John Searles Gedankenexperiment "Chinese Room" als Argument gegen den Funktionalismus


Essay, 2012

7 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

1. Einleitung

Gibt es so etwas wie eine Seele, wie verhält sie sich zum Körper, wie verhalten sich mentale und physische Zustände zueinander? Das alles sind Fragen, die man sich nicht nur manchmal im Alltag stellt, sondern mit denen sich ein ganzes philosophisches Teilgebiet, die Philosophie des Geistes, beschäftigt.

Eine Antwort auf die Fragen, die sich auch unter dem Stichwort Leib-Seele-Problem zusammenfassen lassen, gibt der Funktionalismus.

Funktionalisten vertreten die These, dass mentale Zustände funktionale Zustände sind.Diese funktionalen Zustände sind durch ihre kausale Rolle definiert. Die kausale Rollewiederum wird bestimmt durch die Input-, Interaktions- und Output-Klauseln.Und genau an diesem Punkt möchte ich ansetzen. Ich möchte dafür argumentieren, dasses nicht ausreicht, die richtigen Funktionen (Input, Interaktion und Output) zu erfüllenum davon sprechen zu können, sich in einem mentalen Zustand zu befinden oder einenVerstand zu haben. Zu diesem Zweck werde ich das von John Searle entwickelteGedankenexperiment des „Chinese Room“ verwenden, welches im Folgenden erläutertwerden soll. Danach werde ich darstellen, welches Fazit Searle selbst aus demGedankenexperiment zieht. Da keine philosophische Position unumstritten bleibt, werdeich mich im darauffolgenden Teil des Essays den Einwänden gegen Searles Argumentewidmen um anschließend John Searles Argumentation noch einmal zu beleuchten wie eres auch tut.

2. Hauptteil

2.1. Der „Chinese Room“

John Searle veröffentlichte das Gedankenexperiment „Chinese Room“ in seinem Buch „Minds, Brain and Science“ aus dem Jahr 1984.

Zuerst stellt er sich vor, eine Reihe von Programmierern würden ein Programm schreiben, welches es einem Computer erlaubt, Verständnis der chinesischen Sprache zu simulieren. Wenn man also dem Computer eine Frage auf Chinesisch gibt, so ist er in der Lage, eine Antwort zu produzieren, die auch von einem chinesischen Muttersprachler stammen könnte. Searle fragt sich nun, ob der Computer Chinesisch so versteht, wie auch ein Chinese die Sprache versteht. 1

Um diese Frage beantworten zu können, erweitert Searle sein Gedankenexperiment. Nun malt er sich aus, ein Mensch, der wie er kein Wort Chinesisch versteht, würde in einem Raum sein mit vielen Körben, die gefüllt sind mit chinesischen Symbolen und einem Buch, welches vorgibt wie die Zeichen in syntaktischer, nicht semantischer Weise zusammenzusetzen sind (auf die Unterscheidung von Syntax und Semantik wird später noch eingegangen). 2

Nun ist das Verfahren ähnlich wie bei dem Computer. Von außen werden chinesische Zeichen in den Raum gegeben und die Person im Raum erhält Regeln, welche Zeichen sie herausgeben muss. Searle fordert nun dazu auf, sich vorzustellen, die hinein gegebenen Zeichen werden „Fragen“, die heraus gegebenen Zeichen „Antworten auf die Fragen“ genannt von den Personen außerhalb des Raumes. Zudem wird angenommen, dass die Antworten der Person in dem Raum so gut sind, als würden sie von einem chinesischen Muttersprachler stammen. 3

2.2. Searles Argumentation (Teil 1)

John Searle zieht aus diesem Gedankenexperiment das Fazit, dass es zwar den Eindruckerweckt, als würde die Person in dem Zimmer Chinesisch verstehen, dies aber nichtwirklich tut. 4

Wichtig in Searles Begründung dafür ist die Unterscheidung zwischen Syntax und Semantik, die oben schon erwähnt wurde. Computer hätten, und dies beschreibt Searle als wahr per Definition, nur Syntax. Das bedeutet, sie sind in der Lage nach bestimmten Regeln eine Reihe von formalen Symbolen zu komplexeren Ausdrücken zusammenzusetzen. So geschehen ja auch im „Chinese Room“. Nicht nur der Computer mit dem richtigen Übersetzungsprogramm war nur zu Syntax in der Lage, auch die Person ohne Kenntnisse über die chinesische Sprache hat nur unter der Befolgung bestimmter Regeln die chinesischen Zeichen zusammengefügt.

