Richard Long und sein Beitrag zur ´Land Art´


Examensarbeit, 2004

83 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Land Art
2.1. Anfänge und Entwicklung der Land Art
2.1.1 Erste Ausstellungen der Land Art
2.2 Definition von Land Art
2.2.1 Minimal Art und Concept Art

3. Richard Long
3.1 Herkunft und künstlerisches Umfeld
3.1.1 Erste Ausstellungen
3.2 Richard Long innerhalb der Land Art
3.2.1 Richard Long, David Nash, Andy Goldsworthy, Hamish Fulton

4. Dokumentation der Werke
4.1 Fotografie

5. Werkbetrachtungen
5.1 England, 1967
5.2 A Line Made by Walking, England 1967
5.3 A Ten Mile Walk, England 1968
5.4 A Hundred Tors in a Hundred Hours
5.5 A Circle in Alaska, 1977

6. Merkmale des Werks von Richard Long
6.1 Planung
6.2 Das Wandern im Werk von Richard Long
6.2.1 Ein Vergleich zu Hamish Fulton
6.3 Der Faktor Zeit
6.3.1 Wahrnehmung von Zeit, Strecke und Bewegung
6.4 Der Ort
6.5 Das Material
6.5.1 Stein
6.5.2 Wasser
6.6 Linien und Kreise
6.7 Innenraumarbeiten
6.7.1 Was macht Land Art im geschlossenen Raum?
6.7.2 Long im musealen Raum

7. Resümee

8. Literatur

9. Abbildungsverzeichnis

10. Abbildungsnachweis

1. Einleitung

Schon 1963 begann Richard Long seine Zeichen in abgeschiedenen Orten der Natur zu schaffen, er hat seine ganz eigene künstlerische Sprache gefunden, mit der er sich in die Land Art eingliedern lässt

Seit den Anfängen der Land Art arbeitete er mit und in der Natur und hat innerhalb dieser seinen anerkannten und ganz eigenen Platz gefunden. Was aber ist das Besondere an seiner Kunst, wodurch unterscheidet er sich von den anderen Land Art Künstlern?

Diese Arbeit soll die wichtigsten Elementen der Kunst Richard Longs darstellen. Dabei werden neben seinen Arbeiten auch Werke anderer Künstler herangezogen um durch eine kurze Gegenüberstellung die Eigenheiten und Besonderheiten von Longs Kunst herauszustellen. Auf einen umfassenden Vergleich zu Arbeiten anderer wichtiger Land Art Künstler werde ich wegen des begrenzten Rahmens dieser wissenschaftlichen Hausarbeit aber verzichten.

Folgendermaßen möchte ich vorgehen:

Zunächst will ich einen Eindruck davon geben, wie es zu der Kunstströmung, die als Land Art verstanden wird, kam und dann eine Begriffsklärung vornehmen. Zur Einordnung der Land Art sollen auch die verwandten Kunstrichtungen Minimal Art und Concept Art kurz erläutert werden. Danach soll der Künstler Richard Long in die Land Art eingeordnet werden, wobei ich einen Vergleich zu drei seiner Kollegen hinzu nehme.

Als bedeutend erscheint mir der Stellenwert der Dokumentation - insbesondere in Form der Fotografie – für das Werk Richard Longs.

Auch die Frage, wie es Long gelingt dem Betrachter eine so subjektive Erfahrung wie die einer Wanderung zu vermitteln, möchte ich klären. In einer exemplarischen Werkbeschreibung sollen die zentralen Elemente, die in der Kunst Longs eine Rolle spielen, anhand einzelner Arbeiten herausgestellt und darauf folgend in eigenen Kapiteln behandelt werden.

Als interessanten Punkt erachte ich die Funktion des Materials in Werk und Arbeitsweise von Long. „Das Medium selbst ist die Botschaft” schreibt Hoormann dazu[1]. Die ästhetische Qualität und der Eigenwert des Materials zum Beispiel sind interessante Aspekte zu diesem Thema.

Wichtig ist auch die Form, die Linie, der Kreis und andere natürliche oder geschaffene Formen, die typisch für die Land Art und im Speziellen für das Werk Richard Longs sind. Hier konzentriere ich mich auf die Linie und den Kreis als am häufigsten auftretenden Formen in seinem Werk. Aber aus welchen Beweggründen konzentriert sich Long immer wieder auf dieselben geometrischen Formen? Bleibt auch der hundertste Kreis noch interessant?

