Hitlerjugend. Die Kontrolle und Manipulation des "Jungvolkes"

Welche Strategien bestimmten die Erziehung der HJ?


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung der HJ
2.1 Geschichte
2.2 Fokus auf die Jugend

3. Die hierarchische Struktur der HJ

4. Aktivitäten der Hitlerjugend

5.Erziehungsprinzip/-ziele der HJ
5.1 Das pädagogische Grundprinzip der HJ
5.2 Baldur von Schirach
5.3 Ernst Krieck

6. Die Erziehung zum wehrtüchtigen Soldaten

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Hitlerjugend war eine Organisation, die mit keiner heutigen Jugendorganisation vergleichbar ist. Sie zählte beinahe jeden Jugendlichen Deutschlands zu ihren Mitgliedern. Auch wenn die Hitlerjugend mit dem Ende des Krieges aufgelöst wurde, ist die Auseinandersetzung mit der HJ immer noch ein aktuelles Thema und von hoher Relevanz. Sie zeigt uns, dass gerade die Jugendlichen empfänglich für Manipulationen sind und dass immer eine Gefahr für die Wiederholung der Ereignisse besteht. Es existiert zwar keine Organisation, die in der Größe annähernd an die Hitlerjugend heranreichen würde, allerdings stehen die Jugendlichen durch Institutionen wie die Schule oder aber auch geheimer Sozialisationsinstanzen, wie sozialen Plattformen enorm unter dem Einfluss von äußeren Reizen.

Es ist notwendig, sich mit Organisationen der Vergangenheit auseinanderzusetzten, um aus ihnen mögliche Gefahrenquellen abzuleiten. Diese Notwendigkeit sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, betont auch Theodor v. Adorno, indem er sagt, dass „die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, […] die allererste an Erziehung“[1]sei. Die Gefahr der Wiederholung sieht er vor allem in dem bestehenden „gesellschaftliche[n] Druck“[2]. Laut Adorno würden sich Verfolgungen, wie sie es auch in der NS-Zeit gegeben hat, gegen die richten, die „man als gesellschaftlich schwach und zugleich- mit Recht oder Unrecht- als glücklich empfindet“[3]. An dieser Stelle wird ein aktueller Bezug zu der Flüchtlingsthematik deutlich. Die gegenwärtige Situation ist stark konfliktbehaftet und bringt daher ein hohes Risiko mit sich, dass rechtsorientierte Gruppen die Unsicherheit der Bevölkerung ausnutzen, um Einfluss zu gewinnen. Die Jugend ist durch ihre Charakteristika besonders gefährdet.

Diese Hausarbeit soll aufzeigen, welche Risikofaktoren die Jugend mit sich bringt und diese anhand der Hitlerjugend veranschaulichen. Die Strategien, die die HJ zur Beeinflussung der deutschen Jugend nutzte, waren umfangreich und wirkten sehr attraktiv auf die Jugendlichen. Zunächst soll die Hitlerjugend mit ihrem pädagogischen Konzept dargestellt werden, um anschließend im Fazit die Konsequenzen zu ziehen, die wir für uns aus der Vergangenheit schließen können. Das Ziel ist es Handlungsstrategien zu entwickeln, wie wir eine Wiederholung der Ereignisse verhindern können.

2. Entwicklung der HJ

2.1 Geschichte

Anfang des 20. Jahrhundert existieren bereits einige Jugendverbände, die der Hitlerjugend vorangingen. Im Grunde sind es allerdings zwei große Jugendorganisationen, die den Grundstein für die Hitlerjugend legen.

Zum einen die „Schilljugend“[4], die sich durch einen „elitären Charakter“[5]auszeichnet und von Gerhard Roßbach[6] geführt wird und zum anderen die „Großdeutsche Jugendbewegung“[7], die an den allgemeinen „Arbeiterjunge[n]“[8]adressiert ist und an dessen Spitze Kurt Gruber steht[9]. Gruber führt auch die erste HJ-Uniform ein[10]. Er macht zudem den Vorschlag, die beiden Organisationen zusammenzuführen, um einen größeren Einfluss zu erlangen und möglichst viele Jugendliche einzubinden. Trotzdem ist es sein Ziel, dass die Jugendorganisationen autonom bleiben können. Roßbach ist dennoch dagegen, da er den Status seiner Organisation nicht verlieren will und sie auch nicht der NSDAP unterstellen will.

