Die Wohnverhältnisse der Arbeiterschaft um 1900. Berlin und London im Vergleich


Bachelorarbeit, 2016
54 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Urbanisierung im 19. Jahrhundert und ihre demographischen und ökonomischen Ursachen
2.2 Herausbildung einer neuen sozialen Gruppe: Das Industrieproletariat

3. Die Situation in Berlin
3.1 Die Entwicklung in Deutschland
3.2 Voraussetzungen für die Entstehung der Arbeiterquartiere
3.3 Die Wohnsituation der Berliner Arbeiterschaft
3.3.1 Die baulichen Merkmale der Arbeiterquartiere
3.3.2 Der Erfahrungshorizont in den Berliner Arbeiterquartieren
3.4. Die Gründe für die Situation der Berliner Arbeiterschaft und verschiedene Lösungsansätze
3.4.1. Wirtschaftliche Überlegungen
3.4.2 Das Problemfeld zwischen Hobrecht-Plan und der Baupolizeiordnung von
3.4.3 Die politischen Gründe und die Anfänge staatlicher Wohnungspolitik
3.4.4 Der Aufbau des politischen Systems in Preußen
3.4.5 Die Ansätze der Wohnungsreformer

4. Die Situation in London
4.1 Die Entwicklung in Großbritannien
4.2 Die Wohnungssituation der Londoner Arbeiterschaft
4.2.1 Die Entwicklung der Wohnungssituation der Arbeiterschaft
4.2.2 Die baulichen Besonderheiten der englischen Stadt
4.3 Die Gründe für die Situation der Londoner Arbeiterschaft und verschiedene Lösungsansätze
4.3.1 Ökonomische und stadtplanerische Ursachen
4.3.2 Die politische und verwaltungstechnische Organisation Londons
4.3.4 Strukturelle Probleme und Lösungsvorschläge
4.3.5 Suburbanisation und Gartenstadtbewegung als Lösung?

5. Vergleich zwischen Berlin und London

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jeder unbefangene Beobachter sieht, daß je massenhafter die Zentralisation der Produktionsmittel, desto größer die entsprechende Anhäufung von Arbeitern auf demselben Raum, daß daher, je rascher die kapitalistische Akkumulation, desto elender der Wohnungszustand der Arbeiter. Die den Fortschritt des Reichtums begleitende „Verbesserung“ (improvements) der Städte durch Niederreißen schlecht gebauter Viertel, Errichtung von Palästen für Banken, Warenhäuser usw., Streckung der Straßen fur Geschäftsverkehr und Luxuskarossen, Einführung von Pferdebahnen usw. verjagt augenscheinlich die Armen in stets schlechtere und dichter gefüllte Schlupfwinkel. Andrerseits weiß jeder, daß die Teuerkeit der Wohnungen im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Güte steht und daß die Minen des Elends von Häuserspekulanten mit mehr Profit und weniger Kosten ausgebeutet werden als jemals die Minen von Potosí.[1]

Mit diesen Worten kritisierte der Philosoph Karl Marx in seinem Hauptwerk Das Kapital die Wohnungssituation der Arbeiterschaft in der sich formierenden Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts. Er stellte sich damit in eine lange Reihe von Gesellschaftskritikern, die sich mit der sogenannten Wohnungsfrage der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert in ganz Europa befassten. Im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung wurde die Wohnungsproblematik zu einer der zentralen Herausforderungen der Städte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Marx ging in dem vorangestellten Zitat schon auf einige der Problemlagen der Wohnungsfrage ein: die angesprochene Citybildung in den Innenstädten, die Straßenbaumaßnahmen, welche vor allem nach den vielbeachteten Umbaumaßnahmen von Paris unter Georges-Eugène Haussmann in vielen europäischen Metropolen Nachahmer fand, oder die unter den Zeitgenossen häufig als Hauptursache für die Wohnungsknappheit angesehene Spekulation der Bauunternehmer und Grundbesitzer. Konsequenz dieser Umbaumaßnahmen und Marktprozesse war, gepaart mit der enormen Zuwanderung vom Land in die Stadt, stets eine Verdichtung der unteren Bevölkerungsschichten in bestimmten Vierteln der Stadt, den Arbeitervierteln. In ihnen entwickelte sich eine durch Segregation und Überbelegung der Wohnungen, sowie schlechte hygienische und gesundheitliche Verhältnisse geprägte und an Aufstiegschancen rare Parallelgesellschaft. Diese stand im krassen Gegensatz zu den neu erblühenden Innenstädten und Villenvierteln am Rande der Städte. Ein Besucher der im Jahr 1910 am Bahnhof Alexanderplatz ausstieg, mochte zunächst über die moderne öffentliche Verkehrsinfrastruktur staunen. Die Straßenbahn, Stadtbahn, Pferdebahnen und Autobusse mit Verbrennungsmotor waren Aushängeschilder einer modernen Stadt. Er erblickte mit dem in diesem Jahr eröffneten Warenhaus Tietz die damals mit 250 Metern längste Kaufhausfassade der Welt. Es gab Leuchtreklame und moderne Straßenbeleuchtung mit Gaslampen. Doch wenn er nur einige hundert Meter weiter in die Grenadierstraße ging, sah er ein vollkommen anderes Bild. Das berüchtigte Scheunenviertel, welches sich ihm hier präsentierte, war geprägt von dunklen, schlecht belüfteten Gassen mit kaum Lichteinfall. Von den Fassaden bröckelte der Putz und die Häuser waren zum großen Teil baufällig. Dieser Gegensatz von modernen Errungenschaften und miserablen Wohnverhältnissen eines nicht unerheblichen Teils der Einwohner ließ sich in vielen europäischen Metropolen finden. In London hätte der in Victoria Station aussteigende Besucher ein ähnlich zweigeteiltes Bild vorgefunden.

