Wertewandel in den 90er Jahren in der BRD: Akzeptanz


Hausarbeit, 2002

24 Seiten


Leseprobe

GLIEDERUNG

1 Einordnung des Themas
1.1 Definitionen
1.2 Wandel oder Verlust von Akzeptanz?

2 Vorherige Entwicklungen
2.1 In der BRD
2.2 In der DDR

3 Die Entwicklung von Akzeptanz in den 90er Jahren
3.1 Religion
3.2 Familie und Partnerschaft
3.3 Moralische Gebote

4 Zusammenfassung und Ausblick

5 Literatur

6 Erklärung

1 EINORDNUNG DES THEMAS

1.1 DEFINITIONEN

Zunächst möchte ich die Begriffe „Wert“ und „Wertewandel“ klären, dann auf den hier besonders behandelten Wert „Akzeptanz“ eingehen.

Wie Bubeck (2000, S. 27) zutreffend feststellt, gibt es keine verbindliche Wertedefi­nition, aber es lassen sich Normen und Einstellungen abgrenzen: Werte sind nicht verpflichtend - im Gegensatz zu Normen – und beziehen sich nicht nur auf spezielle Bereiche - im Gegensatz zu Einstellungen.

Meulemann (1998, S. 14) definiert Werte als Orientierungspunkte des Handelns, die auch Meinungen und Bewertungen bestimmen. Theoretisch werden sie relativ früh verinnerlicht und sind stabil. Sie sind meist nur durch Meinungen erhebbar, die dann als Indikatoren für einen bestimmten Wert interpretiert werden müssen. D.h. dass das Instrumentarium der Einstellungsforschung verwendet werden kann und Wertmessung also als „mehrdimensionale Einstellungsmessung“ durchgeführt wird (Schorpp, 1989, S. 11, 13).

Schuppe (1988, S. 16f) weist zudem darauf hin, dass das hypothetische Konstrukt „Wert“ nützlich zur Erklärung von Handlungsmotiven sein kann. Dabei sei ein Wert umso dominanter, je eher er auch durch gesellschaftliche Normen repräsentiert und sowohl von Eliten als auch von der gesellschaftlichen Mehrheit getragen wird.

Wenn innerhalb eines Wertsystems verschiedene Werte konkurrieren oder Inkon­sistenzen auftreten, entsteht ein Wertwandlungsprozess (Schorpp, 1989, S. 11).

Darunter ist kein völliger Austausch zu verstehen, sondern nur eine Verschiebung der Bedeutungen und Hierarchien (Herbert & Hippler, 1991, S. IXff). Doch wenn teil­weise widersprüchliche Wertmaßstäbe nebeneinander existieren, können bestimmte Werte nicht mehr nur aufgrund von Tradition gelten, sondern müssen begründet wer­den: Somit setzt ein Prozess der Pluralisierung, Individualisierung und Entnormativie­rung ein (S. XI).

Der Wert Akzeptanz ist in diesem Zusammenhang relevant, weil er gerade die „Hinnahme von Traditionen“ bezeichnet (Meulemann, 1989, S. 58). Er stellt also ei­nerseits einen Wert an sich dar: Die Anerkennung althergebrachter Maßstäbe und Richtlinien, weil sie schon früher so waren. Andererseits impliziert Akzeptanz im jeweiligen historischen Kontext bestimmte weitere Werte, die dann auch als Indikato­ren für ihre Entwicklung benutzt werden können. Hier soll Akzeptanz durch die Be­reiche „Religion“, „Familie und Partnerschaft“ und „Moralische Gebote“ operationa­lisiert werden, da ja wie gesagt ein Wert nicht an sich messbar ist, sondern Akzeptanz hier als die Gesamtheit verschiedener traditioneller Einstellungen erscheint. In den beiden ersten Bereichen müssten sich traditionelle Einstellungen im tatsächlichen (be­richteten) Handeln niederschlagen, im dritten müssten dagegen die Werte „pur“ er­fasst werden. Sicher wären auch noch andere Akzeptanzindikatoren denkbar, wie z.B. traditionelle Werte im kulturellen Bereich, im Beruf oder in der Lebensplanung.

