Brauchen wir eine Leitkultur?


Essay, 2017
5 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Brauchen wir eine Leitkultur?

von Yavuz S. Erdem

Im Laufe der letzten Jahre hat der Begriff „Leitkultur“ als Gegenstück zum Multikulturalismus stark an Bedeutung gewonnen. Allerdings nur in der Art und Weise, dass das Wort von jedem benutzt wird, wenige aber eine Definition wagen. Verwunderlich ist, dass der Begriff erst im Laufe der Neunziger Jahre entstand und dass er erst seit der bekannten Rede von Friedrich Merz derart häufig benutzt wird. Wenn Politiker, Multiplikatoren oder sogar Stammtisch-Freunde von „Leitkultur“, sprechen, meinen sie eine angebliche deutsche Kultur, die von jedem „Neuankömmling“ akzeptiert und danach gelebt werden müsse. Dass es aber Probleme gibt, dieses Wort allgemeingültig zu definieren, wird meist außen vor gelassen. Deshalb widme ich mich in diesem Essay diesem Thema.

Zunächst sollte geschichtlich geklärt werden, ob Deutschland je eine so genannte Leitkultur hatte. Ein deutscher Staat entstand im großen Stil erstmals mit der Krönung von Otto dem Ersten im Jahre 962 nach Christus. Auch davor gab es sicherlich germanische Staaten, allerdings möchte ich hier diese vernachlässigen. Durch die Gründung des so genannten „Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation“ wurden verschiedene Stämme unter der deutschen Krone zusammengefasst. Dass diese Stämme verschiedene Sprachen oder Dialekte sprachen, verschiedene Konfessionen hatten und dass es sonst auch nicht immer mit dem friedlichen Zusammenleben klappte, zeigt uns die Geschichte. Dennoch müsste es eine gemeinsame Kultur, einen gemeinsamen Punkt geben, der diese heterogene Gruppe zusammenhielt. Die Kultur des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation wurde sehr von der Römisch-Katholischen beeinflusst.

Das bedeutet, die so genannte Leitkultur war keine Deutsche. Und auch sonst gab es wenige Gemeinsamkeiten, weshalb der Föderalismus, der de facto das politische System im besagten Kaiserreich regelte, eine gute Idee war. Aber auch dieser versagte ab und an, wie man beispielsweise im Dreißigjährigen Krieg sehen kann. Zum Ende des Imperiums hin versagte die Koexistenz dann mit Napoleon als Französischem Kaiser vollständig.

Als Nachfolger ist der Deutsche Bund beziehungsweise das Deutsche Reich zu sehen, das Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde und bis zur Machtergreifung Hitlers quasi Bestand hatte. Von Anfang an war das Deutsche Reich in einer sehr schwierigen Position, da es im Staat zwei große Gruppen und Mächte gab, die jeweils gerne die Oberhand wollten. Auf der einen Seite gab es das protestantisch geprägte Preußen im Norden, auf der anderen Seite das katholisch geprägte Habsburger Reich, also Österreich, im Süden. Diese Spaltung war auch in der Bevölkerung zu spüren. Denn nach der Märzrevolution von 1848 gab es immer mehr Spannungen zwischen den Gesellschaftsklassen. Hierbei gab es auch keine wirkliche gemeinsame Kultur. Es lagen Welten zwischen dem Leben eines bürgerlichen Deutschen aus München und dem eines Industriearbeiters aus Berlin. Das bedeutet, auch bis ins frühe 20. Jahrhundert werden wir geschichtlich nicht einer deutschen Leitkultur fündig, auch nicht in der Weimarer Republik.

Das Schreckensregime der NS-Diktatur brachte - meiner Meinung nach - erstmals eine Leitkultur ein. Demnach sollte man ein „ rier“ sein.