Im Angesicht der Tatsache, dass auch heute wieder eine zunehmende unter dem Schlagwort Gentrifizierung zusammengefasste Verschärfung sozialer Gegensätze in den Großstädten zu beobachten ist, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.[2]Denn die Herausforderungen, vor denen die europäischen Großstädte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts standen, waren im Vergleich zu heute gewaltig. Die Bereitstellung von Wohnraum, insbesondere für die ärmeren Schichten stellte dabei eines der größten Probleme dar. Dass diese Problematik unter freilich ganz anderen ökonomischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen heute wieder an Aktualität gewinnt, unterstreicht, wie wichtig ihre zufriedenstellende Lösung für die Funktionalität einer Stadt insgesamt ist.

Die Forschung hat sich daher immer wieder intensiv mit den Arbeiterquartieren befasst. Vor allem die Wohnungsfrage stand und steht dabei im Fokus. Dies mag nicht sonderlich verwundern, denn während die Kommunen in anderen Bereichen, wie der Verkehrsinfrastruktur oder dem Bau moderner Kanalsysteme, Gas- und Wasserwerke im Allgemeinen, erfolgreich waren, blieb die Bereitstellung zufriedenstellenden Wohnraums für die Arbeiterschaft lange „ein Bereich städtischen Scheiterns“,[3]wie Friedrich Lenger konstatiert. Es ist daher aus wissenschaftlicher Sicht interessant, die Gründe für dieses Scheitern zu beleuchten und Erklärungen zu suchen.

Die vorliegende Untersuchung zieht einen Vergleich zwischen zwei der bedeutendsten Metropolen jener Zeit: der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs Berlin und der Hauptstadt des Britischen Weltreichs London. Die Kernfrage ist dabei, inwieweit die Wohnsituationen der Berliner und die der Londoner Arbeiterschaft um 1900 übereinstimmten und hinsichtlich welcher Aspekte sie sich unterschieden. Neben spezifischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden gilt es herauszuarbeiten, wie diese Unterschiede zustande kamen und welche Lösungsansätze ergriffen wurden, um die Wohnungsfrage zu lösen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die jeweiligen administrativen Maßnahmen gelegt. Die vielen privaten Initiativen, wie beispielsweise die Bemühungen von Octavia Hill in London oder Valentin Weisbach in Berlin, kommen hierdurch naturgemäß zu kurz. Die Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Metropolen scheint deshalb als besonders relevant, weil sich so erörtern lässt, wie sich eine im Kem ähnliche Problemlage in zwei unterschiedlichen nationalen und kommunalen Systemen auswirkte und wie diese Unterschiede zu verschiedenen politischen Strategien führten. Dabei ist zu beachten, dass die immer stärkere Vernetzung Europas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert auch vor der Stadtplanungspolitik nicht halt machte. Die Wohnungsfrage war ein europaweit diskutiertes Problem und es bildete sich schnell eine länderübergreifende Debatte über ihre Ursachen und Lösungen heraus. Besondere neue Maßnahmen in einer Stadt wurden also schnell von den Protagonisten anderer Städte wahrgenommen und eingeordnet.

Methodisch wird versucht, neben der kritischen Auseinandersetzung mit der aktuellen Forschungsliteratur auch immer wieder Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Von besonderer Bedeutung für diese Arbeit sind vor allem Friedrich Lengers „Metropolen der Moderne“[4]und Anthony Wohls „The Eternal Slum“[5]. Daneben sollen verschiedene Zeitzeugenberichte einen Eindruck davon vermitteln, wie die durch die Forschung herausgearbeiteten Problemstellungen von den damals lebenden Menschen wahrgenommen und bewertet wurden.