„Religion“ erscheint mir aber besonders geeignet, da sie traditionell fast jeden Le­bensbereich mitbestimmt – ein Wandel könnte sich also sehr drastisch auswirken und andere Lebensbereiche mit beeinflussen. Zudem ist Religion selbstbegründend und somit ein gutes Beispiel für das Hinnehmen von Werten ohne externe Begründung. „Familie und Partnerschaft“ dagegen erscheint mir relevant, weil sich schon im Alltag sehr verschiedene neue Formen beobachten lassen und weil dies ein Bereich ist, den fast jeder Mensch in der einen oder anderen Form erlebt oder erlebt hat. Die Entwicklung bei „moralischen Geboten“ könnte einen Wertewandel in den beiden anderen Bereichen validieren; zudem sind einige „moralische Gebote“ wiederum re­ligiös bzw. traditionell begründet.

Auf Einschränkungen bei der Aussagekraft der Indikatoren werde ich dann in den entsprechenden Abschnitten eingehen.

Die Zeitspanne der 90er Jahre erscheint einerseits interessant, da sich durch die Wie­dervereinigung neue Entwicklungen ergeben haben könnten. Andererseits ist dies der aktuellste Zeitraum, über den im Jahr 2002 Untersuchungen vorliegen können.

1.2 WANDEL ODER VERLUST VON AKZEPTANZ?

Die Diskussion um den Wertewandel bestand laut Duncker (2000) längere Zeit nur aus Klagen über den „kulturellen Verfall“ (S. 1), dies auch durch die einseitige wie oberflächliche Thematisierung in den Medien, wie eine Inhaltsanalyse zeigte: 74% aller Aussagen über den Wertewandel diagnostizierten ihn, während nur 15,4% ihn in Frage stellten und sich 10,3% distanzierten (S. 92).

Einerseits wird damit ein Wandel „festgestellt“, der so nicht stattfindet - seit Ende der 80er wurden gerade angeblich verfallende Werte wieder öfter als „besonders wichtig“ bezeichnet (S. 93), wie z.B. „Recht und Ordnung“ (Zunahme um 4%) oder „Sicherheit und Geborgenheit“ (Zunahme um 10,3%).

Andererseits wird der vor sich gehende Wandel als „Verfall oder Verlust“ dargestellt und eindeutig negativ bewertet. Dabei lassen sich bei V eränderungen im Wertebe­reich laut Klages (zit. nach Duncker, 2000, S. 10f) mehrere Diagnosen stellen: Neh­men sowohl Pflicht- als auch Selbstentfaltungswerte zu, entsteht eine Wertsynthese; bei Zunahme der Pflichtwerte und Abnahme der Selbstentfaltungswerte kommt es zu Wertkonservatismus; bei Abnahme der Pflichtwerte und Zunahme der Selbstentfaltungs­werte entsteht ein Werteumsturz; und nur bei Abnahme beider Bereiche kann man wirklich von Werte verlust sprechen.

Diesen Möglichkeiten entsprechen verschiedene theoretische Einordnungen des Ge­schehens (zit. nach Schorpp, 1989, S. 17ff):

- Nach Inglehart (1977) verschwinden materialistische (z.B. Ernäh­rung, Sicherheit) zugunsten postmaterialistischer Werte (Selbstverwirkli­chung, soziale Wertschätzung, Bindungen), was durchaus positiv zu sehen ist. Da grundlegende Bedürfnisse seit der Nachkriegszeit meist befriedigt sind, gelten nun ideelle Werte mehr (Mangelhypothese). Diese Reihenfolge orien­tiert sich an der Bedürfnispy­ramide von Maslow. Der Wertewandel erfolgt dabei intergenerationell, da die Werte in der Jugend erlernt werden und dann stabil bleiben (Sozialisationshypo­these).

Fraglich ist dabei, ob nicht auch im Erwachsenenalter noch Änderungen im Wer­tesystem auftreten können und ob Materialismus–Postmaterialismus eine eindi­mensionale Skala darstellt; es könnten auch partielle Wandel oder Mischtypen auftreten.