Kellein stellt fest: „Seit der ersten Ausstellung von Holzstöckchen 1967 in Frankfurt hat (…) sich [sein Werk] auch optisch kaum verändert. Stets werden Naturstoffe, die dem Künstler gefallen, auf einem Spaziergang ausgewählt und zu einem Kreis, einer Spirale, einer Linie oder einem Rechteck umgeschichtet.”[2]

Die Rolle, die der Ort und die Zeit, der Entstehungsprozess und die Vergänglichkeit in seiner Kunst spielen, wird ebenfalls erörtert werden.

Eingehen werde ich außerdem auf die in Galerien ausgestellte Land Art. Kann man letztere überhaupt noch als solche bezeichnen? Diese Frage stellt sich nicht nur aufgrund der Aussage von Hoormann, die meint, „die Werke der (Land Art) sind mit ihrem Umfeld untrennbar verschränkt (...), jeweils in die besondere Geschichte eines Platzes, eines Landstriches eingebunden.”[3]

Ich halte es für interessant, auch auf diesen Aspekt einzugehen, da sich Long als auch weitere namhafte Land Art Künstler seit ihren Anfängen an Ausstellungen in Galerien beteiligen.

Im Laufe der nächsten Kapitel, hoffe ich, diese und andere Fragen zu beantworten und ein klares Bild des Künstlers entstehen zu lassen, das seinen besonderen Beitrag zur Land Art, seine Grundinhalte und Arbeitsweisen, seine ganz eigene künstlerische Sprache offenbart.

2. Die Land Art

2.1. Anfänge und Entwicklung der Land Art

Was bedeutet Land Art? Auf jeden Fall mehr als die künstlerische Arbeit in der Natur oder mit natürlichen Materialien.

Ihre Anfänge liegen in den USA der sechziger Jahre. Nachdem der abstrakte Expressionismus etabliert und ausgereizt war, strebten die jungen Künstler nach neuen Ausdrucksformen, angeregt durch Maler wie Jackson Pollock, der in seiner Arbeitsweise „bereits die Wichtigkeit des Prozessualen betont”[4] und seiner Malerei die Dimension von Raum und Zeit hinzugefügt hatte. Auch der physische Aspekt im künstlerischen Schaffen hatte durch ihn eine eigene Wertigkeit erfahren.[5]

Es folgten Strömungen wie Environment, Performance, Minimal Art und Concept Art (vgl. Kapitel 2.1.1). Alltagsobjekte und -geräusche, Abfallmaterialien, alltägliche Erfahrungen und Handlungen wurden zu Kunst und führten zu einem grundlegend gewandelten und erweiterten Kunstbegriff.[6]

Hinzu kam der Auszug aus den Ateliers in den Freiraum der Stadt, die Aufhebung der traditionellen Kunstgattungen und die Revolte gegen den Kommerzialisierungsdruck der Kunstszene.[7] Gegen die Aufwertung industrieller Materialien und Produkte setzte die Land Art Stoffe der Natur, die weitgehend in ihrem ursprünglichen Zustand belassen wurden[8].

1968 präsentierte sie sich „mit ihren ersten Projekten in den Wüsten der USA einer Kunstöffentlichkeit”.[9] Die beiden Protagonisten der Land Art, Michael Heizer und Walter de Maria hinterließen dort auf dem Erdboden, in der Abgeschiedenheit der Mojave-Wüste, Grabungen und Zeichnungen.[10] In den Jahren darauf entstanden in derselben Region die ersten Großprojekte (Double Negative, 1969/70, Heizer; Las Vegas Piece, 1969, De Maria).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1, Michael Heizer: Double Negative, 1969

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2, Walter de Maria: Las Vegas Piece, 1969

Die Künstler „legten ihren Arbeiten Elementarformen zugrunde, mit denen sie Ordnungssysteme schufen, die an prähistorische Kulturen erinnern. Sie bezogen sich dabei teilweise auf Scharrbilder und Erdlinien in den peruanischen Wüsten.”[11]

In der elementaren Formensprache zeigt sich die Nähe der Land Art zur Minimal Art. Stärker noch scheint mir die Verwandtschaft zur Concept Art, in der „Konzept und Idee als die wichtigsten Elemente des Kunstwerkes”[12] benannt werden. Inwiefern sich Minimal Art, Concept Art und Land Art voneinander abgrenzen und wie sich Richard Longs Werk dazu verhält, werde ich im nächsten Kapitel erläutern.

