Nicht nur in linguistischer Hinsicht, sondern auch, wenn es um den Spracherwerb oder das Unterrichten der spanischen Sprache geht, stellen die aspektuellen Verbalperiphrasen selbst einen fortgeschrittenen Spanisch-Lernenden in regelmäßigen Abständen vor Probleme. Dabei besteht die Hauptschwierigkeit vor allem darin, eine geeignete Übersetzung für ein Phänomen zu finden, das es im Deutschen in dieser Form nicht gibt: die Aspektfunktion.
Um den Aspekt im Deutschen auch nur halbwegs adäquat zu imitieren, muss auf Adverbien wie „gerade“ oder „im Moment“ zurückgegriffen werden. Die englische ist die einzige Sprache mit germanischen Wurzeln, die den Aspekt mit grammatischen Mitteln ausdrücken kann, nämlich mit Hilfe seiner „Progressive Form“. Im Spanischen wird der Aspekt − wie in den meisten romanischen Sprachen – mittels Verbalperiphrasen dargestellt. Die Erkenntnis jedoch, dass es sich bei der aspektuellen Verbalperiphrase um eine gemeinromanische Tendenz handeln könnte, ist in der Sprachwissenschaft relativ neu; lange Zeit wurden Verbalperiphrasen mit aspektuellem Charakter jeweils nur vom Gesichtspunkt einer einzigen romanischen Sprache betrachtet und ihre funktionelle wie materielle Entsprechung in der Romania nicht berücksichtigt.
Gegenstand und Ziel dieser Arbeit wird es sein, zu zeigen, wie die spanische Verbalperiphrase trotz dieser unterschiedlichen Norm-Realisierungen über eine sehr differenzierte Funktion zur Darstellung des Aspekts verfügt. Ausgewählte Beispiele aus dem Katalanischen, Italienischen und Französischen sollen belegen, inwieweit diese Funktion auch in anderen romanischen Sprachen zu finden ist. Der Schlussteil dieser Arbeit wird sich mit der Entstehung der aspektuellen Verbalperiphrase beschäftigen und die Theorie der lateinischen und griechischen Herkunft der aspektuellen Funktion darlegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Aspekt im Spanischen
3. Die vier Aspektfunktionen der Verbalperiphrasen
3.1. Die Wiederholung
3.2. Das Resultat
3.3. Die Schau
3.3.1. Die partialisierende Winkelschau
3.3.2. Die partialisierende komitative Schau
3.3.3. Die partialisierende prospektive Schau
3.3.4. Die partialisierende retrospektive Schau
3.3.5. Die partialisierende kontinuative Schau
3.3.6. Die partialisierende extensive Schau
3.3.7. Die globalisierende (globale) Schau
3.4. Die Phase
3.4.1. Die imminentielle Phase
3.4.2. Die inzeptive / ingressive Phase
3.4.3. Die progressive Phase
3.4.4. Die kontinuative Phase
3.4.5. Die egressive Phase
4. Die Entstehung der aspektuellen Verbalperiphrasen
4.1. Die These der lateinischen Herkunft
4.2 Die These der griechischen Herkunft
5. Schlussbemerkung
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die spanischen aspektuellen Verbalperiphrasen und analysiert, wie diese trotz unterschiedlicher Norm-Realisierungen eine hochdifferenzierte Funktion zur Darstellung des Aspekts erfüllen. Zentral ist dabei die Identifizierung der Aspektfunktion als verbindendes Element innerhalb der romanischen Sprachen.
