Die vermeintliche Stärke des schwachen Mannes. Eine Analyse des Männerbildes der 1950er anhand Martin Walsers "Ehen in Philippsburg"


Bachelorarbeit, 2016
34 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Männlichkeit in der Theorie
2.1 Männlichkeit(en): eine erste Definition
2.2 Männlichkeit aus soziologischer Perspektive
2.3 Männlichkeit aus literaturwissenschaftlicher Perspektive
2.4 Die Krise der Männlichkeit
2.5 Das Männerbild der 1950er
2.5.1 Der schwache Mann
2.5.2 Der starke Mann

3. Analyse
3.1 Hans Beumann
3.2 Dr. Alf Benrath
3.3 Dr. Alexander Alwin
3.4 Harry Büsgen und Claude

4. Schluss

5. Bibliographie

1. Einleitung

Ehen in Philippsburg ist der Debütroman Martin Walsers. Trotz der vielen guten Kritikenverschwindet der Roman recht bald wieder aus den Köpfen der Menschen, obwohl das Werkeine Thematik anspricht, die sowohl damals als auch heute auf die Gesellschaft anwendbar ist:der Mann in einer oberflächlichen, homophoben Gesellschaft, in der Betrug und Lügengegenüber der Ehefrau an der Tagesordnung stehen, man aber nicht auf die Tradition desFamilienlebens verzichten möchte. Das Werk zeigt unter anderem drei scheinbargrundverschiedene Männer, die unterschiedliche Situationen durchleben. Hinter der Fassadedes starken Mannes und der perfekten Gemeinschaft, erkennt man eine Gesellschaft, die dieMänner formt und aus ihnen ein ‚Ein-Mann-Theater‘ macht. Das Erstaunliche an diesem Werkist das Zeitgemäße, denn unsere Gesellschaft ist, wie sie hier beschrieben wird, oberflächlich.Jeder versucht krampfhaft individuell zu sein, unterscheidet sich in seiner Individualität abernicht von den anderen vermeintlichen Individuen. Auch die Thematik des Egoismus‘ und derstetigen Krise, die wie eine Gewitterwolke über einem schwebt, ist sehr zeitgemäß, da sich jederauf sich selbst konzentriert und sich weiterbringen will ohne Rücksicht auf Verluste. DieThematik des Betrugs und der Unfähigkeit zu lieben beziehungsweise monogam zu sein, istnun aktueller denn je. ‚Generation Beziehungsunfähig‘ nennt Michael Nast die jetzigeGeneration und genau diese Unfähigkeit thematisierte Walser schon 1957. Das Vergessen desWerkes erklärt Walser in einem Interview mit den Worten: „Ein Buch kann auf seine Leserwarten.“1. Nun hat Ehen in Philippsburg lange genug gewartet, denn niemals war dieses Buchzeitgemäßer als jetzt. Nicht nur die Oberflächlichkeit, die scheinbare Emotionslosigkeit,sondern auch der schwache Mann, der sich hinter seinem Bart und seiner Attitüde des starkenMannes versteckt, sind adäquate Themen des 21. Jahrhunderts.

Basierend auf der Theorie der Männlichkeit, aufgeteilt unter der soziologischen und derliteraturwissenschaftlichen Perspektive sowie der ‚Krise der Männlichkeit‘ und demMännerbild der 1950er, analysiere ich die Figuren Hans Beumann, Dr. Alf Benrath, Dr.Alexander Alwin sowie Harry Büsgen und Claude. Hierbei gilt Beumann als der ‚Neuling‘ derGesellschaft, der den Eintritt in die Philippsburger ‚Oberschicht‘ und die Verwandlung zueinem - wie in der Gesellschaft definiert wird - ‚echten Mann‘ durchlebt. Benrath verkörpertdie hegemoniale Männlichkeit, befindet sich aber in einer Identitätskrise, die er durch eineAffäre und seine kühle Art des Redens zu überwinden versucht. Der Suizid seiner Frau stürztihn in eine andere Krise, die er nicht zu überwinden vermag und deswegen aus Philippsburgflieht. Im Kontrast dazu steht Alwin, der größtenteils als Familienmann gilt. Doch auch sein Leben wird geleitet von zwei Krisen; die eine beginnt schon während seiner Studienzeit, weswegen er sich nach Anerkennung sehnt und sie durch Affären versucht, zu überwinden. In die zweite Krise gerät er, als er einen Mann überfährt, während er versucht, Cécile zu beeindrucken. Diese Krise zieht - ähnlich wie bei Benrath - weite Kreise und Alwin denkt ebenfalls über die Flucht aus seiner jetzigen Situation nach. Zum Schluss erläutere ich die marginalisierten Männer Büsgen und Claude, die von der Gesellschaft als die ‚Halbmännchen‘ dargestellt werden und aufgrund ihrer Weiblichkeit - aber in gewisser Weise auch ihrem Einfluss beziehungsweise ihrer Vergangenheit - diskriminiert werden. Diese Sachverhalte werde ich in folgendem genauer untersuchen.

