Effekte der Wiedervereinigung auf Antisemitismus in der BRD


Hausarbeit, 2002

25 Seiten


Leseprobe

GLIEDERUNG

1 Einleitung
1.1 Einordnung und Definition des Themas
1.2 Methodische Probleme

2 Die Situation vor der Wiedervereinigung
2.1 Antisemitismus in der BRD der 80er Jahre
2.2 Antisemitismus in der DDR

3 Effekte der Wiedervereinigung
3.1 Kontinuität
3.2 Veränderungen
3.3 Mögliche Ursachen der Effekte

4 Zusammenfassung und Ausblick

5 Literatur

6 Erklärung

1 EINLEITUNG

1.1 EINORDNUNG UND DEFINITION DES THEMAS

Themen, die in irgendeiner Weise mit dem Dritten Reich und Nazi-Verbrechen zu­sammenhängen, rufen meist starke Gefühle hervor: Eine Umfrage unter deutschen Studenten zeigte, dass die große Mehrheit als emotionale Reaktion auf den Holocaust Schock, Furcht und Wut empfand, eine beträchtliche Minderheit auch Scham, Läh­mung und Schuld (Brusten, 1997, S. 92). Doch auch erhebliche Abwehr oder Desin­teresse sind möglich, die wiederum starke Reaktionen bei anderen hervorrufen kön­nen.

„Antisemitismus“ ist natürlich ein solches Thema. Antisemitismus kann heute nicht anders als im Kontext der NS-Zeit betrachtet werden und ist somit kein Thema wie jedes andere.

Köcher (1986, S. 2) meint dazu: „Wer in Deutschland antijüdische Ressentiments untersucht, bewegt sich auf einem äußerst sensiblen Gebiet und erntet zwangsläufig Misstrauen und Kritik.“ Da allein durch die Dimension der Holocaust-Verbrechen Unbefangenheit nicht möglich sei, müsse schon die wissenschaftlich notwendige Sachlichkeit einer soziologischen Untersuchung als Zumutung erscheinen. Sie nennt als Beispiel die Frageformulierung: Wenn antisemitische Einstellungen erfasst wer­den sollen, müssen sie als akzeptabel dargestellt werden und dürfen nicht als sozial unerwünscht erscheinen. Damit werden aber gleichzeitig antisemitische Äußerungen enttabuisiert; Antisemiten könnten sich in ihrer Haltung bestärkt fühlen, wenn sie in wissenschaftlichen Untersuchungen scheinbar akzeptiert wird.

Damit sind mehrere Grundprobleme angesprochen: Einerseits stehen Studien und Er­gebnisse nicht im luftleeren Raum, sondern können ihrerseits wieder Einfluss auf die Geschehnisse haben. Viele Studien sollen gerade eine Korrektur der Vorurteile er­möglichen bzw. deren Ausmaß feststellen und helfen somit, die Wirksamkeit von Maßnahmen und Lernprozessen zu beurteilen. Wenn z.B. Antisemitismus als Folge mangelnder Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit gesehen wird, wäre die sinnvolle Konsequenz verstärkte Aufklärung, Wissensvermittlung und Erziehung. Andererseits fällt beim Antisemitismus das methodische Problem „besonders ins Gewicht, weil es sich dabei um ein politisch und moralisch hoch besetztes Thema handelt.“ (Bergmann & Erb, 1991, S. 103). Da die Ergebnisse von den verschiedensten Gruppierungen in Anspruch genommen werden, um eine bestimmte Politik zu rechtfertigen oder be­stimmte Strategien zu empfehlen, führt eine unangemessene oder vereinfachte Ana­lyse zu falschen Hilfsmitteln oder ineffektiven vorbeugenden Maßnahmen (Kurthen, Bergmann & Erb, 1997, S. 15).

Die deutsche Einheit hat Befürchtungen über neue Großmachtansprüche der BRD hervorgerufen, und nachfolgende fremdenfeindliche und antisemitische Gewaltwellen führten zu verstärkter Besorgnis. Deshalb stellt sich die Frage: Welche Auswirkungen hatte und hat die Wiedervereinigung auf Antisemitismus? Was könnten die Ursachen für eventuelle Effekte sein?

Damit komme ich zu der zunächst überflüssig erscheinenden Frage: Was ist Antise­mitismus? (Wörtlich übersetzen müsste man „Gegen die Semiten“, also Söhne des biblischen Sem, womit aber Juden allgemein gemeint sind, Brockhaus-Enzyklopädie, 1993, S. 118). Wie soll Antisemitismus operationalisiert und gemessen werden? Denn die Resultate variieren stark je nach Methode, theoretischem Rahmen und Ver­gleichsstandards (Kurthen, Bergmann & Erb, 1997, S. 15) sowie auch nach der jewei­ligen Antisemitismusdefinition (Bergmann & Erb, 1998, S. 103). Da wie gesagt die Ergebnisse für diverse Ziele vereinnahmt werden, ist eine Offenlegung der jeweiligen Kriterien um so wichtiger und ermöglicht eine gewisse Vergleichbarkeit. Theoretisch wird Antisemitismus meist als Sonderform von Rassismus und Ethnozentrismus be­trachtet.

