Cato Uticensis war den Römern als Politiker und stoischer Philosoph bekannt, und auch Lucan greift die historische Figur in ihrer doppelten Funktion in seinem Epos De Bello Civili auf. Auch wenn das Epos aller Wahrscheinlichkeit nach unvollendet geblieben ist, lässt sich doch absehen, dass Cato besonders in den letzten der vermuteten zwölf Bücher eine tragende Rolle als Caesars Gegenspieler innehaben sollte. Entsprechend früh stellt Lucan ihn in seinem Epos vor: Ein beträchtlicher Teil des zweiten Buches (2,233-2,391) ist Catos Charakterisierung gewidmet. Besondere Bedeutung kommt dabei neben der zweiten Heirat mit seiner Frau Marcia (2,326-2,391) seiner Rede an Brutus in 2,286-2,325 zu. An dieser Stelle wird ein moralischer Konflikt ausgetragen, den der Bürgerkrieg ausgelöst hat: Soll Cato am Krieg teilnehmen oder sich zurückziehen?
Diese Arbeit soll zeigen, dass bereits diese Rede, die Catos erste mündliche Äußerung innerhalb dieses Epos darstellt, den entscheidenden Konflikt auslotet, der die Figur ausmacht: Der Zwiespalt zwischen Catos Grundprägung durch die stoische Philosophie und seinen Pflichten als ehrenwerter Bürger Roms. Anhand der ausgewählten Textstelle wird nach einem inhaltlichen Überblick gezeigt, wo die stoische Philosophie in einem Epos über einen Bürgerkrieg an ihre Grenzen kommen muss und ab welchem Punkt Cato deshalb stärker durch sein Pflichtbewusstsein als römischer Bürger motiviert ist. Außerdem wird sich der Hauptteil mit der Frage befassen, mit welcher Argumentation es Cato gelingt, Brutus von der Notwendigkeit einer Beteiligung am Bürgerkrieg zu überzeugen, obwohl Cato selbst zugibt, dass der Krieg ein gewaltiges Übel ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
Lateinischer Text 2,284-2,325.
Übersetzung 2,286-2,292 sowie 2,297-2,303
Einbettung in den Gesamtzusammenhang
Zum Inhalt
Interpretation
Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Catos Rede an Brutus im zweiten Buch von Lucans Bellum Civile, um den zentralen Konflikt zwischen seinem stoischen Selbstverständnis und seinem Pflichtbewusstsein als römischer Bürger aufzuzeigen und zu analysieren.
- Analyse des moralischen Konflikts zwischen stoischer Philosophie und patriotischer Pflicht.
- Untersuchung der rhetorischen Mittel in Catos erster Epos-Rede.
- Interpretation der Identität Catos als stoischer Weiser sowie als pater patriae.
- Erörterung der Beweggründe für Catos Teilnahme am Bürgerkrieg trotz dessen Ablehnung.
- Betrachtung von Lucans Darstellung des Bürgerkrieges und seiner Folgen.
Auszug aus dem Buch
Interpretation
Dass mit Catos Rede eine gewichtige Äußerung für Buch zwei, aber auch für das gesamte Epos vorliegt, lässt sich bereits an den einleitenden Worten erahnen, die der Rede vorangestellt sind: at illi | arcano sacras reddit Cato pectore voces: (V. 284f.). Sowohl arcano als auch sacras sind ungewöhnliche Zuschreibungen an einen Menschen; diese Adjektive sind in der Regel mit Göttern assoziiert. Sacras voces lässt Catos Rede als einen Orakelspruch erscheinen, gleichzeitig wird Cato hiermit als stoischer Weiser gekennzeichnet, der ebenfalls übermenschliche Eigenschaften besitzt. Entsprechend wirkt seine Ankündigung von Roms Untergang nicht wie die Vorahnung eines einzelnen Mannes, sondern wie ein göttlicher Blick in die Zukunft.
Für Catos beabsichtigte Allianz mit Pompeius ist außerdem interessant, dass das Adjektiv sacer später mit dem toten Pompeius verknüpft wird, etwa in 8,792. So baut sich eine Verbindung zwischen beiden Figuren auf.
