Im Herbst 1505 flüchtete Albrecht Dürer zum zweiten Mal vor der Pest aus Nürnberg nach Venedig. Bereits 1494 hatte er den Pestausbruch in seiner Heimatstadt genutzt, um eine Italienreise anzutreten. Die Lagunenstadt galt als wichtiges Fernhandelsziel der deutschen Kaufmannsfamilien, so dass Dürer auf Hilfe und Unterstützung in der Fremde von Seiten seiner Landsleute hoffen konnte. Kurz nach seiner Ankunft in Venedig bestellten sie bei ihm ein Marienbild für einen der Nebenaltäre ihrer Grabeskirche San Bartolomeo . Der Anlass des Bildauftrages kann wohl mit dem Wiederaufbau des deutschen Kauf-, Lager- und Wohnhauses, dem Fondaco dei Tedeschi an der Rialtobrücke und nahe der Kirche San Bartolomeo in Verbindung gebracht werden, der 1505 bei einem Brand zerstört worden war. Hundert Jahre später, im Frühjahr 1606 erwarb der Venezianer Sekretär Bernhardino Rossi das Gemälde Rosenkranzfest im Auftrag von Kaisers Rudolf II. (1552-1612) für die kaiserliche Sammlung in Prag. Nachdem das Gemälde in Teppich, Baumwolle und Leinwand eingepackt worden war, wurde es auf einer eigens angefertigten Trage, auf den Schultern vier starker Männer über die Alpenpässe getragen, damit es keinen Erschütterungen von einem Fuhrwerk ausgesetzt werden musste.
Aber bereits nach den Verzeichnissen der Prager Schatz- und Kunstkammer von 1718 bis 1763 galt das Rosenkranzfest wegen der nachlässigen Aufbewahrung während des Dreißigjährigen Krieges als stark verdorben. Eine Zeitlang glaubte man sogar, es sei verschollen. Nach einer alten Überlieferung soll das Gemälde als Regenschutz für eine Dachluke der Prager Burg gedient haben, bis es 1782 zufällig wieder entdeckt worden war. Es folgten zahlreiche Besitzerwechsel und eine - wohl mehr schlechte als rechte – Restaurierung 1841 von Johann Grusz. Der tschechische Staat erwarb das Gemälde 1930.
Heute befindet sich das Rosenkranzfest in einem schlechten Zustand. Anhand der 22 erhaltenen Skizzen von Albrecht Dürer wurde versucht, das ursprüngliche Aussehen einiger Bildflächen zu rekonstruieren, so dass große Teile nicht mehr als authentisch angesehen werden können. Einen aussagekräftigen Vergleich gibt Heinrich Musper, der das Berliner Gemälde Madonna mit dem Zeisig in einem besseren Zustand als das Rosenkranzfest wähnt. Vor allem sei die leuchtende Farbigkeit bei der Zeisigmadonna besser als im Rosenkranzfest nachzuvollziehen. Der heutige Bildtitel ist eine Zugabe des 19. Jahrhunderts.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Das Rosenkranzfest
2.1 Die Beschreibung
2.2 Thesen
3 Der historische Kontext
3.1 Das Rosenkranzfest – ein politisches Gemälde?
3.2 Die Botschaft in der Hand
4 Das Bildthema: das Verteilen von Rosenkränzen an eine christliche Gemeinde
4. 1 Die Rosenkranzgebetsschnur und deren symbolische Deutung
4. 2 Die Rosenkranzbruderschaft
5 Der Einfluss der nordalpinen Malerei
5.1 Der ikonographische Bildtypus der Rosenkranzbruderschaft
5.2 Die Anbetung der Heiligen drei Könige von Stefan Lochner
6 Der Einfluss der venezianischen Malerei
6.1 Die Sacra Conversazione mit vier Heiligen und das Votivbild des Dogen Agostino Barbarigo von Giovanni Bellini
6.2 Die venezianische Farbigkeit
7 Innovation und Tradition im Rosenkranzfest
7.1 Die Kleinwelt der Natur
7.2Das Gruppenbildnis
7.3 Die Verschmelzung von venezianischer und nordalpiner Malerei
8 Resümee
8.1 Die Gleichberechtigung vor Gott im Rosenkranzfest – Ein Versuch
8.2 „Der Himmel steigt auf die Erde herab“
8.3 Der sakrale und profane Appell
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das 1506 entstandene Meisterwerk „Das Rosenkranzfest“ von Albrecht Dürer, um dessen Bedeutung im Kontext der Renaissance-Malerei zu ergründen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der innovativen Verbindung von religiösem Bildthema, politischer Symbolik und der technischen Meisterschaft Dürers in der Verschmelzung nordalpiner und venezianischer Stilelemente.
- Historischer Kontext und politische Botschaft des Gemäldes.
- Symbolik der Rosenkranzverehrung und Rosenkranzbruderschaft.
- Einflüsse nordalpiner Traditionen und venezianischer Malerei auf Komposition und Farbigkeit.
- Innovation durch die Integration eines zeitgenössischen Gruppenbildnisses.
- Wechselwirkung zwischen dem profanen Anspruch der Stifter und dem sakralen Heilsplan.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Beschreibung
Das Rosenkranzfest, Öl auf Pappelholz, mit dem Maß 162 x 195 cm ist im Prager Nationalmuseum zu sehen. Das Gemälde wird im Vordergrund von einer ganzfigurigen, thronenden Muttergottes mit dem Christusknaben auf dem Schoss, einem knienden Papst zu ihrer rechten und einem knienden Kaiser zu ihrer linken Seite beherrscht. Der Papst und der Kaiser in betender Haltung sind als Ganzfiguren im Profil dargestellt. Die Muttergottes zu Kaiser Maximilian I. (1459-1519) blickend, sitzt erhöht, en-face auf einem Baldachin geschmückten Thron. Die Aufmerksamkeit des nackten Christusknaben ist auf Papst Julius II. (1443-1513) gerichtet. Maria, Papst und Kaiser sind fast in Lebensgröße und in einer klassischen Dreieckskomposition, einem gleichschenkligen Dreieck, geschildert. Das aufstrebende Motiv des pyramidalen Bildaufbaues wird aber durch die Schräglage des Christusknaben und seinem Pendant, dem zu Füßen Mariens sitzenden und Laute spielenden Engel gemindert. Die zentrale Komposition ist so monumental und dynamisch zugleich.
