Der Faktor Mensch als Ausgangspunkt und Gegenstand des Fraud Managements


Seminararbeit, 2016
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Definition und Einordnung von Fraud
2.2 Risikomanagement
2.3 Historische Betrachtung
2.4 Fraud Triangle und Fraud Diamond

3. Hauptteil
3.1 Charakteristiken potentieller Betrüger
3.2 Präventive Maßnahmen gegen Fraud
3.2.1 Präventive Maßnahmen gegen den Täter
3.2.2 Präventive Maßnahmen gegen die Tat
3.3 Praxisexkurs: Three Lines of Defense
3.4 Kritische Betrachtung der Anwendungsfälle

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bestandteile des Gesamtrisikos nach BaFin

Abbildung 2: Risikomanagement-Prozess

Abbildung 3: Fraud Triangle

Abbildung 4: Fraud Diamond

Abbildung 5: Beispiel für eine Risk-Map

Abbildung 6: Three Lines of Defense Modell

1. Einleitung

Folgt man der Begriffsherkunft über die römische Gottheit Fraus, ist Betrug und Täuschungso alt wie die Menschheit selbst. Auch einer der ersten bekannten Fälle wirtschaftskriminel-len Betruges lässt sich in der Antike finden. Der griechische Händler Hegestratos schlosseinen Pfandbrief auf ein mit Getreide geladenes Schiff ab und versprach dem Versicherungs-geber die Rückzahlung mit Zinsen oder die Pfändung des Schiffs inklusive Ladung. Aller-dings hatte Hegestratos weder das eine noch das andere vor. Vielmehr belud er das Schiff niemit dem Getreide und sabotierte es anschließend, um einen Schiffbruch herbeizuführen. Sokönnte er das gezahlte Geld behalten, hätte den pfändbaren Gegenstand vernichtet und dar-über hinaus nicht einmal das Getreide verloren. Leider endete der Plan mit seinem Tod wäh-rend des Schiffsbruchs.

Auch wenn dieser Fall nicht unbedingt mit der Komplexität oder Tragweite aktueller Bei-spiele vergleichbar ist, zeigt er dennoch die wichtigsten Grundlagen der Thematik. Im Laufeder letzten Jahrzehnte hat sich der Umgang mit Risiken im Unternehmen professionalisiert.So wird auch Fraud aus Unternehmenssicht zu Risiken gezählt, die entsprechend ihrer Ein-trittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe behandelt werden müssen. Als Besonderheit stehtbei Fraud der Mensch im Fokus. Er begeht eine kriminelle Tat, die er aus bestimmten Grün-den und Motiven durchführt. Entsprechend lassen sich neben Maßnahmen gegen die Tat ansich durch Vorkehrungen und Verfahrensweisen aus dem Risikomanagement auch solchegegen den Täter treffen.

In dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten Unternehmen haben, um sich gegen Fraud zu schützen. Dafür werden zunächst grundlegende Begriffe aus dem Umfeld von Fraud, aus dem Risikomanagement und als branchenspezifischer Fokus aus der Finanzindustrie beschrieben. Anschließend werden präventive Maßnahmen gegen die Tat und den Täter geschildert sowie aufgezeigt, wie mit dem Thema Fraud im Bankensektor umgegangen wird. Abschließend werden die theoretischen Aspekte auf ein praktisches Beispiel angewendet. Als Basis dienen Fachliteratur aus dem Bereich Fraud und dem Risikomanagement, Studien, Artikel sowie die praktische Erfahrung des Autors.

2. Grundlagen

2.1 Definition und Einordnung von Fraud

Da Fraud eine Vielzahl meist betrügerisch-krimineller Aktivitäten beinhaltet und sich nicht ohne Weiteres abgrenzen lässt, ist eine allgemeine, dauerhaft gültige Definition nicht möglich. Einige Definitionen in der Literatur betrachten nur einzelne Teile des Gesamtkomplexes, wie beispielsweise die Definition nach dem Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) hauptsächlich Unregelmäßigkeiten in der Rechnungslegung beschreibt.1 Für den Zweck dieser Arbeit wird Fraud daher folgendermaßen definiert.

