Anfangs des 20. Jahrhunderts starben in den Findelhäusern Deutschlands rund 70% der Säuglinge. (vgl. Spitz 1969, 77) Die Tatsache, dass Kinder aufgrund deprivierender Lebensbedingungen sterben können ist erschreckend. Auch behinderte Menschen litten während des letzten Jahrhunderts unter enorm isolierenden und deprivierenden Bedingungen. Die Enthospitalisierungs- und Normalisierungsdebatte haben dazu beigetragen, die Lebensumstände von behinderten Menschen stark zu verbessern. Doch gibt es heute wirklich keine deprivierende Faktoren mehr? Ist Deprivation bei Menschen mit Behinderung im 21. Jahrhundert kein Thema mehr? Solche und ähnliche Überlegungen liessen mich folgende Fragestellung formulieren: ‚Inwiefern ist Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung ein heute noch aktuelles Thema?’ Anhand folgender Arbeit möchte ich verschiedene Faktoren zusammentragen, welche die Aktualität des Themas deutlich machen. Als Einstieg dient eine Definition des Begriffes Deprivation. Da es einige eng mit Deprivation verwandte Begriffe gibt, scheint eine anschliessende Begriffsklärung notwendig. Folgend verschafft das vierte Kapitel einen Überblick über die Geschichte der Deprivationsforschung. Dabei werden auch die Lebensbedingungen behinderter Menschen im letzten Jahrhundert betrachtet. Anschliessend gehet das Fünfte Kapitel auf verschiedene, aktuelle Risikofaktoren für Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung ein. Die folgenden Kapiteln beschäftigen sich mit den Folgen und der Prävention von Deprivation. In der Schlussfolgerung wird obige Fragestellung beantwortet. Literarisch stützt sich die Arbeit auf verschiedene Bücher und Artikel zum Thema. Dabei beziehe ich mich vor allem auf die Werke von Theunissen (1991, 1999) und eine Studie von M. Seifert (2002). Leider gibt es nur wenig aktuelle Literatur zum Thema.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition
3. Begriffsklärung
4. Geschichtlicher Überblick
4.1 Beginn der Hospitalismusforschung
4.2 Die Klassische Deprivationslehre
4.3 Die Versorgung behinderter Menschen im 20. Jahrhundert
5. Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung heute
5.1 Aktuelle Risikofaktoren für Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung
5.1.1 Krankenhausaufenthalte
5.1.2 Mutter-Kind Bindung
5.1.3 Heimunterbringung
5.1.4 Einschränkung der Mobilität
5.1.5 Einschränkung der Kommunikation
5.1.6 Einschränkung der Wahrnehmung
5.1.7 Soziale Ausgrenzung
5.1.8 Modell zur Entstehung von Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung
5.2 Folgen der Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung
5.3 Prävention/Therapie von Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung
5.3.1 Basale Stimulation
5.3.2 Unterstütze Kommunikation
5.3.3 Gesellschaftliche Ebene
6. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz des Deprivationsbegriffs für Menschen mit Behinderungen im 21. Jahrhundert und analysiert, inwiefern trotz Fortschritten in der Inklusionsdebatte weiterhin deprivierende Lebensbedingungen existieren.
- Historische Entwicklung der Deprivationsforschung und Versorgung behinderter Menschen.
- Identifikation aktueller Risikofaktoren wie Krankenhausaufenthalte und Heimsituationen.
- Analyse der Folgen sensorischer und sozialer Deprivation.
- Bewertung von Präventions- und Therapiemöglichkeiten wie Basaler Stimulation und Unterstützter Kommunikation.
Auszug aus dem Buch
5.1.3 Unterbringung in Heimen
Trotz der Enthospitalisierung, der Normalisierung, der Integration und der Empowerment Bewegung existieren sie immer noch, die Behinderten Heime. Und aufgrund meiner Praxiserfahrung weiss ich, dass auch heute noch viele Behinderte Menschen aus Platzmangel in Psychiatrien und Pflegeheimen untergebracht werden.
Auch wenn sich die Lebensbedingungen in Behindertenheimen während der letzten dreissig Jahren stark verbessert haben, gibt es noch viele offensichtliche und versteckte Mängel, welche durchaus Deprivationssymptome zur Folge haben können.