Da ein großer Teil der Land Art für die Allgemeinheit bzw. den Kunstinteressenten nicht leicht oder überhaupt nicht zugänglich war und ist, dokumentierten die Künstler (wie sie das auch heute noch machen) ihre Projekte anhand von Fotos, Filmen, Videos, Landkarten und Skizzen, die sie zum Teil auch mit vor Ort gesammelten Materialien kombiniert in Museen und Galerien präsentierten.

2.1.1 Erste Ausstellungen der Land Art

Im Oktober 1968 fand eine erste Ausstellung in der New Yorker Galerie von Virginia Dawn unter dem Namen „Earthworks” statt.[13]

Ein paar Monate später, im Februar 1969, wurde von der Cornell University im Staat New York (White Museum, Ithaca) eine weitere Ausstellung mit dem Titel „Earth Art” organisiert, an der auch Richard Long mit einer Arbeit aus Schieferplatten, die er zu einem Rechteck anordnete, teil nahm.[14]

Bei einer weiteren Gemeinschaftsausstellung 1971 im Museum of Fine Arts in Boston „Earth, Air, Fire, Water: Elements of Art exhibition”, nahmen etliche Größen der Land Art wie Dennis Oppenheim, Robert Smithson und Michael Heizer teil. Long stellte dort Fotos dreier Werke von 1967 aus. (Abb. 3)

Auf erste und weitere Ausstellungen von Richard Long werde ich in Kapitel 3.1 weiter eingehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3, Richard Long: Three Works, gezeigt auf der Ausstellung Earth, Art, Fire, Water: Elements of Art, 1971

2.2 Definition von Land Art

Der Land Art liegt nicht an einer Abbildung der Natur und sie als bloße Arbeit in und mit der Natur zu beschreiben, wäre zu einfach.

Eine allgemeingültige Definition der Land Art zu finden und sie von anderen Kunstrichtungen abzugrenzen ist schwierig. „Mittlerweile wird fast jede gestaltende Kunsttätigkeit in der Landschaft als Land Art bezeichnet, selbst wenn die Arbeiten die landschaftliche Kulisse als Hintergrund im traditionellen Sinn nutzen”, so Weilacher[15].

Tiberghien bezeichnet den Begriff Land Art als „extremely vague” und meint, „it is unclear what the term covers”. Er gebraucht das Wort Land Art, weil er es für weniger spezifisch als „Earthworks” hält und auch Künstler wie Richard Long mit einschließt.[16] Die meisten Pioniere der Land Art wie etwa Michael Heizer, Robert Smithson und Dennis Oppenheim lehnten es ab ihre Arbeiten mit dem Begriff Land Art zu bezeichnen, einzige Außnahme war Walter de Maria. Tiberghien meint dazu: „The fact, that this term was chosen by De Maria is already a recommendation in itself,…”[17]

Die Werke der amerikanische Land Art, für die das Umgestalten der Natur in gewaltigen Dimensionen charakteristisch ist, werden oft als „Earthworks” bezeichnet, ein Begriff, den Robert Smithson in einem Artikel von 1967 assoziativ zur Beschreibung einer Industrielandschaft gebrauchte[18].

„Earthworks (...) heißen die Megalomalbauten und Erdzeichnungen prähistorischer Völker, aber auch Ingenieursbauten wie Wälle und Dämme werden so genannt. Diese Bezeichnung haben in den USA sowohl Kunstkritiker als auch Künstler übernommen.”[19] Daneben ist auch der Begriff „Earth Art” gebräuchlich. Weitere Bezeichnungen wie Waterworks, Skyworks, Thinkworks, Nihilworks, Archiworks haben sich nicht durchgesetzt.[20]

Es gibt also unterschiedliche Auffassungen der Einordnung und Benennung dieser Kunstrichtung, in der – das ist unumstritten - die Landschaft zum wesentlichen Bestandteil des Kunstwerkes wird.

Allgemein wird zumeist von Land Art gesprochen, ob es sich um die amerikanischen „Earthworks” oder europäische Varianten handelt. Auch die sogenannte Natur-Kunst, eine „ökologisch orientierte Kunst, die hauptsächlich mit Naturmaterialien arbeitet und im Zusammenhang mit dem steigenden Ökologiebewusstsein in den frühen siebziger Jahren in Europa entstand”[21], in England als „Environmental Art” bezeichnet, fällt unter den allgemeinen Begriff der Land Art.