Jedoch sei es für die Zusammensetzung der Symbole nicht nötig, deren Bedeutung zu kennen und der Computer wäre dazu auch nicht in der Lage. Für Searle bedeutet eine Sprache zu verstehen aber mehr als nur die verschiedenen Zeichen richtig zusammenzusetzen, für ihn spielt die Semantik eine wichtige Rolle. Das heißt, um behaupten zu können, eine Sprache zu verstehen, müsse man die Zeichen interpretieren können, beziehungsweise ihre Bedeutung kennen. 5

Um seine Position stark zu machen vergleicht Searle sein Gedankenexperiment mit einem fast identischen, nur dass in diesem die Person in dem Raum, die Englisch sprichtund versteht, Fragen auf Englisch gestellt bekommt und die Antworten auch in Englischhinaus gibt. Wesentlicher Unterschied sei, dass man in dem zweiten Beispiel dieBedeutung sowohl der hinein kommenden Zeichen versteht als auch die Bedeutung derAntwort, die man gibt. Im Fall des „Chinese Room“ sei dies nicht der Fall. 6

2.3. Einwände und Searles Erwiderung

Searle selbst diskutiert im Folgenden zwei Einwände, die häufig gegen seine Argumentation gemacht werden.

Manche würden behaupten, das gesamte System des „Chinese Room“ würde Chinesischverstehen. Wer diese Position vertritt würde zwar zugeben, dass die Person, die diezentrale Rolle inne hat, in dem Raum kein Chinesisch versteht, aber dass das System estut, bestehend aus dem Raum selbst, den Körben mit den Symbolen und verschiedenenanderen Dingen. 7

Searle verwirft diesen Einwand jedoch schnell, indem er sagt, es gäbe auch unter dieser Betrachtungsweise keinen Weg, Semantik in das System zu bringen. Wenn die Person in dem Raum die Bedeutung der Zeichen nicht kennt, so könne auch das gesamte System die Bedeutung nicht kennen. 8 Man kann also auch hier nicht davon reden, dass die Sprache wirklich verstanden wird.

Ein anderer Einwand beschäftigt sich auch mit einem kleinen Gedankenexperiment.Man solle sich vorstellen, das Programm, welches das Verstehen der chinesischenSymbole ermöglicht, würde einem Roboter eingesetzt werden. Würde nun der Roboterkausal mit der Welt interagieren, so könne man davon sprechen, dass er Chinesischversteht. 9

John Searle weist auch diesen Einwand zurück. Er bezieht sich wieder einmal auf dieSyntax-Semantik-Unterscheidung und argumentiert, so lange der Roboter nur einenComputer als Gehirn hätte, würde er keine Chance haben, die Bedeutung der zuübersetzenden Zeichen zu verstehen und somit kann man wieder nur von Syntaxsprechen, die nicht ausreicht um eine Sprache wirklich verstehen zu können. Auch derZusatz, der Roboter würde kausal mit der Welt interagieren, ändere daran nichts. 10

2.4. Searles Argumentation (Teil 2)

Nach der Diskussion der häufigsten Einwände gegen seine Argumentation, führt Searle nun genauer aus, was genau durch sein Argument behauptet wird.

Er nimmt dafür an, man stellt sich die Frage ob Maschinen denken können. Wenn manden Begriff der Maschinen so definiert, dass sie ein physikalisches System sind,welches dazu fähig ist verschiedenen Operationen auszuführen, dann seien alleMenschen Maschinen. Und klar ist, dass alle Menschen denken können. In diesemSinne sei die Antwort auf die Frage; ja, Maschinen können denken. 11Searle gibt sich aber mit der Definition von Maschinen nicht zufrieden und somit nichtmit der Antwort. Er formuliert die Frage also anders und fragt nun ob Artefakte denkenkönnen und stellt sich vor, man würde eine Maschine bauen, welches Eins-zu-Einseinem Menschen nachgebildet ist. Auch hier wäre die Antwort wieder; ja, ein Artefaktist fähig zu denken. 12