Um die Frage nach der Vergleichbarkeit Londons und Berlins zu beantworten ist die Arbeit wie folgt aufgebaut: Im ersten Teil werden zunächst einige grundsätzliche Entwicklungen erläutert, die zum Verständnis des zu behandelnden Phänomens unerlässlich sind. Es handelt sich hierbei um kurze Abrisse zur Urbanisierung und der Herausbildung der Arbeiterklasse, die dem Leser helfen sollen, die eigentliche Untersuchung dieser Arbeit im weiteren Kontext der Zeit einzuordnen. Naturgemäß kann eine solche kurze Beschreibung nicht der Vielschichtigkeit und Komplexität der angesprochenen Sachverhalte gerecht werden. Im zweiten Teil folgt eine umfassende Analyse der Wohnsituation der Arbeiter in Berlin. Zunächst wird dabei kurz auf die Entwicklungen in Deutschland eingegangen. Danach werden die Voraussetzungen für die Entstehung der Berliner Wohnverhältnisse beschrieben. Anschließend werden zunächst die verschiedenen Typen von Arbeiterquartieren und die Wohnverhältnisse der jeweiligen Bewohner eingehend beschrieben. Danach wird kurz auf den alltäglichen Erfahrungshorizont der in den Arbeiterquartieren lebenden Menschen eingegangen. Im nächsten großen Abschnitt werden die verschiedenen Gründe für die Wohnsituation der Berliner Arbeiterschaft eingehend beschrieben und analysiert. Dieses Kapitel endet mit einer kurzen Beschreibung der Kernüberlegungen der deutschen Wohnungsreformbewegung. Aus Platzgründen wird dabei auf eine umfassende Analyse dieser für die Verbesserung der Wohnungssituation äußerst wichtigen gesellschaftlichen Entwicklung verzichtet. Diese methodische Zurückstellung soll ihre Bedeutung jedoch keinesfalls schmälern. Das nächste Kapitel überträgt die Fragestellungen zu Berlin auf London und arbeitet die dortigen spezifischen Entwicklungen heraus. Methodisch wird dabei ähnlich vorgegangen wie im Abschnitt zu Berlin. Zunächst wird ein kurzer Überblick über die Gesamtsituation in England gegeben. Anschließend wird die Wohnsituation der Londoner Arbeiterschaft beleuchtet, um daraufhin nach den Gründen für diese Situation, beziehungsweise Entwicklung zu fragen. Da sich einige Phänomene in beiden Städten sehr ähnlich waren, wird im Kapitel über London vor allem auf die Unterschiede im Vergleich zu Berlin eingegangen. Nach dieser eingehenden Untersuchung beider Städte auf die Frage nach der Wohnsituation ihrer Arbeiterschaft hin, werden die herausgearbeiteten Ergebnisse im nächsten Kapitel einander gegenübergestellt. Dabei werden sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede in der Entwicklung der beiden Städte herausgearbeitet. Der letzte Abschnitt fasst dann noch einmal alle Ergebnisse der Untersuchung zusammen und versucht, die eingangs aufgeworfene Fragestellung nach der Vergleichbarkeit der beiden Städte Berlin und London zu beantworten.

2. Grundlagen

2.1 Urbanisierung im 19. Jahrhundert und ihre demographischen und ökonomischen Ursachen

Voraussetzung für das hier untersuchte Problem der Wohnungsfrage der Arbeiter in zwei ausgesuchten Städten Europas ist das im 18. Jahrhundert begonnene und insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem immer stärkerem Urbanisierungsgrad führende Bevölkerungswachstum in Mittel- und Westeuropa. So stieg die Einwohnerzahl Europas von ca. 190 Millionen um 1800 auf etwa 481 Millionen bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 um mehr als das Zweieinhalbfache an.[6]War es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem die Landbevölkerung, welche immer weiter anstieg, so führte das massive Bevölkerungswachstum ab der Mitte des Jahrhunderts zu einer immer stärkeren Verstädterung. Legt man einen Schwellenwert von 5000 Einwohnern zur Unterscheidung von ländlichen und städtischen Gemeinden zu Grunde, so stieg der Anteil der städtischen Bevölkerung Europas von 16,3% zur Jahrhundertmitte auf 33,6% im Jahr 1913, er verdoppelte sich also. Die Bevölkerung der hier untersuchten Städte Berlin und London stieg zwischen 1850 und 1913 von 437.000 auf 2.079.000 (Berlin), beziehungsweise von 2.380.000 auf 7.300.000 (London).[7]Dies bedeutet einen Anstieg um mehr als das Viereinhalbfache bei Berlin und das Dreieinhalbfache bei London. Diese Zahlen belegen die enormen Dimensionen des Bevölkerungswachstums der europäischen Städte im Allgemeinen und der hier zu untersuchenden im Besonderen. Die massive Auswanderung, insbesondere in die USA lässt das

Bevölkerungswachstum noch imposanter erscheinen. So wanderten alleine aus Deutschland im Zeitraum zwischen der Reichsgründung und dem Beginn des Ersten Weltkriegs ca. 3 Millionen Menschen aus.[8]

Doch wie kam es zu diesen beeindruckenden Wachstumsraten? Zunächst ist festzuhalten, dass die Urbanisierung, welche auf dem gesamten europäischen Kontinent, allerdings mit deutlichen regionalen Unterschieden, stattfand, eng mit der Industrialisierung verknüpft ist. Zwar gab es auch Städtewachstum lange vor der Industrialisierung. Ebenfalls gab und gibt es nicht-industrielle Faktoren von städtischer Expansion, beispielsweise die stärkere Einbindung von Hafenstädten in den Welthandel. Jedoch ist das Ausmaß beider Phänomene stark mit dem jeweils anderen verknüpft. Nach Adelheid von Saldern bedingten sie sich gegenseitig, da sich die Industrialisierung zumindest in Deutschland in hohem Maße in den Städten vollzog.[9]Das bereits angesprochene Bevölkerungswachstum ist bis in die Mitte des Jahrhunderts vor allem durch einen starken Anstieg der Geburtenziffern, oftmals ausgelöst durch einen Wegfall der ständischen Schranken für Eheschließungen, zu erklären.[10]Danach ist ein starker Rückgang der Sterberaten in Europa bei gleichzeitigem Rückgang der Geburtenziffern zu beobachten. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg um bis zu zwei Jahrzehnte im Verlauf des Jahrhunderts. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen waren die Eindämmung, beziehungsweise das Verschwinden der großen Epidemien der Vergangenheit, namentlich die Pest und insbesondere die durch Impfung zurückgedrängten Pocken entscheidend. Zum anderen wurde die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung deutlich verbessert, was Hungersnöte, die bis ins 18. Jahrhundert häufig auftraten, gesamteuropäisch gesehen verhinderte. Ein Grund hierfür ist in einer verbesserten Verkehrsinfrastruktur zu suchen. Friedrich Lenger merkt hierzu allerdings an, dass dies nicht gleichbedeutend mit einer einheitlich verbesserten Ernährungssituation der Gesamtbevölkerung interpretiert werden kann. Er begründet dies mit einer Stagnation der durchschnittlichen Körpergröße, welche allgemein als Indikator für die Ernährungssituation gilt.[11]Auffallend ist, dass die Sterberaten ab ca. 1850 in weiten Teilen Europas nochmals ansteigen. In Deutschland ist beispielsweise ein deutlicher Anstieg der Säuglingssterblichkeit zu verzeichnen, der erst 1875 überwunden werden konnte.[12]Gründe hierfür sind wohl vor allem in der Herausbildung des sich in den Städten unter katastrophalen Lebensbedingungen ansiedelnden Industrieproletariats zu suchen, welches später in dieser Arbeit noch genauer untersucht wird. An diesem Beispiel kann man sehen, dass es sich beim insgesamt deutlichen Anstieg der Bevölkerung Europas keinesfalls um eine lineare Entwicklung handelt. Untersucht man die in dieser Arbeit nicht näher bestimmten Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und Regionen, so tritt dieser Befund noch sehr viel eindringlicher zu Tage.