Tiberghien definiert: „Land Art (...) is distinguished by its lack of interest in (and even an extreme distrust of) technology”[22]. Er bezieht dies wohl weniger auf die Arbeitsweise als auf den Augenmerk des Betrachters, der weg von der Technologie, von den Maschinen, aus der Großstadt heraus zurück in die Natur gelenkt werden soll. Ferner führt Tiberghien folgende Punkte als charakterisierend für alle Land Art Künstler auf:

die Suche nach neuen Formen, neuen Modellen und neuen Konzepten[23] und „the interest in the experience in situ”[24].

Für ihn zählen nur jene zu den wirklichen „Land Art ´sculptors´, who themselves are neither botanists, nor doctors, nor agricultural engineers, as the famous gardeners and topiary artists of past centuries had been.”[25]

Im Lexikon „Kunst und Künstler im 20. Jahrhundert” heißt es, die Land Art „versucht durch Aktionen und Eingriffe Naturerfahrungen zu vermitteln, um ein ökologisches, kulturelles oder soziales Umweltbewusstsein zu wecken.”[26]

In ihrem Ursprung ist Land Art aber weder eine Bewegung noch eine Schule, es gibt weder Führer noch Manifeste. Sie ist das Ergebnis der Ideen verschiedener Künstler derselben intellektuellen Generation, deren Wege sich kreuzten und deren erste Ausstellungen Ende der 60er Jahre stattfanden.[27]

2.2.1 Minimal Art und Concept Art

Die Land Art ist sowohl durch Minimal Art als auch Concept Art beeinflusst. Alle drei Strömungen entstanden in den sechziger Jahren und werden immer wieder miteinander in Beziehung gesetzt. Aus diesem Grund möchte ich im Folgenden eine kurze Einordnung der Land Art in Verbindung von Minimal Art und Concept Art vornehmen.

Wie mir scheint, gibt es auch für diese beiden Kunstströmungen keine allgemeingültige Begriffsbestimmung und auch die Zuordnung der Künstler ist nicht immer eindeutig, wie am Beispiel von Robert Morris, der sowohl zu Minimal Art als auch zu Land Art zählt.

In DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst heißt es „als Minimal Art (...) wird ein Typ abstrakter, vor allem dreidimensionaler Objekte bezeichnet.” Kennzeichnend sind „das reduzierte geometrische Formvokabular und die häufige Verwendung vorfabrizierter Elemente bis hin zur Mechanisierung des gesamten Herstellungsprozesses.”[28]

Der Amerikaner Carl Andre, gilt als herausragender Vertreter der Minimal Art.[29] Typisch für sein Werk sind Bodenskulpturen wie z.B. 32 Bar Figures on Ancient (1969) (Abb. 4), die aus immer gleichgroßen Einheiten bestehen und als Spiel mit Sequenzen und verschiedensten mathematischen Kombinationen verstanden werden können[30]. Wie bei Long auch, sind seine Objekte eine Konzentration auf Form und Raum, haben aber doch eine ganz andere Intention, die Lucie-Smith folgendermaßen formuliert: „Andre gives visible form to mathematical pattern” und „in Longs case, the work is an evocation of the spirit of place.”[31]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4, Carl Andre, 32 Bar Figures on Ancient Metals, 1988

Gegen die industriell gefertigten Materialien der Minimal Art setzte die Land Art die Stoffe der Natur. Long interessiert sich für unbehandelte Naturmaterialien, die – wie Lucie-Smith sagt - den Geist des Ortes mit sich bringen, ganz gleich ob die Skulpturen im Freien oder in Innenräumen entstehen. In der Formensprache, der Reduktion auf einfache geometrische Formen, sehe ich die größte Gemeinsamkeit der beiden Strömungen.