2. Männlichkeit in der Theorie

Im Folgenden werde ich auf die Männlichkeit in der Theorie eingehen. Beginnend mit einer ersten Definition des Mannes, anschließend die Männlichkeit aus soziologischer Perspektive, vor allem im Hinblick auf die hegemoniale Männlichkeit nach Connell sowie aus literarturwissenschaftlichen Perspektive bezüglich des Familienmannes nach Erhart. Danach erläutere ich die ‚Krise der Männlichkeit‘ mit ihrem Ursprung, ihrer Wirkung und die mögliche Überwindung und schließe mit dem Männerbild der 1950er, welches ich in die Kategorien des ‚schwachen Mannes‘ und des ‚starken Mannes‘ unterteile.

2.1 Männlichkeit(en): eine erste Definition

Die Men’s Studies entwickelten sich um 1980/90 aus dem feministischen Diskurs. Die Intentiondahinter war unter anderem die Notwendigkeit der Thematisierung der Emanzipation inHinblick auf die Männer, also die Überprüfung der patriarchalischen Strukturen und Haltungen.Anfangs galt die Männerforschung noch als komplementär zum feministischen Diskurs, diesewurde als die kritische Männerforschung bekannt. Sie verfolgt einen feministischen Ansatz undgeht von mehreren männlichen Gendern aus, also nicht vom Zweigeschlechtermodell. Die neueDefinition der Geschlechterrolle hängt vom Körper, wirtschaftlichen Status und der familiärenund persönlichen Beziehungen ab. Heute beschäftigt sich die kritische Männerforschung mitder Beseitigung der Abwertung der Frau und des ‚unterlegenen‘ Mannes2. Tholen erkennt dasmoderne Bild des Mannes als faschistisch an und erklärt die Männlichkeit als sozialesKonstrukt3. Vékony stützt sich eher auf die Männlichkeit als ein „variables, diskursivesKonstrukt […], das durch verschieden historische, kulturelle und gesellschaftliche Praktiken hervorgerufen und durch psychische, soziale, ökonomische und politische Faktoren geprägt wird“4.

Die Problematik der Männlichkeit liegt in der Tatsache, dass sie nicht als „natürlicher Zustandbegriffen [wird], der spontan durch biologische Reife eintritt“5. Männlichkeit gilt stattdessenals ein „unsicherer oder künstlicher Zustand“6, der von einem Jungen gegen viel Widerstanderkämpft werden muss. Männlichkeit wird ebenfalls als Herausforderung, Preis und hartenKampf und als äußerst fragwürdig7 empfunden. Hierbei lehnt sich Gilmore an Mailer an, derbetont, dass niemand als Mann geboren wird. Um ein Mann zu werden, bedarf es gut und kühnzu sein8. Doch auch Kriegel empfindet die Männlichkeit als etwas, das schon immer errungenwerden musste9. Soziologisch gesehen, eignet sich der Junge in seinen „frohen Lebensjahren“10 das männliche Verhalten an, allerdings durch „negative Abgrenzung zur Weiblichkeit und nichtanhand der Orientierung und positiven Identifikation mit männlichen Vorbildern“11. Unterechter Männlichkeit versteht man physische Stärke, also Macht und die Kontrolle von Kraftund Aggressionen, sprich Macht-Kontrolle12.

