Mythen weisen in die Urzeit von Völkern zurück. Entstanden vermutlich aus "Heiligen Reden" einzelner Kultgötter, wurden diese zu geschlossenen Biographien der jeweiligen Götter, später zu Erzählungen über ein ganzes System von Göttern. Damit ist der Schritt vom Glauben zum Mythos vollzogen, wobei der Begriff zunächst nur bedeutet, dass es sich um gesprochene Rede beliebigen Inhalts handelt. Er entwickelte sich dann aber im Gegensatz zum Logos, der immer die Wahrheit zu sagen beansprucht, zum Begriff der unverbindlichen dichterischen Erfindung. Dies mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass Mythen jahrhundertelang ausschließlich mündlich überliefert wurden. Etwa zu Beginn des 7. vorchristlichen Jahrhunderts wurde der Stoff vieler verschiedener Mythen in Griechenland kunstvoll verflochten und schriftlich festgehalten, zuerst von einer Person, die mit Homer identifiziert wurde, dann von Hesiod, der als erster versuchte, den mythischen Stoff systematisch zu ordnen. Damit endete die mündliche Überlieferung und der Mythos, in Zukunft vielfach verwendet und auch ausgeweitet in der attischen Tragödie und der hellenistischen Epik, blieb von da an im Kern unverändert.
Versteht man Mythen als erste Versuche, auf die existentiellen Fragen der Menschen nach Sinn, Sicherheit und Gültigkeit bestimmter Werte zu antworten, so wird ihre zeitlose, bis in die Gegenwart wirkende Anziehungskraft verständlich. Und noch immer sind es die antiken Mythen, denen,wieder und wieder rezipiert und umgestaltet, der Rang von Vorlagen zugewachsen ist.
Ein zeitgenössisches Werk, das besonders viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ist Christa Wolfs Erzählung "Kassandra", erschienen 1983, begleitet von den 1982 in Frankfurt a.M. gehaltenen Poetik-Vorlesungen mit dem Titel "Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra", die den theoretischen Rahmen des literarischen Werks bilden. Beide Schriften sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen und unter der Fragestellung betrachtet werden, aus welchen Motiven heraus eine zeitgenössische, damals in der DDR lebende Schriftstellerin einen antiken Mythenstoff aufgreift, in welches Verhältnis sie sich zu ihm begibt und in welcher Weise sie ihn ausgestalten will. Im zweiten Teil wird anhand von ausgewählten Beispielen aus der Erzählung dargestellt werden, wie sie ihre theoretischen Überlegungen in die künstlerische Praxis umsetzt. Ein Blick in die literaturwissenschaftliche Beurteilung beider Werke schließt die Arbeit ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Entstehung und Entwicklung des Mythos
2. „Voraussetzungen einer Erzählung”
2.1 Christa Wolfs Auseinandersetzung mit dem mythischen Stoff
2.2 Motive für die Bearbeitung des Stoffs
2.3 Die Art und Weise der Ausgestaltung
2.3.1 Subjektivierung des Erzählens
2.3.2 Historisierung des Materials
3. „Kassandra”
3.1 Deutung der Erzählung unter geschichtsphilosophischem Aspekt – Der Übergang von matriarchalischen zu patriarchalischen Lebensformen
3.2 Deutung der Erzählung unter individualpsychologischem Aspekt - Die Entwicklung der Protagonistin
3.3 „Kassandra” – eine Allegorie des 20. Jahrhunderts
3.4 Die Gegenwelt am Skamander - ein Modell für die Zukunft
4. Die Erzählung im Spiegel der Kritik
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Christa Wolfs Erzählung Kassandra und die begleitenden Poetik-Vorlesungen Voraussetzungen einer Erzählung, um zu analysieren, aus welchen Motiven heraus die Autorin den antiken Mythenstoff aufgreift und wie sie diesen literarisch sowie geschichtsphilosophisch ausgestaltet. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Wolf den Mythos als Modell nutzt, um die Gegenwart kritisch zu spiegeln und Alternativen zum patriarchalischen Denken aufzuzeigen.
- Analyse der Mythenrezeption bei Christa Wolf im Kontext ihrer Zeit (DDR).
- Untersuchung der psychologischen Entwicklung der Protagonistin Kassandra.
- Erörterung des geschichtsphilosophischen Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat.
- Darstellung der „Gegenwelt am Skamander“ als utopisches Gegenmodell.
- Reflexion über die literaturkritische Rezeption und die Einordnung der Erzählung.
