Die Sprachstörung Stottern und Therapiemöglichkeiten in der Logopädie


Bachelorarbeit, 2017

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprech- und Sprachstörungen

3. Stottern
3.1 Definition
3.2 Symptomatik
3.2.1 Beginn und Verlauf
3.2.2 Physiologisches und chronisches stottern
3.2.3 Primär- und Sekundärsymptomatik
3.3 Remission

4. Diagnose
4.1 Ziele und Ablauf einer Diagnose
4.2 Konkrete Diagnoseverfahren

5. Ursachen
5.1 Körperliche Ursachen
5.2 Psychische Ursachen
5.3 Genetische Ursachen

6. Prävention und Therapie
6.1 Prävention
6.2 Anforderungen an eine Therapie
6.3 Therapieansätze
6.3.1 Therapie im Kindergarten
6.3.2 Online Therapie

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

Sprache ist unser Hauptkommunikationsmittel, sie ist elementar in unseren Alltag verwoben. Beginnend bei den alltäglichen Dingen, wie dem Bestellen eines Kaffees beim Bäcker, bis hin zu berufsbedingtem Reden vor größeren Gruppen. Störungen im Bereich des Sprechens oder der Sprache nehmen gerade bei Jugendlichen immer mehr zu. Mittlerweile stottert circa 1% der Weltbevölkerung, somit gibt es allein in Deutschland etwa 800 Tausend Betroffene (vgl. Bosshardt 2008: 1). Diese horrende Anzahl an Betroffenen, gibt Anlass sich einmal genauer mit dieser Störung zu befassen, nicht zuletzt mit dem Ziel sie besser zu verstehen und Vorurteile auszuräumen. Viele Menschen gehen noch immer davon aus, dass das stottern mit einer geringen Intelligenz im Zusammenhang steht und machen sich teilweise über die Betroffenen lustig. Auch der Umgang von Erwachsenen mit stotternden Kindern sorgt immer wieder für Probleme, denn viele Eltern sind mit einer solchen Sprachentwicklung ihres Kindes überfordert.

Diese Arbeit soll sich damit beschäftigen, was stottern genau ist, wie es zustande kommt und unter welchen Bedingungen durch Diagnose und Therapie eine Heilung erfolgen kann.

Um eingangs einen Überblick über die Vielschichtigkeit von Sprech- und Sprachstörungen zu erlangen, beschäftigt sich das erste Kapitel zunächst mit allen Arten von Sprech- und Sprachstörungen und wie diese zu klassifizieren sind. Dabei soll das Stottern eingeordnet und von verwandten Störungen abgegrenzt werden. Danach wird explizit auf das stottern eingegangen und zunächst eine Definition der Störung herausgearbeitet, darauf folgt die Beschreibung und Zuordnung der Symptome in unterschiedliche Subklassen. Im Anschluss wird die Diagnose des Stotterns Umrissen, hierbei soll es vor allem darum gehen, herauszustellen, wann ein Patient therapiebedürftig ist und wann nicht. Im nächsten Kapitel wird untersucht, durch welche Ursachen das stottern auftritt. Unterschieden wird hier zwischen körperlichen, psychischen und genetischen Ursachen. Im letzten Schritt werden mögliche Präventions- und Therapieverfahren aufgezeigt und miteinander verglichen.

2. Sprech- und Sprachstörungen

Der Begriff Sprachstörung ist sehr allgemein, er wird in der Gesellschaft für alle Störungen im Bereich des Sprechens und der Sprache verwendet. Dies ist jedoch nur ein Oberbegriff, der eine Vielzahl komplexer Störungsbilder umschreibt. Generell lassen sich Sprachstörungen unterteilen in Sprech- und Sprachstörungen. Sprachstörungen bezeichnen Beeinträchtigungen bei der Umwandlung von Gedanken in eine adäquate Lautsprache. Wohingegen Sprechstörungen Schwierigkeiten bei der Realisierung eines Sprachentwurfs darstellen, stottern und Poltern treten hierbei am häufigsten auf (vgl. von Suchodoletz 2013: 3). Alle Störungen im Gesamtbereich der Sprache lassen sich in die Kommunikationskomponenten Sprache, Sprechen, stimme, Reden und Schlucken differenzieren (vgl. Grohnfeldt 2000: 17). Eine solche Differenzierung gibt Aufschluss über die genaueren Problematiken der spezifischen Störung. Jedoch umschließen einige Störungen mehr als eine Kommunikations­komponente und sind somit mehrdimensional.