Neben den demographischen Voraussetzungen ist vor allem die sich im Zuge der Durchsetzung der industriellen Produktionsweise verstärkende Migration vom Land in die Stadt für das starke Wachstum der Städte verantwortlich. Hier sind zunächst zwei grundsätzliche Faktoren zu nennen. Zum einen konnte ein immer größerer Teil der stetig wachsenden Bevölkerung auf dem Land nicht mehr genügend Arbeit finden, die sog. Push-Impulse. Und zum anderen versprachen die Städte durch ihre ständig expandierenden Industrieansiedlungen und dem damit einhergehenden Durst nach Arbeitskräften neue Erwerbsmöglichkeiten, welche als Pull-Effekte bezeichnet werden.[13]Dies führte zu einem Zuzug von insbesondere land- und mittellosen Landarbeitern in die aufkommenden Industriestädte. Hierbei ist eine gewisse Wechselbeziehung zu konstatieren. Der massive Zuzug von Arbeitskräften führte zu einem Überangebot, welches den Preis für Arbeit gering hielt. Hierdurch wurde die weitere Ansiedlung von Industrie weiter gefördert. Grundvoraussetzung für das starke Anwachsen der Städte waren dabei eine erhebliche Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und eine immer weiter verbesserte Verkehrsinfrastruktur, um die Städte auch versorgen zu können. Ein entscheidender Faktor ist hierbei der Ausbau des Eisenbahnnetzes.[14]Ebenfalls von nicht unerheblicher Bedeutung ist die immer stärkere Verflechtung der Städte und Regionen untereinander. Die immer weiter ausgebauten Marktbeziehungen und der infolge des internationalen Imperialismus größer werdende Weltmarkt trugen ebenfalls zur Verstädterung bei. Dies kann man unter anderem am Beispiel Odessas veranschaulichen. Ohne der englischen Nachfrage nach Getreideimporten hätte ihr Wachstum nicht in dieser Weise stattfinden können. Sie hatte keine nennenswerte Industrie, produzierte dafür aber einen hohen Überschuss an Weizen, den sie auf dem Weltmarkt nach England verkaufen konnte.[15]

Insgesamt ist festzustellen, dass die stark einsetzende Verstädterung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Grundvoraussetzung für die, im weiteren Verlauf dieser Arbeit konkretisierte Problematik der Wohnsituation in den Städten ist.

2.2 Herausbildung einer neuen sozialen Gruppe: Das Industrieproletariat

Das Europa des 18. Jahrhundert entsprach in seiner Sozialstruktur noch weitestgehend der seit dem Mittelalter etablierten Standesgesellschaft, eingeteilt in die vier Hauptstände Adel, Geistlichkeit, Bürger und Bauern. Die Zugehörigkeit zu einem dieser Stände wurde vor allem qua Geburt bestimmt. Im 19. Jahrhundert zerbrach diese Struktur zusehends (ohne dabei völlig zu verschwinden) und an ihre Stelle trat die industrielle Klassengesellschaft. Ausgangspunkt ist hierbei natürlich die einsetzende Industrielle Revolution, ohne die die Umwälzung der europäischen Gesellschaften von einer Standes- in eine Klassengesellschaft nicht in dieser Weise denkbar gewesen wäre.[16]Sie setzte im Vereinigten Königreich schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein, in Deutschland erst ca. hundert Jahre später, dafür aber mit einer deutlich höheren Geschwindigkeit. Die Klassenzugehörigkeit ist sehr viel stärker als die Standeszugehörigkeit durch ökonomische Faktoren, wie Besitzverhältnisse oder Einkommen bestimmt.[17]Karl Marx unterscheidet zwei Hauptklassen, die die industrielle Gesellschaft prägen: die besitzende Bourgeoisie (in der Forschung allgemein Großbürgertum genannt) und das mittellose Proletariat. Unabhängig von der Marxistischen Gesellschaftstheorie und der in Wahrheit vielschichtigeren Gesellschaftsstruktur[18]ist vor allem die zweite Klasse maßgeblich, sowohl für das Wachstum, als auch für das Gepräge der entstehenden Großstädte. Der enorme Zuzug meist ungelernter Arbeiter in die immer stärker wachsenden Industriestädte machte die Arbeiterschaft schnell zu einer wichtigen Gruppe der Erwerbstätigen. Sie war durch eine ähnliche Situation und Interessenlage gekennzeichnet und fing bald an, sich als eigene Schicht, im marxistischen Sinn als Arbeiterklasse bezeichnet, zu verstehen. Hubert Kiesewetter betont hierbei zu Recht den Einfluss der zuvor beschriebenen Verstädterung, wenn er sagt:

