"Ich will dich lêren einen list". Zur Ratgeber-Rolle im politischen und weltlichen Sangspruch Walthers


Hausarbeit, 2012

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Ratgeber-Rolle im politischen und weltlichen Sangspruch Walthers
2.1. Vorüberlegungen
2.2. Im politischen Sangspruch: Erster und Zweiter Philippston (19,17 und 16,36)
2.3. Im weltlichen Sangspruch: Wiener Hofton (22,18 und 22,33)

3. Fazit: Die Ratgeber-Rolle als soziale Funktion

4. Bibliographie
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Walther hat in der mediävistischen Forschung eine Sonderstellung. Er hat Minnesang und Spruchdichtung zur höfischen Lieddichtung erhoben und beide Gattungen erstmals einander angenähert,[1] aber vor allem schien er lange Zeit durch seine ‚Ich-Aussagen‘ herauszustehen; Halbach nannte es „Ichhaftigkeit“,[2] „Kraft des ich-Sagens“ nannte es Mundhenk.[3] Inzwischen weicht man im Allgemeinen von diesen zu stark auf Walthers Person bezogenen Begrifflichkeiten ab, da man eingesehen hat, dass die häufigen Personalpronomen in der ersten Person[4] nicht zwingend auf den Autor bezogen sein müssen, sondern ebenso auf fiktive Rollen deuten können, die Walther besonders im Sangspruch häufig einsetzt. Wie jüngst Claudia Lauer gezeigt hat,[5] sind diese Rollen im Sangspruch zahlreich und vielfältig, und sie sind es, die Walthers Dichtung so besonders machen. Sie bieten einen Zugang zu den Stropheninhalten und bestimmen gleichzeitig die Perspektive auf Walthers Themen, von milte -Mahnung bis Weltklage.

Eine dieser Rollen taucht dabei besonders häufig auf: die des Ratgebers. Ob im Leopoldston (z. B. 83,27) oder im König Friedrichston (z. B. 29,35), im Sangspruch nimmt Walther häufig die Rolle desjenigen ein, der andere durch weisen Rat unterstützen will. Mit ebendieser Rolle beschäftige ich mich in der vorliegenden Arbeit. Aus Platzgründen beschränke ich mich dabei auf zwei Teilaspekte – den des politischen und den des weltlichen Ratgebers. Die Einteilung (politische, weltliche, geistliche Lehre, Kunstlehre) stammt von Claudia Lauer[6] und dient der groben Gliederung der Sangsprüche nach ihrer thematischen Ausrichtung.

Zur Erörterung der Ratgeber-Rolle habe ich in der vorliegenden Arbeit Strophen aus dem Philippston (für den politischen Ratgeber) sowie aus dem Wiener Hofton (für den weltlichen Ratgeber) herangezogen. Abgesehen von der getrennten Analyse der Strophen auf vorwiegend inhaltliche Aspekte stehen der strophenübergreifende Vergleich und damit die Charakterisierung der Ratgeber-Rolle im Vordergrund. Zum Abschluss erfolgt neben einer Zusammenschau der Ergebnisse auch die Auslotung der Frage, inwieweit der Ratgeber individuelle und soziale Funktionen und Eigenschaften vereint.

2. Zur Ratgeber-Rolle im politischen und weltlichen Sangspruch Walthers

2.1. Vorüberlegungen

Zunächst ist es vonnöten, eine Arbeitsdefinition von ‚Rolle‘ aufzustellen. In Bezug auf das Thema dieser Arbeit scheint es sinnvoll, sowohl das mittelalterliche als auch das moderne Verständnis des Begriffs miteinzubeziehen: Seit dem 11. Jahrhundert war unter ‚Rolle‘ sowohl ‚individuelle Verhaltensweise‘ als auch ‚soziale Funktion‘ zu verstehen, wohingegen heute auch die ‚nicht-authentische Haltung‘ einer Person gemeint ist.[7] Entscheidend ist hierbei in Hinblick auf spätere Ausführungen, dass das Einnehmen einer Rolle individuelle mit sozialen Aspekten verbindet.[8]