Auf Grund dessen und auch weil Hitler großes Potential in Gruber sieht, ernennt Hitler Gruber 1925 zum „Führer der nationalsozialistischen Jugendbewegung in Sachsen“ [11]. Roßbachs “Schilljugend“ hat dagegen keine politische Zukunft und verliert ihren Einfluss. Durch die fehlende Konkurrenz entwickelt sich die „Großdeutsche Jugendbewegung zur offiziellen Jugendorganisation der NSDAP“[12].[13]1926 wird sie schließlich in die „>>Hitler-Jugend, Bund der deutschen Arbeiterjugend<< umbenannt“[14].

2.2 Fokus auf die Jugend

„Die deutsche Jugend aber wird strahlenden Herzens ohnehin erfüllen, was die Nation, der nationalsozialistische Staat von ihr erwartet und fordert."[15]Wie sich an diesem Zitat zeigt, hat Hitler der Jugend eine zentrale Rolle in der Umsetzung seiner Ideale zugeschrieben und es sich zum Ziel gemacht, durch die Indoktrination seiner Werte und Normen in die Jugend, seinen deutschen Staat aufzubauen.

Um zu verstehen, wieso gerade die Jugend von zentraler Bedeutung war, sollte man zunächst die Charakteristika dieser Phase benennen und für diese Annäherung eignet sich vor allem das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung von Hurrelmann.

Ein besonderes Merkmal, dass auch im Hinblick auf die Hitlerjungend besonders zu betrachten ist, ist der ausgeprägte Sozialisationsprozess. In dieser Zeit bildet sich die sogenannte „Ich-Identität“[16]aus. Diese kann sich jedoch nur konstruktiv entwickeln, wenn bereits ein „angemessenes eigenes Selbstbild“[17]vorhanden ist. Es ist hierbei wichtig, dass die Jugendlichen ihre „personalen und sozialen Ressourcen“[18]einschätzen und sie auch reflektieren können. Andernfalls wird kann ihr Selbstbild manipuliert werden und es ist den Jugendlichen nicht möglich, sich zu festigen und zu mündigen Erwachsenen heranzuwachsen. Betrachtet man die Jugendphase also aus der Sicht von Hurrelmann zeigt sich, dass Hitler die Vulnerabilität dieser Phase ausgenutzt und die Jugendlichen genau zu dem Zeitpunkt der Entwicklung beeinflusst hat, zudem sich die Identität entwickelt.

Organisationen wie die Hitlerjugend, also Institutionen, die in diesem Fall die Wertorientierung beeinflussen und hauptsächlich den Sozialkontakt und die Kommunikation fördern, aber in anderen Fällen auch die Arbeit oder den Beruf umfassen. werden von Hurrelmann als „tertiäre Sozialisationsinstanzen“[19]bezeichnet. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Menschen an sich und in ihre Strukturen einbinden.[20]Der Einfluss tertiärer Sozialisationsinstanzen ist nicht geringer, als der der primären, die die Familie umfasst. Er gewinnt im zunehmenden Alter sogar an Bedeutung und die Jugendlichen übernehmen die Strukturen und somit auch die Lebenseinstellungen der Organisationen auf eine intensive Art und Weise.

Die Hitler-Jugend wird nun als einziger „Sozialisationsraum“[21]genutzt. In diesem werden die Kinder in der Übergangsphase vom „Kind zum Erwachsenen [begleitet] und [geformt]“[22]Es geht hierbei vor allem darum, die individuelle Entwicklung zu unterdrücken, damit sich der Jugendliche stattdessen komplett der Gemeinschaft unterordnet. Die Ablösung der Jugend von der Kernfamilie, die in dem Übergang zur Adoleszenz eingeordnet ist, soll in der Hitlerjugend noch beschleunigt werden, sodass der Jugendliche die Organisation als neue Familie akzeptiert. Auf diese Weise wird die emotionale Bindung an die Hitlerjugend noch verstärkt und gleichzeitig der Einfluss der Familie, die möglicherweise kritisch gegenüber der NS eingestellt ist, geschwächt.