Bei der Kategorisierung von Störungsbildern werden diese komplexen Störungen vereinfacht und einem Prototypen zugeordnet. Darum wird zur genaueren Diagnose meistens ein Oberbegriff für die Störung angegeben und zusätzlich durch die Angabe von sprachlichen Auffälligkeiten auf den linguistischen Ebenen genauer definiert. Damit soll sichergestellt werden, dass eine angepasste Therapie gewählt wird (vgl. von Suchodoletz 2013: 8-9). Die linguistischen Auffälligkeiten werden dabei auf sechs Ebenen aufgeteilt. Zunächst gibt es die phonetisch-phonologische Ebene, auf dieser liegen vor allem Störungen der Aussprache. Die morphologisch-syntaktische Ebene umfasst unter anderem Störungen wie den Dysgrammatismus. Zur semantisch­lexikalischen Ebene zählen Störungsbilder wie zum Beispiel Wortschatzdefizite. Die prosodische Ebene beschreibt ganz allgemein Auffälligkeiten in der Sprechmelodie, die pragmatische Ebene hingegen Defizite bei der verbalen Interaktion. Die letzte Ebene des Redeflusses umfasst Störungen wie das stottern und Poltern. Auf diese Ebene werde ich mich im Laufe der Arbeit beziehen (vgl. von Suchodoletz 2013: 8).

Störungen des Sprechens und der Sprache lassen sich in verschiedene Gruppen unterteilen, wobei auch hier die Abgrenzung voneinander nicht ganz einfach ist. Zu den häufigsten Sprachstörungen gehören die Spezifischen Sprachentwicklungs­störungen (SES), dieser Oberbegriff umfasst alle Störungsformen, die unabhängig von organischen, mentalen oder emotionalen Schädigungen auftreten. In diesem Fall ist ein Kind normal entwickelt, weist keine Defizite beim Hören oder Sehen auf, aber ist dennoch sprachauffällig (vgl. Wendlandt, 2010: 65). Davon sind etwa 6-8% der Kinder im Vorschulalter betroffen (vgl. Grohnfeldt, 2000: 19).

Von einer allgemeinen Sprachentwicklungsstörung spricht man, wenn der Betroffene primäre Schädigungen im Bereich der mentalen, emotionalen oder organischen Entwicklung aufweist und aufgrund dessen auch sprachliche Schwierigkeiten ausbildet (vgl. Wendlandt, 2010: 66).

Sprech- und Sprachstörungen können entweder eigenständig oder als Begleiterscheinung von anderen Erkrankungen auftreten. Beispielsweise infolge psychiatrischer oder neurologischer Erkrankungen, dies ist zum Beispiel nach einem Schlaganfall gegeben (vgl. von Suchodoletz 2013: 1). Deswegen soll in dieser Arbeit zwischen dem entwicklungsbedingten bzw. chronischen stottern als eigenständige Sprechstörung und dem neurogenen stottern infolge einer Hirnschädigung unterschieden werden. Eine solche Differenzierung ist wichtig, um vor allem auf die Ursachen des Ausbruchs einer Störung gezielt eingehen zu können.

3. Stottern

3.1 Definition

Stottern ist eine Entwicklungsstörung des Redeflusses, die üblicherweise im Vorschulalter beginnt (vgl. Grohnfeldt 2000: 23). Es handelt sich hierbei um eine Störung, die durch unwillkürliche Unterbrechungen im Sprechfluss gekennzeichnet ist (vgl. von Suchodoletz 2013: 39). Diese Unterbrechungen kommen durch eine Art Blockierung zustande, die es dem Betroffenen erschwert oder unmöglich macht, einen Laut zu bilden. Der Betroffene weiß selbst genau, was er sagen möchte, doch durch Verspannungen der Sprechmuskulatur und stumme Pressversuche ist er nicht in der Lage seine Gedanken in Laute umzusetzen (vgl. von Suchodoletz 2013: 39). Wobei an dieser stelle erwähnt werden sollte, dass das stottern keine Rückschlüsse auf die Intelligenz des Betroffenen zulässt[1] (vgl. Bosshardt 2008: 2).

