Konrad Adenauer, Großbritannien und die deutsche Wiederbewaffnung

Das deutsch-britische Verhältnis in der EVG-Phase


Hausarbeit, 2005

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Historischer Abriss

Konrad Adenauer und Europa

Großbritannien und Europa

Das bilaterale Verhältnis in der EVG- Phase

Die britische Lösung der EVG- Krise

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit versucht der Frage nachzugehen, wie sich das deutsch- britische Verhältnis in der EVG- Phase entwickelte. Der Zeitraum wird dabei auf die Jahre zwischen 1950 und 1955 eingegrenzt, beginnend mit dem britischen Vorschlag einer europäischen Armee bis zur NATO- Integration der Bundesrepublik.

Den Schwerpunkt bildet dabei die Phase der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die ein bedeutsamer Schritt zur Einigung Europas werden sollte, jedoch am Veto der französischen Nationalversammlung scheiterte. In diesem Zeitraum ist die Frage zu klären, wie Großbritannien zu einer gemeinsamen europäischen Armee stand und ob es bei diesem Projekt eher unterstützend oder hemmend agierte. Weiterhin wird auf die außenpolitischen Ziele des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer eingegangen, der der deutschen Wiederbewaffnung immer einen besonderen Stellenwert beimaß.

Die Quellengrundlage bilden die Erinnerungen Adenauers, eine politische Autobiographie, die der Kanzler in den späten 60er Jahren verfasste.[1] Dabei ist zu beachten, dass der deutsche Kanzler durchaus einen objektiven Anspruch an sein Werk stellte, jedoch ist er durch seine langjährige politische Verantwortung nicht unabhängig was die Urteilkraft seiner Rückschlüsse betrifft.

Zunächst werde ich auf die historischen Zusammenhänge der Ereignisse eingehen, danach folgt ein Blick auf die Adenauersche Europapolitik, wobei auch hier der Schwerpunkt auf dem deutsch- britischen Verhältnis liegen soll. Die Frage ist, welchen Stellenwert die bilateralen Beziehungen für den Kanzler hatten und welche Auswirkungen dies hatte.

Danach wird auf die Europapolitik Großbritanniens eingegangen, es folgt die Phase der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft sowie die Lösung der EVG- Krise durch die britische Initiative.

Historischer Abriss

Der Ausbruch des Koreakrieges, der mit dem Angriff des kommunistischen Nordkoreas auf das von amerikanischen Besatzungstruppen geräumte Südkorea am 26. Mai 1950 begann, löste besonders auf amerikanischer Seite die Befürchtung aus, dass ein Dritter Weltkrieg unmittelbar bevorstehe.

Die USA sahen daher die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und seine Eingliederung in das westliche Verteidigungssystem als äußerst dringlich an. Der amerikanische Vorschlag sah die Aufstellung einer europäischen Verteidigungsmacht im Rahmen der NATO vor.

Bereits im Frühjahr 1950 hatte sich der britische Premierminister, Sir Winston Churchill für die Bildung einer „Europa- Armee“ ausgesprochen, unter Einschluss deutscher Kontingente, die einer europäischen Verteidigungsminister unterstellt sein sollten.

Der deutsche Kanzler nutzte die sich damit gebotene Chance und bot in seinem „Sicherheitsmemorandum“ vom 29. August 1950 ein deutsches Kontingent im Rahmen einer westeuropäischen Armee an. Allerdings verknüpfte Adenauer dieses Angebot mit einem zweiten Memorandum, indem die Beendigung des Kriegszustandes verlangt wurde. Außerdem mahnte er eine Neudefinition des Besatzungszweckes an, im Kern ging es Adenauer um die Sicherung der Bundesrepublik gegen äußere Bedrohungen.

Diese Vorschläge verursachten besonders in Frankreich eine alarmierende Stimmung. Die Erfahrungen des Krieges waren noch zu frisch, als das man sich schon wieder an den Gedanken einer deutschen Nationalarmee gewöhnen wollte.

Jedoch war Paris zum Handeln gezwungen, wenn es nicht in die Isolation geraten wollte.

