Zwischen pater patriae und stoischem Weisen. Catos Rede in 2,286-2,325 von Lucans 'Bellum Civile'


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
Lateinischer Text 2,284-2,325.
Übersetzung 2,286-2,292 sowie 2,297-2,303
Einbettung in den Gesamtzusammenhang
Zum Inhalt
Interpretation

Conclusio

Literaturverzeichnis

Einleitung

Cato Uticensis war den Römern als Politiker und stoischer Philosoph bekannt,[1] und auch Lucan greift die historische Figur in ihrer doppelten Funktion in seinem Epos De Bello Civili auf. Auch wenn das Epos aller Wahrscheinlichkeit nach unvollendet geblieben ist,[2] lässt sich doch absehen, dass Cato besonders in den letzten der vermuteten zwölf Bücher[3] eine tragende Rolle als Caesars Gegenspieler innehaben sollte.[4] Entsprechend früh stellt Lucan ihn in seinem Epos vor: Ein beträchtlicher Teil des zweiten Buches (2,233-2,391) ist Catos Charak­terisierung gewidmet. Besondere Bedeutung kommt dabei neben der zweiten Heirat mit seiner Frau Marcia (2,326-2,391) seiner Rede an Brutus in 2,286-2,325 zu.[5] An dieser Stelle wird ein moralischer Konflikt ausgetragen, den der Bürgerkrieg ausgelöst hat: Soll Cato am Krieg teilnehmen oder sich zurückziehen?

Die vorliegende Arbeit soll zeigen, dass bereits diese Rede, die Catos erste mündliche Äußerung innerhalb dieses Epos darstellt, den entscheidenden Konflikt auslotet, der die Figur ausmacht: Der Zwiespalt zwischen Catos Grundprägung durch die stoische Philosophie und seinen Pflichten als ehrenwerter Bürger Roms. Anhand der ausgewählten Textstelle werde ich nach einem inhaltlichen Überblick zeigen, wo die stoische Philosophie in einem Epos über einen Bürgerkrieg an ihre Grenzen kommen muss und ab welchem Punkt Cato deshalb stärker durch sein Pflichtbewusstsein als römischer Bürger motiviert ist. Außerdem wird sich der Hauptteil mit der Frage befassen, mit welcher Argumentation es Cato gelingt, Brutus von der Notwendigkeit einer Beteiligung am Bürgerkrieg zu überzeugen, obwohl Cato selbst zugibt, dass der Krieg ein gewaltiges Übel ist.

In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse in Hinblick auf eine mögliche Funktion der Reden in Lucans Epos analysiert. Zudem werde ich darlegen, welche Argumente dafürsprechen, dass Lucan die Figur des Cato sowohl als stoischen Weisen als auch als pater patriae konzipiert hat.

Hauptteil

Lateinischer Text 2,284-2,325.

[Der Abdruck wurde für die Veröffentlichung entfernt][6]

Übersetzung 2,286-2,292 sowie 2,297-2,303

Ich gestehe, Brutus, dass Bürgerkriege in höchstem Maße unrecht sind, aber wohin uns das Schicksal sie zieht, muss die furchtlose Tugend folgen. Es wird das Vergehen der Götter sein, auch mich zu einem gemacht zu haben, der Schaden bringt. Wer will Gestirne und Welt fallen sehen, während er selbst frei von Angst ist? Wer kann, wenn der steilaufragende Himmel einstürzt und die Erde unter dem vereinten Gewicht der gesamten Welt wankt, die Hände zusammenhalten?

[…]

Wie der Schmerz selbst dem Vater befiehlt, der seiner Söhne beraubt ist, den langen Trauerzug zu den Grabhügeln anzuführen, wie er danach strebt,[7] die Hand in die schwarzen Flammen zu strecken und an den aufgeschichteten Scheiterhaufen selbst die schwarzen Fackeln zu halten, so werde ich nicht weggerissen werden, bevor ich dich umarme, Rom; und deinem Namen, Freiheit, und deinem leeren Schatten werde ich folgen.