2.2 Männlichkeit aus soziologischer Perspektive

Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit entwickelt Connell 1982/83 in Australien,dahinter steckt ein Analyseinstrument zur Untersuchung von mehreren Männlichkeiten mitkomplexen Machtverhältnissen und die Herstellung männlicher Dominanz. Neu hierbei ist derBlick auf das Zusammenspiel von Geschlechternorm und der Auffassung beziehungsweiseVermittlung durch die Erziehung und Bildung (also das transportierte Geschlechterbild). Diehegemoniale Männlichkeit gilt als normgebend für das Verhalten von Männern und Frauen undgrenzt sich entschieden von Homo- oder Transsexuellen ab. Der Ausgangspunkt hierbei ist dieheterosexuelle, homophobe und patriarchische Gesellschaft, in der die Familie im Mittelpunktsteht. Allerdings will sich Connell von dem Begriff des Patriarchats abwenden und diePatriachatmacht destrukturieren, dadurch entsteht eine flexible, aber fragile Dominanzstruktur,die Hegemonie. Diese Destrukturierung geschieht auf drei Ebenen: die politischenMachtverhältnisse, die hierarchischen Arbeitsbeziehungen und die emotionalen Beziehungsverhältnisse. Nichtsdestotrotz ist die Männlichkeit an Macht gekoppelt und lebt diese gegen Frauen und andere Männer aus.13 Connell unterscheidet nach vier Arten von Männlichkeit: Zum ersten die hegemoniale Männlichkeit; diese Männer haben die Macht und leben die soziale dominante Position aus, während Nicht-Männer - also Frauen oder Transsexuelle - untergeordnet sind. Zum zweiten die Komplizenschaft; darunter wird verstanden, dass ein Kompromiss zwischen Mann und Frau unumgänglich ist, dadurch wird die Dominanz im Geschlechterverhältnis übertragen. Zum dritten die Marginalisierung; sie gilt als das Gegenteil zur Komplizenschaft, hierbei geht es vor allem um die Diskriminierung des Nicht-Mannes. Und zum vierten die Unterordnung; hierbei werden jegliche Männlichkeiten untergraben, die die hegemoniale Männlichkeit unterdrücken könnte. Auf Basis des Vorwurfs der Weiblichkeit wird der homosexuelle Mann unterdrückt.

Auch Vékony erkennt die Aktualität des Konzepts der hegemonialen Männlichkeit aufgrundder Dominanz gegenüber marginalisierten Mustern und der starken Präsenz, doch sie kritisiert,dass die „(heute erwünschte) Produktivität der Abweichung der Abweichungen und die dadurchhervorgerufene Multiplizität von Männlichkeiten Ausdruck als viel eher die Bedrohung der Männlichkeit, die weiterhin auf ein scheinbar festgeschriebenes Muster fixiert bleibt“14. Kehrenwir nun wieder auf den Aspekt der Analyse zurück, erläutert Tholen, dass die hegemonialeMännlichkeit in Hinblick auf die Beziehung zu weiblichen und männlichen Figuren sowie derProzess der Beziehung untersucht wird15. Nach Connell gilt die Verbindung von Emotionenmit Macht und Produktion als die Wiederherstellung hegemonialer Männlichkeitbeziehungsweise männlicher Herrschaft16. Daraus lassen sich zwei Perspektiven derliteraturwissenschaftlichen Analyse herauslesen: Zum einen die Suche nach„Gefühlssituationen und konkreten Gefühle[n] zur Reproduktion hegemonialer Männlichkeitin mann-männlichen und in den männlich-weiblichen Konstellationen“17. Zum anderen dieSuche „nach Spuren einer liebenden, fürsorglichen und hingebungsvollen Männlichkeit, die inder Tat einen utopischen Horizont aufrisse, der vor allem in der Literatur seinen Ort und seineRealisierung findet“18, das heißt eine Alternative zur hegemonialen Männlichkeit.