Hinzu kamen verschiedene andere Punkte, die einen „guten Deutschen“ ausmachten, die man jedoch aus dem Geschichtsunterricht kennen sollte. Was dieses Aufzwingen einer einheitlichen Linie zur Folge hatte, kennt man ebenfalls aus der Historie. Nach der Befreiung durch die Alliierten trafen sich die Gründerväter unserer Republik und wollten, dass so etwas nie wieder vorkäme.

Deswegen formulierten sie das deutsche Grundgesetz, in der sie keine direkte Leitkultur etablierten, jedoch eine freiheitliche Ordnung proklamierten, auf die wir uns bis heute stützen. In dieser Ordnung ist allerdings nirgendwo erwähnt, welche der vielfältigen Kulturen in Deutschland die „Oberhand“ hätte oder ob die „Leitkultur“ evangelisch oder katholisch sei. Denn das Grundgesetz ist kein Gesellschaftsvertrag, der uns als Gemeinschaft definiert, sondern eher ein Regelwerk, das uns sagt, wie wir uns als rechtschaffene Bürger in unserem Land zu verhalten haben, wie man allgemein ein ethisch-korrekter Mensch ist und welche rechtlichen Regeln für uns gelten. Schon im ersten Satz dieser Verfassung steht beispielsweise, dass die Würde eines Menschen unantastbar sei und alle darauffolgenden Artikel sind komplett oder teilweise darauf aufgebaut. Eine aufgezwungene „Leitkultur“ jedoch - nicht als kleinster, gemeinsamer Nenner, sondern als umfassendes Rahmenregelwerk - widerspricht meiner Meinung nach einer grundgesetzlichen Würde, da man sicherlich auch ohne solch einer „Leitkultur“ ein guter Deutscher sein kann.

Nichtsdestotrotz unterstellten viele, die zwar beispielsweise die Thesen von Innenminister De Maiziére ablehnen, aber dennoch von einer Leitkultur sprechen, dass eben genau diese im Grundgesetz verankert sei. Dies ist auch eine der Fragestellungen, die man mittels eines Essays beantworten kann. In diesem Punkt gebe ich dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert Recht, der einen „reinen Verfassungspatriotismus“ ablehnt. Denn eine Leitkultur ist gewiss nicht nur mit einer Verfassung gleichzusetzen, auch wenn, hat jede staatliche Verfassung einen kulturellen Hintergrund, aus dem sie entstand. Die Deutsche beispielsweise entstand aus dem Hintergrund der Aufklärung.

Die Aufklärung ist etwas, worauf man in Europa sicherlich stolz sein kann. Da in Europa die Religion wirklich „Opium für das Volk“ war - um Karl Marx mal zu zitieren - ist der Schritt in den Säkularismus eine richtige Angehensweise gewesen. Dasselbe für den Islam zu fordern, wäre aber meiner Meinung nach falsch und ein Akt von kolonialistischer Fremdbestimmung. Denn der Islam hatte zum Beispiel eine ganz andere geschichtliche Entwicklung als das Christentum in Europa und es gehörte zum islamischen Alltag, dass - wie es Prof. Angelika Neuwirth sagt - das Sakrale neben dem Säkularen her lebte.

Im letzten Jahr machten einige konservative Politiker in Bayern und in Sachsen den Vorschlag, die deutsche Sprache, bewährte Umgangsformen, das Erbe der Aufklärung und deutsche Nationalsymbole als Eckpfeiler einer so genannten „Leitkultur“ zu etablieren. Bewährte Umgangsformen wurden in diesem Vorschlag nicht weiter definiert, was auch verständlich ist, da Umgangsformen in Deutschland nicht überall gleich sind. Eine Trennung von Frauen und Männern in Gottesdiensten kommt wahrscheinlich für diese Politiker nicht in Frage. Dennoch gehört es zur Realität in einigen Teilen Baden- Württembergs und der Oberpfalz in Bayern, dass Männer und Frauen in den Kirchen getrennt sitzen. Dennoch würde niemand auf die Idee kommen, diese Menschen zu bezichtigen, eine Leitkultur zu untergraben oder gar zu ignorieren.