Die Kinder standen nun unter der Autorität der Partei und mussten sich der Organisation kritiklos unterwerfen. Die für die Phase des Übergangs in die Adoleszenz so wichtige Ablösung von den Eltern und die kritische Auseinandersetzung mit dem elterlichen Wert- und Normensystem wird nur scheinbar unterstützt. Die Hitlerjugend erweckte den Anschein, die Jugendlichen bei dem Prozess, eigenständige Akteure zu werden, zu unterstützen und es ihnen zu ermöglichen, unabhängig von ihren Eltern Entscheidungen zu treffen. Tatsächlich lernt der Jugendliche allerdings nicht zu reflektieren, sondern übernimmt die ihm vorgegebenen Ansichten der Hitlerjugend. So wird die Entwicklung eigener Wertvorstellungen und auch einer eigenen Identität unterbunden. Man kann in diesem Fall eine „Verlagerung der Bindung von den Eltern auf die Gruppe“[23]beobachten.[24]

Ein weiteres Merkmal, das die Jugendphase kennzeichnet und von dem die NS-Pädagogik profitiert, ist der starke „Bestätigungs- und Betätigungsdrang“[25]. Auch diesen nutzt Hitler, um die Jugendlichen für die Organisation zu begeistern.

Sie machen die Erfahrung zu einer Gemeinschaft zu gehören, in der sie alle das gleiche Ziel verbindet und in der sie Teil einer Masse werden, in der jeder seine Aufgabe zu erfüllen hat. Durch dieses Gemeinschaftsgefühl wird das Selbstwertgefühl der Jugendlichen erheblich aufgewertet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bedingt durch die Charakteristika der Jugendphase die Jugendorganisation der NS so gefährlich ist. Durch die Umbruchsituation, in der sich die Jugendlichen befinden, sind sie besonders empfänglich für beeinflussende Faktoren und auch für manipulative Strategien. Die Jugendphase zeichnet sich daher durch eine erhöhte Vulnerabilität aus.

Diese Merkmale zeichnen die Jugendphase damals und auch in der gegenwärtigen Zeit aus. Wir müssen uns bewusstmachen, dass die Förderung der Jugend einen besonderen Stellenwert haben muss. Dabei sollte im Fokus stehen, den Jugendlichen Möglichkeiten aufzuzeigen, sich als Teil der Gesellschaft zu betätigen. Sie sollten sich aktiv an wichtigen Entscheidungen beteiligen können und respektiert und anerkannt werden.

Die Gefahr, dass Jugendliche sich Gruppierungen anschließen, die ihnen das Gefühl geben, etwas Besonderes und somit höhergestellt, als andere Gruppen zu sein, kann nur verringert werden, wenn die Gesellschaft sich bemüht, möglichst wenig Unsicherheit und Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufkommen zu lassen.[26]

3. Die hierarchische Struktur der HJ

Die Grafik der hierarchischen Struktur der Hitlerjugend zeigt, in welch großem Umfang sie durchorganisiert ist, obwohl es sich oberflächlich betrachtet “lediglich“ um eine Freizeitbeschäftigung der Jugend handelt. Dass das Ausmaß aber viel größer ist, als man esvon heutigen Freizeitorganisationen, wie z.B. Sportclubs, gewohnt ist, lässt sich auch an dem Aufbau und den Ämtern der einzelnen Stufen erkennen. So gleicht die Organisation eher dem Aufbau eines Staates.

Sie ist geprägt durch einzelne Verwaltungseinheiten, die aufeinander aufbauen. Angefangen bei der kleinsten Einheit der Kameradschaft, die aus zehn Jugendlichen besteht. Aus vier Kameradschaften bildet sich eine Schar. Die Schar wird von einem Hauptscharführer geleitet, der für kleinere dienstliche Aufgaben zuständig ist. Die kleinste eigenständige Verwaltungseinheit ist aber die Gefolgschaft, die aus vier Scharen besteht. Der Gefolgschaftsführer kümmert sich in dieser um die Angelegenheiten, die die Schule und Ausbildung der Jugendlichen betreffen. Zudem hat sie einen Geldverwalter, der für die verwaltungstechnischen und finanziellen Fragen verantwortlich ist. Der Stamm, der aus drei bis fünf Gefolgschaften besteht, wird ebenfalls von Stammführern verwaltet, genauso wie der HJ-Bann, der sich aus vier bis acht Stämmen zusammensetzt. Das HJ-Gebiet, dass zehn bis vierzig Banne umfasst, ist die größte Verwaltungseinheit, über der nur noch die Reichsjugendführung steht.

