Dass Quintilian in der Institutio oratoria mehr als Rhetorik vermitteln will, wird schon mit dem ersten Kapitel vom Buch I deutlich: Begonnen wird die Ausbildung der zukünftigen oratores nicht in der Jugend, wenn sich Tropen, Gestik und Mimik lehren lassen, sondern im frühen Kindesalter. Quintilian hat viel vor mit dem Redner und behandelt in den zwölf Büchern alles von der inventio bis zur moralischen Grundausbildung.
Letztere steht spätestens in Buch XII so im Mittelpunkt, dass sich ein genauerer Blick auf Quintilians Rednerideal lohnt. Was ist der perfectus orator, den er immer wieder beschwört, und – vielleicht noch interessanter – wozu dient dieses schwerlich erreichbare Leitbild?
Diese Arbeit versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Zunächst wird hierbei das Verhältnis von Philosophie und Rhetorik ausgelotet, da Quintilian mit vir bonus einen stark philosophisch konnotierten Begriff als Synonym zum perfectus orator verwendet. Des Weiteren gehen wir der Frage nach, welche Rolle die Natur, auf die Quintilian immer wieder verweist, im Leitbild des idealen Redners spielt. In den folgenden Abschnitten wird schließlich die Frage nach der Erreichbarkeit und nach dem Zweck des ambitionierten Programms Quintilians erörtert.
Im Fazit wird sich zeigen, dass Philosophie und Rhetorik im perfectus orator zusammenwirken und dieser weit mehr ist als ein guter Redner. Die zahlreichen Erwähnungen bei nahezu jeder Gelegenheit deuten darauf hin, wie groß der Einfluss von Ciceros rhetorischen Schriften auf Quintilians eigene Arbeit gewesen ist. Aus Platzgründen kann hier jedoch keine detaillierte Gegenüberstellung der Rednerideale Ciceros und Quintilians erfolgen. So sei, abgesehen von einigen Verweisen im folgenden Text, auf Roblings ausführlichere Darstellung verwiesen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der orator perfectus
2.1. Orator, id est vir bonus – Der gute Redner, ein Philosoph?
2.2. naturae ipsi ars inerit – Die Rolle der Natur
2.3. Orator ille, qui nondum fuit – Erreichbarkeit des Ideals
2.4. Quod magis petimus, bonam voluntatem – Wozu das Ideal?
3. Conclusio: vir bonus dicendi peritus
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Rednerideal des perfectus orator in Quintilians Institutio oratoria. Das primäre Ziel ist es, das komplexe Zusammenspiel von philosophischer Ethik und rhetorischer Kunstfertigkeit zu analysieren sowie die Rolle der Natur und die pädagogische Funktion dieses schwer erreichbaren Leitbilds zu erörtern.
- Das Verhältnis von Philosophie und Rhetorik im Begriff des vir bonus.
- Die Bedeutung der Natur (natura) als Grundlage für Begabung und tugendhaftes Handeln.
- Die Frage nach der Erreichbarkeit und dem didaktischen Zweck des Ideals.
- Der Einfluss von Ciceros Rednerideal auf Quintilians Konzept.
- Die Abgrenzung des Redners von den Philosophen durch die öffentliche Wirksamkeit.
Auszug aus dem Buch
2.1. Orator, id est vir bonus – Der gute Redner, ein Philosoph?
Zu Beginn von Buch I fasst Quintilian die Ansprüche an einen guten Redner folgendermaßen zusammen: Oratorem autem instituimus illum perfectum, qui esse nisi vir bonus non potest, ideoque non dicendi modo eximiam in eo facultatem, sed omnis animi virtutes exigimus (I Pr., 9). Ausschlaggebend scheint neben der eloquentia vor allem die Tugendhaftigkeit des Redners zu sein. Der Eindruck, dass Quintilians Idee von einem perfectus orator viel mit philosophischen Leitbildern gemein hat, bestätigt sich immer wieder im Verlauf der Lektüre; ganz besonders am Ende des Werkes, da Cato zitiert wird: Sit ergo nobis orator quem constituimus is qui a M. Catone finitur vir bonus dicendi peritus, verum, id quod et ille posuit prius et ipsa natura potius ac maius est, utique vir bonus (XII 1, 1).
