Lingua Franca. Herkunft, Entwicklung und Bedeutung für heute


Hausarbeit, 2009

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Herkunft und Verbreitung der Lingua Franca

3. Abgrenzung zu Pidgin- und Kreolsprachen

4. Aktuelle Vertreter der Lingua Franca
4.1. Esperanto
4.2. EnglischS

5. Bedeutung der Lingua Franca für Europa und dieEuropäische Union

6. Vor- und Nachteile einer Lingua Franca
6.1. Pro Lingua Franca
6.2. Contra Lingua Franca
6.3. Fazit

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aus Politik und Wirtschaft längst nicht mehr wegzudenken und auch an deutschen Schulen durch bilingualen Unterricht bereits fest integriert: die englische Sprache als Fremdsprache, aber auch als Lingua Franca, in diesem Fall quasi eine ‚universelle’ Sprache. Während die einen vor einem Kulturverlust durch die derartige Ausbreitung einer einzelnen Sprache warnen, gehen die anderen sogar so weit, sie als Zweitsprache in jedem Mitgliedsstaat der Europä­ischen Union integrieren zu wollen.

Doch wozu braucht man überhaupt eine sogenannte Lingua Franca? Was bedeutet der Begriff genau und welche Rolle spielt eine solche Hilfssprache für die internationale Gemeinschaft? Die vorliegende Arbeit möchte einen Beitrag dazu leisten, diese Fragen – wenn auch nicht erschöpfend – zu behandeln, so doch überblickartig zu erörtern.

Dazu wird in einem ersten Schritt auf die Herkunft der ursprünglichen Lingua Franca eingegangen und nach einem kurzen Einblick in die Entwicklungsgeschichte des Begriffes wird derselbe von den verwandten Ausdrücken ‚Pidginsprache’ und ‚Kreolsprache’ abgegrenzt.

Um danach einen detaillierteren Eindruck der heutigen Lingua Francas zu erhalten, werden die beiden bekanntesten aktuellen Vertreter vorgestellt; das Englische als Muttersprache, die gleichzeitig als Lingua Franca verwendet wird, sowie Esperanto als künstlich ge­schaffene Sprache.

Wie wichtig eine Lingua Franca für eine internationale Gemeinschaft ist, aber auch welche Gefahren eine dominante Sprache für einzelne Kulturen birgt, wird exemplarisch in dem Kapitel Bedeutung der Lingua Franca für Europa und die Europäische Union behandelt.

Um die Ergebnisse der bisherigen Ausführungen zusammenzustellen, werden danach Vor- und Nachteile einer Lingua Franca insgesamt vorgestellt.

Der Abschluss bildet eine Zusammenfassung und damit ein kleiner Ausblick auf die Zukunft. Um eine zentrale Erkenntnis der Arbeit jedoch zu Beginn vorwegzunehmen: Die Sprache dürfte nicht genügen, um sich mit Menschen anderer Kulturen zu verständigen.

2. Herkunft und Verbreitung der Lingua Franca

Auch wenn die Ursprünge der Sprachen längst noch nicht vollständig erforscht sind, so scheint doch festzustehen, dass die Menschen schon immer den Drang hatten, sich anderen mitzuteilen. Mit der zunehmenden Zahl an Sprachen – heute ca. 5000 verschiedene – wurde dies allerdings schwieriger. Obwohl viele von ihnen gemeinsame Wurzeln und grammatikalische Parallelen haben, reichen diese Gemeinsamkeiten dennoch meist nicht aus, um sich zu verständigen, sodass eine gemeinsame Sprache vonnöten ist. Welche Probleme daraus resultieren, werde ich später erörtern.

Die Bezeichnung ‚Lingua Franca’ kommt aus dem Italienischen und bedeutet ‚fränkische Sprache’. Damit wurde eine im Mittelmeerraum gängige Sprache benannt, die neben italienischem Vokabular auch einige arabische, persische und griechische Einflüsse hatte. Bis ins 19. Jahrhundert wurde sie als Handels- und Verkehrssprache an der Ost- und Südküste des Mittelmeeres verwendet und dabei nie als Mutter­sprache, sondern lediglich als Zweitsprache übernommen. Dies ist ein bedeutender Unterschied zur heutigen Verwendung des Begriffs ‚lingua franca’.

Der ‚Lingua Franca’ fehlten zwar die Zeiten und Kasusendungen sowie ein breites Vokabular, aber die Verständigung funktionierte offenbar so gut, dass sich die Sprache bis in die Neuzeit erhielt. Als Schriftsprache etablierte sich die Lingua Franca nicht, weshalb sie heute als verloren gilt, da fast keine Zitate überliefert sind. Später wurde der Begriff ‚lingua franca’ zur erweiterten Bezeichnung für eine Hilfssprache, die auch Muttersprache sein kann. Diese Wortbedeutung hat sich bis heute erhalten.

