Das Konzept der Propaganda erscheint uns heute fremd und wie ein Relikt aus alten Tagen. Früher noch ganz offen unter dem Terminus Propaganda praktiziert und ebenso erforscht, versteckt sich der gleiche Inhalt in den westlichen Ländern seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hinter wohlklingenderen Namen wie zum Beispiel Werbung oder Wahlkampf. Gleich geblieben ist jedoch sowohl die Hoffnung der Produzenten auf als auch die Furcht der Rezipienten vor einer Allmacht der Propaganda.
Übertragen auf den Nationalsozialismus stellt sich hierbei die Frage, wie groß die Wirkung der NS- Propaganda tatsächlich war und in welchem Maße sie der NSDAP zum Aufstieg verholfen hat. Bestand die Propaganda der Nationalsozialisten tatsächlich, wie Stanislaw Jerzy Lec es ausdrückt, aus Worten, „die so leer sind, dass man ganze Völker darin gefangen halten kann”, oder ist die Wirkung der NS- Propaganda eher dem „Legendenschatz der Geschichte” (Paul 1990: 261) zuzuordnen?
Diese Arbeit beleuchtet die Propagandaleistungen der Nationalsozialisten vor ihrer Regierungsübernahme von verschiedenen theoretischen Blickwinkeln aus untersucht, welche Rolle die Propaganda bei den Wahlerfolgen der NSDAP spielte. Unter Propaganda möchte ich hierbei nach Gerhard Paul die „Gesamtheit der Mittel und Methoden der planmäßigen Verbreitung politischer Meinungen und Ideen mit dem Ziel der Gewinnung und Mobilisierung von Volksmassen” subsumieren (1990: 18), also prinzipiell alle direkten und indirekten Wahlkampfmethoden der NSDAP. Aus forschungsimmanenten Gründen liegt der Schwerpunkt sowohl meiner Arbeit als auch der ausgewählten Literatur auf öffentlich sichtbaren Manifestationen der Propaganda wie z.B. Großveranstaltungen und Wahlkampfplakaten.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Zu den theoretischen Grundlagen der Propagandawirkung
1.1 Die Propagandatheorie Elluls
1.2 Das Hovlandsche Wirkungsmodell
1.3 Das rationalistische Modell
1.4 Der „Uses- and Gratifications- Approach“
2. Zur Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda
2.1 Die nationalsozialistische Auffassung
2.2 Die Verführungstheorie
2.3 Propagandawirkung als Mythos
2.4 Theorien der konditionalen Propagandawirkung
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der nationalsozialistischen Propaganda auf den Aufstieg der NSDAP vor der Regierungsübernahme. Dabei wird der Forschungsfrage nachgegangen, inwieweit die Propaganda tatsächlich eine allmächtige Wirkung auf die Wähler hatte oder ob ihr Erfolg eher in der Interaktion mit bestehenden gesellschaftlichen Einstellungen begründet lag.
- Theoretische Grundlagen der Propagandaforschung
- Analyse der nationalsozialistischen Selbstauffassung von Propaganda
- Kritische Auseinandersetzung mit der klassischen „Verführungstheorie“
- Untersuchung der These vom „Propagandamythos“
- Diskussion neuerer Ansätze zur konditionalen Propagandawirkung
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Verführungstheorie
Von der direkten Nachkriegszeit bis in die 80er Jahre hinein dominierte in der Forschung eine Position, die heute etwas abwertend als „Verführungstheorie“ bezeichnet wird. Diese Theorie stützend wurden zahlreiche Untersuchungen durchgeführt, die größtenteils mit Hilfe historisch- deskriptiver Methoden vorgehen: So zeigt Faris in seiner Studie von 1975 zum Teil die Wirkung von Propaganda auf, wegen der Begrenztheit der von ihm verwendeten Einzelfallanalyse bleibt er jedoch schlussendlich bei puren Spekulationen stehen (vgl. Ohr 1997: 22 f). Bräuche zeigt 1982, dass die NSDAP in Bezirken mit parteieigenen Ortsgruppen größere Wahlerfolge erzielen konnte. Er kann aber keine Aussage über die Stärke der Beziehung treffen oder eine Kausalität seiner Aussagen beweisen (vgl. Ohr 1997: 23 f).
