Die Relevanz von Bewegung im Freizeitverhalten von Grundschulkindern am Beispiel eines Spielplatzes


Bachelorarbeit, 2018
52 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Zielsetzung
1.3 Vorgehen

2 Begriffserklärung
2.1 Definition von Bewegung
2.1.1 Motorik
2.2.2 Hirnphysiologie
2.2.3 Psychologie
2.2 Definition von Grundschulkindern
2.3 Definition von Spielplatz

3 Ziele von Bewegungsangeboten auf dem Spielplatz
3.1 Körperliche Fitness und Gesundheit
3.2 Bewegungsausgleich zum Unterricht
3.2.1 Bedeutung der Bewegung für das Lernen im Unterricht
3.2.2 Fazit körperliche Einflüsse von Bewegung und Lernen

4 Bewegungsverhalten von Kindern heute
4.1 Defizite im Bewegungsverhalten
4.2 Ursachen für den Bewegungsmangel
4.3 Kritische Betrachtung von Bewegung
4.3.1 Überforderung
4.3.2 Verletzungen
4.3.3 Gefahrenquellen am Beispiel eines Spielplatzes
4.4 Fazit des Bewegungsverhaltens

5 Projekt „Spielplatzplanung“
5.1 Vorstellung der Einrichtung und des Projekts
5.2 Projektplanung und Durchführung
5.3 Abschlussreflexion des Projekts

6 Abschlussreflexion
6.1 Wissenschaftliche Erkenntnisse
6.2 Schlussfolgerungen für die Verantwortlichen in der Arbeit mit Kindern

7 Literaturverzeichnis

8 Anlagen

1 Einleitung

1.1 Ausgangslage

„Bewegung ist ein anthropologisch begründbares Grundbedürfnis und neben Sprechen und Denken eine fundamentale Daseinsweise des Menschen“ (Müller 2010, 88). Als elementares Bedürfnis dient Bewegung Kindern zum Ausdruck von Emotionen und Wünschen. Die Bewegung entwickelt sich im Kindergarten- und Grundschulalter als Form der frühkindlichen Kommunikation und stellt als Kommunikationsinstrument ein wichtiges Element der Sozialisation dar (vgl. Kretschmer 2009, 208). Die Bewegung im Grundschulalter ist grundlegend wichtig für das Verständnis schulischer Aufgaben. Die Vernetzung der beiden Gehirnhälften wird angeregt und ein räumliches Vorstellungsvermögen sowie die Ausführung komplexerer motorischer Vorgänge werden erlernt und gefördert (vgl. Dennison et.al. 1991, 112).

Über Bewegung erfährt ein Mensch sich selbst und begegnet der Welt. Er wird über Bewegung das, was er ist (vgl. Menze, 1970, 27).

Die zunehmende Technisierung, der Medienkonsum und die oft ungesunde Ernährung verändern die Lebens- und Bewegungswelt von Kindern und haben damit nicht nur Einfluss auf das Bewegungsverhalten, sondern auch auf die Entwicklung der Kinder (vgl. Starker et.al. 2007, 55). Kinder spielten vor 30 Jahren noch selbstverständlich in der freien Natur, was heute (insbesondere in Großstädten) fast unmöglich oder zumindest unter starken Einschränkungen möglich ist. Stattdessen verbringen Kinder, aufgrund des steigenden Medienkonsums in den letzten Jahrzenten immer mehr Zeit in geschlossenen Räumen - im Sitzen oder im Liegen. Zivilisationskrankheiten, wie z. B. Jugenddiabetes, Rückenschmerzen, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Probleme, sind mittlerweile selbst bei jungen Menschen keine Seltenheit mehr und oft auf mangelnde Bewegung in der Kindheit zurückzuführen. Adäquat entwickelte motorische Fähigkeiten würden einen lebenslangen Schutzfaktor vor Zivilisationskrankheiten bilden (vgl. Müllner 2017,1).

Doch wo finden Kinder in unserer Gesellschaft Orte, um ihre motorischen Fähigkeiten zu entwickeln? Einer dieser Lernorte ist der Spielplatz.

1.2 Zielsetzung

In dieser Bachelorarbeit soll die Relevanz von Bewegung im Freizeitverhalten von Grundschulkindern am Beispiel eines Spielplatzes konkreter herausgearbeitet werden. Die These „Der Bewegungsausgleich von Kindern sollte in der Freizeit stärker gefördert werden“ steht im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Diskussionen im Rahmen dieser Arbeit. Dabei stellt sich die Frage, ob Kinder nicht bereits überfordert sind durch den Schulsport und zusätzliche Sportvereine. Sollte dem möglichen Bewegungsmangel dennoch entgegengewirkt werden oder ist die zusätzliche Gefahr von Verletzungen (insbesondere auf Spielplätzen) zu groß für Kinder? Welche Möglichkeiten und Vorteile können Bewegungsmöglichkeiten (z. B. auf dem Spielplatz) in der Freizeit von Grundschulkindern hinsichtlich der motorischen, hirnphysiologischen, psychischen, kognitiven und sozialen Entwicklung bieten?

Diese Fragen sollen im Laufe dieser Bachelorarbeit beantwortet werden. Für die Soziale Arbeit im Bereich Kinderhilfe beziehungsweise Kinderarbeit sind diese Fragen von besonderer Bedeutung. Unabhängig von der beruflichen Tätigkeit in einem Kinderzentrum, einem Kinderheim oder einer Kindertageseinrichtung, stellt sich für Sozialarbeiter die Frage, wie fördernd oder notwendig eine bewegungsorientierte Freizeitgestaltung ist. „Kinder erkunden und begreifen ihre Umwelt durch Bewegung und nehmen durch motorische Handlungen aktiv Einfluss auf ihr soziales und materielles Umfeld“ (Krause 2014) Einrichtungen der Kinderhilfe fördern und unterstützen in der Regel die Bewegungsfreude und bieten Kindern ein weites Feld, um die motorischen Fähigkeiten auszudifferenzieren und zu vervollkommnen. Die Spiel- und Sportmöglichkeiten in den Einrichtungen und Schulen sollten an die Bedürfnisse der Kinder angepasst und entwicklungsfördernd sein. Damit umfasst die These „Der Bewegungsausgleich von Kindern sollte besonders in der Freizeit stärker gefördert werden“ nicht nur pädagogische Fachkräfte, die für die Betreuung und Freizeitgestaltung von Kindern in einem Kinderzentrum, einem Kinderheim oder in weiteren Kindereinrichtungen verantwortlich sind. Des Weiteren umfasst die These nämlich auch alle anderen Fachkräfte, die für die Planung und Gestaltung einer bedürfnis- und entwicklungsorientierten Umgebung in Städten und Dörfern mitverantwortlich sind. Denn bevor man die Spiel- und Sportmöglichkeiten plant und gestaltet, sollte die Grundfrage der Notwendigkeit einer bewegungsorientierten Freizeitgestaltung geklärt werden.

Das Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, ein fundiertes Grundwissen über die Relevanz von Bewegung in der Arbeit mit Kindern zu vermitteln.

Es soll außerdem herausgearbeitet werden, ob eine gute Bewegungserziehung mit dem individuellen Lernprozess (z. B. durch eine mögliche Förderung der Konzentration und Leistungsfähigkeit beim Lernen) in direktem Zusammenhang steht und ihn unterstützt beziehungsweise fördert.

Adressiert ist diese Arbeit insbesondere an alle Tätigen in der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinderhilfe, aber auch an alle, die in ihrem Berufsfeld mit Kindern in Kontakt kommen und Verantwortung für Kinder tragen als Eltern, Lehrer/innen oder Schulleiter/innen.

1.3 Vorgehen

Die Arbeit beginnt mit einer Einführung in die grundlegenden Begrifflichkeiten. Zunächst werden die Begriffe „Kinder im Grundschulalter“, „Bewegung“ und „Spielplatz“ genauer erläutert. Der Bedeutung beziehungsweise der Einfluss von Bewegung wird zudem in den Bereichen Motorik, Hirnphysiologie und Psychologie erläutert.

Weiterführend werden die grundlegenden Ziele von Bewegungsangeboten auf den Spielplätzen aufgezeigt. Dazu wird zunächst auf den Einfluss von Bewegungsangeboten eines Spielplatzes auf die körperliche Fitness und die Förderung der Gesundheit eingegangen. Der besondere Fokus liegt aber auf der Relevanz eines Bewegungsausgleichs (z.B. auf dem Spielplatz) im Gegensatz zur häufig bewegungsarmen Unterrichtszeit in der Schule. Unterstützend wird dazu der Einfluss des Schulunterrichts (ausgenommen Sportunterricht) auf die Motorik, Hirnphysiologie und Psychologie in Betracht gezogen. Abschließend werden die Einflüsse des bewegungsarmen Lernens in der Schule und die Einflüsse der körperlichen Bewegung auf die Bereiche Motorik, Hirnphysiologie und Psychologie gegenübergestellt, ausdifferenziert und mögliche Schlussfolgerungen auf die Relevanz von Bewegung als Ausgleich zur Schule geschlossen.