Obwohl als mögliche Forschungsgebiete neben Umfragen die Parteien- und Wahlfor­schung, Biografieforschung, teilnehmende Beobachtung, Medien- und Psychoana­lyse, sozialpsychologische Tests und Experimente, die intellektuelle Elite, das Ver­halten der Regierung, Erziehungsinhalte und rechtsaußen angesiedelte Organisationen genannt werden, überwiegt bei weitem die Umfrageforschung. Bergmann und Erb (1998, S. 103ff) plädieren hierbei für eine enge, empirienahe Definition: Neben der Erfassung von Stereotypen sollte auch soziale Ablehnung und soziale Distanz (z.B. die Bereitschaft, Juden als Kollegen, Nachbarn oder Schwiegerkinder zu akzeptieren) sowie die Bereitschaft zu aktiver und passiver Diskriminierung gemessen werden, da sonst nur Meinungen erfasst würden, die nicht auch emotional verankert sein müssen. Selbstverständlich kann auch die bloße Einstellung als „Antisemitismus“ definiert werden. Dies sollte dann aber unterschieden werden von (gefährlicheren) Meinungen, die auch in Taten umgesetzt werden, da zwischen Einstellung und Verhalten nur eine begrenzte Verbindung besteht: Auch die Situation spielt für die Entstehung von Ver­halten eine entscheidende Rolle. Dies zeigt die Tatsache, dass zwar unter Älteren bei­derlei Geschlechts Antisemitismus relativ weit verbreitet ist, dass aber die Gewalttä­ter praktisch nur junge Männer sind (Bergmann, 1997, S. 32f).

Auch hier werde ich vorwiegend auf Umfragen zurückgreifen, da andere Studien kaum vorhanden sind, werde aber auch Statistiken über Gewalttaten miteinbeziehen, um diese Form zu berücksichtigen und gegebenenfalls den Einstellungen gegenüber­zustellen.

1.2 METHODISCHE PROBLEME

Bei Meinungsumfragen ergeben sich generell bestimmte Probleme: Z.B. besteht die Frage, was überhaupt gemessen wird und wie genau damit die Realität beschrieben wird. Für Kurthen (1997, S. 45) reflektieren die Ergebnisse Identitätsbildung, politi­sche Kultur und Verhaltensdispositionen. Allerdings könnte man darin auch nur mo­mentane Äußerungen sehen, solange deren Dauerhaftigkeit nicht erwiesen ist.

Bergmann und Erb (1998, S. 106ff) betrachten Umfragen als nützlich, da sie immer­hin mit bis dahin nicht erreichter Genauigkeit messen und erlauben, Zusammenhänge mit demographischen Variablen und anderen Einstellungsmustern festzustellen sowie auch in mehreren Messungen Einstellungswandel aufzuzeigen. Da aber feinere Nuan­cen bei vorgegebenen Antwortmöglichkeiten nicht erfasst werden, sollten Pretests und offenere Interviews vorgeschaltet werden.

Speziell wird noch Kritik an der Ungleichheit der Messintervalle genannt (S. 112), wenn z.B. soziale Distanz von Heirat bis zum Ausweisungswunsch ausgedrückt wer­den kann.

Um die verschiedenen Dimensionen zu erfassen, werden Subskalen gebildet; wenn weniger Vorurteile geäußert werden, muss das nicht heißen, dass weniger Vorurteile vorhanden sind. Eine Skala für subtile Vorurteile würde z.B. auch Vorbehalte berück­sichtigen, die erst zum Tragen kommen, wenn es um Unterstützung von Minderheiten geht, und nicht nur die traditionellen Vorurteile, die eine wahrgenommene Bedrohung und Zurückweisung alles Fremden beinhalten.

Zwei weitere Probleme bestehen generell bei Umfragen, sind aber beim Thema Anti­semitismus besonders gravierend: Einerseits die Grenzziehung zwischen verschiede­nen Ausprägungen (wann ist jemand stark oder mäßig antisemitisch eingestellt, wann überhaupt antisemitisch). Hierbei bestehen verschiedene Toleranzgrenzen, die, wie erwähnt, zu verschiedenen Antisemiten-Prozentzahlen führen. Andererseits ergibt sich die Frage der „sozialen Erwünschtheit“, die bei stark tabuisierten Themen beson­ders ausgeprägt sein könnte, d.h. tatsächlich könnten sich viele Antisemiten bei Um­fragen nicht zu erkennen geben: Die Dunkelziffer wäre also um einiges höher anzu­setzen. Bergmann und Erb (1991, S. 275ff) setzen dazu an den „weiß nicht“-Antwor­ten an: Dahinter könnte sich neben tatsächlichem Nichtwissen auch sog. Kommuni­kationslatenz verbergen. D.h. der Antisemitismus ist nicht manifest und erfassbar, sondern wird in der Kommunikation ausgespart, ist also nur latent vorhanden. Zur Klärung bilden die Autoren einen Latenzindex, der stark mit Antisemitismus korreliert; anti­semitisch Eingestellte spüren also im Prinzip einen Latenzdruck. Gleichzeitig wird aber die Umfrage anscheinend als anonym genug empfunden, um sich ungehemmt äußern zu können. Zudem würde eine totale Verstellung hohe Konzentration und ge­naues Wissen um die erwünschten Antworten erfordern. Dagegen fühlen sich stärker antisemitisch Eingestellte sogar eher gedrängt, ihre wahre Meinung zu äußern und nehmen auch an, dass viele ebenso wie sie denken. Da auch die „Unentschieden“-Option näher am Nicht-Antisemitismus liegt, kommt Bergmann insgesamt zu dem Schluss, dass die Resultate im Prinzip mit einer Schwankungsbreite von 2-4% realis­tisch sind.