Ein weiterer Begriff, den Connell einführte, ist der der ‚Front-Männlichkeit‘. In„Zusammenhang mit einer skizzenhaften Analyse der Globalisierung von Männlichkeiten“19 wird er in die Diskussion aufgenommen. Dieses Konzept soll den neuzeitlichen Kolonialismus und der damit verbundenen Praktik der Eroberung und Besetzung als „Grunddisposition moderner Männlichkeit“20 etablieren. ‚Front-Männer‘ sind über die Maße gewaltbereit und egozentrisch individualistisch. Tholen beschreibt ihn als „aggressiv-narzisstische, sexuelllibertäre Typus hegemonialer Männlichkeit“21. Gerade in dieser „bewussten und bornierten Hybris“22 gilt diese Figur als zeitgemäß.

Zurstiege zeigt uns sieben verschieden Männertypen mit ihren Eigenschaften und einerFaktorbezeichnung auf. Diese werde ich kurz erläutern. Der ‚Alleskönner‘ zeichnet sich ausdurch seinen Sinn für Romantik, seine physische Stärke, Kompetenz, Tüchtigkeit undEinflussreichtum. Der ‚erfolgreiche Mann‘ ist eher sachlich, unromantisch, physisch schwach,aber erfolgreich. Der ‚attraktive Mann‘ glänzt mit seiner erotischen Ausstrahlung, seinerZufriedenheit, Zärtlichkeit und einfühlsamen Art, er gilt als sportlich und kompetent. Alspraktisch veranlagt und kumpelhaft gilt der ‚Praktiker‘. Der ‚Genießer‘ ist hedonistisch undwohlhabend oder hedonistisch und hat ein defizitäres Sozialverhalten. Der ‚verkannte Künstler‘ist unzufrieden, kreativ und weder erfolgreich noch erfolglos. Und zu guter Letzt der‚Familienvater‘, er ist erlebnisorientiert, kinderlieb und entweder wohlhabend oder wenigerwohlhabend, hedonistisch und nicht aggressiv23.