„Die Binnenwanderung in die scheinbar ins Unermäßliche wachsenden Industriestädte und -regionen war neben der Auswanderung ein Beschäftigungsventil, das für Hunderttausende offenstand. Das Entstehen einer durch ähnliche Interessen und Ansprüche verbundenen Arbeiterschaft und Arbeiterklasse wäre ohne diese Wanderungsbewegung kaum vorstellbar.“[19]

Neben der allgemeinen Zuwanderung in die Städte ist dabei ebenfalls die räumliche Segregation innerhalb dieser Städte und damit einhergehend die Entstehung der Arbeiterquartiere von entscheidender Bedeutung. Erst durch diese Konzentration in bestimmten Stadtgebieten konstituieren sich Gruppenidentität, Klassenbewusstsein und städtische Subkultur in erhöhtem Maße.[20]Interessant für diese Arbeit ist hierbei neben der sich konstituierenden Arbeiterbewegung vor allem die sozialstrukturelle Verschiebung, welche mit dieser in Wechselbeziehung steht.

Allein ihre quantitative Dimension zeigt, dass die Wohn- und Lebensbedingungen der Arbeiterschaft in den Städten eine am Vorabend des Ersten Weltkriegs brisante Problematik darstellte. Diese soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit exemplarisch an den beiden Städten Berlin und London detailliert untersucht werden. Ziel ist es hierbei, sowohl Gemeinsamkeiten, als auch Unterschiede der Wohnsituation der Arbeiterschaft in diesen beiden Städten herauszuarbeiten.

3. Die Situation in Berlin

3.1 Die Entwicklung in Deutschland

In Deutschland setzte der Industrialisierungsprozess später ein als in England oder Frankreich. Gründe hierfür sind vor allem die bis 1871 bestehende territoriale Zersplitterung und die große Entfernung zu den maritimen Handelswegen.[21]Das Fabrikwesen, Kennzeichen und Gradmesser des Industrialisierungsprozesses, wuchs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur langsam. In Preußen galten im Jahr 1849 nur 5,4% der Beschäftigten als Fabrikarbeiter.[22]Zu dieser Zeit war die preußische Industrie noch wenig zentralisiert. Sie bestand hauptsächlich aus kleinen Betrieben mit einer Belegschaft zwischen 17 und 21 Personen. Ab der Reichsgründung und dem Gründerboom war dann ein beispielloser Industrialisierungsschub zu beobachten, welcher trotz temporärer konjunktureller Krisen wie dem Gründerkrach von 1873 im Wesentlichen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs anhielt und Deutschland neben den USA und dem Vereinigten Königreich zur dritten großen Industrienation machte.[23]Die Industriearbeiterschaft wuchs in dieser Phase der Hochindustrialisierung von gerade einmal 7% im Jahr 1860 auf 22% im Jahr 1907.[24]Damit bildete sie die größte Erwerbstätigengruppe im Deutschen Kaiserreich überhaupt. Diese Gruppe arbeitete meist in großen Fabrikkomplexen und konzentrierte sich vor allem in den schnell wachsenden Industriestädten wie Berlin. Sie siedelte sich dort in bestimmten Regionen der Stadt an, den Arbeiterquartieren.

3.2 Voraussetzungen für die Entstehung der Arbeiterquartiere

Grundvoraussetzung für die Ausweitung alter und die Entstehung neuer Arbeiterquartiere und den damit einhergehenden Problemen der Wohnraumsituation der Arbeiterschaft in den Städten war die schon beschriebene Urbanisierung. Diese Problematik blieb den Zeitgenossen keinesfalls verborgen. Die Wohnungsfrage war ein häufig thematisiertes Thema, wie sich unter anderem durch die hohe Publikationsdichte in den Zeitungen und Journalen der damaligen Zeit zeigt. Für Berlin ist vor allem der Zuzug aus den deutschen Ostgebieten von starker Bedeutung für das massive Wachstum der Stadt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dieses Wachstum führte ab ca. 1870 zu einer extremen Steigerung des Bedarfs an Wohnraum, insbesondere für die unteren Einkommensklassen. Um diesen zu decken und der massiven Wohnungsnot entgegenzutreten entstanden immer größere Arbeiterquartiere, vor allem im Norden und Osten der Stadt. Diese wurden dadurch charakterisiert, dass sich ihre Bewohner in einer ähnlichen sozialen Lage befanden. Die Menschen in den Arbeiterquartieren waren durch eine ganz bestimmte Sozialraumstruktur miteinander verbunden. Die räumliche Konzentration und die soziale Abgrenzung gegenüber anderen Sozialräumen oder Milieus der Großstadt sind ein typisches und besonders eindringliches Beispiel für innerstädtische Segregation.[25]Diese Segregationsprozesse führten zur Herausbildung eines eigenen Selbstverständnisses, einer eigenen Subkultur innerhalb des städtischen Raums. Auch wenn es generelle Gemeinsamkeiten zwischen den Arbeiterquartieren Berlins gab, so gab es auch deutliche Unterschiede. Sie lassen sich daher in verschiedene Typen unterteilen. Diese ergeben sich sowohl aus der äußeren Erscheinung, also die städtebaulichen Merkmale, wie Gebäudetyp oder die Anlegung und Beschaffenheit der Straßen, als auch aus der Sozialstruktur der einzelnen Quartiere. So gab es deutliche Unterschiede der sozialen Durchmischung zwischen verschiedenen Arbeiterquartieren, aber auch äußerst kleinteilige Segregation innerhalb eines einzelnen Quartiers. Die Arbeiterschaft stellte dabei stets die größte, jedoch nicht die einzige soziale Gruppe. Je nach Quartier lassen sich ebenfalls verschiedene Anteile an z.B. kleinen Staatsbediensteten, Handwerkern, Gewerbetreibenden und andere, dem Kleinbürgertum zugehörige Berufsgruppen finden. Alle diese Faktoren beeinflussen die Bewertung eines Quartiers als gute oder schlechte Adresse. Die Arbeiterviertel sind also nicht als homogene Gebilde zu verstehen, sondern unterschieden sich teils deutlich voneinander, auch in der Wahrnehmung der Zeitgenossen.

