Von den Gästen, die der Einladung nicht folgten. Eine biblische Exegese von Lukas 14, 15 - 24


Hausarbeit, 2018

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Übersetzungsvergleich
2.1. Übersetzungswahl
2.2. Vers-für-Vers Vergleich

3. Historische Verortung des Evangeliums

4. Stellung der Perikope im Kontext des Evangeliums
4.1. Gliederung des Evangeliums
4.2. Kontextanalyse

5. Literaturwissenschaftliche Textanalyse

6. Form- und Gattungskritik

7. Einzelexegese

8. Synoptischer Vergleich

9. Redaktionskritik

10. Hermeneutische Besinnung

11. Literaturverzeichnis
11.1. Monografien
11.2. Zeitschriftenaufsätze
11.3. Sammelbandaufsätze
11.4. Lexikonartikel
11.5. Bibel

12. Anhang

1. Einleitung

In der vorliegenden exegetischen Hausarbeit werde ich die Perikope Lk 14,15-

24 bearbeiten. Ich habe die Perikope gewählt, weil die Hauptaussage auf dem ersten Blick nicht deutlich wird und ich diese erforschen möchte. Zudem drängen sich mir einige Fragen auf, die mein Interesse wecken:

Warum beginnt die Perikope mit der Aussage, dass diejenigen selig sein werden, die im Reich Gottes Brot essen werden und was ist damit gemeint?

Warum wird der Gastgeber so zornig, nachdem er die Entschuldigungen der Geladenen hört und warum nimmt er die Entschuldigungen nicht an, sondern zeigt stattdessen kein Verständnis dafür?

Warum werden die Armen und Kranken nicht direkt eingeladen, sondern erst, nachdem die Erstgeladenen absagen?

Warum ist es dem Gastgeber so wichtig, dass viele beim Gastmahl erschei-
nen?

Nach dem ersten Lesen interpretiere ich die Perikope so, dass die Armen und Kranken, also die zur unteren Gesellschaft gehörigen, das Gastmahl mehr schätzen, als die Erstgeladenen, die vermutlich zur gehobenen Gesellschaft gehören. Der Gastgeber soll vermutlich den Herrn Jesus darstellen, die zuerst Geladenen die Juden und die nachträglich Geladenen alle Nichtjuden. Offen bleibt für mich die Frage, was das Gastmahl darstellen soll.

Für die Bearbeitung der Perikope habe ich deshalb folgende Leitfrage formuliert: Warum ist dem Gastgeber sein Gastmahl so wichtig und sein Zorn über die Absagen der Erstgeladenen so heftig?

2. Übersetzungsvergleich

2.1. Übersetzungswahl

Ich habe folgende Übersetzungen miteinander verglichen, um die Perikope angemessen bearbeiten zu können:

- Münchener Neues Testament: Studienübersetzung
- Das Neue Testament - Die Psalmen, nach Ludwig Albrecht
- Gute Nachricht Neues Testament
- Regensburger Neues Testament - Das Evangelium nach Lukas

Das „Münchener Neue Testament“ (im Folgenden: MNT) orientiert sich amgriechischen Urtext und verfolgt den Grundsatz: „So griechisch wie möglich, sodeutsch wie nötig“.1 Es möchte dem griechischen Urtext seine Originalität las-sen, auch wenn es im Deutschen ungewöhnlich ist. Es ist somit weniger eineÜbersetzung, die sich am Leser orientiert, sondern viel mehr eine Studienüber-setzung.

Ludwig Albrecht, ein ehemaliger evangelisch-lutherischer und katholisch-apostolischer Theologe, verfolgte mit seiner Übersetzung das Ziel, „die griechi-sche Grundschrift in klarem, gemeinverständlichem Deutsch wiederzugeben, ineinem Deutsch, wie es heute gesprochen und überall verstanden wird.“2 Um die-ses Ziel zu erreichen, hat er an einigen Stellen frei übersetzt oder umschrieben,diese vom griechischen Urtext abweichenden Ausdrucke und Wörter jedochkenntlich gemacht. Als Zielgruppe dieser Übersetzung hatte Albrecht solche Le-ser im Blick, die weder theologisch noch sprachlich gebildet sind.3