Der Begriff des vir bonus bildet einen Rahmen um das Werk und die Berufung auf Cato lässt eher an ein philosophisches Idealbild denken denn an ein rhetorisches: Der vir bonus des Cato ist ein pflichtbewusster pater familias, der gewissenhaft dem Staat dient und allen Lastern entsagt – ein stoischer Weiser also. Auch die Pflichten als Redner sind Teil dieser virtus. Es stellt sich demnach die Frage, worin sich Quintilians perfectus orator von einem vir bonus unterscheiden soll, zumal Quintilian die beiden in Buch III quasi gleichsetzt: orator, id est vir bonus (III 7, 25).
Beiden gemein ist das Leitbild der sapientia: In der Philosophie, beispielsweise bei den Stoikern, ist sie ein selten erreichtes und doch zu erstrebendes Ideal; so verhält es sich auch in der Redekunst: Sit igitur orator vir talis qualis vere sapiens appellari possit … qualis fortasse nemo adhuc fuerit (I Pr., 18f.). Philosophie und Rhetorik streben gleichermaßen nach Vollkommenheit in allen Lebensbereichen: nobis ad summa tendendum est (I Pr., 19). Entsprechend wurden sie früher in einem Atemzug genannt (idem sapientes atque eloquentes haberentur (I Pr., 13).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Rednerideal Quintilians ein, skizziert die Forschungsfragen zur Verbindung von Philosophie und Rhetorik sowie zur Rolle der Natur und stellt den Aufbau der Arbeit vor.
2. Der orator perfectus: Dieses Kapitel analysiert das Ideal des perfectus orator durch die Betrachtung des vir bonus, die Bedeutung der Natur, die Frage der Erreichbarkeit und den Zweck dieses anspruchsvollen Erziehungsprogramms.
3. Conclusio: vir bonus dicendi peritus: Das Fazit fasst zusammen, dass Quintilians Redner ein politisch aktiver, moralisch integrer Bürger ist, der seine Talente kontinuierlich im Sinne der Natur und des Gemeinwohls verbessert.
Schlüsselwörter
Quintilian, Institutio oratoria, perfectus orator, vir bonus, Rhetorik, Philosophie, natura, eloquentia, sapientia, Rednerideal, Tugendhaftigkeit, Ausbildung, Cicero, Staat, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Idealbild des vollkommenen Redners (perfectus orator) in Quintilians Werk Institutio oratoria unter Berücksichtigung ethischer und rhetorischer Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen Rhetorik und Philosophie, die Bedeutung der natürlichen Anlage (natura) sowie die moralische Integrität des Redners im öffentlichen Leben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu entschlüsseln, was Quintilian unter dem perfectus orator versteht und welchen pädagogischen oder gesellschaftlichen Zweck dieses schwer erreichbare Leitbild verfolgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philologische Analyse des Originaltextes unter Einbeziehung relevanter Fachliteratur, um das Rednerideal historisch und philosophisch einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des vir bonus-Begriffs, das Zusammenspiel von Natur und Kunst, die Unerreichbarkeit des Ideals und dessen Funktion als Motivationsquelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind perfectus orator, vir bonus, Rhetorik, Philosophie, Tugend (virtus) und die Rolle der Natur bei der Rednerausbildung.
Wie grenzt Quintilian den Redner von einem Philosophen ab?
Obwohl beide nach Weisheit streben, zeichnet sich der Redner laut Quintilian durch seine aktive Teilnahme am öffentlichen Leben und seine praktische Anwendung von Urteilskraft aus, anstatt sich in theoretischen Abgeschiedenheiten zu verlieren.
Welche Funktion hat das "unerreichbare" Ideal für Quintilians Schüler?
Die Unerreichbarkeit dient als pädagogischer Kniff: Sie soll die Strebenden kontinuierlich motivieren, ihr Bestes zu geben, ohne dass jemals ein Zustand vollkommener und somit stagnierender Zufriedenheit eintritt.
- Arbeit zitieren
- Lisa Maria Koßmann (Autor:in), 2015, Zum Ideal des Perfectus Orator in Quintilians "Institutio Oratoria", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412107