Um das stottern zu definieren muss zunächst herausgestellt werden, was im Gegenteil dazu „normales Sprechen“ ist. Das normale Sprechen ist laut „starkwheater“ gekennzeichnet durch Geschwindigkeit, Kontinuität und Leichtigkeit. Somit sind beim Stottern ein oder mehrere dieser Bereiche beeinträchtigt, sodass der Stotterer zwar weiß, was er sagen möchte, aber nicht alle Kompetenzen besitzt, um das Gedachte in einen flüssigen Satz zu verwandeln (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 14ff).

In den meisten Fällen entwickelt sich diese Störung entweder zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr, während des Spracherwerbs oder zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr, nach Abschluss des Spracherwerbs. Im zweiten Falle kann es Vorkommen, dass der Betroffene bis dahin ganze Sätze ohne Probleme sprechen konnte und nun erst Schwierigkeiten dabei entwickelt. Nach dem zehnten Lebensjahr beginnt das stottern nur noch sehr selten (vgl. Grohnfeldt 2002: 152), wobei anzumerken ist, dass der genaue Ausbruch der Störung nur schwer festgelegt werden kann. Einige Eltern kennen die Symptome nicht, oder wissen diese nicht richtig zu deuten, sodass der Beginn des stottern schon weit vor der Diagnose liegen kann (vgl. Grohnfeldt 2002: 152).

Etwa 5% der Kinder zeigen Symptome, die auf ein chronisches stottern hinweisen. Durch die große Anzahl an Remissionen liegt der Prozentsatz der Betroffenen Erwachsenen nur bei etwa 1% (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 5). Insgesamt tritt eine Remission bei etwa 50%-80% der Kinder auf, wobei hier deutlich mehr Mädchen als Jungen erfasst werden. Je länger die Störung anhält, desto unwahrscheinlicher ist eine Remission, wobei die Schwere der Symptomatik keinen direkten Einfluss darauf ausübt (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 20f).

Aktuelle Zahlen aus dem Land Niedersachsen zeigen auf, dass jedes fünfte Kind im Vorschulalter an einer Sprachstörung leidet. Der Anteil der Jungen liegt bei etwa 25% und bei den Mädchen liegt er bei etwa 17%[2]. Nach Angaben des Gesundheitsamtes treten solche Störungen bei Kindern aus bildungsfernen Haushalten (31,3 %) häufiger auf, als bei Kindern aus bildungsnahen Haushalten (15,1%) (Christian Brahmannn, General Anzeiger vom 11.09.2017). Ob tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Bildung der Eltern und dem Umfeld einen Einfluss auf die Sprachentwicklung ausübt, soll an dieser stelle nicht weiter behandelt werden.

Generell jedoch, lässt sich festhalten, dass bei 70% bis 90% der Betroffenen die ersten Symptome bereits vor dem achten Lebensjahr auftreten (vgl.Fiedler, standop 1994: 21).

Zur geographischen Verbreitung des Stotterns gibt es kaum aussagekräftige Daten, was unter anderem daran liegt, dass unterschiedliche Definitionen von physiologischem stottern und chronischem stottern verwendet werden. Dennoch ist diese Sprechstörung weitestgehend in allen Ländern der Welt zu beobachten und tritt in allen Sprachen und sozialen Schichten etwa gleich häufig auf (vgl. von Sucholodetz 2013: 41). Diese Erkenntnis spricht dafür, dass die phonetischen Besonderheiten einer Sprache keine Auswirkung auf den Ausbruch des Stotterns haben.

Des Weiteren wirkt sich der Bilingualismus auf die Häufigkeit aus; mehrsprachig aufwachsende Kinder neigen öfter dazu zu stottern (vgl. von Suchodoletz 2013: 43). Wobei hier auch zu beobachten ist, dass diese Kinder in beiden Muttersprachen Stottern, was wiederum dafür spricht, dass die Sprache nicht mit dem Auftreten der Störung in Zusammenhang steht.