Diese ist ebenfalls in verschiedene Ämter unterteilt. Die größten Ämter sind „das Soziale Amt mit sechs Hauptabteilungen, 18 Abteilungen und 116 Referaten sowie das Kulturamt mit sieben Hauptabteilungen, 19 Abteilungen und 52 Referaten, während etwa das Auslandsamt oder aber das Grenz- und Volkspolitische Amt mit drei bzw. vier Hauptabteilungen, zehn bzw. sieben Abteilungen und 19 bzw. zwölf Referaten eher zu den kleineren Verwaltungen zählten.“[27]. An der Spitze der Reichsführung steht der Reichsführer. Dieser besaß eine so angesehene Stellung, dass er genauso bezahlt wird, wie etwa ein Staatssekretär, ein Generalfeldmarschall oder ein Reichsführer der SS.[28]

Der hierarchische Aufbau der Organisationsstruktur sorgt dafür, dass sich die Mitglieder, vor allem aber die Führer der einzelnen Abteilungen „wertvoll und mächtig“[29]fühlen, da sie zu einer Hierarchie gehören, an „deren oberster Spitze“ der Führer““[30]steht. Das Verantwortungsgefühl steigert das Engagement der Mitglieder und durch die Aussicht auf Beförderung und dem damit verbundenen Aufsteigen in der Hierarchie sind die Jugendlichen zu größeren Leistungen bereit.[31]

[...]


[1]Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz. In: Kulturkritik und Gesellschaft, Band 10.2. 1977, S.1.

[2]Adorno 1977, S.1.

[3]Adorno 1977, S.1

[4]Koch, Hannsjoachim W.: Geschichte der Hitlerjugend: ihre Ursprünge und ihre Entwicklung 1922 – 1945. Percha/Starnberger See: Schulz, 1975, S.96.

[5]Ebd., S.96.

[6]Ebd., S.90.

[7]Ebd., S.96.

[8]Ebd., S.96.

[9]Ebd., S.93.

[10]Ebd., S.94.

[11]Ebd., S.96.

[12]Ebd., S.97.

[13]Ebd., S.96f.

[14]Ebd., S.99.

[15]Adolf Hitler, Erklärung der Reichsregierung vor dem Deutschen Reichstag, 1. September 1939

[16]Hurrelmann, Klaus: Sozialisation. Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. 10. vollständig überarbeitete Auflage. Weinheim [u.a.]: Beltz, 2012, S.101.

[17]Ebd., S.101.

[18]Ebd., S.101

[19]Ebd., S.161

[20]Vgl. Ebd., S.101

[21]Kannonier-Finster, Waltraud: Eine Hitler-Jugend. Sozialisation, Biographie und Geschichte in einer soziologischen Fallstudie. Innsbruck [u.a.]: StudienVerlag, 2004, S. 68.

[22]Ebd., S. 69.

[23]Ebd., S. 78.

[24]Vgl. Ebd., S. 70 ff.

[25]Hübner-Funk, Sibylle: Loyalität und Verblendung. Hitlers Garanten der Zukunft als Träger der zweiten deutschen Demokratie. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg, 1998, S. 187.

[26]Grafik erstellt nach Buddrus, Michael. Totale Erziehung für den totalen Krieg. Hitlerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik. München: Saur, 2015, S. 10-13.

[27]Ebd., S.12.

[28]Vgl. Ebd., S.10.

[29]Hübner-Funk, Sibylle: Loyalität und Verblendung. Hitlers Garanten der Zukunft als Träger der zweiten deutschen Demokratie. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg, 1998, S. 190

[30]Ebd., S.190.

[31]Vgl. Ebd., S.190.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Hitlerjugend. Die Kontrolle und Manipulation des "Jungvolkes"
Untertitel
Welche Strategien bestimmten die Erziehung der HJ?
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V412029
ISBN (eBook)
9783668633131
ISBN (Buch)
9783668633148
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hitlerjugend, kontrolle, manipulation, jungvolkes, welche, strategien, erziehung
Arbeit zitieren
Kim Eileen Beckmannn (Autor), 2017, Hitlerjugend. Die Kontrolle und Manipulation des "Jungvolkes", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412029

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hitlerjugend. Die Kontrolle und Manipulation des "Jungvolkes"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden