David Humes Argumentation gegen die These der Selbstliebe


Essay, 2017

6 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

1. Einleitung

Hume beschäftigt sich in „Anhang 2. Von der Selbstliebe“ seines Buches „Untersuchung über die Prinzipien der Moral“ mit der These, „[...] dass es keine Leidenschaft [gibt], die uneigennützig ist, ganz gleich, ob wir Zärtlichkeit wirklich fühlen oder uns nur einbilden, ein Gefühl für andere zu haben [...]“ (Hume 2003: 136).

Das vorliegende Essay beschäftigt sich damit, Humes Argumentation gegen diese These nachzuvollziehen. Dazu wird zunächst Humes Verständnis von der Theorie der Selbstliebe erläutert, um im dritten Abschnitt anschließend seine Gegenargumente und Schlussfolgerungen darzustellen, bevor letztendlich ein Fazit gezogen wird.

2. Humes Verständnis vom Prinzip der Selbstliebe

Laut Hume sei nach der genannten These auch Freundschaft nur eine Form der Selbstliebe. Die Gefühle, die eine Leidenschaft hervorruft, entstünden nur durch „[...] eine Wendung der Einbildungskraft […] und durch eine schwärmerische Leidenschaft [...]“ (Hume 2003: 136), was dazu führe, dass der Mensch glaube, er interessiere sich wirklich für andere und sei frei von selbstsüchtigen Überlegungen. Letztendlich liege demnach in jeder Handlung eines jeden Menschen „[...] das gleiche Interesse [am] eigenen Glück und Wohlergehen [..]“ (Hume 2003: 136). Man suche „[...] nur [seine] eigene Befriedigung, wenn [man sich] intensiv mit den Plänen für die Freiheit und [dem] Glück der Menschheit [beschäftigt] [...]“ (Hume 2003: 136).

Die Kernaussage der These besagt also, dass jedes Gefühl für das Wohl der Anderen eine reine Selbsttäuschung sei und allgemeine Mitgefühle wie Mitleid oder Mitfreude nur eine verzerrte Form der Selbstliebe wären. Handlungsmotive seien ausschließlich selbstsüchtig.

3. Humes Widerlegung der Selbstliebe

In diesem Abschnitt folgen verschiedene Argumente Humes, die dem genannten Prinzip der Selbstliebe im Wege stehen.

Nach Hume fehlen für diese These in der Praxis die Beweise. Er unterscheidet hier zwischen zwei Charakteren, die nach seinen Erfahrungswerten beständig und unveränderlich zu sein scheinen:

„Ich achte den Menschen, dessen Selbstliebe ihn so geleitet hat, da[ss] er Anteilnahme an anderen empfindet und so der Gesellschaft nützlich ist [Hervorhebung durch den Verfasser] […]. Genauso hasse oder verachte ich denjenigen, der keinerlei Interesse an irgendeiner Sache hat, die nicht seine eigene Befriedigung oder eigenen Freuden betrifft [Hervorhebung durch den Verfasser] [...]“ (Hume 2003: 137).

Nach der These der Selbstliebe müssten beide Charaktere im Grunde die selben seien und die Handlungsmotive würden sich gleichen.

„[...] [D]er freigebigste Patriot und der größte Geizhals, der tapferste Held und der verächtlichste Feigling haben im Grunde in jeder Handlung das gleiche Interesse an ihrem eigenen Glück und Wohlergehen [...]“ (Hume 2003: 136).

Hume bestreitet dies, denn „[...] der offensichtlichste Einwand gegen die Hypothese der Selbstsucht ist, da[ss] es der größten Anstrengung der Philosophie bedarf, ein derart außergewöhnliches Paradox zu beweisen [...]“ (Hume 2003: 138).

„[...] Dem unbesorgtesten Zuschauer scheint es, da[ss] es Anlagen wie Wohlwollen und Großmut, Neigungen wie Liebe, Freundschaft, Mitleid und Dankbarkeit gibt. Die alltägliche Sprache und Beobachtung haben Ursachen, Wirkungen, Gegenstände und Verlauf dieser Empfindungen benannt und sie klar von denen der selbstsüchtigen Leidenschaften getrennt […]“ (Hume 2003: 138).

Ohne eine Hypothese zu entdecken, die beweist, dass die genannten Neigungen nur Formen der Selbstliebe sind, müsse man die Dinge so akzeptieren, wie sie zu sein scheinen (Hume 2003: 138).