Das „Gute Nachricht Neues Testament“ (im Folgenden: GNB) ist eine Über-setzung „in ein modernes, einfaches Deutsch.“4 Sie ist stark Leserorientiert undmöchte für Leserinnen und Lesern ohne besondere Vorkenntnisse verständlichsein. Der Grundsatz dieser Übersetzung heißt: „Der Sinngehalt des fremdspra-chigen Textes muss einen der eigenen Sprache angemessenen Ausdruck fin-den.“5

Eine weitere Übersetzung ist aus der Kommentarreihe von Prof. Dr. Josef Ernst „Regensburger Neues Testament“ (im Folgenden: RNT). Der Kommentar erhebt den Anspruch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, keine übermäßige Fülle an Detailinformationen zu liefern und bei der Übersetzung schwierige Sachverhalte verständlich und praxisrelevant darzustellen.6

2.2. Vers-für-Vers Vergleich

Das MNT verwendet im ersten Vers der Perikope ein Partizip, das den direk-ten Zusammenhang zu dem vorausgehenden Abschnitt deutlich macht. Das RNTgreift das Wort „hören“ ebenfalls auf, umschreibt es zwar, macht aber ebenfallsdie Verbindung zu dem vorherigen Abschnitt deutlich. Das MNT und das RNTbeschreiben den Fragestellenden als jemanden, der mit Jesus zu Tisch liegt wäh-rend Ludwig Albrecht und die GNB ihn als einen „von den Gästen“ bezeichnen.Das MNT und das RNT orientieren sich hier nah am Urtext und zeigen damitsogleich auch die damalige Sitte „am Tisch zu liegen“ auf. Unterschiede gibt esbei dem Wort, das das MNT und das RNT mit „selig“ übersetzt haben. Albrechtübersetzt hier „heil“ während die GNB noch freier mit „freuen dürfen sich alle“übersetzt. Das Wort „selig“ ist heute für viele nicht mehr so verständlich, ebensowenig wie das Wort „heil“. Hier scheint die GNB die verständlichste Überset-zung zu liefern, ob es eine treffende Übersetzung ist, muss noch geklärt werden.„Das Königtum Gottes“, wie das MNT es übersetzt, wird von Albrecht ähnlichmit „Gottes Königreich“ übersetzt. Während das RNT das allgemeinere Wort„Reich Gottes“ gebraucht, bezeichnet die GNB es als „Gottes neue Welt“. Sielegt dem Leser also schon aus, dass es sich hier um eine zukünftige Welt handelt,was auch durch den Gebrauch des Futur I unterstrichen wird. Albrecht ergänztdas Wort „einst“, was denselben Effekt hat und auf die Zukunft hinweist. Imnächsten Vers setzten Albrecht und die GNB anstelle des Personalpronomens„Er“ den Namen „Jesus“ ein, sodass hier unmissverständlich ist, wer spricht. DieGNB ergänzt in diesem Vers außerdem, dass Jesus im Folgenden ein „Gleichnis“erzählt, womit dem Leser die Textform erklärt wird und er es so besser einordnenund verstehen kann. Im nächsten Vers fällt auf, dass Albrecht im Gegensatz zuden anderen Übersetzungen „Tag“ anstelle von „Stunde“ schreibt, was meinesErachtens nicht treffend ist, weil sie die Tragik der Situation nicht so gut be-schreibt. Die GNB gebraucht hier anstelle des Wortes „Knecht“ oder „Sklave“das Wort „Diener“. Diese Bezeichnung ist moderner und im heutigen Kontextangebrachter. In Vers 18 ergänzt Albrecht „ohne Ausnahme“, was sich verstär-kend auf das „alle“ auswirkt. Die GNB lässt das „alle“ weg, was an dieser Stelleeinen Verlust darstellt. Das MNT und das RNT betonen, dass die Entschuldi-gungen sehr plötzlich kamen, indem sie „auf einmal“ und „mit einem Mal“ hin-zufügen. Das ist hier sehr treffend. Die Entschuldigung der ersten Person wird im MNT und von Albrecht als eine Notwendigkeit dargestellt, dadurch dass das MNT „bin gezwungen“ und Albrecht „muss notwendig“ übersetzt. Das RNTübersetzt nur „muss“ während die GNB sehr modern „das muss ich mir jetztunbedingt ansehen“ übersetzt. Durch diese Übersetzung bekommt der Leser denEindruck, dass der Entschuldigende nicht einer zwingend notwendigen Sachenachgeht, sondern einer freiwilligen. Im nächsten Vers übersetzen die GNB undAlbrecht verständlicher „Ochsengespanne“ und „Paar Ochsen“, da das Wort„Joch“ heute nicht mehr so geläufig ist. Das MNT und das RNT machen deut-lich, dass der Entschuldigende etwas „prüfen“ muss, was eher wie eine Pflichtwirkt, im Gegensatz zu Albrecht und der GNB, die mit „um sie mir anzusehen“und „ob sie etwas taugen“ übersetzen. In Vers 20 betonen das MNT und dasRNT, dass der Entschuldigende „eine Frau“ geheiratet hat. Der nächste Verswird sehr ähnlich übersetzt, außer dass das MNT und das RNT betonen, dassdiejenigen, die nun geholt werden sollen, „herein“ geführt werden sollen undnicht nur zu dem Gastgeber hin. Das „hereinführen“ ist präziser und gibt demLeser den Anschein, dass die Geladenen direkt zum Mahl geführt werden sollenund teilnehmen dürfen, wenn sie der Einladung folgen. Die GNB ersetzt das„sprach“ mit „befahl“, was eindrücklicher wirkt. In Vers 22 ergänzt die GNB,dass der Diener zurückkommt, Albrecht ergänzt ein „dann“ während das MNTund das RNT direkt mit einem „und“ fortfahren. Die GNB und Albrecht machenmit ihrer Übersetzung deutlich, dass eine Zeitspanne zwischen der Aufforderungdes Gastgebers und der Rückkehr und Aussage des Dieners vorhanden ist. ImVers 23 gebrauchen Albrecht und die GNB anstelle von „Wege und Zäune“ ge-läufigere Wörter wie „Feldwege und Zäune“ und „Landstraße und Zäune“. DieGNB ergänzt „wo die Landstreicher sich aufhalten“ und will damit die Ziel-gruppe der Geladenen schon näher bestimmen und es dem Leser somit verständ-licher machen, dass es sich hierbei um Außenstehende handelt, also um die nied-rige Gesellschaftsschicht. Das MNT und das RNT übersetzt „zwinge“ und „nö-tige“, was eine sehr eindrückliche Wirkung hat. Diese Wirkung geht jedoch auchbei Albrecht und der GNB nicht vollständig verloren. Auffällig ist noch, dassAlbrecht wieder nur übersetzt, dass die Leute „hierherkommen“ sollen und nicht„hereinkommen“, wie die anderen Übersetzungen es tun. Der letzte Vers der Pe-rikope macht deutlich, dass an dieser Stelle das Gleichnis vorbei ist und Jesusdie nun folgenden Worte außerhalb des Gleichnisses spricht. Bei Albrecht sind die Reden durch Anführungsstrichen gekennzeichnet, sodass auch hier der letzte Vers Fazit Jesu im Anschluss des Gleichnisses deutlich gemacht wird. BeimMNT und RNT werden keine Anführungszeichen verwendet, sodass nicht klarist, ob die Worte in Vers 24 dem Gastgeber in dem Gleichnis oder Jesus zuge-schrieben werden können. Die GNB ersetzt das „Männer“ außerdem mit „zuerstgeladene Gäste“, um zu betonen, dass es nicht nur um Männer und Frauen geht.Hierbei wird die GNB ihrem Ziel, modern zu sein, erneut gerecht.

Zusammenfassend wird deutlich, dass das MNT und das RNT sehr ähnlich inihrer Übersetzung sind. Das entspricht auch ihrem jeweiligen Übersetzungsziel,möglichst genau am griechischen Urtext zu bleiben und als Studienhilfe zu die-nen. Das MNT behält im Gegensatz zum RNT auch die im deutschen eher un-geläufigen Partizipien und Satzstellungen bei, was eine große Hilfe für das ge-naue Verständnis ist. Albrechts Übersetzung ist sehr gemäßigt und wird so ihremeigenen Anspruch gerecht. Sie versucht nah am griechischen Text zu bleiben,jedoch bei der Übersetzung verständliches Deutsch zu verwenden, das von ei-nem theologisch ungebildeten Leser verstanden wird. Die GNB wird ihrem An-spruch gerecht, modern, kommunikativ und am Leser orientiert zu sein. Für ih-ren Anspruch ist es sicherlich eine gute Übersetzung, sie hat auch direkte Aus-wirkung auf das Verständnis der Perikope, wenn sie zum Beispiel die geladenenGäste näher bestimmt. Leider gehen bei der Übersetzung einige wichtige Wörterund Formulierungen verloren, weshalb die Dringlichkeit der Einladungen undauch der Entschuldigungen der Erstgeladenen ihre Wirkung verlieren. Zum Stu-dium der Perikope ist meines Erachtens das MNT am überzeugendsten.