Um die Zeit Ludwigs XIV. nahm Französisch die Stellung der europäischen Lingua Franca ein, woran sich gut erkennen lässt, dass die Ausbreitung einer Lingua Franca in hohem Maße von der Macht des Herkunftslandes abhängig ist.

So konnte Englisch das Französische erst im zwanzigsten Jahrhundert ablösen, als England zahlreiche Kolonien hatte und später Amerika seine Machtposition in der Welt behauptete. Bald ‚verselbstständigte’ sich die Ausbreitung des Englischen, und es ist nun aus Wirtschaft und Politik sowie aus der Wissenschaft nicht mehr wegzudenken – etwa 90 % der naturwissenschaftlichen Publikationen erscheinen heutzutage auf Englisch.[1]

Es hat sich gezeigt, dass gezielte Versuche, eine Lingua Franca durch­zusetzen, nicht immer erfolgreich sind. Die zum Zweck einer Lingua Franca erfundene Sprache Esperanto hat längst nicht den gleichen Verbreitungsgrad wie das Englische erreicht (s.u.).

Auch das ‚Pidginenglisch’, das für die Wirtschaft als vereinfachte Version des Englisch mit wenigen Vokabeln zur Lingua Franca werden sollte, hat sich nicht durchgesetzt.

Zu beobachten ist bisweilen die Verwendung von Deutsch oder Französisch als Lingua Franca, je nach Konstellation der kommunizierenden Nationen, sodass das Englische keine unumstrittene Monopolstellung in der Position einer Lingua Franca einnimmt. Auf die Tendenzen der weiteren Entwicklung bezüglich des Englischen als Lingua Franca werde ich später genauer eingehen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich der Begriff ‚Lingua Franca’ zwischen Verkehrssprache, welche die ursprüngliche Lingua Franca im Mittelmeerraum darstellt, Hilfssprache, welches die allgemeine Bedeutung seit dem 19. Jahrhundert ist, und Zweitsprache, womit die auch als Muttersprache gebrauchte Englische Sprache gemeinst ist, bewegt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Verschiedene Bedeutungen des Begriffes Lingua Franca (Quelle: Eigene Darstellung)

3. Abgrenzung zu Pidgin- und Kreolsprachen

Um die nicht auf den ersten Blick erkennbaren Unterschiede zwischen Lingua Franca, Pidgin- und Kreolsprache zu verdeutlichen, werden sie im nächsten Abschnitt gegeneinander abgegrenzt. Der Begriff Lingua Franca wird hier im Sinne einer künstlichen Sprache rein zum Zweck der Fremdsprachenkommunikation verwandt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Abgrenzung zwischen Pidgin-, Kreolsprache und Lingua Franca (Quelle: Eigene Darstellung)

Die beiden Begriffe ‚Pidginsprache’ und ‚Kreolsprache’ sind direkt miteinander verwandt. Bei einem Pidgin handelt es sich um eine reduzierte Sprachform, die ebenso wie die Lingua Franca Personen unterschiedlicher Muttersprache als gemeinsame Fremdsprache dient.

Eine Lingua Franca muss also nicht unbedingt eine Pidginsprache sein, kann es aber. Ein Unterschied beider Begriffe besteht darin, dass die Lingua Franca auch eine künstlich für den Zweck der Kommunikation unterschiedlicher Kulturen geschaffene Sprache sein kann, eine Pidginsprache dagegen geht immer von einer vollentwickelten Sprache aus.

Selten entwickelten sich aus dem Pidgin Kreolsprachen, also Mischformen aus den beiden Sprachen, die bei der Pidginsprache miteinander in Kontakt traten. Diese Kreolsprachen unterscheiden sich deutlich von den Ausgangssprachen und vermischen Vokabular und Grammatik zu einer neuen Sprache. Ausschlaggebend dafür sind meist die Kinder derjenigen, die mit der Pidginsprache in Kontakt kommen. Sie versuchen, Regelmäßigkeiten in der Sprache zu erkennen und den Wortschatz auszubauen.

Langlebigkeit: Pidgins sind stark zweckgebunden (s. Herkunft) und lösen sich daher meist nach dem Ende ihres Gebrauches auf. Anders die Kreolsprachen: Hat ein Pidgin den Sprung zur Muttersprache tatsächlich geschafft, überdauert diese meist eine lange Zeitspanne, bis möglicherweise neue Einflüsse die momentane Muttersprache ersetzen.

Darüber, wie lange eine Lingua Franca im Allgemeinen gesprochen wird, kann nur eine Tendenzaussage gemacht werden. Die Künstlichkeit der Sprache kann für eine lange Dauer sprechen, da sie nicht ortsgebunden ist und sie damit quasi jeder verwenden kann. Dagegen spricht allerdings, dass sie aufgrund ihrer fehlenden Natürlichkeit möglicherweise nicht akzeptiert wird.

Umfang des Vokabulars: Pidginsprachen entwickeln sich zwar aus vollausge­bildeten Sprachen, haben jedoch selbst nur einen geringen Wortschatz und reduzieren die Ausgangssprachen meist auf etwa 700 bis 2000 Vokabeln.