3.2 Symptomatik

Stottern ist gekennzeichnet durch Unterbrechungen des Redeflusses, doch nicht jede Unterbrechung ist gleich ein Anzeichen für eine Sprechstörung. In unserer Alltagssprache unterbrechen wir unseren Redefluss häufig, dies dient vor allem dazu die nächste Äußerung vorzubereiten. Liegt die Dauer dieser stummen Unterbrechung unter einer Sekunde empfindet unser Gesprächspartner dies nicht als störend (vgl. von Suchodoletz 2013: 38).

3.2.1 Beginn und Verlauf

Wie in der Definition bereits erwähnt, treten erste Anzeichen des Stotterns meist im Vorschulalter auf. Generell können symptomatische Unflüssigkeiten im Sprechfluss ab dem Beginn der Mehrwortäußerungen Vorkommen (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 19). Dies bedeutet, dass der früheste Zeitpunkt des Beginns etwa im zweiten Lebensjahr liegt, abhängig davon, wann ein Kind mit dem Sprechen beginnt (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 19).

Ein erstes Symptom sind Wiederholungen einzelner Silben oder Wörter, meistens setzt dies schleichend ein. Nur in wenigen Fällen ist zu beobachten, dass sich die Störung innerhalb weniger Tage oder Wochen ausbildet (vgl. von Suchodoletz 2013: 47). Oftmals können auch traumatisierende Lebensereignisse ein Grund für das stottern sein; ein genereller Zusammenhang ist aber nicht wissenschaftlich bewiesen (vgl. von Suchodoletz 2013: 47). Diese These soll im Rahmen der psychischen Ursachen genauer betrachtet werden.

Zeitweilige Sprechunflüssigkeiten bei Kindern im Vorschulalter sind normal, allerdings ist darauf zu achten, wann sich aus solchen Unflüssigkeiten eine Sprechstörung entwickelt. Die Unterscheidung zwischen solchen physiologischen Sprech­unflüssigkeiten und einem beginnenden, beziehungsweise chronischen[3] stottern wird im folgen Kapitel vorgenommen.

Der Übergang von physiologischen Unflüssigkeiten zu einer chronischen Sprechstörung ist schwer abzugrenzen, bei einigen Kindern nimmt der Schweregrad der Störung kontinuierlich zu, bei anderen kehrt er mit Unterbrechungen wieder. Jedoch ist der genaue Zeitpunkt des Stotterausbruchs kaum zu ermitteln (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 19).

Das Durchschnittsalter zu Beginn des Stotterns beträgt etwa 33 Monate, wobei an dieser stelle die Remissionsrate mit 74% noch sehr hoch ist (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 20).

Zu Beginn der Störung ist die Ausprägung der Symptome meist relativ hoch, mindert sich jedoch nach einigen Monaten wieder. Der Verlauf des Stotterns ist insgesamt sehr individuell, zu beobachten ist aber, dass es in fast allen Fällen Schwankungen in der Ausprägung der Symptome gibt. Auf Monate des relativ flüssigen Sprechens können wiederum Monate folgen, in denen die Störung sehr stark ist (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 20).

3.2.2 Phsysioloaisches und chronisches stottern

Die meisten Kindern durchlaufen in ihrer Sprachentwicklung eine Phase, die als „physiologisches stottern“ bezeichnet wird und vor allem durch häufige Wortwiederholungen gekennzeichnet ist (vgl. von Suchodoletz 2013: 38). Unflüssiges Sprechen wird von Kindern nicht bewusst produziert, demnach lässt es sich auch nicht einfach abstellen (vgl. Wendlandt 2010: 78). Diese Erkenntnis sollten Eltern im Hinblick auf die sprachliche Entwicklung ihres Kinder im Hinterkopf behalten.

Um ทนท solche alltäglichen Unterbrechungen von stottertypischen Unterbrechungen zu unterscheiden, ist neben der Anzahl der Unterbrechungen auch die Art ausschlaggebend. Begutachtet man die Quantität der Unterbrechungen ist zu beobachten, dass ein Stotterer etwa zehn mal so häufig Teile von Wörtern und etwa drei mal so häufig ganze Wörter wiederholt wie ein Normalsprechender (vgl. Fiedler, standop 1994: 3).

Physiologisches stottern und chronisches stottern sind nicht leicht voneinander abzugrenzen. Zur genaueren Anamnese müssen die Wiederholungen, Dehnungen und Pausen individuell betrachtet werden (vgl. Wendlandt 2010: 77).