Den Hauptteil dieser Arbeit bildet das Bewegungsverhalten von Kindern in der heutigen Zeit. In der Diskussion über das aktuelle Bewegungsverhalten werden die positiven Erkenntnisse des Einflusses von Bewegung auf die motorische, hirnphysiologische und psychische Entwicklung, einer möglichen Verletzungsgefahr und Überforderung durch zusätzliche Sportvereine gegenübergestellt. Eingeleitet wird die Diskussion mit aktuellen Studien über das Bewegungsverhalten bzw. die Defizite im Bewegungsverhalten der heutigen Zeit. In diesem Zusammenhang werden auch Konsequenzen der Konsum- und Mediengesellschaft in den Fokus genommen und als mögliche Ursache für Bewegungsmangel untersucht. Darauf aufbauend bietet die vorliegende Arbeit einen kleinen Exkurs in den Kontext Ernährung mit Rückschluss auf Bewegungsdefizite an. Auf Grundlage der Diskussion schließt dieses Kapitel mit einem vorläufigen Fazit in Bezug auf das heutige Bewegungsverhalten insbesondere von Grundschulkindern ab.

Im Praxisteil dieser Bachelorarbeit wird das Projekt „Spielplatzplanung“ vorgestellt. Dies dient als positives Beispiel dafür, wie Kinder in der Freizeit zu Spielplatzbesuchen motiviert werden können und ein bedürfnisorientierter Lernort für die Förderung der psychomotorischen Entwicklung von Kindern geschaffen werden kann. Einführend gibt es eine Vorstellung der diesbezüglichen Einrichtung des Jugendzentrums „@on“ in Schötmar, wobei dieses Projekt sicherlich auch auf viele andere Einrichtungen für Kinder übertragbar wäre. Im Anschluss werden die Projektplanung und Konzeption beschrieben, die jedoch kein striktes Muster vorgeben, sondern individuell abweichen können. Zusammenfassend wird es dann eine Abschlussreflexion geben, wo der Leser/die Leserin an die Möglichkeiten und Herausforderungen eines derartigen Projekts herangeführt wird und auch einen Einblick in die positiven und auch herausfordernden Erfahrungen bei der Projektdurchführung erhält.

Den Abschluss der gesamten Bachelorarbeit bildet eine ausführliche Abschlussreflexion. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dieser Arbeit werden dort zusammenfassend erläutert und die darauffolgenden Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit und alle anderen Betroffenen genannt.

2 Begriffserklärung

Im Folgenden werden zunächst die zentralen Begriffe des Hauptthemas „die Relevanz von Bewegung im Freizeitverhalten von Grundschulkindern am Beispiel eines Spielplatzes“ konkretisiert und der Sinngehalt dieser Leitbegriffe im Kontext dieser Arbeit erläutert.

2.1 Definition von Bewegung

Bewegung bezieht sich im Kontext dieser Arbeit ausschließlich auf die sportliche beziehungsweise körperliche Aktivität.

Kinder im Grundschulalter begreifen und erkunden ihre Umwelt durch Bewegung. „Bewegung ist ein anthropologisch begründbares Grundbedürfnis und neben Sprechen und Denken eine fundamentale Daseinsweise des Menschen“ (Müller 2003, 88). Als elementares Bedürfnis dient Bewegung Kindern zum Ausdruck von Emotionen und Wünschen. Die Bewegung entwickelt sich im Kindergarten- und Grundschulalter als Form der frühkindlichen Kommunikation und stellt als Kommunikationsinstrument ein wichtiges Element der Sozialisation dar (vgl. Kretschmer 1981, 208).

Über Bewegung erfährt ein Kind sich selbst und begegnet der Welt. Er wird über Bewegung das, was er ist (vgl. Menze 1970, 27). Im Grundschulalter nehmen Kinder zum Beispiel durch springen, laufen und klettern, sehr viel durch verschiedenste Bewegungsformen wahr. Sie befinden sich in einer Phase mit einem besonders hohen Bewegungsdrang. Der Status in einer Gruppe wird bei Jungen meist durch den körperlichen Wettstreit durch Kraft und Schnelligkeit gesichert. Mädchen legen in der Regel mehr Wert auf Koordination z.B. beim Gummitwist oder beim Spielen mit dem Hula Hoop Reifen (vgl. Breithecker 1998, 55).

