Ehen in Philippsburg ist der Debütroman Martin Walsers. Trotz der vielen guten Kritiken verschwindet der Roman recht bald wieder aus den Köpfen der Menschen, obwohl das Werk eine Thematik anspricht, die sowohl damals als auch heute auf die Gesellschaft anwendbar ist: der Mann in einer oberflächlichen, homophoben Gesellschaft, in der Betrug und Lügen gegenüber der Ehefrau an der Tagesordnung stehen, man aber nicht auf die Tradition des Familienlebens verzichten möchte.
Das Werk zeigt unter anderem drei scheinbar grundverschiedene Männer, die unterschiedliche Situationen durchleben. Hinter der Fassade des starken Mannes und der perfekten Gemeinschaft, erkennt man eine Gesellschaft, die die Männer formt und aus ihnen ein ‚Ein-Mann-Theater‘ macht. Das Erstaunliche an diesem Werk ist das Zeitgemäße, denn unsere Gesellschaft ist, wie sie hier beschrieben wird, oberflächlich. Jeder versucht krampfhaft individuell zu sein, unterscheidet sich in seiner Individualität aber nicht von den anderen vermeintlichen Individuen.
Auch die Thematik des Egoismus‘ und der stetigen Krise, die wie eine Gewitterwolke über einem schwebt, ist sehr zeitgemäß, da sich jeder auf sich selbst konzentriert und sich weiterbringen will ohne Rücksicht auf Verluste. Die Thematik des Betrugs und der Unfähigkeit zu lieben beziehungsweise monogam zu sein, ist nun aktueller denn je. ‚Generation Beziehungsunfähig‘ nennt Michael Nast die jetzige Generation und genau diese Unfähigkeit thematisierte Walser schon 1957. Das Vergessen des Werkes erklärt Walser in einem Interview mit den Worten: „Ein Buch kann auf seine Leser warten.“(Illies, 2008). Nun hat Ehen in Philippsburg lange genug gewartet, denn niemals war dieses Buch zeitgemäßer als jetzt. Nicht nur die Oberflächlichkeit, die scheinbare Emotionslosigkeit, sondern auch der schwache Mann, der sich hinter seinem Bart und seiner Attitüde des starken Mannes versteckt, sind adäquate Themen des 21. Jahrhunderts. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Männlichkeit in der Theorie
2.1 Männlichkeit(en): eine erste Definition
2.2 Männlichkeit aus soziologischer Perspektive
2.3 Männlichkeit aus literaturwissenschaftlicher Perspektive
2.4 Die Krise der Männlichkeit
2.5 Das Männerbild der 1950er
2.5.1 Der schwache Mann
2.5.2 Der starke Mann
3. Analyse
3.1 Hans Beumann
3.2 Dr. Alf Benrath
3.3 Dr. Alexander Alwin
3.4 Harry Büsgen und Claude
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Männerbild der 1950er Jahre in Martin Walsers Debütroman "Ehen in Philippsburg", indem sie hegemoniale Männlichkeitsvorstellungen, die Krise der Männlichkeit und deren Auswirkung auf das soziale Handeln der männlichen Protagonisten analysiert.
- Analyse der hegemonialen Männlichkeit nach Connell.
- Untersuchung der psychologischen "Krise des Mannes" und deren Kompensation durch Rollenspiele.
- Gegenüberstellung von als "stark" und "schwach" wahrgenommenen männlichen Identitäten.
- Dekonstruktion gesellschaftlicher Rollenbilder in der Philippsburger Oberschicht.
- Bewertung von Marginalisierung und Ausschluss innerhalb eines sozialen Gefüges.