Auch Köcher (1988) ist der Meinung, dass trotz Tabuisierung in der Öffentlichkeit in der Befragung relativ offene Äußerungen gemacht werden (S. 4). Sie überprüfte zu­dem die Kommunikationsscheu derjenigen, die wenig Ressentiments gegen Juden äu­ßerten, um auf evtl. latenten Antisemitismus schließen zu können. Überdurchschnitt­lich Kommunikationsscheue stellten in dieser Gruppe aber nur 1% der Bevölkerung dar, d.h. dass darunter vermutlich wenige Personen sind, die ihren Antisemitismus nicht zu äußern wagen.

Alle diese Überlegungen sollte man aber bei den im Folgenden genannten Untersu­chungen mit berücksichtigen: Umfragen spiegeln im besten Fall die Realität, sind aber nie mit ihr deckungsgleich und in vieler Hinsicht störanfällig.

2 DIE SITUATION VOR DER WIEDERVEREINIGUNG

2.1 ANTISEMITISMUS IN DER BRD DER 80ER JAHRE

Eine Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie (Köcher, 1988), die hier etwas ausführlicher referiert werden soll, stellt zunächst fest, dass die gesellschaftliche Tabuisierung zwar offensichtlich zur Verminderung des Antisemitismus beitrug, diesen aber nicht gänzlich beseitigen konnte.

Köcher vergleicht die Ergebnisse mit einer sehr frühen Allensbacher Studie: Während 1949 noch 10% der Befragten demonstrativ antisemitisch waren, weitere 13% ein­deutig antijüdisch eingestellt und weitere 15% gegenüber Juden reserviert waren, fand sich 1988 ein „harter Kern“ von 8% vehementen Antisemiten sowie weitere 7% klar antijüdisch Eingestellte, insgesamt also 15%. Demographisch besteht diese Gruppe überwiegend aus Männern, die 60 Jahre und älter sind, ein niedriges Bil­dungsniveau haben und vom Land stammen. Während z.B. von den 16-29jährigen 9% antisemitisch eingeordnet werden konnten, trifft dies auf 27% der über 60jährigen zu. Die Einstufung erfolgte anhand von 37 Einzelindikatoren, aus denen mehrere Di­mensionen gebildet wurden. Dabei zeigte sich, dass emotionale und ag­gressive Ab­lehnung sowie Diskriminierungsbereitschaft und die Stereotype des „ge­fährlichen“ und des „geldgierigen“ Juden eng zusammenhängen. Weiter zeichneten sich die Anti­semiten durch massiven Mangel an Weltoffenheit und Toleranz auch ge­genüber ande­ren ethnischen Gruppen und Nationalitäten aus, stattdessen zeigen sie ihnen gegen­über ein generelles, tiefsitzendes Misstrauen. Überwiegend korrelierte der Antisemi­tismus mit rechten politischen Einstellungen und Ansichten wie „Deutsche sind ande­ren Völkern überlegen“. Dabei hatte diese Gruppe noch weniger persönliche Erfah­rungen und Kontakte zu Juden als der Rest der Bevölkerung, obwohl viele noch in der Zeit aufgewachsen sind, als mehr Juden in Deutschland lebten; deshalb wird häu­fig von einem „Antisemitismus ohne Juden“ gesprochen. Generell war wenig Wissen über Juden in der BRD vorhanden und ihre Anzahl wurde kaum richtig ge­schätzt.

Die Alterstrennlinie Über-/Unter 60 zeigte sich immer wieder, so z.B. beim Wort­sympathietest.

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Details

Titel
Effekte der Wiedervereinigung auf Antisemitismus in der BRD
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Soziologie)
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V40813
ISBN (eBook)
9783638392402
ISBN (Buch)
9783638677011
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"eine wirklich ausgezeichnete Arbeit"
Schlagworte
Effekte, Wiedervereinigung, Antisemitismus
Arbeit zitieren
Sabine Pfisterer (Autor), 2002, Effekte der Wiedervereinigung auf Antisemitismus in der BRD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40813

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