Die eigentliche Rede beginnt Cato mit einer Apostrophe an Brutus in Vers 286. Cato gibt sogleich zu, dass der Bürgerkrieg summum … nefas (V. 286) ist und bezieht sich damit auf Brutus‘ Äußerung in seiner eigenen Rede, in der er dem Bürgerkrieg scelerum (V. 249) zuschreibt. Indem Cato zugibt, dass der Bürgerkrieg verwerflich ist, wird deutlich, dass durch seine Argumentation für den Eintritt in den Krieg ein unauflöslicher Zwiespalt entsteht, der durch die Wortwahl fatemur gleichzeitig als moralischer Konflikt kenntlich gemacht wird: Er sagt nicht nur, dass der Bürgerkrieg ein Übel ist, er gesteht es regelrecht. Es ist Catos argumentatorischer Kunst (s. u.) zuzuschreiben, dass sich Brutus trotz dieses Widerspruchs für den Krieg begeistern lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung von Cato Uticensis als stoischer Philosoph und Politiker in Lucans Epos sowie Formulierung der Forschungsfrage nach dem Konflikt zwischen stoischer Philosophie und römischer Bürgerpflicht.
Hauptteil: Darstellung des lateinischen Textauszugs, der Übersetzung sowie der inhaltlichen Einbettung der Szene; detaillierte Analyse der Argumentation Catos und Interpretation seiner Rolle als pater patriae.
Conclusio: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass Catos Handeln primär durch ein tiefes Pflichtbewusstsein als römischer Bürger und weniger durch rein stoische Rationalität motiviert ist.
Schlüsselwörter
Cato Uticensis, Lucan, Bellum Civile, stoische Philosophie, pater patriae, Brutus, Bürgerkrieg, Pflichtbewusstsein, moralischer Konflikt, römische Tugenden, Pompeius, Libertas, Opferbereitschaft, römische Geschichte, Epik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert eine zentrale Rede des Cato Uticensis im zweiten Buch von Lucans Epos De Bello Civili und untersucht dabei den Widerspruch zwischen seinem stoischen Weltbild und seiner Rolle als römischer Patriot.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf das Spannungsfeld zwischen stoischer Moralphilosophie, römischem Patriotismus (pater patriae) und der Darstellung des Bürgerkrieges als unauflösbares moralisches Dilemma.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Cato in der untersuchten Szene weniger als stoischer Weiser denn als leidenschaftlich motivierter Verteidiger römischer Ideale agiert, der sich trotz philosophischer Bedenken zur Teilnahme am Krieg gezwungen sieht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Textanalyse, die den lateinischen Originaltext detailliert interpretiert, stilistische Mittel untersucht und diese in den Kontext der stoischen Philosophie sowie des historischen Gesamtzusammenhangs des Epos setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Übersicht der Rede, eine Übersetzung, die Einbettung in den narrativen Kontext sowie eine interpretatorische Analyse, die rhetorische Fragen und Gleichnisse, wie etwa das des trauernden Vaters, untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben den Hauptfiguren Cato, Brutus und Pompeius prägen Begriffe wie "stoischer Weiser", "pater patriae", "Bürgerkrieg", "libertas" und "moralische Integrität" die Argumentation.
Wie deutet die Arbeit Catos Opferbereitschaft?
Die Arbeit interpretiert Catos Wunsch, als Sühneopfer für Rom zu dienen, als Ausdruck seiner tiefen Vaterlandstreue, die über das stoische Ideal der apathia (Gemütsruhe) hinausgeht und ihn als leidenschaftliche Figur zeichnet.
Warum entscheidet sich Cato für Pompeius?
Laut der Untersuchung dient die Allianz mit Pompeius vor allem der Schadensbegrenzung, da Cato Pompeius als legitimeren Gegenspieler zu Caesar betrachtet und hofft, durch dessen Unterstützung eine totale Diktatur zu verhindern.
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- Lisa Maria Koßmann (Author), 2012, Zwischen pater patriae und stoischem Weisen. Catos Rede in 2,286-2,325 von Lucans 'Bellum Civile', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412104