2.3 Männlichkeit aus literaturwissenschaftlicher Perspektive

Bleiben wir nun bei der Thematik des Familienvaters beziehungsweise ‚Familienmanns‘. Eswird angenommen, dass der Familienmann ein marginalisierter Mann ist. Von einermarginalisierten Form kann man allerdings erst dann sprechen, wenn die „Erzählung bis zumEnde keine Umkehrung des Prozesses vollziehe“24, das heißt, der Protagonist muss währendder gesamten Erzählung im Zustand der Marginalität verweilen. Der Grund derMarginalisierung liegt bei „tragische[n] genealogischen Verkettungen und intergenerationalnachwirkende[n] Verstrickungen in Herrschaft und Gewalt“25. Dies führt zu einer neuensozialen Wirklichkeit, die sich in Form von Arbeitsteilung und der Trennung zwischen demPrivaten und der Öffentlichkeit in das Leben des Mannes einbürgert. Tholen spricht davon, dassdie marginalisierte Männlichkeit das „Zusammenwirken beziehungsweise den Zusammenhang von Männlichkeitsnarration und -bild“26 meint, das heißt das Bild des Mannes passt sich in die Narration ein. Das wiederum bringt mit sich, dass die Analyse in Hinblick auf dieAngehörigkeit einer sozialen Schicht beziehungsweise. ethnischen Gruppe oder sexuellenOrientierung nicht mehr ausreicht, sondern man den Blick ebenfalls auf die narrativeEinbettung legen muss. Laut Connell ist das Bild des marginalisierten Mannes entscheidend fürdie Gesamtkonstruktion mit der hegemonialen Männlichkeit. Schlussendlich befindet sich dermarginalisierte Mann zwar im Unterdrückerverhältnis zur hegemonialen Männlichkeit,dennoch lebt er die Macht gegenüber der Frau aus. Erhart kritisiert am klischeebelastete Bilddes Mannes, dass dieser eine geheime Schwäche sowie Angst vor der Weiblichkeit habe unddie Unfähigkeit zu lieben ihn hemme27. Diese Stereotypen gehören ausgeräumt, es sei nun ander Zeit, die Männlichkeit nicht mehr nur als „komplizierte, historisch wandelbare undgesellschaftlich instabile kulturelle Konstruktion“28 zu empfinden, sondern die „verborgeneGeschichte der modernen männlichen Subjektivität […] in den Blick zu nehmen und neu zuerzählen“29. Geht man nun der männlichen Subjektivität nach, so trifft man auf die Familie,diese spielt eine neue und entscheidende Rolle am Ausgangspunkt der männlichenSubjektivität. Außerdem prägt sie nachhaltig das Verstehen, Behaupten und Konstruieren desMannes in der modernen Gesellschaft30. Erhart verweist darauf, dass die Familie ebenso wenigwie die Männlichkeit biologisch noch gesellschaftlich institutionell, sondern eine nachträglichekulturelle Erfindung ist31. Die Familie der Moderne gilt in der Theorie nunmehr als„Arrangement der arbeitsteilig organisierten Geschlechtertrennung“32. Aus derProduktionseinheit entwickelt sich das ‚ganze Haus‘ mit Individuen, die wiederum bestimmterGeschlechtercharaktere unterliegen, die natürlich, also biologisch sind33. Das Subjekt derModerne gilt somit nur noch als Mythos34. Die Thematik des Individualismus wirft eineDiskrepanz auf, da einerseits der Individualismus mit dem Herauslösen aus dem Staat, derGesellschaft und der Familie verbunden ist, andererseits aber gilt die Familie als wichtigerRahmen des Individualisierungsprozesses35. Ebenfalls bringt der Wandel der Moderne dieNotwendigkeit einer Familie und Ehe für den Vater mit sich, denn diese gilt als die „heilsame Disziplin“36, die den Mann vor „Unruhe, Erregung und Unzufriedenheit“37 schützen soll, die Frau besitzt diese Tugenden aufgrund ihres Instinktes bereits. Außerdem gibt die Frau demMann Stabilität und Ruhe, so Bachofen38. Darum gilt die Ehe und Familie als „weiblicher Ort“39 und die Frau als „Mittlerin zwischen Sexualität und Öffentlichkeit“40. Nach Juliet Mitchellgelten nicht die Männer als die „Inhaber der Macht“41, sondern die Väter. Das Konzept derFamilie durchlebt während des ersten demographischen Wandels eine Veränderung; dieTrennung von öffentlich und privat. Zwar akzeptierten beide Geschlechter die Arbeitsteilung(der Mann arbeitet; die Frau kümmert sich um Haus und Familie und vereinfacht dem Manndas Leben), doch „die männlichen und die weiblichen Lebenswelten [fallen] immer weiterauseinander, während sie vorher nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich enger aufeinanderbezogen waren“42.

Nun zeigt Tholen eine neue Form der Väter auf: die ‚neuen Väter‘. Diese Kategorie entstehtaus dem gesellschaftlichen Wandel der Väter. Er erkennt, dass die Bereitschaft Vater zu werdenin den jüngeren Generationen ansteigt und sich ebenfalls der Familie mehr zu widmen sowiesich für die neue Generation auch ganz „neue Gefühls- und Handlungslagen“43 entwickeln.Dennoch erhebt sich hier die Problematik, dass die gesellschaftliche Norm immer noch sehrstark an das traditionelle Ernährermodell gebunden ist, das heißt das Leben des Mannes ist nachwie vor „stark mit dem (außerfamiliären) Berufsleben verknüpft“44. Diese Diskrepanz versetztdie jüngeren Männer in Widersprüche und Reibungen, so Tholen. Die neuen Väter durchlebeneinen „mentalen Wandel […] gegenüber ihrer Rolle als Vater“45. Vor allem schreibende Väterstellen ihren täglichen Kampf in ihren Texten dar, zum einen die ‚neue Väterlichkeit‘ mit denneuen Aufgaben, also der „männliche[n] Fürsorge und familiäre[n] Partizipation“46, zumanderen die neue Situation, in der sie sich nun „Freiräume für ungestörtes Arbeiten verschaffen[…] müssen“47. Dieser Widerspruch ist unauflösbar, kann aber dargestellt werden.