Die Concept Art „bezeichnet eine Kunstrichtung, die Ideenskizzen und Konzepte einem fertig ausgeführten Kunstwerk vorzieht.”[32] Als Vorläufer gilt Duchamp, der sich mit seinen ´Ready Mades´ von der bis dahin üblichen Art und Weise der bildnerischen Darstellung löste.[33] Die Concept Art Künstler in den sechziger Jahren gingen noch weiter und verzichteten ganz auf eine materielle Umsetzung. Sie bestimmten die Idee alleine als das künstlerische Werk. Der Betrachter sollte zum Nachdenken angeregt werden und durch seine Reflexion das Kunstwerk vervollständigen.[34] Ein prägnantes Beispiel für diese Kunstauffassung ist Joseph Kosuths[35] One and Three Chairs von 1965 (Abb. 4), eine „Begriffsdemonstration, (...) beispielhaft an unterschiedlichsten Gegenständen in der Gegenüberstellung von Begriff und sinnlichem Gegensatz vor[ge]führt.”[36]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4, Joseph Kosuth: One and Three Chairs, 1965

Richard Longs Nähe zur Concept Art zeigt sich beispielsweise an der frühen Arbeit A Line Made by Walking (Abb. 13): Die Existenz der Linie ist von fast immaterieller Art, sie ist eine Skizze des Auf- und Abgehens - der Idee die dahinter steckt.

Longs ´Geh-Arbeiten´ und Wanderungen, die für den Betrachter nicht zu sehen, aufgrund der Dokumentationen aber gedanklich nachvollziehbar sind, haben meiner Meinung nach einen sehr konzeptuellen Charakter. Dabei sind insbesondere die Wort-Arbeiten oder Landkarten hervorzuheben. Richard Long äußert sich, angesprochen auf seine Rolle in der Concept Art, eher zurückhaltend. Er sagt: „Yes, around ´66,´67 though I wasn´t really aware of the term ´conceptual art´.[37]

3. Richard Long

3.1 Herkunft und künstlerisches Umfeld

Richard Long wurde 1945 in Bristol geboren und lebt und arbeitet (unter anderem) auch heute noch dort. Während der Ausbildung besuchte er 1962-1965 in Bristol das West of England College of Art und 1966-1968 die St. Martin´s School of Art in London.[38]

In einem Interview mit William Furlong erzählte Long, dass er sich während seiner Zeit an der St. Martin´s School sehr für Vorlesungen von John Cage, in denen es um Zufall, Zeit und Humor ging, interessierte.[39]

Sowohl Zufall als auch Zeit spielen in seinen Werken eine offensichtliche Rolle: Material und Form sind vom Ort und dessen Eigenheiten abhängig, die Lebensdauer seiner (Außen-) Arbeiten unterliegt dem Lauf der Zeit.

Insgesamt prägte ihn das Umfeld der 60er Jahre und die Ideen dieser Zeit, wie sie beispielsweise in der Concept Art zum Ausdruck kamen. Er strebte wie viele andere Künstler seiner Generation „nach einer Erneuerung der Kunst durch die Hinwendung zur Natur und Landschaft.”[40]

Als er nach dreijähriger Studienzeit in Bristol 1966 nach London kam, hatte er bereits eine eigene künstlerische Sprache entwickelt, „a certain artistic formation, even a certain ´style´”, so Fuchs[41].

Noch in Bristol entstand 1966 Turf Circle (Abb. 5). Für diese Arbeit im Garten seiner Eltern, die wie ein Abdruck im Boden aussieht, löste Long ein kreisrundes Rasenstück vorsichtig vom Boden und segmentierte die verbleibende Kreisfläche anschließend wie ein Speichenrad. In einer anderen Arbeit von 1965 (Abb. 6) füllte er Vertiefungen in einer Wiese mit Gips aus.[42]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5, Richard Long: Turf Circle, England 1966

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Abbildung 6, Richard Long: A Sculptor in Bristol, 1956

Beides sind Werke eines jungen Künstlers, der sich mit der Verwendung von Material und der Idee von negativem Raum („the idea of negative space”) auseinander setzte.[43] Erstaunlich ist, wie nahe Long damals schon dem kam, was später seine künstlerische Sprache, sein Stil werden sollte. Sowohl die Konzentration auf einfache Formen als auch andere wichtige Elemente seiner Arbeit wie der vorsichtige Umgang mit dem Material, Vergänglichkeit und das Einbeziehen der landschaftlichen Eigenarten bestehen schon in seinen ganz frühen Arbeiten.