Auszug aus dem Buch
1. Entstehung und Entwicklung des Mythos
Mythen weisen in die Urzeit von Völkern zurück. Entstanden ursprünglich vermutlich aus Heiligen Reden einzelner Kultgötter, wurden diese später zu geschlossenen Biographien der jeweiligen Götter ausgeweitet, dann zu Erzählungen über „ein System von Göttern (...), auch das Göttliche im Kosmos”. Damit ist der Schritt vom Glauben zum Mythos vollzogen, in dessen Wort „zunächst nur (liegt), dass es sich um gesprochene Rede beliebigen Inhalts handelt. Es entwickelt sich aber im Gegensatz zum Logos, der immer Wahrheit zu sagen beansprucht, zum Begriff der unverbindlichen dichterischen Erfindung.” Dies mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass Mythen jahrhundertelang ausschließlich mündlich überliefert wurden und so zwar einen Kernbestand an Motiven und sprachlichen Formeln behielten, aber auch, je nach situativen und regionalen Gegebenheiten, verändert wurden, so dass schließlich niemand mehr wusste, „ob die Fassung der Geschichte, die immer wiederholt wird, mit der Wirklichkeit des ursprünglich Vorgefallenen übereinstimmt.”
Etwa zu Beginn des 7. vorchristlichen Jahrhunderts wurde der Stoff vieler verschiedener Mythen in Griechenland kunstvoll verflochten und schriftlich festgehalten, zuerst von einer Person, die die Griechen mit Homer identifizierten und der sie die Ilias und die Odyssee zuschrieben, dann von Hesiod, der als erster versuchte, den mythischen Stoff systematisch zu ordnen. Damit endete die mündliche Überlieferung und der Mythos blieb von nun an unverändert. „Im einzelnen ist es freilich oft schwer zu erkennen, wie weit bei Homer und Hesiod die freie Erfindung geht und wie weit der Mythos ältere, dem Glauben angehörige aufgegriffen und umakzentuiert hat.” Später kamen immer neue Mythen hinzu: „Die attische Tragödie wie die hellenistische Epik und Kurzdichtung spüren unablässig noch unbekannten Kulttraditionen und Legenden nach (...); sie scheuen sich aber auch nicht vor der Erfindung neuer Figuren, Handlungsabläufe, Charaktere und Motivierungen.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Entstehung und Entwicklung des Mythos: Das Kapitel bietet einen theoretischen Überblick über die Genese und Tradierung antiker Mythen von der Mündlichkeit bis zur schriftlichen Fixierung durch Homer und Hesiod.
2. „Voraussetzungen einer Erzählung”: Hier werden Christa Wolfs Motivationen und theoretische Grundlagen für die Auseinandersetzung mit dem Kassandra-Stoff, insbesondere der Einfluss ihrer Griechenlandreise und die Rezeption von Aischylos, Engels und Ranke-Graves, dargelegt.
3. „Kassandra”: Dieses Hauptkapitel analysiert die Erzählung unter geschichtsphilosophischen und individualpsychologischen Gesichtspunkten sowie ihre Funktion als Allegorie und Utopie.
4. Die Erzählung im Spiegel der Kritik: Der abschließende Teil beleuchtet die literaturkritische Rezeption des Werkes, inklusive kritischer Stimmen zum Reduktionismus-Vorwurf und zur gelungenen Umsetzung des weiblichen Schreibens.
Schlüsselwörter
Kassandra, Christa Wolf, Mythos, Matriarchat, Patriarchat, Literaturwissenschaft, DDR-Literatur, Individuation, Geschichtsphilosophie, Aischylos, Homer, Sehergabe, Utopie, Mythosrezeption, Erzählstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Christa Wolfs Erzählung Kassandra sowie ihre theoretischen Schriften dazu, um zu zeigen, wie Wolf den antiken Mythos neu interpretiert, um zeitgenössische gesellschaftliche Probleme zu kritisieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Wandel vom Matriarchat zum Patriarchat, der Prozess der Individuation einer Frau, gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen sowie das Schreiben als Widerstand.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Christa Wolf den antiken Stoff nutzt, um die „männliche“ Geschichtsschreibung zu hinterfragen und ein Modell für eine humanere Zukunft zu entwickeln.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die die Erzählung in ihren kulturgeschichtlichen Kontext einbettet und sie mithilfe von geschichtsphilosophischen (u.a. Engels) und individualpsychologischen Ansätzen deutet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der geschichtsphilosophischen Deutung des Konflikts zwischen trojanischen und achaischen Lebensformen, der psychologischen Reifung der Protagonistin Kassandra sowie der utopischen Gegenwelt am Skamander.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Mythosrezeption, Patriarchatskritik, Subjektivierung, Historisierung und Autonomie geprägt.
Welche Rolle spielt die Figur des Eumelos in der Analyse?
Eumelos fungiert bei Wolf als Symbol für ein totalitäres System, das durch bürokratische Kontrolle und Sprachmanipulation die trojanische Gesellschaft von innen heraus in den Untergang führt.
Warum ist das Ende der Erzählung laut der Arbeit ambivalent?
Der Tod Kassandras wird einerseits als Scheitern im Rahmen der historischen Realität gedeutet, andererseits als konsequenter Abschluss ihrer individuellen Befreiung und moralischen Selbstbehauptung gegenüber dem patriarchalen Vernichtungswillen gewertet.
- Quote paper
- Hildegard Herzmann (Author), 2005, Kassandra. Die Rezeption des antiken Mythos bei Christa Wolf, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40849