Gegensätzlich zur Physik, wo viele Hypothesen, die den primären Erscheinungen widersprechen, sich schon als überzeugend und richtig herausgestellt haben, ist dies in der Philosophie anders. Hier ist oft die einfachste oder naheliegendste Lösung beziehungsweise Erklärung richtig. Hume stützt sich hier auf die Aussage des Philosophen Bernard le Bovier de Fontenelle, die besagt, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich bei Untersuchungen über den Ursprung unserer Neigungen um Wirkungen der offensichtlichsten Ursachen handelt, groß sei. Komplexe und spitzfindige Reflexionen, die ein System erklären sollen und wesentlich für die Entstehung von Leidenschaften oder Empfindungen sein sollen, sollten vorsichtig machen gegenüber einer solchen „[...] trügerischen Hypothese [...]“ (Hume 2003: 139). Zu komplexe Reflexionen für Erklärungen verlieren so nach Hume in der Philosophie ihre Legitimation. Hume fasst zusammen: „Die einfachste und offensichtlichste Ursache, die hier irgendeinem Phänomen zugeordnet werden kann, ist wahrscheinlich die wahre […]“ (Hume 2003: 139).

Als erstes Beispiel zum Beleg führt Hume einen Person auf, die um einen verstorbenen Freund trauert, welcher Schutz und Unterstützung von ihr benötigte. Die anschließende Trauer nach dem Tod ist für diese Person keine Bereicherung, da die Trauer sie in so gut wie allen Lebensbereichen einschränken kann. Trotzdem trauert die Person. Die Annahme, die Trauer erfolge aus „[...] einer metaphysischen Überlegung über das eigene Interesse […], das keine Grundlage oder Realität hat [...]“ (Hume 2003: 140) entspricht hier einer „[...] derart verworrenen Reflexion [...]“ (Hume 2003: 140), um den Ursprung der Leidenschaft zu erklären, sodass sie als Antwortmöglichkeit nicht in Frage kommt. Hume erkennt ihr völlig den Realitätsbezug ab, indem er polemisch schreibt, „[...] dann können wir ebenso gut glauben, da[ss] die winzigen Räder und Federn, die sich in einer Taschenuhr befinden, einen beladenen Wagen antreiben [...]“ (Hume 2003: 140). Naheliegender ist hier die Erklärung, dass in der Natur eine Art Neigung zum Wohlwollen vorhanden sein muss. Zuneigung beziehungsweise Wohlwollen ist die maßgebliche Neigung, die unser Empfinden für Freundschaft über unsere eigenen Interessen hinaus stellt. (Hume 2003: 139 f.)

Weiterhin argumentiert Hume, dass in der Natur viele Zeichen für eine Art des Wohlwollens vorhanden sind. Er führt weitere Beispiele auf. Unter anderem, dass auch Tiere freundlich zu ihrer eigenen Gattung beziehungsweise zu Menschen sein können. Er fragt rhetorisch: „[...] Sollen wir auch alle ihre [Hervorhebung im Original] Gefühle aus raffinierten Deduktionen des Eigeninteresses ableiten?“ (Hume 2003: 140). Es fehle hier der Grund, von einer Verstellung oder List der Tiere auszugehen. Hume stellt fest, dass es keinen gerechtfertigten Grund gibt, das uneigennützige Wohlwollen, welches bei Tieren nach diesem Beispiel vorhanden ist, dem Menschen abzusprechen, nur weil er eine „höhere“ Gattung ist. (Hume 2003: 140)

Hume falle es hier schwer zu glauben, dass „[...] ein eingebildetes [Hervorhebung im Original] Interesse, das als solches bekannt und anerkannt ist, die Quelle irgendeiner Leidenschaft oder irgendeines Gefühles sein kann [...]“ (Hume 2003: 141). Mit eingebildetem Interesse ist hier das Gefühl des Interesses am Anderen, das nur durch die Verformung der Einbildungskraft entsteht. Hinzukommend kritisiert er das Fehlen einer befriedigenden Hypothese, die das ausreichend erklärt. Hume zieht ein Fazit:

„Wenn wir diesen Sachverhalt richtig betrachten, dann werden wir […] finden, da[ss] die Hypothese eines uneigennützigen, von der Selbstliebe verschiedenen Wohlwollens in Wirklichkeit einfacher [Hervorhebung im Original] ist und auch in größerem Einklang mit der Analogie der Natur steht als jene Hypothese, die vorgibt, alle Freundschaft und Humanität in das Prinzip der Selbstliebe aufzulösen […]“ (Hume 2003: 141)