Bereits während des Studiums in der St. Martin´s School in London, die damals für „New Sculpture” aus geschweißtem und bemaltem Metall bekannt war, bezog Long den Boden in seine künstlerischen Arbeiten mit ein und nutzte das Flachdach der Schule in Verbindung mit einfachen Materialien wie Sand oder Wasser.[44] Marie Lauber meint, seine Kunst sei unter anderem „als Gegenreaktion zu seinem Lehrer Anthony Caro zu sehen.”[45], der damals zusammen mit Phillip King einer der bekanntesten Lehrer der St.Martin´s School war.[46] Beardsley bezeichnet die St. Martin´s school als „testing ground for advanced art in Britain.”[47]

In dieser Zeit, 1967, entstand außerdem die in ihrer Einfachheit eindrucksvolle Skulptur A Line Made by Walking, die laut Fuchs für die Kunstgeschichte eine ähnliche Bedeutung wie Malewitschs Schwarzes Quadrat (1913) hat. Er äußert sich dazu folgendermaßen:

„The Black Square slapped the face of history, in order to wake it up. I believe Richard Long´s Line Made by Walking to be a work of equal importance. Like the Black Square it is a work with almost no formal characteristics, using the simplest form, the line.”[48]

Weiterhin beide Werke vergleichend, meint Fuchs über die Linie: „It irrevocably cleared the air, just as the Black Square had once done, by suddenly, unaccountably, being there.”[49] In Kapitel 5.2 werde ich A Line Made by Walking noch ausführlich betrachten.

3.1.1 Erste Ausstellungen

Um einen Eindruck von Richard Longs Rolle in der zeitgenössischen Kunst zu gewinnen, werde ich im Folgenden ein paar seiner ersten Ausstellungen nennen. Am 9. September 1967 nahm er in der Galerie Dorothea Loehr in Frankfurt an einer Gruppenausstellung (Titel: 19:45-21:55) teil, bei der neben anderen Jan Dibbets und Barry Flanagan beteiligt waren.

1969,1970 und 1971 beteiligte er sich an Ausstellungen in New York (u.a. Dickson White Museum of Art, Solomon R. Guggenheim Museum, Museum of Modern Art), Amsterdam (Stedelijk Museum), Bern (Kunsthalle), Düsseldorf (Fernsehgalerie Gerry Schum) und Chicago (Museum of Contemporary Art). 1972 nahm er an der documenta 5 in Kassel teil.

Seine erste Einzelausstellung hatte Richard Long schon 1968 in der Galerie Konrad Fischer in Düsseldorf.[50] Weitere Einzelausstellungen folgten direkt 1969 in New York (Gibson Galerie), Düsseldorf (Galerie Konrad Fischer), Krefeld (Museum Haus Lange), Paris (Galerie Yvon Lambert) und Mailand (Galerie Lambert).

Die Liste könnte noch lange weitergeführt werden. Die hier aufgezählten Ausstellungen der ersten Jahre sollen jedoch nur aufzeigen, dass sich Long offensichtlich in ganz kurzer Zeit nicht nur in England einen hohen Bekanntheitsgrad erworben hat.

Bis heute hat er zahlreiche Ausstellungen überall in der Welt.[51] Seine jüngste Ausstellung fand meines Wissens 2003 in einer Galerie in Rom statt.[52]

3.2 Richard Long innerhalb der Land Art

Richard Long arbeitet seit den sechziger Jahren in und mit der Natur und deren Materialien. Im Allgemeinen wird er der Land Art seit ihrer Geburtsstunde, die auf das Jahr 1967 datiert wird, zugeordnet.[53]

Bekannt wurde er durch seine Wanderungen in England, Irland, im Himalaja, in der Sahara und anderen Teilen der Welt, sowie durch die während dieser Wanderungen entstandenen Skulpturen, zu denen er vor Ort vorgefundene Materialien benutzt.

Allerdings ist eine Einordnung seiner Kunst nicht immer ganz eindeutig zu treffen.

Long selbst wendet sich Anfang der 1970er Jahre von den amerikanischen Künstlern ab und lehnt jegliche Angliederung an die Land Art ab, ebenso wie sein Kollege Hamish Fulton.[54] In einem Interview mit William Furlong erzählt Long, ihm sei bewusst gewesen,

„...that my early work was contemporary with so-called American ´land art´. That was about claiming the land on a monumental scale, it was all about using heavy machinery, the ownership of land (...). But I had a completely different philosophy. Now, on the one hand you have those artists who make monuments in the landscape and then on the other you have the very politically correct idea that one should not do anything in the landscape except leave footprints and take photographs, do nothing but record it. But I think that my work occupies a really fertile territory between those two extremes.”[55]