Der Begriff fraud (engl. Betrug, Täuschung, Unterschlagung, lat. fraus, fraudis) wird zu denso genannten white-collar crimes (engl. wörtlich „Weißkragen-Kriminalität“) gezählt. Somitist Fraud ein Bestandteil der Wirtschaftskriminalität und zählt zu den dolosen (lat. dolosusfür arglistig, trügerisch) Handlungen. Beispiele für Fraud sind die Fälschung von Bilanzen,Berichten und Datumsangaben oder das Unterschlagen von Geldmitteln. In der Finanzbran-che zählt Fraud zu den operationellen Risiken, die nach Definition der Bundesbank nebenKreditrisiken, Beteiligungsrisiken, Zinsänderungsrisiken des Anlagebuchs, sonstigen Markt-risiken, Liquiditätsrisiken und sonstigen materiellen Risiken das betriebswirtschaftliche Ge-samtrisiko darstellen.2

Operationelle Risiken (kurz OpRisk) sind definiert als „die Gefahr von Verlusten, die infolgeder Unangemessenheit oder des Versagens von internen Verfahren und Systemen, Menschenoder in Folge externer Ereignisse eintreten.“3 Wie der Begriff vermuten lässt, tritt die Ursa-che für operationelle Risiken meist im operativen Bereich eines Unternehmens auf. NebenFraud lassen sich Fehler von Mitarbeitern, Systemen und Prozessen, Naturkatastrophen,Stromausfälle, rechtliche Risiken und ähnliches zu operationellen Risiken zählen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 1: BESTANDTEILE DES GESAMTRISIKOS NACH BAFIN4

2.2 Risikomanagement

Risiko und Risikomanagement sind Begriffe, die in den letzten 30 Jahren sowohl wissen-schaftlich als auch in der Unternehmenspraxis vermehrt in den Fokus gerückt sind. Um denrichtigen Umgang mit Fraud zu ermöglichen, ist das Verständnis dieser Disziplinen notwen-dig.

Unter Risikomanagement versteht man “das systematische Denken und Handeln im Umgangmit Risiken”.5 Risiko als solches besitzt in zahlreichen Disziplinen unterschiedliche Defini-tionen. Für den Zweck dieser Arbeit wird Risiko definiert als sowohl positive als auch nega-tive potentielle Diskrepanz zwischen dem erwarteten und dem eingetretenen Messwert.6 DasRisikomanagement versucht mit Hilfe sowohl ursachenbezogener (d.h. Verringerung derEintrittswahrscheinlichkeit) als auch wirkungsbezogener (d.h. Handhabung der Schadens-höhe) Maßnahmen, dauerhaft Risiken zu identifizieren, zu beurteilen, zu steuern und zu über-wachen.

Die Risikoidentifikation überprüft Unternehmensabläufe und -aktivitäten auf ihre möglichenAuswirkungen und stellt so fest, wo es zu positiven oder negativen Folgen kommen kann.Anschließend werden die identifizierten Risiken beurteilt, indem man typischerweise anhandeiner Matrix die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Schadenshöhe in Bezug zueinanderbringt. So kann man wichtige von unwichtigen Risiken trennen. In der Risikosteuerung wer-den dann Entscheidungen über den Umgang mit den einzelnen Risiken getroffen. Hier kannman die Risiken vermeiden (risikobehaftete Aktivität nicht durchführen), vermindern (Risikodurch Prozessanpassung reduzieren), überwälzen (Risiko auf einen Dritten übertragen) oderakzeptieren (risikobehaftete Aktivität durchführen). Zuletzt werden in der Risikoüberwa-chung alle Risiken dauerhaft kontrolliert, dokumentiert und gemeldet.7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 2: RISIKOMANAGEMENT-PROZESS8