Hume erklärt die Existenz des Wohlwollens zusätzlich mit einem Blick auf die Natur in Zusammenhang mit der „[...] inneren Struktur und Konstitution des [menschlichen] Geistes [...]“ (Hume 2003: 142). Hume argumentiert, dass es primäre Begierden und sekundäre Neigungen gibt. Durch die Befriedigung der primären Begierden könne daraus eine Neigung entstehen, die „[...] sekundär und parteiisch [...]“ (Hume 2003: 141), was mit einer Art Vergnügen vergleichbar ist. Die primären Begierden, zum Beispiel Hunger, seien unser Antrieb, etwas anzustreben und zu besitzen, und sind von allen akzeptiert. Genauso gibt es auf der geistigen Ebene Leidenschaften, „[...] durch die wir interesselos und unmittelbar bewegt werden […]“ (Hume 2003: 142). Dazu zählen unter anderem die Ziele Ruhm, Macht sowie Rache. Hat man etwas davon erreicht, so entsteht durch die Erfüllung ein angenehmes Gefühl. Damit dieses Gefühl jedoch erst entstehen kann, muss von der Natur ein ursprünglicher Hang zu jenen Zielen vorgegeben sein. So hat nach Hume jedes dieser Ziele eine Leidenschaft, die „[...] unmittelbar auf den Gegenstand zielt […]“ (Hume 2003: 142), also auf das Ziel, wodurch sie zu unserem Glück wird.

Hume stellt hier eine Analogie zum Wohlwollen her. Durch „[...] d[ie] ursprüngliche Ausrichtung unseres Temperaments [...]“ (Hume 2003: 142) gibt es einen Wunsch nach dem Glück eines anderen,„[…] das durch die selbe Neigung zu unserem eigenen Gut wird und später aufgrund der Vereinigung der Motive des Wohlwollens und der eigenen Befriedigung selbst angestrebt wird [...]“ (Hume 2003: 142).

Zusammenfassend stellt Hume hier Bedürfnis beziehungsweise Neigung und Befriedigung gegenüber. Gibt man zu, dass essen nur dann satt macht, wenn es eine natürliche Neigung zum Hunger gibt, dass man Rache nur dann als gut empfinden kann, wenn man eine Neigung zum Zorn hat und man nur ein befriedigendes Gefühl der Macht erlangen kann, wenn Ehrgeiz als natürliche Neigung vorausgeht, muss man daraus schließen, dass Freundschaft nur da funktioniert, wo eine natürliche Neigung zum Wohlwollen vorausgeht.

4. Fazit

Alles in allem bestreitet Hume die Annahme, dass es gar keine Art des Wohlwollens gibt und dass ausschließlich aus selbstsüchtigen Motiven gehandelt wird. Hume erkennt die Existenz der selbstsüchtigen Neigungen an und führt Erklärungen auf, die darlegen, dass die wohlwollenden sekundären Neigungen ihren Ursprung in der Befriedigung der primären selbstsüchtigen Neigungen finden, denen eine Art Lust vorausgeht. So kommt Hume zur Schlussfolgerung, dass es in der Natur eine Art der Neigung zum Wohlwollen geben muss.

Er unterscheidet zwischen dem allgemeinen Wohlwollen und dem besonderen Wohlwollen. Das allgemeine Wohlwollen beschreibt ein natürliches Mitgefühl, zum Beispiel Mitleid oder Freude, welches weder auf Freundschaft, Verwandtschaft oder Achtung beruht. Das besondere Wohlwollen basiert auf „[...] eine[r] Überzeugung von Tugend, auf Diensten, die uns erwiesen wurden, oder auf irgendwelche[n] besondere[n] Verbindungen [...]“ (Hume 2003: 138). Beide Arten des Wohlwollens sind der Natur zugehörig. (Hume 2003: 138)

5. Literaturverzeichnis

Hume, David (2003): Untersuchungen über die Prinzipien der Moral. Meiner Verlag: Hamburg.

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
David Humes Argumentation gegen die These der Selbstliebe
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
6
Katalognummer
V412681
ISBN (eBook)
9783668643055
ISBN (Buch)
9783668643062
Dateigröße
376 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
david, humes, argumtentation, these, selbstliebe
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, David Humes Argumentation gegen die These der Selbstliebe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412681

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