Wie schon oben angedeutet, lässt sich Männlichkeit auch als Narration darstellen, so siehtErhart den „Ursprung der modernen Männlichkeit literarisch“48, das heißt der Ursprung bedient sich eines narrativen Modells, welches die Familie darstellt. Für den literarischen Ursprung spricht ebenfalls die Zurückführung auf „ganz bestimmte Erzählmodelle, narrative Strukturenund literarische Muster“49, die aus männlichen Attributen eine Geschichte der Männlichkeitentwerfen. Männlichkeit selbst entsteht als ein „Ensemble von Geschichten die der einzelnenMänner und die der Männlichkeit“50. Die literarische Männlichkeit ist, laut Erhart, zweigeteiltin ‚etwas Männliches‘ und ‚etwas Weibliches‘, womit wir wieder den Bezug zur hegemonialenund marginalisierten Männlichkeit hätten. Männlichkeit und Weiblichkeit werden imBewusstsein repräsentiert und gespeichert, laut Erhart51 und die männliche Identität wird in derLiteratur über die Lebensgeschichte der Figur erzählt. Außerdem sei Männlichkeit eineBewegung und ein Prozess, „sodass sich die Geschichten und Inszenierungen von Männlichkeit‚als eine Abfolge von Erzählmodellen und ‚narrativen Konfigurationen‘ darstellen‘ [Tholenzitiert nach Erhart 2001] lassen“52.

2.4 Die Krise der Männlichkeit

Unter der ‚Krise des Mannes‘ beziehungsweise die ‚Krise der Männlichkeit‘ versteht manvielerlei. Zum einen ist diese Krise „das Brüchigwerden traditioneller Vorstellungen vom‚starken‘, herrschenden Geschlecht, das sich in den vielen Formen, ‚hegemonialerMännlichkeit‘ (Connell) verkörpert“53. Aber auch das „Nicht-Funktionieren von sozialenBeziehungen“54 oder der Identitätsverlust, die Selbstverfremdung, die Rollendiffusion und dieKommunikationsstörung55 werden als ‚die Krise‘ verstanden. Doch wo liegt der Ursprungdieser Krise? Tholen zufolge, begann die Krise nach 1800 durch die Romantiker, die das„rationalistisch vereinseitige[…], männlich-bürgerliche[…] Subjektdenken“56 infrage stellen,danach gehen die „jugendlichen Rebellen“57 des Sturm und Drangs gegen „Moral, Familie undStaatsdenken“58 vor. Die Krise erhebt sich aus einer „in vielen Bereichen wirkungslosgebliebenen Kritik an der Dominanzstruktur von Männlichkeit“59 und der Kritik an derkulturellen Hegemonie. Sie bringt die „Infragestellung tradierter männlicher Rollen- undIdentitätskonzepte und folglich zur allmählichen Herausbildung von alternativen Konzeptionen“60 mit sich. Der Grund dieser Krise wird vielseitig diskutiert. Tholen sieht ihn vor allem in der „radikalen Infragestellung des Subjekts“61 und der damit verbundenen Kritikan der „phallogozentrische[n] Herrschaft“62. Allerdings sieht er aufgrund der Kritik und derdadurch ausgelösten Krise keine Auswirkung beziehungsweise Veränderung auf das Konzeptder hegemonialen Männlichkeit. Vékony wiederum nennt den Grund der Krise dieVerunsicherung der eigenen Identität durch Konfrontation63. An diese These lehnt sich auchPapierz, die von einer Identitätskrise spricht, welche auf der Infragestellung derAlleinherrschaft und der Emanzipation der Frau zurückzuführen ist. Sie spricht von der„Verschiebung der Machtpositionen innerhalb der Geschlechter und mit der unvermeidlichenErschütterung der Männlichkeit“64. Auch Erhart schließt sich diesem an und benennt die„Verunsicherung traditioneller Männlichkeit“65. Es wird sogar vom Untergang oder derAuflösung der Männlichkeit gesprochen. Rath erkennt das Aufbrechen der Struktur, in der derMann als Lehrer und die Frau als Schüler fungiert. Im Wandel der zeitgenössischen Literaturtauschen Mann und Frau die Rollen, das heißt der Mann wird zum Schüler, während die Frauzum Lehrer wird66. In Bezug auf Walsers Ehen in Philippsburg erklärt er das„selbstverständliche männliche Handeln“67 als eine Hand, die „[der Mann] unentwegtabwischen muß - ins Taschentuch, an die Hose […]“68, ein Problem, das nicht nur HansBeumann betrifft. „Die Männlichkeit scheint sich aufzulösen“69, gibt Rath zu bedenken. Dochauch Vékony nimmt die Prophezeiung des ‚Untergang des Mannes‘ (angelehnt an PilgrimsThese) als Thema auf. Aufgrund der Bewegung und des Wandels setzt man sich zwangsläufigmit der „Überwindung der Krise“70 auseinander, so Tholen. Diese Überwindung kann in zweiRichtungen geschehen: Zum einen kann sich die traditionelle Geschlechterordnungwiederherstellen, zum anderen können sich „neue[…] Geschlechtervorstellungen und -praktiken“71 erfinden und etablieren. Schlussendlich wollen sowohl Ehrhart, als auch Vékony,Tholen und Connell das traditionelle Denkmodell zertrümmern und den Mann nicht mehr nurals heterosexuelles, körperliches und militärisches Wesen sehen.