2.3 Historische Betrachtung

Neben dem in der Einleitung erwähnten antiken Fall sind auch in der jüngeren Vergangenheitdurch die mediale Präsenz verstärkt Fälle von Wirtschaftskriminalität bekannt geworden. Ei-nes der prominentesten Beispiele ist wohl Enron („the world’s greatest company“). Der ehe-mals als Vorzeigeunternehmen geltende Konzern führte eine Vielzahl an bilanziellen Fäl-schungen durch, die zu einem höheren Gewinn führten. So wurden beispielsweise aus Ter-mingeschäften in der Zukunft entstehende Erträge direkt gebucht, Aufwände aus ähnlichenGeschäften aber nicht. Zudem baute Enron mit ausländischen Unternehmen, die unter derKontrolle von Enron standen, ein Geflecht auf, um Verkäufe von Produkten und Käufe gan-zer Firmen zu erzeugen. So wurden Gewinne auf Seiten von Enron gebildet und Verluste aufdie ausländischen Unternehmen übertragen. Die Hauptakteure finden sich dabei in der obers-ten Leitungsebene des Konzerns: CEO, COO, CFO sowie mutmaßlich 500 weitere obereManager, die kurz zuvor ihre Aktienpakete verkauften. 2001 wurde die Börsenaufsicht da-rauf aufmerksam. Der Schaden wird auf 60 Milliarden US-Dollar geschätzt, 20.000 Mitar-beiter verloren ihre Arbeitsplätze.9

Neben diesem Fall trug auch der Bilanzskandal des Kommunikationsunternehmens MCIWorldcom10 zur Einführung eines strengeren Kontrollmechanismus in Form des Sarbanes-Oxley-Actes (SOX) im Jahr 2002 bei. Da nach diesen beiden kurz aufeinander folgendenFällen das Vertrauen der Bevölkerung in Unternehmensberichte, Börsendaten und sonstigenVeröffentlichungen grundlegend beschädigt wurde, sollten nun mit Hilfe des SOX wirt-schaftskriminelle Vorfälle verhindert oder zumindest deutlich erschwert werden.11

Sicherlich sind neben diesen prominenten und in der Schadensgröße extremen Fällen auchunauffälligere Delikte zu finden. Viele werden möglicherweise nie entdeckt, es wird einehohe Dunkelziffer vermutet.12 Alle Delikte haben jedoch ein gewisses Muster gemeinsam:

Es gibt

- Umstände, die die Tat ermöglichen  Anreize, dies auch zu tun
- Täter, die eine dolose Handlung durchführen können sowie
- die eigentliche Tat und anschließende Verschleierung oder Rechtfertigung

2.4 Fraud Triangle und Fraud Diamond

In der wissenschaftlichen Herangehensweise wurden Modelle entwickelt, die die unter 2.2genannten Muster behandeln. Zum einen ist das von D.R. Cressey 1953 entwickelte „FraudTriangle“ hier zu erwähnen, welches als Ausgangspunkt für viele unternehmensinterne Un-tersuchungen, Best-Practice-Sammlungen und wissenschaftliche Erweiterungen dient.13

Cressey befragte während seines Studiums der Kriminologie in Illinois inhaftierte Betrügerund kam in seinen Untersuchungen zur Schlussfolgerung, dass es drei Faktoren gibt, die dasAuftreten von betrügerischen Handlungen in Unternehmen begünstigen. Zum einen existiertein Anreiz, das Verbrechen zu begehen. Dies kann beispielsweise ein finanzielles Problemsein, das Druck auf den Täter ausübt. Zum anderen ergibt sich im Umfeld des Betrügers eineGelegenheit, die Tat durchzuführen. Hier spielen Schwachstellen in Unternehmensprozesseneine Rolle, die die Wahrscheinlichkeit einer Überführung reduzieren. Der dritte Bestandteildes Fraud Triangle ist die Rationalisierung. Einerseits soll die offensichtliche Unrechtmäßig-keit vor anderen gerechtfertigt werden, andererseits das moralische Schuldbewusstsein vordem eigenen Gewissen.14