Dass die Lebensbedingungen in vielen Heimen auch heute noch sehr isolierend und fremdbestimmend sind, zeigt z. B. eine Studie von M. Seifert aus Nordrhein-Westfalen. Diese untersuchte im Jahr 2002 die Lebensbedingungen von Menschen mit mehrfachen Behinderungen. Beteiligt waren 13 Wohneinrichtungen und 3 Pflegeheime für Menschen mit schweren Behinderungen.
Die Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei vielen schwer behinderten Bewohnern die Fremdbestimmung überwiegt. Wahlmöglichkeiten werden nicht geboten und Gesten, die Wünsche oder Ablehnung signalisieren, bleiben unbeachtet. Einige der beobachteten Bewohner zeigen aufgrund vermutlich langjährig erlebter Nichtbeachtung ihrer Wünsche oder fehlender Unterstützung bei der Artikulation ihrer individuellen Bedürfnisse kaum noch Selbstbestimmungsimpulse. Sie verfallen in Resignation und ziehen sich in sich zurück. (vgl. Seifert 2002, 216f)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Relevanz von Deprivation und stellt die Forschungsfrage nach deren heutiger Aktualität bei Menschen mit Behinderung.
2. Definition: In diesem Kapitel wird der Begriff Deprivation aus sonderpädagogischer Sicht definiert und seine verschiedenen Facetten beleuchtet.
3. Begriffsklärung: Hier werden verwandte Begriffe wie Hospitalismus, Vernachlässigung und Verwahrlosung voneinander abgegrenzt.
4. Geschichtlicher Überblick: Das Kapitel zeichnet den Weg der Deprivationsforschung sowie die historische Versorgungssituation von Menschen mit Behinderungen im 20. Jahrhundert nach.
5. Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung heute: Dieser Hauptteil analysiert aktuelle Risikofaktoren, Folgen der Deprivation sowie Ansätze zur Prävention und Therapie im heutigen Kontext.
6. Schlussfolgerung: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Deprivation weiterhin ein hochaktuelles Thema bleibt und fordert eine heilpädagogische Optimierung der Lebensumwelt.
Schlüsselwörter
Deprivation, Behinderung, Hospitalismus, Sonderpädagogik, Lebensbedingungen, Inklusion, Basale Stimulation, Unterstützte Kommunikation, Risikofaktoren, Fremdbestimmung, Resilienz, soziale Isolation, Heilpädagogik, Normalisierung, Entwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Thema Deprivation bei Menschen mit Behinderung und der Frage, ob diese Problematik im 21. Jahrhundert trotz gesellschaftlicher Fortschritte weiterhin relevant ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Definition und Abgrenzung des Begriffs, die historische Einordnung, aktuelle Risikofaktoren im Alltag (Heim, Spital, Kommunikation) sowie präventive Ansätze.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Aktualität des Themas Deprivation durch das Zusammenführen verschiedener Risikofaktoren und Studien zu belegen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung bestehender Studien zur Lebensqualität behinderter Menschen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Lebensbereiche wie Krankenhausaufenthalte, Mutter-Kind-Bindung und Heimsituationen auf ihre deprivierenden Wirkungen hin.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die wichtigsten Schlüsselbegriffe sind Deprivation, Inklusion, Hospitalismus und Empowerment.
Inwiefern beeinflusst eine Behinderung die Mutter-Kind-Bindung laut der Arbeit?
Die Arbeit stellt dar, dass eine Behinderung des Kindes einen Risikofaktor für Störungen in der Bindungsentwicklung darstellen kann, da die Annahme des Kindes durch die Eltern beeinträchtigt werden kann.
Warum ist die „Basale Stimulation“ laut Autorin relevant?
Sie dient als präventives Konzept, um schwer behinderten Menschen trotz ihrer Einschränkungen Wahrnehmungs- und Kommunikationserfahrungen zu ermöglichen und so Deprivation entgegenzuwirken.
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- lic. phil. Eliane Zürrer-Tobler (Author), 2005, Deprivation bei Menschen mit einer Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40941