3.3 Die Wohnsituation der Berliner Arbeiterschaft 3.3.1 Die baulichen Merkmale der Arbeiterquartiere

Adelheid von Saldern unterscheidet grundsätzlich zwei Typen von Arbeiterquartieren. Einen dieser Typen beschreibt sie als „Zonen in Transition“.[26]Diese entstehen durch die Entwicklungen, welche auch damals schon unter dem Begriff Citybildung zusammengefasst wurden. Hierunter versteht man die zunehmende strukturelle Veränderung des alten Zentrums einer wachsenden Stadt. Dieser heterogene, durch niedrige Häuser geprägte Stadtkern war vormals sowohl Arbeits- als auch Wohnstätte für verschiedene soziale Gruppen. In ihnen waren Gewerbe und Handel ebenso verbreitet wie Verwaltung und Dienstleistungsbetriebe. Im Zuge des Wachstums wird dieser zentrale Stadtraum immer stärker zu einem repräsentativen Raum. Kleinere Gewerbe, Kaufleute und Handelsbetriebe werden durch die steigenden Mieten in weiter außenstehende Bezirke verdrängt. In der Innenstadt siedeln sich immer kapitalkräftigere Branchen an, wie Banken, Kaufhäuser und Versicherungsbetriebe. Das Verhältnis zwischen Wohn- und Büroraum verschiebt sich immer stärker zu Gunsten des Büros beziehungsweise der Gewerbefläche. Auch die großen Industrieunternehmen wandern aus dem Zentrum ab, in Berlin beispielsweise die Firma Siemens. Diese verlegte ihre Produktion im Jahr 1883 zunächst aus dem Stadtkern Berlins nach Charlottenburg und dann 1905 noch weiter weg in die neu gegründete Siemensstadt.[27]Dieser Prozess der Citybildung führt zu einer Verdrängung der Wohnbevölkerung aus den betroffenen Teilen der Innenstadt. Doch während die wohlhabenderen Schichten in attraktive Vororte umsiedeln konnten, war es den einkommensschwachen Bevölkerungsteilen nicht einfach möglich, in weiter von ihrem Arbeitsplatz entfernte Gegenden umzusiedeln. So entstanden um die City herum sogenannte „Zonen in Transition“.[28]Diese Quartiere zeichneten sich durch eine alte Bausubstanz aus, die aufgrund des steigenden Wohnraumbedarfs immer weiter verdichtet wurden. Auf die vormals ein- bis zweistöckigen Häuser wurden einfach weitere Stockwerke „aufgesetzt“, Hinterhöfe und Gärten wurden mit Hinter- und Quergebäuden versehen. Die Bausubstanz war dabei im Allgemeinen sehr schlecht. Das häufig noch aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit stammende Straßensystem, bestehend aus kleinen, schmalen und verwinkelten Gassen verschlimmerte die Lage zusätzlich. Das für Berlin bekannteste Beispiel eines solchen Elendsviertels ist das ehemalige Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz. Die extrem hohe Wohndichte sorgte für katastrophale hygienische Zustände und machte es zum berüchtigtsten Quartier der ganzen Stadt.[29]Interessant ist hierbei, wie zuvor beschrieben, dass es sich um ein Quartier handelt, dass sehr nah der Innenstadt gelegen ist, also nicht weit weg von der repräsentativen, modern anmutenden innerstädtischen Infrastruktur.