Die Bewegungsphase im Grundschulalter ist grundlegend wichtig für das Verständnis schulischer Aufgaben. Die Vernetzung der beiden Gehirnhälften wird angeregt und ein räumliches Vorstellungsvermögen sowie die Ausführung komplexerer motorischer Vorgänge werden erlernt und gefördert (vgl. Dennison et.al. 1991, 112). Die Förderung der Vernetzung von beiden Gehirnhälften prägt im späteren Verlauf der Schule die Fähigkeit zum Erkennen und Lösen komplexer Sachverhalte, die Elemente aus dem Aufgabenbereich der rechten und linken Hirnhälfte fordern.

Auch die biologische Komponente von Bewegung gilt als wichtiger Faktor in der kindlichen Humanentwicklung, denn die Bewegung im Freien, ist ein wichtiger Bestandteil der kindlichen körperlichen Entwicklung (vgl. Engelkamp 1991, 312). Bestätigt wird die Relevanz von Bewegung im Freien vom aktuellen Unterrichtssystem. Die „Sitzschule“ (Schulunterricht ausnahmslos im Sitzen) wurde von der „Bewegten Schule“ abgelöst (vgl. Engelkamp 1991, 320). Der Unterricht wird, unter anderem durch Ausflüge zu unterrichtsbezogenen, außerschulischen Orten, aktiver gestaltet. Außerdem kann man rückblickend sehen, dass die Grundschulhöfe in den letzten Jahrzenten attraktiver und bedürfnisorientierter gestaltet wurden.

Bewegung trägt aktiv zur sozialen und kognitiven Entwicklung bei. Sie bietet Kindern die Möglichkeit Einfluss auf ihr materielles und soziales Umfeld zu nehmen. Was Bewegung in diesem Zusammenhang auf der Ebene der Motorik, Hirnphysiologie und Psychologie bedeutet, wird im Folgenden konkreter erläutert.

2.1.1 Motorik

Motorik beschreibt laut Duden (2017) die „Gesamtheit der aktiven, vom Gehirn aus gesteuerten, koordinierten Bewegungen des menschlichen Körpers“. Alle menschlichen Bewegungsabläufe, die vom Gehirn gesteuert werden, bezeichnet man als Motorik.

Die motorischen Kompetenzen definieren die Fähigkeit eines Kindes, sich erfolgreich über Wahrnehmung und Bewegung mit der Umwelt auseinanderzusetzen (vgl. Zimmer 2009, 59). Sie umfassen alle Steuerungs- und Funktionsprozesse, die für Bewegungshandlungen verantwortlich sind (vgl. Bös et.al. 2002, 13).

Die Motorik wird von physiologischen Voraussetzungen (z.B. Muskeln, Lungenvolumen) und Informationsverarbeitungsprozessen im Gehirn bestimmt (vgl. Bös et.al. 2002, 15). Möchte ein Kind beispielsweise einen Eimer anheben, setzt dieses eine entsprechende Muskulatur und die Fähigkeit zu greifen voraus. Die physiologischen Voraussetzungen und die Fähigkeit Informationen zu verarbeiten sind demnach eng miteinander verbunden und legen fest, wie weit ein Kind in seiner motorischen Entwicklung fortgeschritten ist. Die Art und Häufigkeit von Bewegung in der Kindheit kann also einen starken Einfluss auf die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten haben. Die motorische Entwicklung hängt außerdem mit vielen anderen Entwicklungs- und Lernfeldern im sozialen und emotionalen Bereich zusammen (vgl. Zimmer 2009, 74). Die Kinder im Grundschulalter sind durch eine ungehemmte Bewegungsfreude geprägt und die motorischen Fähigkeiten, welche im Grundschulalter aufgrund eines Leistungsstrebens schneller erlernt werden, spielen eine große Rolle bezüglich Selbstvertrauen und sozialer Stellung. Kinder fangen nämlich an sich mit anderen zu vergleichen z.B. in den Pausen auf dem Fußballplatz, was einen deutlichen Leistungszuwachs begünstigt und die Kinder motiviert (vgl. Winter & Hartmann, 2007, 285). Die Bewegung erhält in diesem Alter einen leistungsbezogenen Charakter.