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 3: FRAUD TRIANGLE15

Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später erweiterten David T. Wolfe und Dana R. Hermanson das Fraud Triangle um einen nach ihren Untersuchungen wesentlichen Faktor. Zusätzlich zum Anreiz, der Gelegenheit und der Rationalisierung spielen auch die Fähigkeiten des potentiellen Betrügers eine Hauptrolle. Ohne die Fähigkeiten, die Tat begehen zu können, würde auch bei der Anwesenheit der drei anderen Faktoren kein Betrug stattfinden. Somit stellt dieser vierte Aspekt eine Erweiterung der Gelegenheit dar - es existiert eine Gelegenheit und ich bin in der Lage, diese durch meine Fähigkeiten zu meinem Vorteil zu nutzen. Mit Hilfe dieses modifizierten Ansatzes kann Fraud besser aufgedeckt und verhindert werden. Aus dem Fraud Triangle wird so der „Fraud Diamond“.16

[...]


1 Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. Prüfungsstandard 210

2 BaFin / Bundesbank; Bankaufsichtliches Risikoprofil als Teil der bankaufsichtlichen Überprüfung und Bewertung von Instituten; Seite 2

3 BaFin; Empfehlung des Fachgremiums OpR zur OpR-Definition

4 Eigene Abbildung, nach BaFin / Bundesbank; Bankaufsichtliches Risikoprofil als Teil der bankaufsichtlichen Überprüfung und Bewertung von Instituten; Seite 2

5 Gleißner; Grundlagen des Risikomanagements im Unternehmen: Controlling, Unternehmensstrategie und wertorientiertes Management; Seite 11

6 Siehe Gleißner, Romeike; Risikomanagement: Umsetzung, Werkzeuge, Risikobewertung

7 Siehe Reichmann; Controlling mit Kennzahlen : die systemgestützte Controlling-Konzeption mit Analyseund Reportinginstrumenten; S. 573ff

8 Eigene Abbildung, nach Reichmann; Controlling mit Kennzahlen : die systemgestützte Controlling-Konzep-tion mit Analyse- und Reportinginstrumenten; S. 573

9 Siehe auch: Der Enron-Skandal; Capital-Redaktion

10 Siehe auch: „Urteil im Worldcom-Prozess“; Zeit Online

11 Siehe auch: „Public Law 107-204“;107th Congress

12 “Wirtschaftskriminalität in Deutschland 2014”; KPMG AG; Seite 6, 10, 11

13 Siehe Dorminey et al.; The evolution of fraud theory - Issues in Accounting Education

14 Siehe Wolfe, Hermanson; The fraud diamond: Considering the four elements of fraud, Seite 3ff

15 Eigene Abbildung, nach Dorminey et al.; The evolution of fraud theory - Issues in Accounting Education S. 1 sowie Wolfe, Hermanson; The fraud diamond: Considering the four elements of fraud S. 4

16 Siehe Dorminey et al.; The evolution of fraud theory - Issues in Accounting Education, S. 10f sowie Wolfe, Hermanson; The fraud diamond: Considering the four elements of fraud, S.1-5

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Faktor Mensch als Ausgangspunkt und Gegenstand des Fraud Managements
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Frankfurt früher Fachhochschule
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V411926
ISBN (eBook)
9783668631380
ISBN (Buch)
9783668631397
Dateigröße
930 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fraud, Fraud Management
Arbeit zitieren
Matthias Webel (Autor), 2016, Der Faktor Mensch als Ausgangspunkt und Gegenstand des Fraud Managements, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/411926

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