- Theoretische Kategorisierung der Aspektfunktionen (Wiederholung, Resultat, Schau, Phase)
- Semantische und stilistische Analyse ausgewählter Verbalperiphrasen
- Vergleichende Betrachtung mit dem Katalanischen, Italienischen und Französischen
- Untersuchung der Entstehung aspektueller Strukturen (lateinische vs. griechische Herkunftshypothesen)
- Abgrenzung von Aspekt und Aktionsart im spanischen Verbalsystem
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Die partialisierende Winkelschau
Die Form „estar + Gerundium“ ermöglicht es, den aspektuellen Verlauf eines Vorgangs so darzustellen, dass der Moment des Sprechens mit der dargestellten Handlung zusammenfällt. Aus diesem Grund kann die romanische Funktion der Schau am ehesten mit dem „Progressive Aspect“ im Englischen verglichen werden – auch dort findet sich eine Form von „sein“, die allerdings nicht mit einem Gerundium, sondern einer „-ing“ – Form kombiniert wird.
Je nach Kontext können die Betrachtungspunkte A und B auch mit dem Anfang und Ende der Handlung zusammenfallen: (27) Estuve cantando toda la mañana. (28) Vaig estar cantant tot el día. Von den hier untersuchten romanischen Sprachen ist es allerdings nur im Spanischen und Katalanischen möglich, die Form „estar“ + Gerundium auch ins Präteritum oder Futur zu setzen.
Im Spanischen ist es überdies möglich, mit Hilfe des „Indefinido“ oder „Imperfecto“ einen Vorgang auszudrücken, der in der Vergangenheit (d.h. vor dem Moment des Sprechens) begonnen hat und dessen Dauer sich auch über den Moment des Sprechens hinaus erstrecken kann. Demnach müsste es möglich sein, diese Verbalperiphrase durch ein einfaches Vergangenheits-Tempus, wie das „Indefinido“, zu ersetzen: (29) Canté toda la mañana.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik aspektueller Verbalperiphrasen für Spanisch-Lernende ein und definiert das Ziel der Arbeit, die aspektuelle Funktion als gemeinromanische Tendenz zu beleuchten.
2. Der Aspekt im Spanischen: Hier werden Definitionen von Verbalperiphrasen diskutiert und die notwendige Grammatikalisierung sowie der Unterschied zwischen semantischer und grammatischer Einheit erörtert.
3. Die vier Aspektfunktionen der Verbalperiphrasen: In diesem Kapitel erfolgt eine systematische Einteilung der Verbalperiphrasen in die Kategorien Wiederholung, Resultat, Schau und Phase.
3.1. Die Wiederholung: Analyse der Konstruktionen zur Ausdrucksweise von wiederholten Handlungen, wobei besonders auf die stilistische Nuancierung gegenüber Adverbien eingegangen wird.
3.2. Das Resultat: Untersuchung von Formen wie „estar + Partizip“ zur Beschreibung vollendeter Zustände, oft als „resultatives Passiv“ bezeichnet.
3.3. Die Schau: Dieses zentrale Kapitel analysiert den Blickwinkel auf Handlungsverläufe, von globalen bis hin zu partialisierenden Ansichten.
3.3.1. Die partialisierende Winkelschau: Detaillierte Betrachtung von „estar + Gerundium“ als Entsprechung zum englischen „Progressive Aspect“.
3.3.2. Die partialisierende komitative Schau: Fokus auf „andar + Gerundium“ als Ausdruck einer iterativen, wenig zielgerichteten Handlungsweise.
3.3.3. Die partialisierende prospektive Schau: Untersuchung von „ir + Gerundium“, welches einen graduellen Handlungsfortschritt darstellt.
3.3.4. Die partialisierende retrospektive Schau: Analyse von „venir + Gerundium“ zur Beschreibung einer Handlung, die in der Vergangenheit begann und bis zur Gegenwart andauert.
3.3.5. Die partialisierende kontinuative Schau: Betrachtung der steten Fortdauer durch „seguir/continuar + Gerundium“.
3.3.6. Die partialisierende extensive Schau: Analyse der durch „quedar + Gerundium“ ausgedrückten lokal begrenzten Dauer von Handlungen.
3.3.7. Die globalisierende (globale) Schau: Diskussion der summarischen Betrachtungsweise von Handlungen, die eher emphatischen und idiomatischen Zwecken dient.