Weiter sagt er, dass er sich auch heute eher der Kunst völlig fremder Kulturen als der modernen Kunst nahe fühlt. Als Beispiel nennt er die Sandzeichnungen der in Nord-Amerika lebenden Navajos[56]: an Zeremonien gebundene symbolische Bilder, die auf einen hellsandigen Boden „gemalt” werden und von den Navajo-Indianern nach Abschluss der Zeremonie wieder zerstreut werden.[57]

Richard Longs Projekte sind keine Umgestaltung der Landschaft mit Hilfe schwerer Maschinen, sondern, wie es Müller ausdrückt, „es ist vor allem dieser zurückhaltende und vorsichtige Umgang mit der Natur, der Longs Konzept von denen der Künstler der amerikanischen Land Art (...) trennt.”[58]

Tiberghien meint, Long zeige einen beinahe religiösen Respekt vor der Erde.[59] Weilacher nennt Richard Longs Arbeiten „eine Art Gegenströmung zu den amerikanischen Earthworks”[60] und zählt ihn zur Natur-Kunst und im Besonderen zu den Künstlern der „Individuellen Mythologie”, deren Werke sich durch ihre „vollkommen offene Form und einmalige Identität des Künstlers” auszeichnen und sich „einer pauschalisierenden Typisierung” gänzlich entziehen.[61]

Lucie-Smith wiederum bezeichnet Long als „British environmental, Conceptual and site-specific sculptor”.[62]

Im Unterschied zu den Konzeptkünstlern jedoch, „die das Werk durch die reine Idee ersetzten”[63] realisiert er jedes Werk körperlich, sei es das Wandern oder das Zusammentragen eines Steinkreises.

Wichtige Aspekte seiner Kunst zeigt besonders eindrucksvoll schon die frühe Arbeit A Line Made by Walking (Abb. 13), in der „der bewusste Verzicht auf das dauerhafte Kunstwerk und das direkte Einbringen der eigenen Person in die Kunst”[64] grundlegende Elemente sind. Beides gehört, wie Müller einordnend bemerkt, zu den „zentral ästhetischen Überlegungen der ausgehenden 60er und 70er Jahre.”[65] Seymour nennt „die Rückkehr zu Grundprinzipien, die Neubewertung der Ausdrucksmittel und Zielsetzung von Kunst, die sich in Longs Werken spiegeln” den „Teil einer breiteren Strömung, die in den sechziger Jahren eine neue Bedeutung gewann”[66]. Teil dieser von Seymour genannten Strömungen sind Minimal Art und Concept Art, die in Kapitel 2.2.1 bereits erläutert wurden.

Trotz verschiedener Ansätze bezüglich einer Einordnung des Werks von Richard Longs und dessen eigener Vorbehalte, seine Arbeiten als der Land Art zugehörig zu sehen, möchte ich mich im Folgenden u.a. Hoormann anschließen, die die Wanderungen des Briten als eine europäische Variante der Land Art bezeichnet.[67] In Kapitel 2.2 wurde bereits erwähnt, wie umfassend der Begriff Land Art sein kann, der eben nicht nur die amerikanischen „Earthworks” sondern auch Arbeiten in bescheideneren Ausmaßen wie sie Long und beispielsweise auch Hamish Fulton oder Andy Goldsworthy zeigen, mit einschließt.

[...]


[1] Hoormann, Anne: Land Art. Kunstprojekte zwischen Landschaft und öffentlichem Raum, Berlin 1996, S. 17

[2] Kellein, Thomas: Land Art – ein Vorbericht zur Deutung der Erde in: Ausstellungskatalog Museum Ludwig, Köln, Sigrid Gohr, Rafael Jablonka (Hg): Europa/Amerika. Die Geschichte einer künstlerischen Faszination seit 1940. 6.September- 30.November 1986, S.287

[3] Hoormann 1996, S.28

[4] Werkner, Patrick: Land Art USA. Von den Ursprüngen zu den Großraumprojekten in der Wüste, München 1992, S.29

[5] ebenda

[6] ebenda S.30

[7] ebenda S.35/36

[8] Hoormann 1996, S.10

[9] ebenda

[10] Hoorman, Anne: Land Art in: Budin, Hubertus (Hg.): DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, Köln 2002, S.202

[11] Hoormann 2002, S. 205

[12] Prestel Lexikon, Kunst und Künstler im 20.Jahrhundert, München 1999 S.83

[13] Tiberghien, Gilles A.: Land Art, Paris 1995, S.13

[14] Werkner 1992, S.48

[15] Weilacher, Udo: Zwischen Landschaftsarchitektur und Land Art, Basel 1999, S.11