Neben diesen innerstädtischen auf alter Bausubstanz aufgebauten Elendsquartieren entstanden neue Mietskasernenviertel, für die Berlin alsbald traurige Berühmtheit als „größte Mietskasernenstadt der Welt“[30]erlangte. Diese erstreckten sich vor allem um die alte Innenstadt ungefähr zwischen der in den 1860er Jahren geschleiften Zoll- und Akzisemauer und der heutigen Ringbahn. In Anspielung auf seine Entstehungszeit wird dieser Ring aus Mietskasernen auch Wilhelminischer Ring, beziehungsweise Dreiviertelring genannt. Er erstreckte sich „von der Luisenstadt im Südosten über das Stralauer und Königsviertel im Osten sowie die Rosenthaler Vorstadt und den Wedding im Norden bis nach Moabit im Nordwesten“[31]der Stadt. Im Westen und bis nach Charlottenburg entwickelte sich dagegen eine qualitativ höherwertige Bebauung. Die Mietskasernenviertel unterschieden sich von den zuvor genannten in einigen Punkten stark. Sie waren als damals moderne Neubauviertel an der Peripherie der alten Stadt konzipiert. Ihre Bausubstanz war im Allgemeinen von besserer Qualität. Auch waren sie nach außen hin durchaus repräsentativ ausgestaltet. Ihre Fassaden zur Straße hin unterschieden sich nicht wesentlich von denen bürgerlicher Wohnblöcke.[32]Auch die Straßen waren entgegen denen der „Zonen in Transition“ breit angelegt. Auf den Einfluss der Bebauungspläne und Bauordnungen für diese oftmals sehr breiten Straßen wird noch eingegangen werden. Jenseits der schmucken Fassade waren jedoch auch die Mietskasernen durch enorme Wohndichte und oftmals elende Wohnbedingungen geprägt. Diese blieben dem Beobachter allerdings eher verborgen. Schon Jules Huret erwähnt in seiner Beschreibung über „Berlin um Neunzehnhundert“, dass die Berliner Arbeiterviertel im Vergleich mit London oder Paris erstaunlich sauber und ordentlich aussahen.[33]Die in geschlossener Blockrandbebauung ausgeführten Wohnblöcke hatten bis zu acht Hinterhofblöcke und Quergebäude. Sie waren meist zwischen vier und sieben Stockwerke hoch. Die Innenhöfe erfüllten oft nur die geforderte Mindestbreite von 5,34m, gerade so viel, dass die Feuerwehrspritze wenden konnte. Dies führte dazu, dass in die hinteren Gebäude eines Wohnblocks kaum Licht einfallen konnte. Oftmals sorgten kleine Gewerbebetriebe zusätzlich für einen permanenten Lärm. Neben der hohen Bebauungsdichte wurde die Wohndichte durch den hohen Anteil an Ein- und Zweizimmerwohnungen und die hohe Belegung der Wohnungen zusätzlich gesteigert. „Im Jahre 1895 rechnete man im allgemeinen 0,41 bis 0,65 heizbare Zimmer pro Person.“[34]Die Wohnungsnot sorgte dafür, dass die Wohnungen, gemessen am Einkommen ihrer Bewohner relativ teuer waren. Häufig verschlang die Miete ein Viertel des Lohns einer Arbeiterfamilie. Dies führte zu häufiger Überbelegung und einem ausgeprägten Schlafgängertum, um die Miete möglichst gering zu halten oder zusätzliches Einkommen zu generieren. Eine Wohnung galt 1895 in Berlin statistisch gesehen erst als überfüllt, wenn sie ein beheizbares Zimmer für 5 oder mehr Personen besaß. Trotz dieser großzügigen Auslegung waren in der Reichshauptstadt mehr als 13% der Wohnungen mit einem beheizbaren Zimmer überbelegt.[35]Die Quote der Schlafgänger an der Berliner Gesamtbevölkerung betrug zwischen 1865 und 1885 relativ konstant um die 8%.[36]Sie verringerte sich allerdings bis 1910 auf 4,4%.[37]ln den Arbeiterquartieren war sie freilich noch um ein Vielfaches höher. Familienfremde im Wohnumfeld waren demnach an der Tagesordnung. Der Alltag der Berliner Arbeiterschaft war also geprägt von der Erfahrung extrem beengter Wohnverhältnisse und der Abwesenheitjeglicher Privatheit im heutigen Sinne.

Wohnungsnot trat in Berlin bereits zwischen 1815 und 1830 auf. Spätestens ab 1830 verschärfte sie sich immer stärker. „Die durchschnittliche Zahl der Bewohner je bewohntem Quartier stieg von 4,93 (1830) auf 5,44 (1840).“[38]Die Zuwanderung überschritt in der Folge das Angebot an vor allem billigem Wohnraum. Dies lässt sich am Leerwohnungsbestand als Indikator ablesen. Die sogenannte Hassesche Regel besagt, dass eine ausreichende Wohnungsversorgung bei einem Leerwohnungsbestand von 3% des vorhandenen Wohnraums gewährleistet ist.

Dieser Wert wurde am Ende der 1840er Jahre (Auswirkungen der Revolution von 1848 durch die Flucht von Mietern aus der Stadt) und zwischen 1865 und 1867 (Folgewirkungen erhöhter Wohnungsproduktion erreicht.[39]

Folglich ist im Rest des Zeitraums zwischen 1840 und 1871 von einem Mangel an Wohnraum auszugehen. Da es bei der hier untersuchten Gruppe der Arbeiterschaft insbesondere um Kleinwohnungen geht, ist vor allem deren Mietpreisentwicklung interessant. Es zeigt sich, dass die Nachfrage an billigen Kleinwohnungen das Angebot grundsätzlich überstieg.[40]Dies zwang die Mieter, größere und teurere Wohnungen anzumieten. Dieser Umstand führte wiederum zu der angesprochenen Notwendigkeit, Untermieter oder Schlafgänger aufzunehmen, um das entstandene Budgetdefizit auszugleichen.

[...]


[1] Karl Marx, Friedrich Engels, Das Kapital, Bd. 1, in: Karl Marx - Friedrich Engels, Werke (MEW), Bd. 23, Berlin 1972, S. 678.

[2] Vgl. zur aktuellen Gentrifizierungsdebatte: http://zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/article/view/3/105 vom 1.3.2016.