Anhand des symmetrischen Bildaufbaues kann das Gemälde sowohl in Vorder-, Mittel- und Hintergrund als auch in eine triptychonale Ordnung gegliedert werden. Auf der linken Bildseite ist der Klerus hinter dem Papst versammelt. Von den Cherubinen empfangen die Geistlichen Rosenkränze. Die Fernsicht ist durch Bäume im Hintergrund begrenzt. Auf der rechten Bildseite wird der Kaiser von Laien begleitet, die ebenso Rosenkränze von den Cherubinen erhalten. Der Ausblick öffnet sich hier im Hintergrund in die Ferne, zu einem Gebirge und ursprünglich auch zu einer Stadtansicht. Die Stadtansicht geht vermutlich auf die dürerschen Aquarelle von Trient und Innsbruck zurück, die während der ersten Reise nach Italien entstanden sind. Aus heutiger Sicht kann ein konkreter Bezug im Vergleich nicht mehr hergestellt werden, weil die Bildstelle stark verdorben ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Diese Einleitung beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Werkes unter Berücksichtigung von Dürers Venedig-Aufenthalt und dokumentiert die bewegte Provenienz des Gemäldes bis in die moderne Zeit.
2 Das Rosenkranzfest: Das Kapitel bietet eine detaillierte Beschreibung der Bildkomposition und diskutiert die historisch problematische Namensgebung des Werkes.
3 Der historische Kontext: Hier wird das Gemälde in den politischen Spannungsraum zwischen Kaiser Maximilian I., Papst Julius II. und Venedig eingeordnet und der Humanismus als prägender Zeitgeist identifiziert.
4 Das Bildthema: das Verteilen von Rosenkränzen an eine christliche Gemeinde: Dieses Kapitel erläutert die theologische Bedeutung der Rosenkranzverehrung und analysiert die Funktion der Rosenkranzbruderschaften im 15. Jahrhundert.
5 Der Einfluss der nordalpinen Malerei: Die Untersuchung befasst sich mit der ikonographischen Tradition, insbesondere durch Vorbilder wie den Holzschnitt von Jakob Sprenger und den Kölner Altar von Stefan Lochner.
6 Der Einfluss der venezianischen Malerei: Der Autor analysiert die künstlerischen Anleihen bei Giovanni Bellini sowie die Bedeutung der für Venedig typischen Farbigkeit und des Dogen-Porträt-Typus.
7 Innovation und Tradition im Rosenkranzfest: Das Kapitel zeigt auf, wie Dürer durch die Verbindung von feinmalerischer Natursymbolik und monumentaler Renaissance-Komposition eine neue Einheit schuf.
8 Resümee: Die Zusammenfassung führt die verschiedenen Fäden der Untersuchung zusammen und betont die Rolle des Werkes als Schnittpunkt zwischen privater Andacht und politischer Dokumentation.
Schlüsselwörter
Albrecht Dürer, Rosenkranzfest, Renaissance, Venedig, Kaiser Maximilian I., Papst Julius II., Rosenkranzbruderschaft, Humanismus, Ikonographie, Maltechnik, Farbigkeit, Gruppenporträt, nordalpine Malerei, Giovanni Bellini, Heilsplan.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Albrecht Dürers Gemälde „Das Rosenkranzfest“ von 1506 und untersucht, welche Faktoren das Werk zu einem Meisterwerk der Renaissance machen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Bildikonographie, den politischen Kontext der Zeit, die Rolle der Rosenkranzbruderschaften sowie die künstlerische Synthese zwischen nördlichen und südlichen Einflüssen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die künstlerische Innovation und die politische Dimension des Bildes aufzudecken, indem der historische Kontext, die theologischen Bezüge und die ästhetische Komposition tiefgehend beleuchtet werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Untersuchung nutzt kunsthistorische Analysemethoden wie die ikonographische Bildanalyse, den Vergleich mit Vorbildern (z.B. Bellini, Lochner) und die Einbettung in den zeithistorischen Kontext.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des historischen Rahmens, die Analyse des Bildthemas, die Diskussion von Einflüssen aus der nordalpinen und venezianischen Malerei sowie die Synthese von Innovation und Tradition im Werk.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind die Verbindung von religiösem Andachtsbild und politischem Anspruch, die Rolle der Stifter, der Humanismus und die ikonographische Weiterentwicklung von Dürer.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Kaisers im Bildkontext?
Der Autor argumentiert, dass Dürer den Kaiser als zentralen Repräsentanten der weltlichen Macht darstellt, dessen Legitimation durch die direkte Verleihung des Rosenkranzes durch Maria unterstrichen wird.
Was sagt die Arbeit über Dürers eigene Rolle im Gemälde aus?
Das Selbstbildnis Dürers wird als Ausdruck seines Selbstverständnisses als deutscher Künstler und Humanist gewertet, der sich in den mystischen Kanon der dargestellten Gemeinschaft einfügt.
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- Magister Artium Astrid Klahm (Autor), 2008, Was macht das "Rosenkranzfest" von Albrecht Dürer zum Meisterwerk?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412087