Die Prozesse der hoch- und spätmittelalterlichen Entwicklung von Landesherrschaft und Siedlungsbewegung in den Gebieten jenseits der Elbe waren während der Zeit der deutschen Ostkolonisation in besonderer Weise miteinander verbunden. Das darf insbesondere für die Gebiete der ehemaligen Mark Brandenburg gelten, da hier die Eroberungen der askanischen Markgrafen zeitlich eng mit dem An- und Aufsiedlungsvorgang zusammen lagen. Die Markgrafen von Brandenburg haben seit der Belehnung Albrecht des Bären mit der Nordmark, 1134, die von ihnen forcierte Ostkolonisation bewusst für ihre offensive Territorialpolitik benutzt. Es muss davon ausgegangen werden, dass die für das 12. und 13. Jahrhundert nachvollziehbaren Veränderungen in der brandenburgischen Siedlungslandschaft in engstem Zusammenhang mit der Ausdehnung und Konsolidierung der markgräflichen Herrschaft in diesem Raum gestanden haben (vgl. Taf. I /Abb. l im Anhang). Somit lassen sich aus der Beschäftigung mit der hochmittelalterlichen Siedlungs- und Besiedlungsentwicklung wertvolle Hinweise über die Prozesse von Landesherrschaft und Landesausbau gewinnen. Um von den erkennbaren Stufen der Siedlungsgenese ausgehend auf die Veränderungen auf der Ebene der Landesherrschaft reflektieren zu können, bedarf es jedoch zunächst einer eingehenden Beschäftigung mit den Einflüssen, die der in den Kolonisationsgebieten angetroffenen slawischen Bevölkerung zuzuschreiben sind. Es stellt sich die Frage nach der inneren Struktur und Ausdehnung des slawischen Siedlungsraumes, nach den traditionellen Siedelformen der Slawen zwischen Elbe und Oder, den Wandlungen im Siedlungsbild und der Wirtschaftsweise unter deutschem Einfluss, nach den Formen des Zusammenlebens von Slawen und Deutschen bzw. dem Verlauf des Assimilierungsprozesses und nach dem letztendlichen Verbleib der slawischen Bevölkerungsteile in Ostdeutschland Die Siedlungstypen, die sich für das hoch- und spätmittelalterliche Brandenburg rekonstruieren lassen, unterscheiden sich nicht wesentlichen von denen, die für den gleichen Zeitraum aus den Altsiedelgebieten des westlichen Mitteleuropa bekannt sind. Eine Ausnahme bilden die Kietze. Dieser Siedlungstyp lässt sich nur im nordöstlichen Grenzbereich der Altmark, im nördlichen Ostdeutschland und in den ehemals deutschen Gebieten Pommerns und Posens nachweisen (vgl. Taf. I/Abb. l). Ein Bezug entweder zu der slawischen Besiedlung dieser Gebiete oder zu den Kolonisationsmaßnahmen ist anzunehmen. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Quellen. Publikationsstand und wissenschaftliche Ansätze
1.1. Primärquellen
1.2. Sekundärquellen
1.3. Archäologische Quellen
1.4. Aktueller Forschungsstand
2. Der Kietz als mittelalterlicher Siedlungstyp
2.1. Der Begriff „Kietz"
2.2. Lagemerkmale
2.3. Formen der Kietzsiedlungen
2.4 Die in den Kietzen lebende Bevölkerung
2.5. Größe und Wirtschaftsstruktur
2.6. Die rechtliche Situation der Kietzer
3. Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kietze als spezielle, nicht-agrarische Dienstsiedlungen im mittelalterlichen Brandenburg, um deren Ursprung, Funktion und siedlungsgeschichtliche Einordnung im Kontext der askanischen Territorialpolitik und der deutschen Ostkolonisation zu klären.
- Historische Herleitung und Begriffsbestimmung von Kietzsiedlungen
- Analyse der siedlungstopographischen Merkmale und Abhängigkeitsverhältnisse
- Untersuchung der sozialen und wirtschaftlichen Struktur der Kietzbewohner
- Kritische Auseinandersetzung mit archäologischen Befunden und schriftlichen Quellen
- Diskussion des Einflusses der askanischen Landesherrschaft auf die Siedlungsgenese
Auszug aus dem Buch
2.2. Lagemerkmale
Die Kietzsiedlungen lassen in topographischer Hinsicht drei Grundmerkmale erkennen:
a) die enge topographische Verbindung zu Bürgen (vgl. Taf. III/ Abb. 4,5,6 im Anhang)
b) die unmittelbare Nähe zu fließenden und stehenden Gewässern (vgl. Taf. III u. IV)
c) die überwiegend deutliche, räumliche Abgrenzung zu evtl. im Mittelalter an gleicher Stelle entstandenen Städten (vgl. Taf. III/ Abb. 3)
Während in der älteren Literatur das Merkmal der regelhaften Gewässerlagen betont wurde, ist man in neuerer Zeit zu der Überzeugung gelangt, dass die räumliche Beziehung zu einer Burg das Primärkriterium darstellt. Wenn sich in der Nähe eines Kietzes eine slawische und eine deutsche Befestigung nachweisen lassen, liegt der Kietz fast immer bei der deutschen Anlage. Kietze, bei denen sich die topographische Verbindung zu einer Burg nicht nachweisen lässt, sind als unechte Kietze einzustufen, deren Entstehung in einem jüngeren zeitlichen Zusammenhang angenommen werden muß.
Stellt die Nachbarschaft zu den Burgen das eigentliche Hauptmerkmal der Kietze dar, so kann die Gewässernahe der meisten alten Kietze evtl. darauf zurück zuführen sein, dass die Befestigungen in den wasserreichen Niederungsgebieten Brandenburgs überwiegend zur Sicherung wichtiger Wasserwege und -Übergänge errichtet worden sind. Es war dabei nur nahe liegend, die Dienstsiedlungen aus Gründen der Wasserversorgung und Nahrungsbeschaffung in unmittelbarer Nähe der Gewässer zu errichten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der hoch- und spätmittelalterlichen Landesherrschaft und Siedlungsbewegung in der Mark Brandenburg ein und definiert das Forschungsinteresse an den Kietzen.
1. Quellen. Publikationsstand und wissenschaftliche Ansätze: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die verfügbaren Primär- und Sekundärquellen sowie den Stand der archäologischen Forschung zu den Kietzsiedlungen.
2. Der Kietz als mittelalterlicher Siedlungstyp: Hier werden die definierenden Merkmale der Kietze, ihre Lage, ihre baulichen Formen sowie die Wirtschafts- und Rechtsverhältnisse ihrer Bewohner detailliert analysiert.
3. Abschlussbetrachtung: Dieses Kapitel zieht ein Fazit aus den untersuchten Faktoren und diskutiert die Hypothesen zur Entstehung der Kietze im Kontext des Landesausbaus.
Schlüsselwörter
Kietze, Mark Brandenburg, Ostkolonisation, Mittelalter, Dienstsiedlungen, Askanier, Landesherrschaft, Archäologie, slawische Besiedlung, Fischerei, Burg, Siedlungsgenese, Landbuch, Siedlungsformen, Wirtschaftsstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Kietze als eine besondere, nicht-agrarische Siedlungsform im hoch- und spätmittelalterlichen Brandenburg.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören der Ursprung des Siedlungstyps, seine enge Bindung an herrschaftliche Burgen, die wirtschaftliche Funktion (insbesondere Fischerei) und die rechtliche Stellung der Kietzer.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Entstehungszusammenhänge der Kietze zu klären, insbesondere ob sie eine slawische Tradition fortführen oder eine bewusste Schöpfung der askanischen Landesherrschaft im Rahmen des Landesausbaus darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Auswertung von schriftlichen Quellen (wie dem Landbuch der Mark Brandenburg), historischer Sekundärliteratur und siedlungsarchäologischen Befunden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Lagemerkmale, die verschiedenen Siedlungsformen, die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung, die wirtschaftlichen Erwerbsgrundlagen sowie die rechtliche Einbindung der Kietze in die herrschaftliche Struktur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kietze, Mark Brandenburg, Ostkolonisation, Dienstsiedlung, Burg, Fischerei und askanischer Landesausbau.
Warum gelten Kietze als "Dienstsiedlungen"?
Kietze zeichnen sich durch eine regelhafte Nähe zu Burgen aus, für deren herrschaftliche Küchen sie wichtige Versorgungsleistungen, insbesondere den Fischfang, erbrachten.
Was sind "unechte Kietze"?
Als unechte Kietze werden Siedlungen bezeichnet, denen die topographische Verbindung zu einer historisch bedeutenden Burg fehlt oder die erst in jüngerer Zeit entstanden sind.
Wie lässt sich die rechtliche Situation der Kietzer beschreiben?
Die Kietzer waren rechtlich nicht selbstständig, sondern dem Burg- oder Landesherren untertan und unterlagen spezifischen Dienstleistungs- und Abgabeverpflichtungen.
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- Tanya Armbruester (Autor), 1996, Die Kietze als Sonderform der mittelalterlichen Siedlung in Brandenburg, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40904