- Laut Klages (1985) entsteht dagegen ein Wertepluralismus. Nach einem Ab­bau von Pflicht- und Akzeptanzwerten (vergleichbar mit Materialismus nach Inglehart) in den 60er Jahren nehmen die Selbstentfaltungswerte zu, dann folgt eine Stagnation bei verhältnismäßig großen Schwankungen. Die meisten Menschen sind Mischtypen, wobei zwar ein Generationenunterschied vorhan­den ist, dieser entsteht aber nur durch verschiedene Ausprägungsgrade eines im Prinzip gleich ausgerichteten Wandels.

- Noelle-Neumann (1978) und Kmieciak (1976) sehen dagegen einen Verfall von „bürgerlichen Werten“ (z.B. Leistung, Sparsamkeit, Konservatismus). Dabei geht die Veränderung nur bei Jugendlichen und in der Mittelschicht vor sich.

- Hillmann (1986, zit. nach Duncker, 2000, S. 9) betont wiederum die Werterelativität. Da traditionelle Maßstäbe nicht mehr selbstverständlich sind, muss sich jeder subjektiv für eine bestimmte Wertkultur entscheiden.

Welche dieser Annahmen für die 90er Jahre zutreffen und ob sie für den Wert Ak­zeptanz gelten, wird sich im Folgenden zeigen. Da jedoch eine vorschnelle Wertung des Geschehens unterbleiben sollte (nach welchen Maßstäben?) und widersprüchliche Theorien dazu existieren, sollte neutral von „Wandel“ gesprochen werden.

2 VORHERIGE ENTWICKLUNGEN

2.1 IN DER BRD

Allgemein stellt die internationale Wertwandelsforschung Wandlungsprozesse in der Nachkriegszeit fest, die bis heute anhalten (Oesterdiekhoff & Jegelka, 2001, S. 7ff). Während vor der Mitte der 60er Jahre Pflicht, Leistung und ein sicheres Einkommen generell anerkannte Werte waren, Ehe und Treue genauso wie politische Autoritätsgläubigkeit und eindeutige Religionsausübung als Selbstverständlichkeit galten und dabei keinerlei Abweichungen toleriert wurden, änderten sich die Maßstäbe mit dem Vietnamkrieg und dem Aufkommen neuer sozialer Bewegungen. Es folgten Kritik an Institutionen, eine zunehmende Demokratisierung, insgesamt eine Wendung von der „Akzeptanz- und Pflichtkultur zur allgemeinen Selbstverwirklichung“ (S.7). Wichtig waren dabei auch die durch den Massenwohlstand veränderten Möglichkeiten, z.B. wurden Scheidun­gen besser finanzierbar.

Diese Veränderungen verdeutlicht Meulemann (1996, S. 121ff) an folgenden Indika­toren:

- Das Erziehungsziel „Gehorsam und Unterordnung“ hielten vor 1965 noch 25% der Befragten für wichtig, 1987 waren es nur noch 10%. „Selbständigkeit und freier Wille“ dagegen nahm von etwa 30% (vor 1965) auf 45-55% (1987) zu. Dies erfragte die EMNID in mehreren Studien, wobei die relative Wich­tigkeit gemes­sen wurde, da zwischen vorgegebenen Werten gewählt werden musste.
- Das Allensbacher Institut für Demoskopie ließ stattdessen die Wichtigkeit aller vorgegebenen Werte einzeln beurteilen, wobei allerdings z.B. Selbst­ständigkeit gar nicht erfragt wurde. Auch hier zeigt sich die Veränderung fol­gendermaßen: 1967 lagen vier konventionelle Werte an der Spitze (Höflichkeit, seine Arbeit ordentlich tun, Sparsamkeit und Anpassung), während Toleranz, Menschenkenntnis und Wissensdurst für deutlich weniger wichtig gehalten wurden. 1983 eroberte Toleranz aber schon den dritten Platz (nach Höflichkeit und Arbeit); dies war auch 1991 noch der Fall, doch im Mittelfeld ergaben sich weitere Änderungen zugunsten der Autonomiewerte.
- In den Geschlechterbeziehungen zeigten sich die Verschiebungen noch klarer (S. 124): „Gleiche Rechte“ befürworteten 1954 gerade einmal 48%, 1973 schon 74% der Bevölkerung. Die Institution Ehe erlitt zwischen den Jahren 1966 und 1969 einen anhaltenden Legitimitätsverlust, wie sich an Fragen zur Bedeutung und Notwendigkeit der Ehe, der Möglichkeit von Scheidungen usw. ablesen lässt (S. 128). Dies bedeutet nicht zwangsläufig auch eine praktische Abwertung, doch die Legitimität ist als Indikator für Akzeptanz aus­schlaggebend.
- Durch die Zunahme der Bedeutung von Selbst- und Mitbestimmung musste die Akzeptanz von Institutionen abnehmen (S. 125f), wie sich besonders an der Religiosität zeigt: Von den 50er zu den 80er Jahren nahmen Kirchenbesuch, Teilnahme an rituellen Handlungen und am Gemeindeleben stark ab, der Anteil Konfessionsloser verdoppelte sich.

