Der Zahn der Zeit hinterließ im 20. Jahrhundert deutliche Spuren in sprachwissenschaftlicher Hinsicht. Zwar befassten sich schon zu vorchristlichen Epochen Dichter, Denker und Philosophen mit Schrift und Sprache, doch entfaltete sich gerade in den Dekaden vor der Jahrtausendwende eine ganze Reihe systematischer Grundsätze zur Sprachbeschreibung. Brächte es von diesen zumindest eine Grammatik fertig, Sprachen ganzheitlich und lückenlos zu beschreiben, erübrigten sich die anderen dann demzufolge nicht?
Sich dieses Gedankens besinnend erscheint es lohnenswert zwei Grundgerüste von Grammatiken genauer in Augenschein zu nehmen, zum einen die Strömung der Generativen Grammatik und zum anderen die Familie der Konstruktionsgrammatik. Die dabei zu beachtenden Leitfragen konstituieren sich daraus, inwiefern beide Systeme einer konfrontierenden Gegenüberstellung Paroli bieten können. Sind die Sprachlehren in der Lage, künftig nebeneinander konfliktfrei zu bestehen oder ist bereits abzusehen, ob sich über kurz oder lang eine der beiden Konzeptionen inhaltlich durchsetzen wird?
Es bietet sich für den Vergleich eine chronologische Vorgehensweise an, welche die jeweiligen Leitmotive und Entwicklungen in einem historischen Rahmen verbildlichen soll. Folgendermaßen strukturiert sich der Aufbau zunächst in eine thematische Annäherung, gefolgt von dem Versuch, die einzelnen Phasen der Grammatiken getrennt voneinander zu charakterisieren und mündet schließlich im eigentlichen Vergleich. Sofern es die Ergebnisse der Überlegungen zulassen, soll der Vorstoß einer Prognose gewagt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grammatik – Überblick und Klassifikation
3 Generative Grammatik
3.1 Transformationsgrammatik
3.2 Universalgrammatik
3.3 Minimalistische Grammatik
4 Konstruktionsgrammatik
4.1 Die Berkeley-Schule
4.2 Lakoff & Goldberg
4.3 William Croft
4.4 Weitere Ansätze
5 Vergleich zwischen Konstruktions- und generativer Grammatik
5.1 Gemeinsamkeiten
5.2 Unterschiede und Folgerungen
6 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die historische Entwicklung der Generativen Grammatik sowie der Konstruktionsgrammatik. Ziel ist es, beide Ansätze in einer konfrontierenden Gegenüberstellung kritisch zu vergleichen und zu eruieren, inwiefern sie künftig nebeneinander bestehen können oder ob eine der Konzeptionen in ihrer Erklärungsleistung überlegen ist.
- Vergleich von Generativer Grammatik und Konstruktionsgrammatik
- Historische Entwicklung und Einordnung der Sprachmodelle
- Diskussion der Konzepte von Kompetenz vs. Performanz
- Analyse des Spracherwerbs und der Universalität
- Standortbestimmung der linguistischen Theoriebildung
Auszug aus dem Buch
3.1 Transformationsgrammatik
Die Geburtsstunde der GG ist auf das Publikationsjahr des Buches Syntactic Structures von Noam Chomsky – 1957 – zu datieren. In den 50er und 60er Jahren als Transformationsgrammatik bekannt geworden, beanspruchte diese für sich, eine beschreibungsadäquate Grammatik zu sein, mit deren Richtlinien die Sätze einer Sprache charakterisiert werden können. Das grundlegende Ziel bestand darin, eine Unterscheidung zwischen grammatisch korrekten und ungrammatischen, fehlerbehafteten Sätzen vorzunehmen. Als Instrumentarium für das Herausfiltern dieser Differenzierung führte unter anderem Chomsky sowohl Erzeugungs-, also Phrasenstrukturregeln, als auch Umstellungsregeln, sogenannte Transformationen, ein. Gesondertes Interesse lag auf dem kreativen Aspekt der Sprache. Anhand einer endlichen Zahl von Lexemen, beziehungsweise einer endlichen Zahl von Regeln, kann eine unbegrenzte Anzahl von Sätzen erzeugt werden. Die GG spricht dabei von Rekursivität, worunter „man die Definition eines Verfahrens, einer Struktur oder einer Funktion aus sich selbst“11 versteht. Beispielsweise ist es möglich, einem Substantiv unendlich viele Adjektive voranzustellen.12 Neben der Ebene der Sprachproduktion umfasst Chomskys Modell gleichermaßen die Ebene der Sprachrezeption, welche den Verstehensprozess eines Hörers umschreibt, der potenziell Sätze nachvollziehen und interpretieren kann, die er nie zuvor gehört hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema und die Fragestellung nach der Koexistenz von Generativer und Konstruktionsgrammatik.
2 Grammatik – Überblick und Klassifikation: Definition von Grammatik unter historisch-typologischen Aspekten und wissenschaftlichen Standards.
3 Generative Grammatik: Detaillierte Betrachtung der Theorie Chomskys, unterteilt in Transformations-, Universal- und Minimalistische Grammatik.
4 Konstruktionsgrammatik: Untersuchung der verschiedenen Strömungen wie der Berkeley-Schule, Lakoff & Goldberg sowie der radikalen Konstruktionsgrammatik.
5 Vergleich zwischen Konstruktions- und generativer Grammatik: Gegenüberstellung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Schulen hinsichtlich ihrer theoretischen Ausrichtung.
6 Schluss: Zusammenfassende Einschätzung der künftigen Entwicklung und der Relevanz beider linguistischer Forschungsrichtungen.
Schlüsselwörter
Generative Grammatik, Konstruktionsgrammatik, Noam Chomsky, Syntax, Kompetenz, Sprachwissenschaft, Spracherwerb, Transformation, Universalgrammatik, Kognitionswissenschaft, Linguistik, Grammatik-Theorie, Form-Bedeutungspaar, Minimalistisches Programm, Modellvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem wissenschaftstheoretischen Vergleich der beiden dominierenden linguistischen Ansätze, der Generativen Grammatik und der Konstruktionsgrammatik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die historische Entwicklung der Modelle, ihre Definition von Sprachstrukturen, der Spracherwerb und das Verhältnis von Form und Bedeutung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine kritische Gegenüberstellung, um herauszufinden, ob die beiden Grammatiksysteme konfliktfrei koexistieren können oder in Konkurrenz zueinander stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt eine chronologische Vorgehensweise, die Leitmotive der Sprachlehren historisch einordnet, charakterisiert und anschließend systematisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Entwicklungsphasen der Generativen Grammatik sowie die heterogenen Ansätze innerhalb der Konstruktionsgrammatik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Generativität, Konstruktion, Kompetenz, Universalgrammatik, Modularität und der Vergleich von Syntax-Modellen.
Welche Rolle spielt die Berkeley-Schule für die Konstruktionsgrammatik?
Die Berkeley-Schule bildet das Fundament und den Ursprung der modernen Konstruktionsgrammatik durch die Arbeiten von Charles Fillmore und Paul Kay.
Warum wird Chomskys Generative Grammatik oft kritisiert?
Kritiker bemängeln insbesondere das Paradoxon bei der Identifizierung natürlicher mit formalen Sprachen sowie die Vernachlässigung von Pragmatik und Semantik in den früheren Phasen.
- Citation du texte
- Michael Forchner (Auteur), 2010, Grammatische Perspektiven. Konstruktionsgrammatik im Vergleich mit generativer Grammatik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/411962