Auf der Basis des Schumannplans entstand der Pleven- Plan, der am 26. Oktober 1950 von der französischen Nationalversammlung verabschiedet wurde. Er sah die Gründung einer europäischen Armee unter Einschluss deutscher Kontingente vor. Die Armee sollte zudem einem europäischen Verteidigungsminister unterstellt werde. Das Vertragswerk enthielt allerdings eine Anzahl von Diskriminierungen der Bundesrepublik, die auch im Ausland auf eine ablehnende Haltung stießen.

So sollten deutsche Soldaten auf der Basis der kleinstmöglichen Einheit integriert werden, während die anderen Partner die Option behielten, Teile ihrer Nationalarmee außerhalb der europäischen Armee zu halten.

Dennoch bildete der Pleven- Plan die Basis für das Projekt der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, das bis zum Frühjahr 1952 zur Vertragsreife entwickelt wurde.

Nach der Verabschiedung des Vertragswerkes am 27. Mai 1952 durch die Außenminister Frankreichs, der Bundesrepublik, Italiens, der Niederlande und Luxemburg entbrannte in den europäischen Parlamenten der Kampf um die Ratifizierung des EVG- Vertrages.

Jedoch scheiterte das EVG- Projekt und der damit verbundene Deutschlandvertrag[2] am 30. August 1954 am Votum der französischen Nationalversammlung. Durch die Initiative des britischen Außenministers Eden gelang 1955 jedoch die NATO Integration der Bundesrepublik. Zudem konnte durch die Novellierung des Deutschlandvertrages die volle Souveränität des Landes wiederhergestellt werden.

Konrad Adenauer und Europa

Asien steht an der Elbe. Nur ein wirtschaftlich und geistig gesundes Westeuropa unter Führung Englands und Frankreichs, ein Westeuropa, zu dem als wesentlicher Bestandteil der nicht von Russland besetzte Teil Deutschlands gehört, kann das weitere und machtmäßige Vordringen Asiens aufhalten.[3] Dieser Briefausschnitt Adenauers, den er bereits 1946 verfasst hat, beinhaltet die Quintessenz seiner Europaidee: Die Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Kommunismus lässt ihn auf ein geeintes Westeuropa hoffen, dass durch Großbritannien und Frankreich angeführt wird. Zudem weist er mit diesen Zeilen den Weg einer festen Westbindung der Bundesrepublik in das europäische Staatenbündnis.

Interessant ist, dass der spätere Bundeskanzler schon ein Jahr nach der totalen Niederlage des Hitler- Regimes selbstverständlich davon ausgeht, dass die spätere Bundesrepublik ein integraler Bestandteil dieser europäischen Idee sein muss. Umso erstaunlicher wird seine Hoffnung wenn man sich vergegenwärtigt, dass das gesamte deutsche Staatsgebiet 1946 besetzt war, es gab keine deutsche Regierung, geschweige denn einen deutschen Staat. Dennoch schien Konrad Adenauer davon auszugehen, dass sich ein neuer westdeutscher Staat konstituieren müsste, um der Sowjetunion entgegentreten zu können. Zwischen den Zeilen schneidet er damit auch das Problem der Souveränität und Gleichberechtigung an, denn nur ein unabhängiger und starker Partner ist in der Lage eine ausreichende `Verteidigung` Westeuropas zu gewährleisten. Dieser Anspruch auf Souveränität und Gleichberechtigung lässt sich als wichtigster Leitfaden in der frühen Phase der Außenpolitik des Kanzlers

festmachen.[4] Um diese Ziele erreichen zu können war die Bundesrepublik auf einflussreiche und beständige Partner angewiesen.