Zwar heißt dies nicht, dass „Religiosität“ allgemein abnimmt, denn es sind auch nichtkirchliche christliche sowie ganz andere Formen von Glauben denkbar und vor­handen. Doch dies stellt dann keine Hinnahme von Traditionen und konventionellen religiösen Praktiken dar, ist also kein Zeichen von Akzeptanz – im Gegenteil.

2.2 IN DER DDR

Auch in Ostdeutschland gab es Veränderungen in der Wertstruktur, doch diese unter­scheiden sich in vieler Hinsicht von denen im Westen. Da dies von staatlicher Seite geplant und gefördert wurde, kann man nicht von Wertewandel i.S. eines gesell­schaftlichen Wandlungsprozesses sprechen, sondern es handelt sich eher um Rück­gang von Akzeptanz z.B durch. die Verdrängung der Institution Kirche und das An­gebot einer gegenläufigen atheistischen Weltanschauung (Meulemann, 1996, S. 223ff).

Obwohl offiziell die engagierte, selbstverantwortliche „Sozialistische Persönlichkeit“ propagiert wurde, waren tatsächlich Konformitätswerte wie Fleiß und Disziplin ge­fragt (S. 223). Die „Mitsprache von Kindern in der Familie“ stieg dennoch wie in der BRD andauernd an, allerdings im Osten nur halb so stark; auch die Gleichberechti­gung nahm zu und wurde staatlich gefördert. Diese Angaben beruhen aber leider auf sehr wenigen Unterlagen aus der DDR-Zeit sowie auf retrospektiven Befragungen, die natürlich nicht sehr verlässlich sind.

Besser gesichert ist die Entwicklung im religiösen Bereich (S. 229ff), obwohl auch dort die DDR-Statistiken Tabus enthalten wie z.B. bei der Kirchenmitgliedschaft. Doch auch die wenigen Daten zeigen einen dramatischen Rückgang: Während 1946 81,6% der Bevölkerung evangelische Christen waren, sank ihre Zahl bis 1989 auf unter 30%. Genauso verloren religiöse Praktiken ihre Verbreitung, die Konfirmation erhielt als wirkungsvolle Konkurrenz die Jugendweihe. Zwar nahmen nach 1975 die Taufen kurzzeitig leicht zu, Meulemann interpretiert dies aber eher als Zeichen politi­schen Protests. Von 65% der Lehrlinge bis zu 80% der Studenten reichte die weite Verbreitung des Atheismus; fraglich ist dabei aber der Anteil sozial erwünschter und damit verfälschter Antworten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Wertewandel in den 90er Jahren in der BRD: Akzeptanz
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Soziologie)
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V40812
ISBN (eBook)
9783638392396
ISBN (Buch)
9783638677004
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"eine gute Arbeit"
Schlagworte
Wertewandel, Jahren, Akzeptanz
Arbeit zitieren
Sabine Pfisterer (Autor), 2002, Wertewandel in den 90er Jahren in der BRD: Akzeptanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40812

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