Bei Wiederholungen im Sprechfluss gilt es zu unterscheiden, wie groß die wiederholten Einheiten sind. Beim physiologischen stottern wiederholt der Sprecher vor allem Satzteile und Wörter, wohingegen der chronische Stotterer einzelne Silben und Laute mehrfach wiederholt (da war, da war, da war VS. ei, ei, ei, ei, ei, eine). Die Dehnungen der Anlaute sind beim physiologischen stottern weitaus kürzer als beim chronischen Stottern (aaabervs. aaaaaaaaaber) (vgl. Wendlandt 2010: 77).

Die Pausen im Redefluss werden beim physiologischen stottern funktional genutzt: beispielsweise zur Findung des nächsten Wortes oder zur Strukturierung des folgenden Satzes. Ein chronischer Stotterer hingehen setzt die Pausen nicht willkürlich ein, sie sind vor allem ein Zeichen von körperlicher Anstrengung beim Aussprechen eines Wortes (vgl. Wendlandt 2010: 77).

Stottertypische Unterbrechungen treten oftmals innerhalb eines Wortes auf, der Sprecher schiebt beispielsweise Wiederholungen oder stumme Pressversuche ein. Solche Einschübe stören den Redefluss und werden vom Gesprächspartner als irritierend wahrgenommen. Wohingegen physiologisches stottern hauptsächlich zwischen den Wörtern auftritt (vgl. von Suchodoletz 2013: 38-39).

Beim physiologischen stottern ist im Sprechfluss zu erkennen, dass der Betroffene noch im Lernstadium ist, er muss die Fähigkeit des flüssigen Sprechens erst noch erwerben. Während beim beginnenden chronischen stottern der Betroffene kognitiv bereits in der Lage ist, einen Satz zu strukturieren und dennoch arge Probleme bei der Aussprache zeigt. Oftmals geschieht dies durch einen inadäquaten Einsatz der beteiligten Muskulatur (vgl. Wendlandt 2010: 78).

Das physiologische stottern sollte in der Regel nicht länger als ein halbes Jahr andauern, ansonsten kann es sich zu einem beginnenden und schließlich zu einem chronischen stottern entwickeln. Ein Erkennungszeichen eines beginnenden Stotterns ist der „schwa-Laut“, dieser klingt wie das „e“ bei „eine“. Setzt das Kind ทนท bei Stotterereignissen diesen Laut ein, auch wenn er gar nicht im Wort vorkommt, sollten die Eltern Acht geben (vgl. Wendlandt 2010: 78). Generell ist anzuraten bei den ersten Anzeichen eines beginnenden Stotterns ein ärztliches Gutachten einzuholen, so kann die Diagnose rechtzeitig gestellt werden, um möglichst zeitnah eine geeignete Therapie zu beginnen (vgl. Wendlandt 2010: 78).

3.2.3 Primär- und Sekundärsymptome

Die Symptome beim stottern lassen sich in Primär- und Sekundärsymptome unterschieden, wobei diese Unterteilung nicht wörtlich zu betrachten ist. Es ist nicht davon auszugehen, dass in jedem Falle die Sekundärsymptome mit zeitlichem Abstand zu den Primärsymptomen auftreten (vgl. von Suchodoletz 2013: 41). Daher wird bei den Sekundärsymptomen auch oft von Begleitsymptomen gesprochen, da diese sich aus dem Versuch der Vermeidung der Leitsymptome entwickeln und sie begleiten. Primärsymptome werden auch Leitsymptome genannt, da sie die leitenden Symptome des Krankheitsbildes sind und dieses definieren (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 11) Diese Leit- und Begleitsymptome beeinflussen sich gegenseitig. Zum einen entwickeln sich die Begleitsymptome durch die Leitsymptome, zum anderen verstärken oder verändern aber die Begleitsymptome wiederum die Leitsymptome (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 11). Durch eine solche Wechselwirkung entstehen sogenannte „Coping-Strategien“[4], diese dienen dazu die Stotterereignisse aus eigener Kraft zu bewältigen. Sie werden unterteilt in funktionell und dysfunktionell. Solche dysfunktionellen Coping-Strategien sind im Prinzip die eben genannten Begleiterscheinungen. Die funktionellen Coping-Strategien hingegen können wirkungsvoll sein und werden auch in der Sprachtherapie verwendet (vgl. Sandrieser, Schneider 2011: 13). Zu den funktionellen Coping-Strategien gehören zum einen eine große Toleranz gegenüber dem Zeitdruck während des Sprechens, dies führt zu einer Verlangsamung der Artikulationsabläufe, um die Teilprozesse des Stotterns besser steuern zu können (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 13). Der Stotterer soll durch solche Strategien lernen keine Vermeidung einzusetzen, dazu zählen auch Satzabbrüche und Umformulierungen (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 13). Damit erweisen sich Coping-Strategien als sehr sinnvoll, da der Betroffene sie für sich selbst entwickeln und anpassen kann.