3. Historische Verortung des Evangeliums

Der Verfasser des Lukasevangeliums ist unbekannt. Zwar nennt die kirchlicheÜberlieferung Lukas als Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelge-schichte, jedoch gibt der Verfasser sich selbst nicht zu erkennen.7 Irenäus vonLyon deutet als erster um ca. 180 n.Chr. Lukas als Autor und das, obwohl erkeine zusätzlichen Quellen hatte, sondern sich ausschließlich auf die „Wir“-Stellen in der Apostelgeschichte berief, in denen Lukas als ein enger Mitarbeiterdes Paulus erscheint.8 Die „Wir“- Stellen der Apostelgeschichte geben jedoch keine Anhaltspunkte für den Namen des Erzählers, außer, dass der Name Lukas in einigen Briefen auftaucht, als ein enger Weggefährte des Paulus, der ihm inseiner Gefangenschaft bis zum Schluss treu blieb.9 Dieser Lukas wird im Phile-monbrief, Kolosserbrief und im 2.Timotheusbrief genannt, nähere Informatio-nen können nicht gewonnen werden, außer dass dieser Lukas ein Arzt war undvermutlich ein Heidenchrist, sicher ist allerdings auch dies nicht.10 Der KanonMuratori bestätigte entsprechend Lukas, den Arzt und Begleiter des Paulus, umca. 200 n.Chr. als den Verfasser des nach ihm benannten Evangeliums und derApostelgeschichte.11 Heute ist es weitestgehend umstritten, ob es sich bei demAutor um den Reisebegleiter des Paulus handelt. Auch wenn einige Auslegerkeinen Grund sehen, an der Autorenschaft des Lukas zu zweifeln,12 so weisenandere Ausleger dies deutlich zurück. Gründe hierfür sind die zu großen Unter-schiede in der Theologie des Paulus und der des Lukas, wie zum Beispiel diepaulinische Rechtfertigungslehre, die bei Lukas nicht zu finden ist. Ebenfallsfragwürdig ist, warum Lukas Teile der Missionsreise anders darstellt, als Pauluses in seinen Briefen tut.13 Diese und weitere Gründe werden von einigen Ausle-gern als gravierend, von anderen als nicht so gravierend eingestuft. Weitestge-hend einig sind sich die Theologen darin, dass der Autor des Lukasevangeliumsund der Apostelgeschichte derselbe ist.14 In der vorliegenden Exegese wird trotzder umstrittenen Frage Lukas als Autor angeführt werden. In Lk 1,1-4 gibt sichder Autor als gebildeter Theologe und Historiker zu erkennen, der seinen Lesernvor allem die Zuverlässigkeit der christlichen Lehrtradition erweisen will.15 DieSprache und der Stil weisen auf einen gebildeten Menschen hin, der besonderenWert auf die Genauigkeit und Sorgfalt legte und nichts Unbedachtes und Unge-prüftes aufschreiben möchte.16 Es gibt einige Argumente, die dafür sprechen,dass Lukas ein Heidenchrist war. Er ersetzt einige semitische Begriffe durchgriechische und lässt gewisse Worte weg, wie die Gebetsanrede „Abba“. Vorallem aber auch die geringe Bedeutung des Gesetzes und der an vielen Stellen fehlende Bezug zu den alttestamentlichen Schriften im Gegensatz zu dem Mat- thäusevangelium sind Gründe, die für einen Heidenchristen sprechen.17 Gründe,die auf einen judenchristlichen Verfasser hindeuten, sind zum Beispiel die Tat-sache, dass der Autor den Synagogengottesdienst korrekt beschreibt (vgl. Lk4,16-30; Apg 13,14-41), über zahlreichende Traditionen aus dem Judentum in-formiert ist und vor allem die alttestamentlichen Schriften gut kennt.18 Zudemweist der Autor bereits im Vorwort auf die geschehenen Dinge hin und darauf,dass er die Vergangenheit als Erfüllung der Verheißung ansieht. Aufgrund dieserArgumente fällt es schwer, in Lukas einen Heidenchristen zu sehen, „denn nichtnur seine profunde Kenntnis der Schriften, sondern auch sein Interesse, Jesus alsden in den Schriften Vorhergekündigten zu erweisen, lassen vermuten, dass essich bei ihm um einen Judenchristen handelt.“19 Schnelle versucht in diesen sichgegenüberstehenden Argumenten einen Kompromiss zu finden und sieht in Lu-kas einen Heidenchristen, der in Kontakt mit der Diasporasynagoge lebte und insein Werk bewusst judenchristliche Traditionen integrierte.20