Im Vordergrund stand dabei fraglos die Aussöhnung mit Frankreich, der Adenauer während seiner gesamten Regierungszeit immer die höchste Priorität einräumte.[5] Die zeitweise jedoch sehr stürmische innenpolitische Situation der Vierten Republik, machte nach Adenauers Dafürhalten eine britische Beteiligung an der europäischen Integration wünschenswert.[6]

Nach den Vorstellungen des Kanzlers sollte Großbritannien eine ausgleichende und vermittelnde Rolle übernehmen, die er als notwendige Vorraussetzung für die Aussöhnung mit Frankreich empfand.[7] Allerdings gestalteten sich die deutsch- britischen Beziehungen sehr schwierig, da der Bundeskanzler mit der distanzierten Europahaltung der Briten unzufrieden war, die sich aus seiner Sicht nicht als Europäer fühlten, sondern eher als Nachbar des Kontinents: Überhaupt ist die englische Haltung sehr kritisch zu beurteilen. England legt sich quer gegenüber allen Bestrebungen zur Integration Europas. England fühlt sich mehr als ein Nachbar Europas denn als europäische Nation.[8]

Aber auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht gab es zwischen den beiden Nationen Unstimmigkeiten, da die deutsche Wirtschaft aus britischer Sicht zu stark expandierte und damit die ohnehin lahmende britische Volkswirtschaft in arge Bedrängnis zu geraten drohte. Uneinig war man sich aber auch in Fragen der Währungskonvertibilität und den Importquoten für britische Produkte.

Auch wenn Adenauer die Wichtigkeit der deutsch- britischen Beziehungen immer wieder betonte, darf nicht übersehen werden, dass sie eindeutig hinter den deutsch- französischen und der Sicherheitspartnerschaft zu Amerika standen.

Als dritte Stütze kam dem transatlantischen Bündnis eine tragende Rolle zu, denn nur die Vereinigten Staaten waren in der Lage die Sicherheit der Bundesrepublik in einem ausreichenden Maße zu garantieren. Dabei befürwortete und unterstützte die amerikanische Führung zu jeder Zeit die europäischen Einigungsbestrebungen, da nur ein einiges Westeruropa in der Lage war, Frieden und Stabilität auf dem Kontinent herzustellen.[9]

Der Weg zur Souveränität war für die junge Bundesrepublik recht steinig, denn die zukünftigen westlichen Partner waren zunächst einmal Besatzer und sahen ihre höchste Priorität darin, die Sicherheit vor Deutschland zu garantieren. Einen erneuten Weltkrieg sollte und durfte Deutschland nicht mehr beginnen können.

Der sich verschärfende Ost- West Konflikt zwang die Westmächte jedoch zu einem Umdenken, da er die Notwendigkeit gemeinsamer sicherheitspolitischer Bemühungen unterstrich, von Fragen einer Beteiligung der Bundesrepublik bis hin zur einer Koordinierung nationaler Sicherheitsinteressen.[10]

Die Ziele des deutschen Kanzlers lagen dabei auf der Hand: Die Wiederbewaffnung würde meines Erachtens weitgehende Folgen für die politische Stellung unseres Volkes in der Welt haben. Auf dem Wege über die Wiederbewaffnung konnte die volle Souveränität der Bundesrepublik erreicht werden. Es war die Frage unserer politischen Zukunft schlechthin.[11]

Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik war für Adenauer folglich kein Selbstzweck, sie diente ihm vielmehr als Vehikel zur Erlangung von Handlungsfreiheit und Gleichberechtigung. Dabei darf seine Furcht vor einem sowjetischen Angriff auf den westdeutschen Staat keineswegs unterschätzt werden, mehrfach zog der Kanzler eine Parallele zu den Vorgängen in Korea.[12] Die Gefahr wurde auch von den Westmächten erkannt, allerdings überwog anfänglich die Sorge vor einem wiederbewaffneten Deutschland.

Erst mit dem Vorschlag des britischen Premierministers Sir Winston Churchill zur Schaffung einer europäischen Armee, unter Einschluss deutscher Kontingente und unter dem Kommando eines europäischen Verteidigungsministers, kam es zu neuen Impulsen.[13] Adenauer sah in dieser Initiative nicht nur einen Baustein auf dem Weg zur Souveränität, er verband damit auch die Hoffnung, Großbritannien in den europäischen Integrationsprozess Miteinbeziehen zu können: Wir sind der Auffassung, dass die Schaffung einer europäischen Armee- möglichst unter Teilnahme Englands- einen sehr wesentlichen Fortschritt auf dem Wege zur Erreichung des Endzieles: Integration Europas bedeuten wird.[14]

In seinem „Sicherheitsmemorandum“[15] signalisierte er Kooperationsbereitschaft, allerdings verknüpfte er diese Zusicherung mit einer Reihe von Forderungen, so verlangte er unter anderem eine Neudefinition der Besatzung, sowie die Beendigung des Kriegszustandes.[16] Im Kern zielten seine Ansprüche auf eine möglichst gleichberechtigte Partnerschaft zwischen der Bundesrepublik und den westlichen Nachbarn.