Die Leitsymptome der Störung sind Stotterereignisse, diese lassen sich wiederum in drei Kategorien einteilen. Zum Beispiel treten sie als ungewöhnliche Lautdehnungen (Toni) auf, zum anderen als stumme krampfartige Blockaden (Blocks). Der dritte Typus umfasst die Wiederholungen eines Lautes (Kloni), die zumeist am Beginn eines Wortes stehen (vgl. von Suchodoletz 2013: 39). Allerdings ist die Ausprägung solcher Unterbrechungen individuell unterschiedlich, sie können mehrere Sekunden andauern, oder so flüchtig sein, dass sie dem Gesprächspartner kaum auffallen (vgl. Bosshardt 2008: 3). Im Normalfall treten solche Stotterereignisse nur bei etwa 5-15% der gesprochenen Wörter auf, wobei einige Lautfolgen anfälliger für Unterbrechungen sind als andere (vgl. Bosshardt 2008: 1).

Zwei grundsätzliche Arten des Stotterns lassen sich unterscheiden: das klonische Stottern und das tonische stottern (vgl. Fiedler, standop 1994: 2).

Das klonische stottern ist durch kurze, schell aufeinander folgende Kontraktionen der Sprechmuskulatur gekennzeichnet. Dies führt zu einer „hämmernden“ Wiederholung von Lauten, Silben oder Wörtern.

Beim tonischen stottern treten vor dem eigentlichen Wort relativ lange Sprechpausen auf, in denen der Betroffene verkrampft, stumme Pressversuche und Kontraktionen der Glottis sind die Folge (vgl. Fiedler, standop 1994: 2). Beide Formen können einzeln oder als Mischformen auftreten, je nach überwiegen einer Form spricht man entweder vom „klonisch-tonischen“ beziehungsweise „tonisch-klonischen“ stottern (vgl. Fiedler, Standop 1994: 2).

Neben diesen Leitsymptomen treten bei vielen Betroffenen noch selbst angeeignete Begleiterscheinungen in Form von Durchbrechungs- und Vermeidungsstrategien auf. Durchbrechungsstrategien wendet ein Stotterer an, um die Sprechblockaden zu durchbrechen. Hierbei spannt er beispielsweise bestimmte Muskelpartien willkürlich an und versucht die Blockade dadurch zu lösen (vgl. von Suchodoletz 2013: 41). Ursprünglich dienten diese Mitbewegungen als eine Art Selbsthilfe bei aufkommenden Stotterereignissen, die allerdings keinerlei Wirkung haben. Vielmehr werden sie von Außenstehenden gar als Tics wahrgenommen und erschweren dabei die non-verbale Kommunikation über Mimik und Gestik (vgl. Bosshardt, 2008: 23).

Bei den Vermeidungsstrategien wird durch das Umgehen schwieriger Wörter oder Sprechsituationen das Auftreten von Blockaden verhindert (von Suchodoletz 2013: 41). Beide Strategien sind im Kampf gegen das stottern eher dysfunktionell und werden in der Therapie abgebaut.

Neben diesen körperlichen Symptomen treten meist noch psychische Sekundärsymptome auf. Dazu können Stresssymptome wie Schweißausbruch oder Herzrasen gehören, sogar der soziale Rückzug oder eine Depression können die Folge sein (vgl. von Suchodoletz 2013: 41). Nicht alle diese Symptome müssen in jedem Fall Vorkommen, die Sprechstörung verläuft individuell und kann die genannten Symptome in verschiedenster Ausprägung ausweisen (vgl. von Suchodoletz 2013: 41).