In seinem Werk Nationalsozialistische Propaganda und Weimarer Wahlen stellt Ohr eine zweite Gruppe von Untersuchungen vor, die mit Hilfe von statistischen Korrelationsanalysen arbeiten. Schon aus dem Jahr 1931 stammt hier eine Studie des Hessischen Landesstatistischen Amtes, die den Zusammenhang zwischen der Anzahl politischer Versammlungen in einer Gemeinde und dem Wahlerfolg der jeweiligen Partei untersucht. Dabei besteht ein enger positiver Zusammenhang bei der NSDAP (+0,91). Auch bei den anderen Parteien zeigen sich aber ähnliche Ergebnisse (vgl. Ohr 1997: 25 ff). Wernette arbeitet 1974 mit einer multivarianten Analyse, seine Ergebnisse basieren jedoch auf zeitgenössischen und regional verzerrten Zeitungsberichten und sind somit unzuverlässig.
In den meisten Werken aus dieser Zeit jedoch wird die Wirkung der Propaganda als gegeben vorausgesetzt und keiner weiteren Untersuchung und Überprüfung unterzogen. Als Beispiel mag hier der Aufsatz „Konjunkturen der NS- Bewegung: Eine Untersuchung der Veranstaltungsaktivitäten der Münchner NSDAP, 1925 – 1930“ fungieren, in dem die Autoren versuchen, die Auf- und Abbewegungen der NSDAP in München über deren framing- Maßnahmen, d.h. die Veränderung von Ziel und Inhalt der Propaganda, zu erklären. In diesem Hinblick berücksichtigen sie ein interaktiviertes Verhältnis zwischen Produzenten und Rezipienten der Propaganda. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass die Propaganda der NSDAP der Partei einen „eindrucksvollen Erfolg“ bescherte.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung zur Wirksamkeit der NS-Propaganda ein und skizziert den methodischen Ansatz, die Thematik aus verschiedenen theoretischen Blickwinkeln zu beleuchten.
1. Zu den theoretischen Grundlagen der Propagandawirkung: Es werden grundlegende Modelle der Propagandaforschung vorgestellt, darunter die Theorien von Ellul, Hovland sowie der „Uses- and Gratifications- Approach“.
2. Zur Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda: Dieses Kapitel vergleicht die nationalsozialistische Selbstsicht, die klassische Verführungstheorie, die These vom Propagandamythos und die neuere Forschung der konditionalen Propagandawirkung.
3. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass der Propaganda im Zuge des NSDAP-Aufstiegs primär die Funktion zukam, den Bekanntheitsgrad zu erhöhen und ein schlagkräftiges Image zu erzeugen, anstatt eine direkte Einstellungsänderung zu erzwingen.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, NSDAP, Propaganda, Propagandawirkung, Verführungstheorie, Propagandamythos, konditionale Propagandawirkung, Wählerverhalten, politische Kommunikation, Propagandaorganisation, Weimarer Republik, Massenmedien, Mobilisierung, Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den Einfluss der NS-Propaganda auf den Aufstieg der NSDAP vor 1933 und hinterfragt kritisch deren tatsächliche Wirksamkeit auf die Bevölkerung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die theoretischen Modelle der Propagandaforschung sowie die historische Auseinandersetzung mit der Wirksamkeit der nationalsozialistischen Propaganda.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, ob die Propaganda der Nationalsozialisten tatsächlich für den Wahlerfolg verantwortlich war oder ob andere Faktoren eine größere Rolle spielten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Literaturanalyse durchgeführt, bei der verschiedene theoretische Strömungen und empirische Untersuchungen zur Propagandawirkung verglichen und diskutiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung theoretischer Grundlagen sowie die Diskussion verschiedener Forschungspositionen zur NS-Propaganda von der Nachkriegszeit bis zur neueren Forschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Propaganda, NSDAP, Verführungstheorie, Mythos und konditionale Propagandawirkung.
Warum wird die „Verführungstheorie“ heute kritisch gesehen?
Sie gilt als methodisch unsicher und wird oft als Instrument der Selbstentlastung der Nachkriegsgesellschaft gedeutet, da sie die Bevölkerung als willenlose Objekte der Propaganda darstellt.
Welches Ergebnis führt die Theorie der „konditionalen Propagandawirkung“ an?
Diese Theorie besagt, dass Propaganda nur dann wirksam war, wenn sie auf bereits bestehende ideologische Einstellungen in bestimmten Bevölkerungsgruppen traf.
- Quote paper
- Marion Klotz (Author), 2005, Der Einfluss der nationalsozialistischen Propaganda auf den Aufstieg der NSDAP, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41048