3.4. Die Phase: Systematisierung der verschiedenen Phasen einer Handlung vom Beginn bis zum Abschluss.
3.4.1. Die imminentielle Phase: Fokus auf Konstruktionen, die eine Handlung unmittelbar vor ihrem Beginn signalisieren.
3.4.2. Die inzeptive / ingressive Phase: Analyse der „Verba adiecta“ bei der Darstellung des Handlungsbeginns.
3.4.3. Die progressive Phase: Untersuchung von Formen, die den Verlauf einer begonnenen Handlung spezifizieren.
3.4.4. Die kontinuative Phase: Betrachtung der zeitlichen Fortdauer von Handlungen in Verbindung mit anderen Aspekten.
3.4.5. Die egressive Phase: Analyse von „acabar de“ zur Kennzeichnung des unmittelbaren Endes einer Handlung.
4. Die Entstehung der aspektuellen Verbalperiphrasen: Dieses Kapitel prüft die historischen Wurzeln der Konstruktionen.
4.1. Die These der lateinischen Herkunft: Kritische Auseinandersetzung mit der Annahme, dass die romanischen Aspektfunktionen direkt aus dem Lateinischen stammen.
4.2 Die These der griechischen Herkunft: Vorstellung der Theorie, dass griechische Vorbilder maßgeblich die Aspektkategorie der „Schau“ im Vulgärlatein beeinflusst haben.
5. Schlussbemerkung: Zusammenfassende Reflektion der Ergebnisse zur Rolle der Aspektfunktion und der theoretischen Einbettung durch Coseriu und Dietrich.
6. Bibliographie: Auflistung der verwendeten linguistischen Fachliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Aspektfunktion, Verbalperiphrasen, Spanisch, romanische Sprachen, Grammatikalisierung, Aktionsart, Winkelschau, progressive Form, Gerundium, Infinitiv, Sprachvergleich, Linguistik, Syntax, Semantik, Diastratik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das komplexe System der aspektuellen Verbalperiphrasen im Spanischen und ordnet diese in den breiteren Kontext der romanischen Sprachfamilie ein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Kategorisierung aspektueller Funktionen (Wiederholung, Resultat, Schau, Phase), die semantische Analyse der Hilfsverben sowie der historische Ursprung dieser Konstruktionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, nachzuweisen, dass die Aspektfunktion das verbindende Element der romanischen Verbalperiphrasen darstellt und wie verschiedene Sprachen diese universellen Konzepte unterschiedlich realisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende sprachwissenschaftliche Analyse, die theoretische Ansätze von Linguisten wie Coseriu und Dietrich nutzt, um die Periphrasen systematisch zu klassifizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Aufschlüsselung der aspektuellen Funktionen, eine Untersuchung der Rolle des Hilfsverbs bei der Grammatikalisierung und eine historische Herleitung der Konstruktionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Aspektfunktion, Verbalperiphrasen, Grammatikalisierung, Aktionsart, Schau, Phase, Sprachvergleich, spanische Syntax.
Welche Bedeutung kommt dem Verb „andar“ in der Arbeit zu?
Das Verb „andar“ wird als zentrales Element für die „komitative Schau“ analysiert, welches im Vergleich zu „estar“ eine deutlich iterativere und weniger zielgerichtete Handlung beschreibt.
Wie unterscheidet sich die „egressive Phase“ von anderen Kategorien?
Die egressive Phase, dargestellt durch „acabar de“, ist spezifisch auf die Kennzeichnung des unmittelbaren Endes einer Handlung fokussiert, was sie von anderen Aspekten der Dauer oder Wiederholung abgrenzt.
Warum ist die Theorie der griechischen Herkunft relevant?
Sie liefert eine Erklärung für die auffälligen strukturellen Parallelitäten zwischen griechischen und romanischen Periphrasen, die durch eine rein lateinische Herleitung schwerer zu begründen wären.
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- Achim Binder (Author), 2003, Aspektuelle Verbalperiphrasen im Spanischen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40787