Kinder und vor allem Erwachsene haben sehr unter der Sprechstörung zu leiden, Aggressionen auf sich selbst oder nicht-stotternde Personen sind keine Seltenheit. Es folgt eine Selbstabwertung, die mit Hilflosigkeit, Scham, Furcht und Vermeidung einhergeht (vgl. Bosshardt 2008: 3).

Die Schwere der Stottersymptomatik ist situationsabhängig. Das heißt, dass das Stottern beispielsweise bei Selbstgesprächen kaum bis gar nicht vorhanden ist. Wohingegen es dann in Gesprächen, in denen der Betroffene flüssig sprechen möchte, umso häufiger auftritt. Im gesamten Verlauf der Sprachstörung lassen sich neben diesen situativen Schwankungen auch größere Unterschiede erkennen. Wechselnde Phasen zwischen schweren Stotterereignissen und fast flüssigem Sprechen sind bei fast allen Betroffenen zu beobachten (vgl. von Suchodoletz 2013: 41).

3.3 Remission

Eine Remission, also eine spontane Heilung des Stotterns, ist das Ziel jeder Sprechtherapie. Die Chancen auf Remission sind mit 50%-80% relativ hoch, wobei Mädchen sehr viel häufiger remittieren als Jungen (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 20).

Jüngere Kinder remittierten häufiger als ältere, im Alter von unter sieben Jahren ist die Remissionsrate bei Mädchen höher als bei Jungen, wobei das Verhältnis im Alter von sieben bis neun Jahren wiederum umgekehrt ist (vgl. Bosshardt 2008: 6). Leider gibt es keine Kriterien anhand derer sich eine Remission Vorhersagen lässt, es gibt nur Faktoren, die eine Remission begünstigen, oder die Chance auf diese mindern können (vgl. Sandrieser,Schneider 2001: 106). Wird bereits früh nach Ausbruch der Störung mit einer Therapie begonnen, stehen die Chancen auf eine Spontanremission[5] recht gut (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 106).

Allerdings wurde kein Zusammenhang zwischen der stärke der Stottersymptomatik oder dem Alter bei Ausbruch der Störung und der Wahrscheinlichkeit einer Remission festgestellt (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 20). Wobei die Chance einer Remission durch genetische Disposition, längere Störungsdauer oder bestimmte Risikofaktoren sinkt (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 106). Auch wenn es in der Familie noch weitere Stotterer gibt, oder der Betroffene zusätzliche phonologische Probleme aufweist ist die Wahrscheinlichkeit geringer (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 20). Besteht die Störung bis zum Ende der Pubertät ist nicht mehr mit einer Remission zu rechnen (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 20). Zu diesem Zeitpunkt ist der Spracherwerb längst abgeschlossen und das stottern hat sich in der Sprache des Betroffenen manifestiert. An dieser stelle ist meist nur noch eine Minderung der Symptome möglich.

Ferner ist nicht von einer symptomfreien Phase direkt auf eine Remission zu schließen, eine solche Phase muss mehrere Jahre andauern, damit von Remission zu sprechen ist. Leider gibt es während dieser symptomfreien Phasen oft Rückfälle, die eine hohe psychische Belastung mit sich bringen (vgl. Sandrieser, Schneider 2001: 106).

[...]


[1] bezogen auf entwicklungsbedingtes Stottern, anders bei neurologem Stottern infolge eines Schlaganfalls etc.

[2] Untersucht wurden circa 65.000 Kinder.

[3] Von einem chronischen Stottern wird in diesem Zusammenhand gesprochen, wenn sich ein beginnendes Stottern bereits manifestiert hat.

[4] Leitet sich vom englischen Verb to cope with - mit etwas fertig werden ab.

[5] Der Begriff Spontanremission ist irreführend, er suggeriert eine Heilung, die olme professionelle oder selbstmodifikatorische Praktiken stattfindet (vgl. Bossliardt 2008: 6).

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Sprachstörung Stottern und Therapiemöglichkeiten in der Logopädie
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
36
Katalognummer
V412360
ISBN (eBook)
9783668635616
ISBN (Buch)
9783668635623
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stottern Sprachstörung Sprechstörung Therapie Logopädie
Arbeit zitieren
Friederike Feldmann (Autor), 2017, Die Sprachstörung Stottern und Therapiemöglichkeiten in der Logopädie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412360

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