Einbettung in den Gesamtzusammenhang

Cato trägt seine Rede während eines (historisch betrachtet vermutlich fiktivem)[8] Streit­gesprächs zwischen ihm und Brutus im zweiten Buch des Bellum Civile vor. Kurz nach Ausbruch des Bürgerkrieges treffen die beiden zusammen. Brutus erklärt Cato zu seinem alleinigen Führer (V. 247), kritisiert jedoch gleichzeitig, dass dieser sich Pompeius anschließen will (V. 275ff.), und fordert von Cato Gründe für seinen Eintritt in den Bürgerkrieg (V. 258f.). Cato führt seine Beweggründe und den inneren Zwiespalt, der mit dem Bürgerkrieg für ihn einhergeht, in der vorliegenden Rede aus. Er schafft es, Brutus davon zu überzeugen, sich ebenfalls am Krieg zu beteiligen. Im Anschluss an das Gespräch der beiden wird Cato, der im zweiten Buch zum ersten Mal auftaucht, später im Epos jedoch eine tragende Rolle als Caesars Gegenspieler[9] übernimmt, weiter charakterisiert, indem Lucan von einer erneuten Heirat zwischen ihm und seiner Ehefrau Marcia erzählt.

Die vorliegende Rede ist nicht nur Catos erster Auftritt im Epos,[10] sondern gleichzeitig seine längste zusammenhängende Äußerung.[11] Entsprechend vielschichtig sind die Schlüsse, die sich für die Figur des Cato aus dem Textauszug ziehen lassen. Im Folgenden sollen diese, nach einer inhaltlichen Zusammenfassung der Rede, genauer betrachtet werden.

Zum Inhalt

Um sich zunächst einen groben Überblick über den Inhalt der Rede zu verschaffen, ist es sinnvoll, sie in mehrere Abschnitte zu unterteilen:

Die erste Passage beginnt mit der Einleitung der Rede (V. 286) und endet in Vers 297a. Hier führt Cato seine Gründe für den Eintritt in den Bürgerkrieg aus; hauptsächlich in Form rhetorischer Fragen (s. u.). Cato will nicht untätig zusehen, während um ihn herum die Welt untergeht; seine Beteiligung am Krieg sieht er als Fügung des Schicksals (V. 287).

Der zweite Abschnitt schließt unmittelbar daran an, indem Cato von Vers 297b bis Vers 303 anhand des Gleichnisses des trauernden Vaters die Begründung für seine Teilnahme am Krieg verstärkt. Der Schmerz (dolor, V. 299) treibe ihn an, Rom bis in den Untergang zu begleiten.

Im nächsten Teil (V. 304-319a) geht Cato einen Schritt weiter; er will das Sühneopfer Roms sein und durch Selbstopferung das Leid des Krieges auf sich nehmen.

Zuletzt, im vierten Abschnitt (V. 319b-323), beschäftigt sich Cato mit der von Brutus bereits angesprochenen[12] Frage, warum er ausgerechnet Pompeius im Krieg unterstützen sollte: Cato will dafür sorgen, dass Pompeius seinen etwaigen Sieg nicht als eine Errungenschaft für sich selbst betrachtet.[13]

Catos flammende Rede überzeugt Brutus, ebenfalls in den Krieg einzutreten (V. 324f.).

Interpretation

Dass mit Catos Rede eine gewichtige Äußerung für Buch zwei, aber auch für das gesamte Epos vorliegt, lässt sich bereits an den einleitenden Worten erahnen, die der Rede vorangestellt sind: at illi | arcano sacras reddit Cato pectore voces: (V. 284f.). Sowohl arcano[14] als auch sacras sind ungewöhnliche Zuschreibungen an einen Menschen; diese Adjektive sind in der Regel mit Göttern assoziiert. Sacras voces lässt Catos Rede als einen Orakelspruch erscheinen,[15] gleichzeitig wird Cato hiermit als stoischer Weiser gekennzeichnet, der ebenfalls übermenschliche Eigenschaften besitzt. Entsprechend wirkt seine Ankündigung von Roms Untergang nicht wie die Vorahnung eines einzelnen Mannes, sondern wie ein göttlicher Blick in die Zukunft.

Für Catos beabsichtigte Allianz mit Pompeius ist außerdem interessant, dass das Adjektiv sacer später mit dem toten Pompeius verknüpft wird, etwa in 8,792.[16] So baut sich eine Verbindung zwischen beiden Figuren auf.