Letztendlich versuchte unser Innenminister in diesem Jahr, mit zehn Thesen eine „Leitkultur“ zu schaffen. Dass einige dieser Thesen nicht von allen getragen werden, ist für ihn scheinbar kein Grund, davon wegzurücken. Ich kann mir auch nicht vorstellen, inwiefern es ein Teil einer „Leitkultur“ sein soll, den eigenen Namen beim Vorstellen zu nennen. Auch erscheint mir die Debatte, die von ihm entfacht wurde, eher dazu zu dienen, konservative Wählergruppen, die zukünftig eher mit der rechtspopulistischen AfD sympathisieren, abzufangen und ihnen zu zeigen, dass die CDU auch patriotisch sein kann.

Nun zum Fazit: ich bezweifle, dass es unserer Gesellschaft gut tun würde, sich künstlich bestimmte Dogmen aufzwingen zu lassen. Wir harmonisieren als Gesellschaft relativ gut. Immigranten, wie es meine Eltern sind, haben in Deutschland keine Assimilation so wie in Frankreich zu beklagen. Sie können sich relativ einfach persönlich entfalten und werden meist von der Mehrheitsgesellschaft als Teil des Ganzen anerkannt. Wir Deutschen sind so lange ohne „Leitkultur“ ausgekommen, diese werden wir auch nicht in Zukunft brauchen. Umso unmoralischer ist es, erstens, sich von Rechtspopulisten den Ton in einem gesellschaftlichen Diskurs angeben zu lassen, und zweitens, von einer „jüdisch-christlichen Leitkultur“ zu sprechen, so wie es manche Politiker tun. Es ist sehr dreist, das Judentum, das seit Jahrhunderten als Feindbild der christlichen Kultur gilt und dessen Feindschaft im NS- Regime seinen Höhepunkt hatte nun - ohne dessen Zustimmung - zum Verbündeten zu nehmen. Dazu kommt, dass Rechtspopulisten absichtlich aus einem Grund den Schulterruck mit Juden suchen. Der Grund ist eine Botschaft an die Muslime: „ihr gehört nicht dazu!“

Das Wort Kultur hat verschiedene Bedeutungen, je nachdem was im Kontext gebraucht wird. Wenn wir nun den Begriff mit der Erfüllung von Ansprüchen, die in der jeweiligen Gesellschaft gelten, gleichsetzen, haben wir dennoch ein Problem: das Grundgesetz ist keine Grundlage einer „Leitkultur“, da dort Menschenrechte aufgelistet werden, jedoch nicht begründet. Denn dies kann die Aufklärung, in deren Tradition sich diese Verfassung sieht, nicht. Wenn dann, kann dies das Christentum. Dessen Dogmen kann man aber nicht auf knapp 40% der Bevölkerung, die keine Christen sind, aufzwingen.

Dazu kommt, dass eine so genannte „Leitkultur“ sicherlich nicht die Probleme unserer Gesellschaft lösen kann. Festzuhalten ist also, dass wir keine europäische oder deutsche Leitkultur brauchen. Wer dennoch eine fordert, will meistens Personen aus der Gesellschaft ausschließen, sie in Schubladen stecken, nicht über den Tellerrand schauen, keine Lösungen für kontroverse Angelegenheiten in der Gemeinschaft suchen, sondern diese mit dem Ausschluss mancher Individuen wegweisen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Brauchen wir eine Leitkultur?
Veranstaltung
Essaywettbewerb 2017
Note
3,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
5
Katalognummer
V412449
ISBN (eBook)
9783668646377
Dateigröße
1123 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leitkultur, Deutschland, Integration, Deutsch
Arbeit zitieren
Yavuz Selim Erdem (Autor), 2017, Brauchen wir eine Leitkultur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412449

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