Zur besseren Verständlichkeit verwende ich statt ‚Walther‘, ‚lyrisches Ich‘ oder ‚Strophen-Ich‘ ausschließlich den Begriff ‚Ratgeber‘ für diejenige Person, die in den hier behandelten Strophen als ‚Ich‘ agiert. Auf diese Weise wird die Figur innerhalb des Sangspruchs nicht mit der Person des Autors vermischt und als rein fiktive, vom Autor konzipierte Gestalt aufgefasst. Gerade in Hinblick auf die Forschungsge­schichte und den häufigen zweifelhaften Bezug von Stropheninhalten auf Walthers Persönlichkeit und Biographie soll hier bewusst zwischen diesen Dingen getrennt werden, auch wenn beides nicht vollkommen separat voneinander existieren kann.[9]

Obwohl einige Strophen recht eindeutig auf historische Ereignisse zu Lebzeiten Walthers bezogen werden können, werde ich etwaige geschichtliche Kontexte nur streifen, da diese Arbeit in erster Linie eine textimmanente Analyse der Ratgeber-Rolle sein soll.

Textgrundlage für diese Arbeit ist die Ausgabe von Cormeau.[10]

2.2. Im politischen Sangspruch: Erster und Zweiter Philippston (19,17 und 16,36)

Die Philippstöne wenden sich an bzw. beziehen sich auf den staufischen König Philipp von Schwaben. Sie enthalten sowohl preisende als auch tadelnde Strophen.

Der erste Philippston beinhaltet, nach zwei Legitimationsstrophen (18,29 und 19,5) sogleich eine Rüge für Philipp (19,17):[11] Diejenigen, die ‚genauer hinsehen‘, kritisieren Philipps milte als nicht von Herzen kommend. Der Ratgeber kommentiert: Es sei besser, Philipp gebe freiwillig tausend Pfund als unfreiwillig dreißigtausend. Geradeheraus konstatiert er, Philipp wisse nicht, wie man Ruhm und Ehre erwirbt. Sogleich führt der Ratgeber zwei berühmte Beispiele an, die den König auf den rechten Weg führen sollen: den Sultan Saladin und den König von England, allgemein identifiziert als Richard von Löwenherz.[12] Ersterer wird für seine Weisheit bezüglich der milte gelobt, Letzerer für die Anwendung der milte, die ihn sogar von der Entführung rettete.[13] Zuletzt stellt der Ratgeber fest: ein schade ist guot, der zwêne frumen gewinnet (V. 12).

Auch 16,36 verfolgt ähnliche Absichten. Erneut wird Philipp direkt angesprochen und der Ratgeber macht darauf aufmerksam, dass dem König nach Reichtum und Ehre, die er inzwischen erworben hat, noch die Fähigkeit fehlt, diesen Reichtum freigebig zu verteilen, was ihm sogar zum eigenen Vorteil gereichen soll. Am Ende führt der Ratgeber erneut ein Vorbild an: Hier ist es Alexander der Große, der durch seine milte alle Königreiche erobert haben soll.

Da die beiden Strophen an die gleiche Person adressiert sind und beide die Forderung nach milte enthalten, ist eine Zusammenschau gut geeignet, um die Eigenschaften der Ratgeber-Rolle herauszuarbeiten.

Zunächst fällt auf, dass jeweils zu Beginn der Strophe in beiden Fällen die Anrede an den König erfolgt, mit Titel und Namen. Wie wir später auch in 22,33 sehen werden, wird durch diese Anrede der direkte Kontakt hergestellt und somit eine unmittelbare Kommunikationssituation geschaffen. Auf diese Weise wirken die Ratschläge in den Strophen nicht als bloße Reflexion auf das Handeln des Königs, sondern der Ratgeber stellt klar, dass seine Einschätzung direkten Einfluss auf die Taten und Entscheidungen des Königs haben soll. Für das Publikum erscheint der Inhalt zudem anschaulicher, da er als reale Kommunikation konzipiert ist statt als ‚einseitige‘ Überlegung des Ratgebers im Sinne von: „Der König sollte ...“.