Die eigentliche Rede beginnt Cato mit einer Apostrophe an Brutus in Vers 286. Cato gibt sogleich zu, dass der Bürgerkrieg summum … nefas (V. 286)[17] ist und bezieht sich damit auf Brutus‘ Äußerung in seiner eigenen Rede, in der er dem Bürgerkrieg scelerum (V. 249) zuschreibt.[18] Indem Cato zugibt, dass der Bürgerkrieg verwerflich ist, wird deutlich, dass durch seine Argumentation für den Eintritt in den Krieg ein unauflöslicher Zwiespalt entsteht, der durch die Wortwahl fatemur gleichzeitig als moralischer Konflikt kenntlich gemacht wird: Er sagt nicht nur, dass der Bürgerkrieg ein Übel ist, er gesteht es regelrecht. Es ist Catos argumentatorischer Kunst (s. u.) zuzuschreiben, dass sich Brutus trotz dieses Widerspruchs für den Krieg begeistern lässt.

Mit sed (V. 287) leitet Cato das Hauptargument gegen die Ablehnung des Bürgerkrieges ein: quo fata trahunt virtus secura sequetur. Bereits in vorigen Textstellen und besonders in der Einleitung zum Gespräch mit Brutus wurde Catos stoische Philosophie herausgestellt,[19] hier wird nun eindeutig stoisches Gedankengut zitiert und nefas wird mit virtus konstrastiert. Den Aphorismus paraphrasiert Cato aus Senecas epistulae morales, wo es heißt: ducunt volentem fata, nolentem trahunt.[20] Cato greift also Senecas stoische Argumentation auf, dem Schicksal könne man nicht entkommen, also sei es besser, ihm freiwillig zu folgen (sequetur) anstatt unfreiwillig mitgeschleift zu werfen (trahunt). Das Schicksal mit offenen Armen zu empfangen ist einer der Leitgedanken der stoischen Lehre. Jedoch kann man hier in der Verwendung von trahunt Catos Widerwillen gegen das Schicksal herauslesen, da das Verb in Senecas Version des Aphorismus mit nolentem verbunden ist – er folgt zwar dem fatum, aber nicht ganz freiwillig.

Nun stellt sich die Frage, wie der daraus resultierende Widerspruch aufgelöst werden kann: Cato gibt zu, dass der Bürgerkrieg ein Übel ist, gleichzeitig gibt er jedoch an, seinem Schicksal folgen zu müssen, das ihn offensichtlich zum Bürgerkrieg führt. Wie ist also die Schuld, die er durch die Beteiligung am Krieg auf sich laden wird, mit der stoischen virtus vereinbar? Um diesem Problem zu entgehen, fügt Cato seiner Argumentation einen dritten Satz hinzu: crimen erit superis et me fecisse nocentem (V. 288). Die Schuld wird somit an die Götter übertragen – anders ließe sich der Widerspruch zwischen fatum und crimen hier auch nicht lösen. Mit diesem Schluss bezieht sich Cato unmittelbar auf eine Passage in Brutus‘ voriger Rede (V. 259), in der Brutus sagt: facient te bella nocentem. Catos Erwiderung, nicht er, sondern die Götter machten ihn zum Schuldigen, ist recht schwach, jedoch löst Lucan durch die Einbringung der Götter[21] das Problem, wie er aus der Stoa heraus überhaupt für einen Bürgerkrieg argumentieren kann: Die Götter haben das Schicksal zu verantworten, Cato selbst folgt ihm lediglich.

Nun folgen eine Reihe rhetorischer Fragen, die sich hinsichtlich ihrer Länge steigern und im Wesentlichen aussagen, dass es unmöglich ist, untätig (compressas … manus, V. 292)[22] dem Untergang Roms zuzuschauen. Für wie verheerend Cato die Folgen des Bürgerkrieges hält, lässt sich leicht erkennen: Nicht Rom allein wird fallen, sondern auch sidera und mundum (V. 289), später aether (V. 290) und terra (V. 291), also die ganze Welt und sogar die Sterne. Die Katastrophe hat kosmische Ausmaße.

Die ersten beiden Fragen werden durch quis eingeleitet. Interessant ist hier besonders die erste Frage: sidera quis mundumque velit spectare cadentem | expers ipse metus? (V. 289f.). Cato konstatiert, dass niemand angesichts des Zusammenbruchs der Welt frei von Angst sein kann. Aus dem Mund eines stoischen Weisen, als der Cato bisher, gerade auch in der Rede des Brutus, charakterisiert wurde,[23] klingt es, als funktionierten die Stoa und ihre Prinzipien in dieser Situation nicht mehr. Die apatheia, die sich eigentlich nicht durch die Umwelt beeinflussen lassen darf,[24] versagt. An deren Stelle tritt, wie wir im Verlauf der Arbeit sehen werden, Catos Pflichtbewusstsein als römischer Bürger, auch wenn die Stoa weiterhin als philosophische Leitlinie dient.[25]

In den folgenden Fragen bezieht Cato neben der Welt und den Sternen auch fremde Völker (V. 292f.)[26] in das Geschehen mit ein; er unterstreicht damit, dass es absurd wäre, selbst otia solus ag[ere] (V. 295), wenn sogar Völker außerhalb Roms in den Konflikt involviert sind. Auch hier bezieht sich Cato unmit­telbar und wörtlich auf die Rede von Brutus (Melius tranquilla sine armis | otia solus ages, V. 266f.).