Wenn sich eine Kreolsprache über mehrere Generationen komplett entwickelt hat, ist der Umfang des Wortschatzes von der einer anderen natürlichen Sprache kaum zu unterscheiden.

Ebenso ist es bei einer Lingua Franca, bei deren Planung darauf geachtet wird, dass jeder Begriff in einer Muttersprache eine Entsprechung in der künstlichen Sprache findet, damit die Lingua Franca praxistauglich ist.

Herkunft: Pidginsprachen entwickelten sich besonders in der Kolonialzeit. Man spricht von sogenannten Handels-Pidgins, die nach Beendigung der Beziehungen nicht mehr gebraucht wurden, weshalb sie sich nur selten zu Kreolsprachen entwickelten. Bei einer Pidginsprache dominierte meistens die Sprache der Handelsmacht, in deren reduziertes Vokabular, welches an den Zweck der Kommunikation angepasst war, oft einige Wörter aus der anderen Sprache mit einflossen.

Eine Lingua Franca wird – zumindest im eigentlichen Sinne – künstlich erschaffen, um den Gesprächspartnern die Kommunikation auf einer neutralen Ebene zu ermöglichen.

Ortsgebundenheit: Durch die Zweckgebundenheit ergibt sich gezwungenermaßen auch die Ortsgebundenheit. Die beiden Sprachen, aus denen das Pidgin entsteht, werden nur an einem bestimmten Ort verstanden und gesprochen, was entsprechend auch für die Mischform gilt. Auch die Kreolsprache, die eine Weiterentwicklung des Pidgins darstellt, ist an ihren Entstehungsort gebunden.

Geht man von einer künstlich erschaffenen Lingua Franca aus, ist sie theoretisch an keinen Ort gebunden, da jeder sie erlernen kann. Jedoch verläuft ihre Ausbreitung, wie in dem Kapitel Herkunft und Verbreitung der Lingua Franca deutlich wurde und bei Esperanto noch zu sehen sein wird, nicht unbedingt so flächendeckend, wie geplant.

Muttersprache: Aufgrund des reduzierten Vokabulars ist ein Pidgin den Ansprüchen an eine Muttersprache nicht gewachsen. Diese Anforderungen kann lediglich die Kreolsprache erfüllen.

Die künstliche Lingua Franca erfüllt zwar in der Theorie die Anforderungen des Vokabulars an eine Muttersprache, aufgrund der mangelnden Identifizierung mit dieser Sprache ist eine Entwicklung zur Muttersprache jedoch eher unwahr­scheinlich.

Allen drei Sprachformen gemeinsam sind einige Phänomene in der praktischen Verwendung: Um sich besser verständigen zu können, ist die Lingua-Franca-Kommunikation stärker als die Kommunikation in der Muttersprache auch non- und paraverbal, wie bereits angedeutet. Vieles wird durch Zeigen erklärt, weil es zu lange dauern würde, eine Umschreibung für ein unbekanntes Wort zu suchen. Diese Art der Kommunikation findet sich auch bei Pidgins und bei einer noch nicht vollausgebildeten Kreolsprache.

Jede Kultur hat unterschiedliche Vorstellungen von einem ‚höflichen Ton’ und der angemessenen Wortwahl für den jeweiligen Gesprächspartner. Auch das wird normalerweise unbewusst auf die Lingua Franca oder das Pidgin übertragen. Es kann also leicht passieren, dass bei Sprechern aus unterschiedlichen Kulturen der Eine ein Wort benutzt, das für ihn unverfänglich ist, für den Anderen aber eine Beleidigung darstellt. So wird es in asiatischen Ländern als unhöflich empfunden, zu einem Angebot eine direkte Absage zu geben. Hier helfen paraverbale Signale wie Lächeln oft über eine peinliche Situation hinweg.

Festzustellen ist auch, dass Lingua-Franca- sowie Pidgin-Kommunizierende deutlich mehr Fehler beim Anderen gelten lassen, solange das Verständnis dadurch nicht gefährdet wird. Eine Korrektur der Fehler würde den Kommunikationsprozess zudem weiter verlangsamen.[2]

An diesen Phänomenen kann man gut erkennen, dass sich der Mensch nicht nur durch Sprache verbal ausdrückt, sondern zu einem großen Teil auch über Mimik und Gestik, also nonverbal.

[...]


[1] Vgl. http://www.europa-digital.de/aktuell/dossier/sprachen/lingua.shtml, Daten von 1996

[2] Vgl. Glaser (2003), S. 78ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Lingua Franca. Herkunft, Entwicklung und Bedeutung für heute
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V412110
ISBN (eBook)
9783668633438
ISBN (Buch)
9783668633445
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lingua franca, englisch als fremdsprache, deutsch als fremdsprache
Arbeit zitieren
Lisa Maria Koßmann (Autor), 2009, Lingua Franca. Herkunft, Entwicklung und Bedeutung für heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412110

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