Doch erneut ist Searle nicht zufrieden. Er will nicht mehr fragen ob Maschinen oder Artefakte denken können, sondern präziser ob digitale Computer denken können. Von einem mathematischen Standpunkt aus gesehen könne man alles so beschreiben, als ob es ein digitaler Computer sei, beziehungsweise als ob es ein Computerprogramm realisiert. Als Beispiel führt er einen Stift an, der ein Programm ausführe, welches ihm sagt, an einer bestimmten Stelle liegen zu bleiben. Auch das menschliche Gehirn sei nach dieser mathematischen Definition ein digitaler Computer, da es eine Reihe von Programmen implementiere und das Gehirn könne denken. 13

Nun kommt John Searle zu der endgültigen Frage, denn auch die vorangegangene hat ihn nicht zufrieden gestellt. Schließlich lautet die Frage, nach der er gesucht hat, ob das Implementieren des richtigen Computerprogramms mit den richtigen Inputs und Outputs ausreichend für das Denken ist. Nein, lautet die deutliche Antwort Searles. Sein Argument dafür ist erneut, dass das Computerprogramm rein syntaktisch arbeitet. Und das Denken sei mehr als das reine Zusammensetzen von bedeutungslosen Symbolen, es beinhalte bedeutungsvolle semantische Inhalte. 14

Für dieses Fazit Searles sei es nun auch die Größe des Computerprogramms egal, dieGeschwindigkeit der Arbeitsabläufe des Computers, und besonders welcher technische Fortschritt in Zukunft noch auf die Menschen zukommen wird. Searle ist sich sicher, dass die Menschheit in Zukunft in der Lage sein wird, das menschliche Verhalten immer besser zu imitieren. Jedoch sei dies irrelevant, wenn man davon spricht, sich in einem mentalen Zustand zu befinden oder einen Verstand zu besitzen. 15

Immer, zu jeder Zeit, wenn es ein Computer ist, dann sind seine verschiedenenFunktionen und Arbeitsabläufe immer rein syntaktisch. Dahingegen würdenBewusstsein, Gefühle, Gedanken und Emotionen mehr erfordern. Semantik. DerComputer könne all diese mentalen Zustände zwar simulieren, aber nie duplizieren. 16

3. Schluss

Zu Beginn habe ich die Behauptung aufgestellt, es würde nicht ausreichen die Input-,Interaktions- und Output-Klauseln zu erfüllen um davon sprechen zu können, in einemmentalen Zustand zu sein. Man kann dazu Gefühle, Bewusstsein und das Denkenzählen.

Meiner Meinung nach bestätigt Searles Gedankenexperiment diese These. Man sieht deutlich, dass dort auch Input-(Hineinreichen der Fragen), Interaktions-(Regeln befolgen) und Output-Klauseln (Herausgeben der Antwort) vorhanden sind. Und doch würde man nicht auf die Idee kommen zum einen von einem wirklichen Verständnis für die Sprache zu sprechen und zum anderen der Person in dem Raum Bewusstsein oder einen anderen mentalen Zustand zuzusprechen.

Searle argumentiert dahingehend schon sehr einleuchtend, indem er die Unterscheidungzwischen Syntax, dem reinen Zusammensetzen der Symbole, und Semantik, demZuordnen von Bedeutungen, macht. Gedanken und Gefühle sind über oder beziehensich auf bestimmte Dinge, man kann sich nichts anderes vorstellen.Nun wäre es interessant zu sehen wie Funktionalisten auf diese Behauptung undArgumentation reagieren würden oder in der Vergangenheit schon reagiert haben, wofüran dieser Stelle leider kein Platz ist.

[...]


1 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 32

2 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 32

3 Ebd.

4 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 33

5 Ebd.

6 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 33 f.

7 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 34

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 34 f.

11 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 35

12 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 35 f.

13 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 36

14 Ebd.

15 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 36 f.

16 Searle, John: Minds, Brains and Science. o.O., 1984, S. 37

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
John Searles Gedankenexperiment "Chinese Room" als Argument gegen den Funktionalismus
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Veranstaltung
Funktionalismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
7
Katalognummer
V412530
ISBN (eBook)
9783668637351
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
john, searles, gedankenexperiment, chinese, room, argument, funktionalismus, philosophie des geistes, philosophie, philosophy of mind, leib, seele, problem, körper, geist, mind, body
Arbeit zitieren
Lena Page (Autor), 2012, John Searles Gedankenexperiment "Chinese Room" als Argument gegen den Funktionalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412530

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