Auszug aus dem Buch
3.1 Hans Beumann
Beumann durchlebt den ganzen Roman über einen Prozess. Er wird vorgestellt als angehender Journalist, der mit einer Empfehlung eines Professors direkt nach dem Studium auf eine Karriere in Philippsburg hofft. Vor dem Eintritt in die Philippsburger Gesellschaft ist Beumann durch und durch unsicher und fühlt sich stetig als Fremdkörper in der Gesellschaft. Er spürt eine deutliche Veränderung in sich selbst im Vergleich zu seinem vorherigen Ich auf dem Land und lebt in eine Krise, die ihn noch unsicherer und weniger zugehörig macht. In dieser Zeit trägt er den Großteil des Kampfes um den Titel des ‚Mannes‘ aus. Während des Eintritts, durch seinen Job und seine einflussreichen Bekannten fühlt er sich mächtiger und stärker. Trotz seiner immer stärker werdenden Identität als ‚Mann‘ fühlt er sich immer noch sehr unsicher und verfällt immer wieder in seine Krise. Als er dann endlich in die Gesellschaft aufgenommen wird und sogar als ‚Chevalier‘ des Sebastians zählt, verhält er sich wie die restlichen Männer der Gesellschaft, er ist nun gewaltbereit und empfindet keine Scheu vor Betrug und Lügen. Diese Veränderung nimmt auch Marga wahr, weswegen sie ihn nun bewundert und ihn mit zu sich nimmt, was Beumann anfangs verwehrt bleibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Romans als zeitgemäße Analyse einer oberflächlichen Gesellschaft und Festlegung der Analysefokus auf männliche Identitätskrisen.
2. Männlichkeit in der Theorie: Erläuterung soziologischer und literaturwissenschaftlicher Ansätze, insbesondere des Konzepts der hegemonialen Männlichkeit sowie der Krise des Mannes in den 1950er Jahren.
3. Analyse: Detaillierte Untersuchung der männlichen Figuren Hans Beumann, Dr. Alf Benrath, Dr. Alexander Alwin sowie Harry Büsgen und Claude im Hinblick auf deren Krisen und Rollenverhalten.
4. Schluss: Zusammenführung der Ergebnisse, wonach die als stark geltenden Männer ihre Schwächen durch ein Lügenkonstrukt ("Theater") kaschieren.
Schlüsselwörter
Männlichkeit, Hegemoniale Männlichkeit, Martin Walser, Ehen in Philippsburg, Identitätskrise, Männerbild der 1950er, Rollenspiel, Schwacher Mann, Starker Mann, Sozialer Aufstieg, Gesellschaftsanalyse, Marginalisierung, Patriarchat, Literaturwissenschaft, Geschlechterrollen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit analysiert das Männerbild der 1950er Jahre in Martin Walsers Debütroman "Ehen in Philippsburg" und hinterfragt die vermeintliche Stärke der männlichen Protagonisten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die hegemoniale Männlichkeit, Identitätskrisen von Männern in der Nachkriegsgesellschaft, soziale Konformität und die Abgrenzung zum "Anderen" (Marginalisierten).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die männlichen Charaktere hinter einer Fassade von vermeintlicher Stärke ihre individuelle Unsicherheit durch soziale Rollenspiele und Gewalt kompensieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, gestützt durch soziologische Männlichkeitstheorien von Autoren wie Raewyn Connell und Walter Erhart.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Figuren Hans Beumann, Dr. Alf Benrath, Dr. Alexander Alwin sowie Harry Büsgen und Claude und untersucht deren Krisen und Bewältigungsstrategien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind hegemoniale Männlichkeit, Identitätskrise, Rollenspiel, das "Ein-Mann-Theater", Anpassung und die Dichotomie von starkem und schwachem Mann.
Wie unterscheidet sich Beumann von Benrath?
Während Beumann als Neuling einen schmerzhaften Integrationsprozess in die Gesellschaft durchläuft, verkörpert Benrath bereits die etablierte, aber durch eine tiefe Identitätskrise und Langeweile bedrohte hegemoniale Männlichkeit.
Welche Rolle spielt das "Theater" im Leben der Protagonisten?
Das Theater dient den Männern als Überlebensstrategie, um ihre innere Schwäche und Unsicherheit zu verbergen und den Erwartungen der gesellschaftlichen Rolle als "echter Mann" zu entsprechen.
Warum werden Büsgen und Claude von der Gesellschaft marginalisiert?
Sie werden marginalisiert, weil sie durch ihre Homosexualität oder ihr "weibliches" Auftreten nicht dem hegemonialen Bild des dominanten, heterosexuellen Mannes entsprechen und somit das Rollenbild der anderen Männer stören.
Welches Fazit zieht die Arbeit über die Stärke der Männer?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Männer, die sich als "stark" präsentieren, innerlich schwach sind und ihre Schwäche lediglich durch ein komplexes, lügenhaftes Rollenspiel verdecken.
- Citar trabajo
- Anonym (Autor), 2016, Die vermeintliche Stärke des schwachen Mannes. Eine Analyse des Männerbildes der 1950er anhand Martin Walsers "Ehen in Philippsburg", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/411871