[...]


[1] Adenauer, Konrad, Erinnerungen 1945- 1953, Stuttgart 1965.

[2] Der Deutschlandvertrag regelte das Ende des Besatzungsregimes und gab der Bundesrepublik Deutschland die Rechte eines souveränen Staates.

[3] Nr. 187 vom 16. März 1946 an W.F. Sollmann, in: Morsey Rudolf, Schwarz Hans- Peter (Hrsg.) , Adenauer, Konrad, Briefe 1945- 1947, Berlin 1983, S. 191.

.

[4] Deutschland liegt in der Mitte Europas. Kraft seiner geographischen Lage kann ein gesundes, politisch lebensfähiges Europa nur entstehen, wenn es Deutschland als wirtschaftlich und politisch gesundes Mitglied voll akzeptiert. In: Adenauer, Konrad, Erinnerungen 1945- 1953, Stuttgart 1965, S. 42.

[5] Das Rückrat aller Entwicklungen in Europa aber sei das französisch- deutsche Verhältnis. In: Adenauer, Konrad, Band IV, S. 178.

[6] Pütz, Alexandra, Aber ein Europa ohne Großbritannien kann ich mir nicht vorstellen! Die Englandpolitik der Ära Adenauer 1949- 1963, Band 20, Bochum 1998, S. 101.

[7] Ebd., S. 365.

[8] Nr. 2 vom 10 Mai 1951, in: Buchstab Günther (Bearb.): Adenauer: „Es musste alles neu gemacht werden.“ Die Protokolle des CDU- Bundesvorstandes 1950- 1953, Stuttgart 1986, S. 35.

[9] Altmann, Normen, Konrad Adenauer im Kalten Krieg, Wahrnehmungen und Politik 1945- 1956, Mannheim 1993, S. 69.

[10] Ebd., S. 191.

[11] (wie Anm. 4), S. 345.

[12] Ich war fest überzeugt, dass Stalin für Westdeutschland das gleiche Vorgehen plante wie in Korea (…) Die Bundesrepublik befand sich in einer äußerst gefährlichen Lage. Wie waren völlig unbewaffnet, wir besaßen keine eigenen Abwehrkräfte., siehe auch die Sicherheitsmemoranden, In: Konrad, Erinnerungen 1945- 1953, Stuttgart 1965, S. 349 und S. 355- 360.

[13] Zu der britischen Initiative kam es im August 1950.

[14] Adenauer, in: Deutscher Bundestag, Stenographische Berichte, 1. Wahlperiode: 1949: Band 5, 98. Sitzung (8. November 1950), S. 3565.

[15] Sicherheitsmemorandum vom 29. August 1950, in: (wie Anm. 4), S. 359.

[16] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Konrad Adenauer, Großbritannien und die deutsche Wiederbewaffnung
Untertitel
Das deutsch-britische Verhältnis in der EVG-Phase
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V40982
ISBN (eBook)
9783638393577
ISBN (Buch)
9783638863889
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konrad, Adenauer, Großbritannien, Wiederbewaffnung
Arbeit zitieren
Richard Oehmig (Autor), 2005, Konrad Adenauer, Großbritannien und die deutsche Wiederbewaffnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40982

Kommentare

  • Gast am 2.4.2010

    Bevor man eine Arbeit mit wissenschaftlichem Anspruch der Öffentlichkeit vorlegt, sollte man diese zunächst von sprachlichen Fehlern befreien, zumal wenn man dafür Geld verlangt! Fehlerhafte Online-Veröffentlichungen leisten der weit verbreiteten Meinung vorschub, Internetpublikationen seien auch inhaltlich nicht so vertrauenswürdig, wie man dies von gedruckten Arbeiten erwarten kann.

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