[...]


1 Illies: 2008

2 Czollek: 2009

3 Tholen: 2015

4 Vékony: 2006: S. 12

5 Gilmore: 1991: S. 11

6 Gilmore: 1991: S. 11

7 Gilmore: 1991: S. 18

8 Gilmore: 1991: S. 13

9 Gilmore: 1991: S. 14

10 Zurstiege: 1998: S. 56

11 Zurstiege: 1998: S. 56

12 Zurstiege: 1998

13 Czollek: 2009

14 Vékony: 2006: S. 19

15 Tholen: 2015

16 Tholen: 2015

17 Tholen: 2015: S. 40

18 Tholen: 2015: S. 40

19 Tholen: 2015: S. 57

20 Tholen: 2015: S. 57

21 Tholen: 2015: S. 57

22 Tholen: 2015: S. 59

23 Zurstiege: 1998: S. 160-164

24 Tholen: 2015: S. 62

25 Tholen: 2015: S. 62

26 Tholen: 2015: S. 62

27 Erhart: 2001: S. 8

28 Erhart: 2001: S. 8

29 Erhart: 2001: S. 8

30 Erhart: 2001: S. 8

31 Erhart: 2001: S. 9

32 Erhart: 2001: S. 42

33 Erhart: 2001: S. 42

34 Erhart: 2001: S. 43

35 Erhart: 2001: S. 24

36 Erhart: 2001: S. 89

37 Erhart: 2001: S. 89

38 Erhart: 2001: S. 77

39 Erhart: 2001: S. 90

40 Erhart: 2001: S. 90

41 Erhart: 2001: S. 43

42 Zurstiege: 1998: S. 63

43 Tholen: 2015: S. 72

44 Tholen: 2015: S. 72

45 Tholen: 2015: S. 75

46 Tholen: 2015: S. 72

47 Tholen: 2015: S. 72

48 Erhart: 2001: S. 10

49 Erhart: 2001: S. 10

50 Erhart: 2001: S. 10

51 Tholen: 2015

52 Tholen: 2015: S. 16

53 Tholen: 2015: S. 7

54 Tholen: 2015: S. 47

55 Vékony: 2006

56 Tholen: 2015: S. 46

57 Tholen: 2015: S. 46

58 Tholen: 2015: S. 46

59 Tholen: 2015: S. 47

60 Vékony: 2006: S. 43

61 Tholen: 2015: S. 48

62 Tholen: 2015: S. 48

63 Vékony: 2006

64 Papierz: 2006: S. 157

65 Erhart: 2001: S. 53

66 Rath: 1987

67 Rath: 1987: S. 40

68 Rath: 1987: S. 40

69 Rath: 1987: S. 40

70 Tholen: 2015: S. 46

71 Tholen: 2015: S. 46

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die vermeintliche Stärke des schwachen Mannes. Eine Analyse des Männerbildes der 1950er anhand Martin Walsers "Ehen in Philippsburg"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V411871
ISBN (eBook)
9783668630116
ISBN (Buch)
9783668630123
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stärke, mannes, eine, analyse, männerbildes, martin, walsers, ehen, philippsburg
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Die vermeintliche Stärke des schwachen Mannes. Eine Analyse des Männerbildes der 1950er anhand Martin Walsers "Ehen in Philippsburg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/411871

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