Nach Lk 1,3 ist ein Mann namens Theophilus, was „Gottesfreund“ heißt, dererste Adressat. Das Attribut „verehrter“ macht deutlich, dass eine konkrete Per-son gemeint ist, auch wenn viele Theologen der Ansicht sind, dass es sich hierbeium eine Personifikation aller „Gottesfreunde“ handelt.21 Das Adjektiv „verehr-ter“ wirkt an dieser Stelle so, als spräche Lukas einen hochrangingen Menschenseiner Zeit an, doch kann es auch einfach als höfliche Anrede gesehen werden,die in dieser Form zu der Zeit üblich war.22 Der Name Theophilus lässt keinenRückschluss zu, ob es sich bei ihm um einen Juden- oder Heidenchristen handelt.Es ist davon auszugehen, dass das Lukasevangelium keine Privatschrift sein willund somit Theophilus einer von denjenigen ist, die den erweiterten Adressendarstellen sollen. Es ist deshalb davon auszugehen, dass Lukas vorwiegend dieHeidenchristen im Blick hat. Er setzt zum einen die Heidenmission voraus, zum anderen sieht er sich der griechisch-römischen Geschichtsschreibung verpflich- tet (Lk 1,1-4).23 Außerdem vermeidet er, wie bereits erwähnt, semitische Be-griffe und ersetzt diese stattdessen durch griechische. Zudem erwähnt Lukas inder Apostelgeschichte die hellenistische Philosophie und hat Kenntnis über dieKultur.24 Ein weiteres Argument ist der Stammbaum Jesu, der bei Lukas bis zuAdam zurückführt und so eine universelle Perspektive aufweist. Diese und wei-tere Argumente legen nahe, dass Lukas für eine mehrheitlich heidenchristlicheGemeinde schreibt. Die christliche Gemeinde hatte zu der Zeit Probleme mit derParusienaherwartung. Als dritte urchristliche Generation wussten sie die ver-sprochene Wiederkunft Jesu nicht mehr richtig einzuschätzen und so ver-schwand diese Erwartung immer mehr und mehr, weshalb Lukas in dem Evan-gelium darauf eingeht. Ein weiteres Problem war der krasse Gegensatz zwischenReichtum und Armut in der Gemeinde und die damit verbundenen Beziehungenuntereinander. Zudem war das Verhältnis zwischen Staat und Kirche nicht ein-deutig geklärt, weshalb Lukas diese Problematiken in dem Evangelium themati-siert.25

Eine Festlegung des Abfassungsortes erweist sich als problematisch, auch wenn Antiochia, Ephesus, Mazedonien, Caesarea, Rom und Kleinasien vorgeschlagene Orte sind. Keiner dieser Orte kann gesichert bestimmt werden.26 Wegen der schlechten Ortskenntnis kann einzig Palästina ausgeschlossen werden.27 Aus diesem Grund muss die Entscheidung für einen Abfassungsort zwangsläufig unbeantwortet gelassen werden.