Eine weitere Parallele beider Strophen ist die unbestimmte Menge an Menschen, auf die der Ratgeber sich bezieht, wenn er eine öffentliche Meinung[14] über Philipp zitiert: die nâhe spehenden (19,17, V. 1) bzw. schlicht si (16,36, V. 2). Diese öffentliche Meinung, in 19,17 eine negative, in 16,36 eine positive, bildet jeweils den Ausgangspunkt der Überlegungen des Ratgebers und ist deshalb von großer Bedeutung. Besonders interessant ist dabei die Stelle in 19,17, denn der Ratgeber spricht von den nâhe spehenden, also denjenigen, die genauer hinsehen. Ihre Beobachtungen haben also eine doppelte Legitimation: Zum einen beobachten sie genau, d. h. sorgfältig, zum anderen müssen sie, um exakt beobachten zu können, im Umfeld des Königs angesiedelt sein, was der milte -Mahnung eine größere Dringlichkeit verleiht.[15]

In beiden Strophen geht von der unbestimmten Größe si auch eine Forderung aus. In 19,17 ist sie indirekt formuliert mit: dû sîst niht dankes milte (V. 2), in 16,36 dagegen wird klar gesagt: si … wolten liep nâch leide (V. 2f.). Der Ratgeber verknüpft die Forderungen mit den genannten Gruppen anstatt mit sich selbst, auf diese Weise kann er in seiner Rolle bleiben, die lediglich vorsieht, zum beste Verhalten in unterschiedlichen Lagen zu raten, ohne selbst Forderungen zu erheben.

In beiden Strophen gibt der Ratgeber nach der Darlegung der Forderungen der Menschen seine Einschätzung ab. So sagt er in 19,17: Des bedunket mich, | wie dû dâ mite verliestest michels mêre (V. 2f.). Mit des bedunket mich ist der Ratgeber hier vorsichtiger als in 16,36, wo der Imperativ steht: die gip der milte beide (V. 6).

[...]


[1] Vgl. Ortmann 1989, S. 17.

[2] K. H. Halbach: Walther von der Vogelweide, Stuttgart 31973, S. 109, zit. n. Wehrli 1989, S. 105.

[3] A. Mundhenk: Walthers Selbstbewusstsein. In: DVjS 37 (1963), S. 406-438, zit. n. Knape 1989, S. 171.

[4] Wie J. Knape zeigen konnte, ist das Ich-sagen jedoch empirisch betrachtet keine Eigenheit Walthers, vgl. Knape 1989, S. 172.

[5] Lauer 2008.

[6] Vgl. ebd., Inhaltsverzeichnis.

[7] Vgl. A. M. Rocheblave-Spenlé: Rolle. In: Lexikon der Psychologie. Bd. 3. Hg. v. W. Arnold et al., Freiburg 1987, Sp. 1928f., zit. n. Knape 1989, S. 184.

[8] Vgl. Fazit.

[9] Wie Wehrli dargelegt hat, muss aufgrund der Tatsache, dass die Sangsprüche hauptsächlich zum Vortrag bestimmt waren, zumindest eine gewisse Übereinstimmung zwischen Rolle und vortragender Person herrschen – so wird dem sechzigjährigen Walther die im Minnesang ausgedrückte Zuneigung zu einer Dame höchstens noch im übertragenen Sinne abgenommen werden, vgl. Wehrli 1989, S. 109.

[10] Walther von der Vogelweide. Leich – Lieder – Sangsprüche, hg. von Christoph Cormeau, Berlin & New York 1996.

[11] Die Reihenfolge der Strophen ist in B und C insofern identisch, als dass 19,17 stets an dritter Stelle steht.

[12] Vgl. Schaefer 1972, S. 489.

[13] Vgl. ebd.: Richard Löwenherz wurde von Heinrich VI. gegen ein hohes Lösegeld entführt.

[14] Bzw. eine Meinung, die zumindest von mehr als einer Person vertreten wird.

[15] An dieser Stelle wird die sinnliche Wahrnehmung herausgehoben. Besonders im Reichston (8,28) zeigt sich, dass Walther der Wahrnehmung einen hohen Wert beimisst. So dient sie auch in 22,33 als urteilende Kraft (V. 14, s. u.).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
"Ich will dich lêren einen list". Zur Ratgeber-Rolle im politischen und weltlichen Sangspruch Walthers
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V412094
ISBN (eBook)
9783668641730
ISBN (Buch)
9783668641747
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
walther von der vogelweide, ratgeber, sangspruch
Arbeit zitieren
Lisa Maria Koßmann (Autor), 2012, "Ich will dich lêren einen list". Zur Ratgeber-Rolle im politischen und weltlichen Sangspruch Walthers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412094

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