den Begriff „Soziologie“) die Wissenschaft übernehmen. Comte postulierte für die Entwicklung jeder historischen Gesellschaft wie auch für die gesamte Menschheitsgeschichte ein sog. Dreistadiengesetz.

Die individuellen Erkenntnisfähigkeiten, die Wissenschaften und die Zivilisation durchlaufen notwendigerweise und unumkehrbar drei Entwicklungsstadien zu zunehmender Aussonderung und Konkretisierung: theologisch- fiktives Stadium; mittlere Epoche und positiv- reales Stadium.[5]

[...]


[1] vgl.: Kunczik/Zipfel 2001, S. 61

[2] Brockhaus Band 20. 1998, S. 493

[3] Kromrey 1998, S.9

[4] Brockhaus Band 20. 1998, S. 493

[5] vgl.: Kromrey 1998, S. 9f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die gesellschaftliche Funktion von Sozialwissenschaften
Hochschule
Universität Wien  (Publizistik u. Kommunikationswissenschaft)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V40777
ISBN (eBook)
9783638392099
ISBN (Buch)
9783638762786
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Terminus 'Sozialwissenschaften' beinhaltet ein komplexes Themenfeld verschiedenster Disziplinen.Die Meinung in der Öffentlichkeit über den Nutzen der Sozialwissenschaft erscheint jedoch nicht zuletzt aufgrund wachsender gesellschaftlicher Problembereiche wie Massenarbeitslosigkeit und den von vielen als mangelhaft empfundenen sozialwissenschaftlichen Lösungsansätzen verbreitet ambivalent zu sein.
Schlagworte
Funktion, Sozialwissenschaften
Arbeit zitieren
Mag.phil. Christoph Ramberger (Autor), 2003, Die gesellschaftliche Funktion von Sozialwissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40777

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