Studien belegen, dass gut ausgeprägte motorische Fähigkeiten im Kindesalter zu einer starken Belastbarkeit, einem guten Koordinationsvermögen und einer gesunden Körperhaltung führen (Ahnert et.al. 2007, 12-24). Bereits im Grundschulalter zeigen sich die Zusammenhänge zwischen Bewegungsmangel und Feinmotorischen Schwächen beim Schreiben oder Malen. Eine gesunde Bewegungserziehung beziehungsweise eine gezielte Bewegungsförderung kann im Grundschulalter die motorische Leistungs- und Koordinationsfähigkeit entscheidend verbessern (vgl. Weiß et.al. 2004, 104). Die Relevanz der motorischen Fähigkeiten in der Entwicklung bei Grundschulkindern ist in der Kinder- und Jugendpsychologie, der medizinischen Forschung und in der Sportpädagogik unumstritten und vielfach wissenschaftlich belegt ( vgl. Hurrelmann et. Al. 1991, 205/ Franzkowiak 1996, 175/ Oerter 2002, 412). Durch eine gesunde Bewegungserziehung werden motorische Fähigkeiten adäquat entwickelt und bilden eine lebenslange Basis für die Alltagsmotorik, wodurch auch den gesundheitsschädigenden Folgen von Bewegungsmangel effektiv entgegen gewirkt wird. Der Zusammenhang zwischen motorischer Leistungsfähigkeit und Gesundheit von Grundschulkindern ist dementsprechend ein wichtiger Gegenstand in der Forschung (vgl. Starker et.al. 2007, 57).

Der Bewegungsmangel führt dazu, dass Kinder die Grenzen und Möglichkeiten des Körpers nicht erlernen und es dementsprechend zu vielen Entwicklungsversäumnissen kommen kann (vgl. Hahhdorf 2017,104-106). Demzufolge können die motorischen Probleme sich zu Lern- und Teilleistungsschwächen weiterentwickeln. In der heutigen sogenannten Konsum- und Mediengesellschaft lässt sich beobachten, dass Kinder vermehrt Medien (z.B. Computer, Fernseher oder Tablet) im Sitzen oder Liegen konsumieren, anstatt durch Bewegung die motorischen Fähigkeiten zu trainieren und zu verfeinern. Es liegt nahe, davon auszugehen, dass auch die Konsum- und Mediengesellschaft dazu beigetragen hat, dass sich Verhaltensauffälligkeiten und Probleme in der Fein- und Grobmotorik von Kindern zeigen, die es früher in dem Ausmaß nicht gab.

Grobmotorik beschreibt die Aktivität der großen Muskelgruppen, die mit einer Bewegung des Körpers (z.B. Rennen, Springen oder Laufen) zusammenhängen. Feinmotorik hingegen bezieht sich meist auf Bewegungen einzelner Körperteile, die viel Koordination benötigen (z.B. Malen und Zeichnen).

Bestimmte motorische Fähigkeiten könnten sich in den letzten 20-30 Jahren zurückentwickelt haben. Bislang gibt es jedoch keine repräsentativen Daten zur Entwicklung der Motorik und körperlichen Leistungsfähigkeit von Kindern in den letzten Jahrzehnten (vgl. Bös et.al. 2002, 44). Nach zahlreichen vorliegenden Studien kann man zumindest von einer Zunahme motorischer und koordinativer Auffälligkeiten sowie Haltungsschwächen und Muskelfunktionsstörungen bei Kindern ausgehen (vgl. BMFSFJ 2005, 2).

2.2.2 Hirnphysiologie

Eine vielseitige Bewegungserziehung kann die Hirnphysiologie beziehungsweise die zerebralen Strukturen beeinflussen und verändern. Ein guter Tennisspieler hat beispielsweise aufgrund seines Trainings ein besonders entwickeltes und dynamisches Sehvermögen. Er kann Bälle mit Geschwindigkeiten von über 200km/h sehen und berechnen. Im Unterricht kann er mit seinem stark trainierten Sehsinn orthografische Fehler oder bestimmte Zahlenkombinationen in einem vorgegebenen Text schneller erkennen, da er gelernt hat schnell und konzentriert das Wesentliche mit seinen Augen auszufiltern (vgl. Weineck 2017, 3). Die sportliche Aktivität ist mit bestimmten Gehirnarealen, Rindenfelder und Assoziationszentren etc. verknüpft und kann an die jeweiligen Bereiche Signale senden für eine bessere Entwicklung und Anpassung an die Bewegungsabläufe. Auch andere zerebrale Strukturen, die nicht nur den motorischen Kortex beziehungsweise die motorische Entwicklung betreffen, werden durch vielseitige Bewegung umfassender ausgebildet. Die unterschiedlichsten Assoziations-, Motivations-, Aufmerksamkeits- und Emotionszentren werden bei Bewegungsabläufen stimuliert und es kommt zu „intensiven Dendritenaussprossungen (Dendriten sind die Informationsaufnehmer und –verarbeiter der Gehirnzellen) und zur Neubildung synaptischer Verbindungen, welche die Qualität der Leistungsfähigkeit der Gehirnzellen wesentlich beeinflussen“ (Weineck 2017, 3). Diese Adaptionsprozesse sind laut Prof. Dr. Dr. Weineck im Kindes- und Jugendalter besonders ausgeprägt:

„Vor allem im Kindesalter kommt es aufgrund des Bewegungsdranges und der hochgradigen „Neugier“ und Lernbereitschaft im Bereich der motorischen Rinde, aber auch in allen anderen Rindenbereichen, zu einer gesteigerten Vernetzung bzw. Vermaschung der Neuronen (Gehirnzellen)“ (Weineck 2017, 4).

Die körperliche Bewegung hat auch einen starken Einfluss auf die Konzentration. Sigrid Dordel und Dieter Breithecker haben 2003 einen Aufmerksamkeits- und Belastungstest (ein einfacher Durchstreichtest) mit drei unterschiedlichen dritten Klassen verschiedener Grundschulen durchgeführt. Der Test wurde im Jahr 2002 von Rolf Brickenkamp entwickelt und ist seitdem ein „häufig eingesetztes, testtheoretisch gut abgesichertes psychodiagnostisches Verfahren“ (Dordel et. al. 2003, 5-15). Der Test wurde jeweils in der ersten, der dritten und der fünften Schulstunde durchgeführt, um einen aussagekräftigen Konzentrationsleistungswert (Gesamtzahl der richtigen Antworten) zu erlangen.

Der einzige Unterschied der verschiedenen Klassen war der Anteil an Bewegung:

- Die Klasse A erhält „normalen“ Unterricht und bewegt sich nicht besonders viel.
- Die Klasse B und C legen den Schwerpunkt auf vielfältige und intensive Bewegung auf dem Schulhof.
-Die Klasse C erhält zusätzlich Bewegungspausen im Klassenunterricht und generell einen bewegungsorientierten Unterricht (vgl. Dordel et.al. 2003).

Die folgende Skala fasst die Ergebnisse der drei unterschiedlichen Klassen in den jeweiligen Stunden in einer Verlaufskurve zusammen. Die Klassen werden unterschieden in Rot (Klasse A), Blau (Klasse B) und Grün (Klasse C). Die Achsen werden definiert über den Konzentrationsleistungswert (y-Achse) und der jeweiligen Unterrichtsstunde (x- Achse), wie in der nachfolgenden Abbildung zu sehen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Dordel et.al. 2003, 13)

Die Ergebnisse unterscheiden sich kaum in ihren Ausgangswerten, variieren jedoch stark in den Endergebnissen der fünften Stunde. Die bewegungsorientierte Klasse C zeigt fast dreifach bessere Werte als die Klasse A mit dem „normalen“ Unterricht.

Ein Grund für die bessere Konzentrationsfähigkeit kann die gesteigerte Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen sein, denn durch die Bewegung wird das Gehirn stärker durchblutet. Bewegung aktiviert außerdem das Belohnungszentrum im Gehirn und unterstützt dessen Netzwerkbildung. Zudem werden durch die Bewegung die Informationen über mehrere Sinneskanäle vermittelt, was die Inhalte stärker im Gedächtnis fundamentiert (vgl. Zimmer 2009, 47-62).

Eine weitere unterstützende Studie wurde anhand eines Intelligenztests (inklusive Verbal-und Handlungsteil) mit zwei unterschiedlichen Gruppen durchgeführt. Die Experimentalgruppe zeigt in beiden Teilen zunächst schlechtere Werte. Nach der Bewegung übersteigen die Werte der Experimentalgruppe die Werte der Kontrollgruppe:

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Die Relevanz von Bewegung im Freizeitverhalten von Grundschulkindern am Beispiel eines Spielplatzes
Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
52
Katalognummer
V412593
ISBN (eBook)
9783668638365
ISBN (Buch)
9783668638372
Dateigröße
6430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
relevanz, bewegung, freizeitverhalten, grundschulkindern, beispiel, spielplatzes
Arbeit zitieren
Michael Pohl (Autor), 2018, Die Relevanz von Bewegung im Freizeitverhalten von Grundschulkindern am Beispiel eines Spielplatzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412593

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