[16] Tiberghien 1995, S.13

[17] Tiberghien 1995, S.13

[18] Werkner 1992, S.47

[19] Hoormann 1996, S.14

[20] Werkner 1992, S.13

[21] Weilacher 1999, S.11

[22] Tiberghien 1995, S.14

[23] ebenda S. 16

[24] ebenda S. 14

[25] Tiberghien 1995, S. 14

[26] Prestel Lexikon 1999, S.198

[27] Tiberghien 1995, S. 14

[28] Budin, Hubertus (Hg.): DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, Köln 2002, S.210

[29] Prestel Lexikon 1999 S.17

[30] Lucie-Smith, Edward: Artoday, London 1995 , S.81

[31] ebenda, S.114

[32] Prestel Lexikon 1999, S.83

[33] Schnell, Ralf (Hg): Metzler-Lexikon Kultur der Gegenwart: Themen und Theorien, Formen und Institutionen seit 1945, Stuttgart, Weimar 2000, S.259

[34] vgl. Metzler Lexikon 2000 S.259 und Prestel Lexikon 1999 S.83

[35] Prestel Lexikon 1999 S.83

[36] Hoormann 1996, S.22

[37] Gooding, Mel; Furlong, William: Song of the Earth. European Artists and the Landscape, London 2002, S.127

[38] Online im Internet: URL: http://www.richardlong.org/biography.html [13.08.2004]

[39] Richard Long im Interview mit William Furlong, in: Gooding, Mel; Furlong, William: Song of the Earth, 2002, S.125

[40] Prestel Lexikon 1999, S.209

[41] Fuchs, R.H.: Richard Long, Exhibition 86/8, Catalogue Number 86-50222, London 1986, S.44

[42] Wedewer, Susanne: Richard Long, in: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, München 1992, S.3 und Fuchs 1986, S.44

[43] Fuchs 1986, S.44

[44] Fuchs 1986, S.44

[45] Lauber, Maria: In search for a place where snow never melts, Dissertation, Donaueschingen 1995, S.195

[46] Fuchs 1986, S.44

[47] Beardsley, John: Earthworks and Beyond. Contemporary Art in the Landscape, New York 1984, S.41

[48] Fuchs 1986, S.45

[49] ebenda S.46

[50] Online im Internet: URL: http://www.richardlong.org/biography.html [13.08.2004]

[51] Wedewer, Susanne, S.4

[52] Online im Internet: URL: http://www.richardlong.org/biography.html [13.08.2004]l

[53] Kellein, 1986, S.400

[54] Tiberghien 1995, S.16

[55] Richard Long im Interview mit William Furlong, in: Gooding, Mel; Furlong, William: Song of the Earth, 2002, S.128

[56] ebenda S.127

[57] Online im Internet: URL: http//:www.gabriele-fladda.de/initiation/westen/erdewesten/erdewesten3. html [25.7.2004]

[58] Müller, Maria, in: Richard Long, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 5.3.-24.4.1994, S.2

[59] Tiberghien 1995, S.16

[60] Weilacher 1999, S.16

[61] Weilacher 1999, S.12

[62] Lucie-Smith1995, S.490

[63] Müller.1994, S.3

[64] ebenda

[65] ebenda

[66] Seymour, Anne, in: Brades, Susan F. (Hg.): Richard Long: In Kreisen gehen, deutsche Ausgabe, Stuttgart 1994, S.12

[67] Hoormann 2002, S. 206

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Details

Titel
Richard Long und sein Beitrag zur ´Land Art´
Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
83
Katalognummer
V41004
ISBN (eBook)
9783638393683
Dateigröße
10470 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschreibt den Begriff Land Art sowie die Herkunft dieser Kunstrichtung (USA), auf die wichtigsten Strömungen und Künstler rund um die Land Art wird eingegangen. Im Speziellen beschäftigt sich diese Arbeit mit dem Werk des Briten Richard Long. Durch Werkananlysen, Merkmalsbegriffe (Planung, Zeit, Ort, Wandern, Material, Linien und Kreise) entsteht ein verständliches Bild Longs, der als europäischer Vertreter der Land Art angesehen werden kann. Viele Abbildungen.
Schlagworte
Richard, Long, Beitrag, Art´
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Christine Posch (Autor), 2004, Richard Long und sein Beitrag zur ´Land Art´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41004

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Titel: Richard Long und sein Beitrag zur ´Land Art´



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