[...]


[1] Vgl. hierzu besonders die Dissertation von Wussow, S.: Die Persönlichkeit des Cato Uticensis – Zwischen stoischer Moralphilosophie und republikanischem Politikverständnis, Diss. Düsseldorf 2004.

[2] Anders ist der plötzliche Abbruch der Erzählung mitten im zehnten Buch nicht zu erklären, vgl. auch Stover, T.: Cato and the Intended Scope of Lucan’s Bellum Civile, CQ 58, 2008, S. 571.

[3] Ebd.

[4] Auf die Frage, warum Cato in den Büchern drei bis acht keine weiteren Auftritte hat, kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

[5] Fantham beschreibt die Rede treffend als „ideologically most important“, Fantham, E.: Lucan. De Bello Civili. Book II, Cambridge 1992, S. 24.

[6] M. Annaei Lucani. De Bello Civili Libri X. Ed. D. R. Shackleton Bailey, Stuttgart 1988, S. 34-36.

[7] Fantham 1992, S. 134: „iuvat is the vox propria for passionate desire“.

[8] Vgl. Tasler, W.: Die Reden in Lucans Pharsalia, Diss. Bonn 1972, S. 161.

[9] Nach Pompeius' Tod im achten Buch.

[10] Die vorigen, teilweise als Vorausdeutungen auf Catos Charakter aufzufassenden Erwähnungen, z. B. 1,128: Victrix causa deis placuit, sed victa Catoni, nicht miteingerechnet.

[11] Vgl. Tasler 1972, S. 161.

[12] V. 275ff.; Brutus hält Pompeius für genauso verachtenswert wie Caesar.

[13] Sondern, wie zwischen den Zeilen zu ergänzen ist, für Rom, i. e. für die Freiheit.

[14] Als Bestimmungswort für den Bereich Religion und Magie, vgl. Fantham 1992, S. 132; häufige Verwendung bei prophetischen Äußerungen bei Lucan, vgl. Stover 2008, S. 578.

[15] Die gleiche Formulierung findet sich erneut in 9,256: sacro de pectore voces.

[16] Vgl. Dreyling, H.: Lucan, Bellum civile II 1-525. Ein Kommentar, Diss. Köln 1999, S. 127.

[17] Nefas ist bei Lucan eine übliche Substitution für bellum civile, vgl. 1,6.

[18] Was ebenfalls zu Beginn von Buch eins bereits mit dem Bürgerkrieg verknüpft ist, vgl. 1,2.

[19] So etwa in V. 239ff.; Cato denkt nur an das Gemeinwohl und nimmt keine Rücksicht auf sich selbst.

[20] Sen. epist. 107,11.

[21] Die ansonsten in Lucans Epos eine untergeordnete Rolle spielen, obwohl sie nach stoischer Vorstellung die Welt regieren (vgl. Cic. fin. 3,64).

[22] Zu complosas und weiteren Varianten vgl. Dreyling 1999, S. 130.

[23] Z. B. tot durare per annos | profuit immunem corrupti moribus aevi, 2,256.

[24] Vgl. George, D.: Lucan's Cato and Stoic Attitudes to the Republic, ClAnt 10, 1991, S. 240.

[25] Besonders im neunten Buch, vgl. FN 56.

[26] Potenzielle Verbündete von Pompeius, vgl. Fantham 1992, S. 133.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zwischen pater patriae und stoischem Weisen. Catos Rede in 2,286-2,325 von Lucans 'Bellum Civile'
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V412104
ISBN (eBook)
9783668641648
ISBN (Buch)
9783668641655
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lucan, bellum civile, cato, interpretation, rede
Arbeit zitieren
Lisa Maria Koßmann (Autor), 2012, Zwischen pater patriae und stoischem Weisen. Catos Rede in 2,286-2,325 von Lucans 'Bellum Civile', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412104

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