Auch die Abfassungszeit der beiden Werke von Lukas lässt sich nur ungefährbestimmen. Die Zerstörung Jerusalems 70 n.Chr. liegt wohl schon einige Jahrezurück (vgl. Lk 21,20-24) und die christliche Gemeinde hat sich organisatorischschon einige Zeit vom Judentum gelöst. Die selbstständigen christlichen Ge-meinden stehen in einer Konkurrenzsituation zu den Synagogen und brauchenaus diesem Grund ein Evangelium, um die Wurzeln des Judentums und des Christentums zu klären.28 Zudem nimmt Lukas Bezug auf das Markusevange- lium und der Logienquelle Q. Er schreibt aus der Perspektive der dritten urchristlichen Generation, „die bereits an einer Darstellung der Epochen des Heilsgeschehens interessiert ist.“29 Aus diesen Gründen lässt sich die Abfassungszeit zwischen 80 und 90 n.Chr. einordnen.30

Lukas gibt in seinem Vorwort den Anlass und die Intention für das Evange-lium zu erkennen. Er will mit seinem Werk dem Glauben dienen und die Zuver-lässigkeit der christlichen Lehre aufzeigen. Diese Zuverlässigkeit war wahr-scheinlich für Theophilus und damit für viele Christen bedenklich geworden,31weshalb diese Lehre gefördert werden und somit auch das bis in die Gegenwartheilsgeschichtliche Geschehen den Lesern vertraut werden sollte.32 In Anbe-tracht der schon beschriebenen Probleme, sollte dieses Evangelium den Leserneine Grundlage bieten.

4. Stellung der Perikope im Kontext des Evangeliums

4.1. Gliederung des Evangeliums

Im Folgenden die detaillierte eigenständig erstellte Gliederung des Lukasevan-geliums.

1. Einleitung, Intention und Methode (1,1-4)

2. Vorgeschichte Jesu (1,5-80)

2.1. Die Ankündigung der Geburt von Johannes dem Täufer (1,5-25)

2.2. Die Ankündigung der Geburt Jesu (1,26-38)

2.3. Marias Besuch bei Elisabeth und ihr Lob auf den Herrn (1,39-56)

2.4. Die Geburt Johannes‘ des Täufers und Zacharias Lob auf den Herrn(1,57-80)

3. Geburt und Kindheit Jesu (2,1-52)

3.1. Die Geburt Jesu (2,1-7)

3.2. Der Besuch der Hirten (2,8-20)

3.3. Die Beschneidung Jesu und seine Begegnung mit Hanna (2,21-40)

[...]


1 Hainz, Münchener Neues Testament, 12.

2 Albrecht, Das Neue Testament, 5.

3 Vgl. ebd.

4 Deutsche Bibelgesellschaft, Gute Nachricht Neues Testament, Vorwort.

5 Ebd., Nachwort.

6 Vgl. Ernst, Das Evangelium nach Lukas, 13.

7 Vgl. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 283.

8 Vgl. Rusam, Das Lukasevangelium, 194.

9 Vgl. Wiefel, Das Evangelium nach Lukas, 1.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. Rusam, Das Lukasevangelium, 194.

12 Vgl. Maier, Lukasevangelium, 8.

13 Vgl. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 285.

14 Vgl. Wolter, Das Lukasevangelium, S. 6.

15 Vgl. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 286.

16 Vgl. Maier, Lukasevangelium, 9.

17 Vgl. Rusam, Das Lukasevangelium, 195.

18 Vgl. Broer, Einleitung in das Neue Testament, 142f.

19 Rusam, Das Lukasevangelium, 196.

20 Vgl. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 286.

21 Vgl. Broer, Einleitung in das Neue Testament, 152f.

22 Vgl. Rusam, Das Lukasevangelium, 196.

23 Vgl. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 287.

24 Vgl. Radl, RGG, 550.

25 Vgl. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 288ff.

26 Vgl. ebd., 286.

27 Vgl. Rusam, Das Lukasevangelium, 200.

28 Vgl. ebd.

29 Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 286.

30 Vgl. Rusam, Das Lukasevangelium, 200.

31 Vgl. Rusam, Das Lukasevangelium, 198.

32 Vgl. Radl, RGG, 549.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Von den Gästen, die der Einladung nicht folgten. Eine biblische Exegese von Lukas 14, 15 - 24
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
37
Katalognummer
V412535
ISBN (eBook)
9783668635944
ISBN (Buch)
9783668635951
Dateigröße
1003 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
exegese, bibel, übersetzung, Lukas, evangelium
Arbeit zitieren
Markus Janzen (Autor), 2018, Von den Gästen, die der Einladung nicht folgten. Eine biblische Exegese von Lukas 14, 15 - 24, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412535

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