[3] Friedrich Lenger, Metropolen der Moderne, Eine Europäische Stadtgeschichte seit 1850, Beck, München 2013, S. 149.

[4] Friedrich Lenger, Metropolen der Moderne, Eine Europäische Stadtgeschichte seit 1850, Beck, München 2013.

[5] Anthony S. Wohl, The Eternal Slum, Housing and Social Policy in Victorian London, Transaction Publishers, New Brunswick, London 2002.

[6] Vgl. http://www.zum.de/psm/decker/decker68.php vom 9.1.2016; Lenger, Metropolen, S. 51.

[7] Vgl. Lenger, Metropolen, S.51. und S. 53.

[8] Vgl. Hubert Kiesewetter, Industrielle Revolution in Deutschland 1815-1914, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, S. 140.

[9] Vgl. Adelheid von Saldern, Häuserleben, Zur Geschichte städtischen Arbeiterwohnens vom Kaiserreich bis heute, J. H. W. DietzNachfolger, Bonn 1995, S. 40.

[10] Vgl. Reiner Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, S.27f.

[11] Vgl. Lenger, Metropolen, S. 55f.

[12] Vgl. Rolf Gehrmann, Säuglingssterblichkeit in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Comparative Population Studies, Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 36, 2011, Graphik S. 819.

[13] Vgl. Hans-Jürgen Teuteberg, Die Debatte der deutschen Nationalökonomie im Verein für Socialpolitik über die Ursachen der „Wohnungsfrage“ und die Steuerungsmittel einer Wohnungsreform im späten 19. Jahrhundert, in: Hans-Jürgen Teuteberg (Hrsg.), Stadtwachstum, Industrialisierung, Sozialer Wandel, Beiträge zur Erforschung der Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert, Duncker & Humblot, Berlin 1986, S. 15.

[14] Vgl. Lenger, Metropolen, S. 65.

[15] Vgl. ebd., S. 74.

[16] Vgl. Geißler, Sozialstruktur, S. 33.

[17] Vgl. ebd., S. 27f.

[18] So sind mit Proletariat sämtliche Besitzlose gemeint, so beispielsweise auch mittellose Landarbeiter und Bauern. Von Interesse ist hier aber vor allem das sog. Industrieproletariat in den Städten.

[19] Kiesewetter, Industrielle Revolution, S. 133.

[20] Vgl. von Saldern, Häuserleben, S. 75.

[21] Vgl. Geißler, Sozialstruktur, S. 23.

[22] Vgl. Knut Borchardt, Die Industrielle Revolution in Deutschland, Piper, München 1972, S. 58.

[23] Vgl. Geißler, Sozialstruktur, S. 24.

[24] Vgl.ebd.S.31.

[25] Vgl. von Saldern, Häuserleben, S. 17.

[26] Vgl. ebd., S. 42ff.

[27] Vgl. Martin Mächler, Citybildung, in: Handwörterbuch des Wohnungswesens, Gerhard Albrecht (Hrsg.), Jena 1930, S. 179f.

[28] Vgl. von Saldern, Häuserleben, S. 44.

[29] Vgl. Eike Geisel, Im Scheunenviertel, Bilder, Texte, Dokumente, Severin und Siedler, Berlin 1981, S. 11f.

[30] Vgl. Werner Hegemann, Das steinerne Berlin, Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt, Ullstein,

Berlin, Frankfurt/M 1930.

[31] Christoph Bernhardt, Bauplatz Groß-Berlin, Wohnungsmärkte Terraingewerbe und Kommunalpolitik im Städtewachstum der Hochindustrialisierung (1871-1918), de Gruyter, Berlin, New York 1998, S. 23.

[32] Vgl. von Saldern, Häuserleben, S. 46.

[33] Jules Huret, Berlin um Neunzehnhundert, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1979, S. 20ff.

[34] Ebd., S. 46.

[35] Vgl. Lenger, Metropolen, S. 124.

[36] Vgl. Clemens Zimmermann, Von der Wohnungsfrage zur Wohnungspolitik, Die Reformbewegung in Deutschland 1845-1914, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, S. 26.

[37] Vgl. Vgl. Elisabeth Gransche, Franz Rothenbacher, Wohnbedingungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 1861-1910, in: Geschichte und Gesellschaft, 14. Jahrgang, 1988/Heft 1, Familie, Haushalt, Wohnen, Hrsg. Hans- Ulrich Wehler, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1988, S. 75.

[38] Zimmermann, Wohnungsfrage, S. 24.

[39] Ebd., S. 25.

[40] Vgl., ebd., S. 25.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Die Wohnverhältnisse der Arbeiterschaft um 1900. Berlin und London im Vergleich
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturgeschichte)
Veranstaltung
Berlin um 1900
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
54
Katalognummer
V411982
ISBN (eBook)
9783668633018
ISBN (Buch)
9783668633025
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
London, Berlin, Wohnverhältnisse, Arbeiterschaft, Wohnungsproblematik, Wohnungsfrage, Segregation, Arbeiterbewegung, Soziale Frage, Urbanisierung, Metropole, Industrialisierung, Industrielle Revolution, Blockrandbebauung, Berliner Fenster, Mietskaserne, Sozialer Wohnungsbau, Gartenstadt, städtische Infrastruktur, 1900, 19. Jahrhundert, Migration
Arbeit zitieren
Julian Juckel (Autor), 2016, Die Wohnverhältnisse der Arbeiterschaft um 1900. Berlin und London im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/411982

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