"Vom Krieg leben?" Die gegenwärtige Relevanz von George Taboris "Flucht nach Ägypten" und Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder"


Seminararbeit, 2016

47 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. „von der Gnade fremder Menschen“. Eine Analyse von George Taboris Drama „Flucht nach Ägypten“
Einleitung
1. George Tabori: Holocaust und künstlerische Aufarbeitung
2. Analyse von „Flucht nach Ägypten“
2.1. Schauplatz und Zeit
2.2. Figuren
2.3. Inhalt
2.4. Dramaturgie
2.5. Sprache und Titel
2.6. Komödie oder Tragödie?
2.7. Psychologische Aspekte
2.8. Flüchtlingsbild und Gestus
2.9. Autobiographische Bezüge
Resumé
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis

2. „vom Krieg leben ?“. Eine Analyse von Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“
Einleitung
1. Historische Kontexte
1.1. Bertolt Brecht
1.2. Episches Theater
1.3. Dreißigjähriger Krieg
2. Analyse von „Mutter Courage und ihre Kinder“
2.1. Inhalt
2.2. Figuren
2.3. Dramaturgie
2.4. Epische Elemente
2.5. Gewalt
2.6. Interpretation
2.7. Rezeption
Resumé
Literaturverzeichnis

Vorwort

Die beiden Theaterstücke „Flucht aus Ägypten“ von George Tabori und „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht werden hier nicht ohne Grund gemeinsam analysiert. Anlässlich der gegenwärtigen politischen Probleme und Entwicklungen ist es notwendig geworden, sich wieder mit den Fragen der eigenen Schuld, der eigenen Verantwortung, der eigenen Menschlichkeit in der Literatur wie in der Realität, im Gesellschaftlichen wie auch im Privaten auseinanderzusetzen.

Die beiden Stücke konfrontieren uns mit historischen und gleichzeitig aktuellen und wohl leider zeitlosen Problemen: Krieg, Flucht, Profit, Gewalt, Vertreibung, Opportunismus. Zwei Autoren des 20. Jahrhunderts, die am eigenen Leibe Krieg und Exil erlebt haben, zeigen uns in ihren politisch engagierten Stücken letztendlich die Realität, ohne dabei ihre Drastik, aber auch ihre ironisch bis humorvolle Seite, auszusparen.

Die beiden Stücke werden in Einbezug der Autorenbiographien und der historischen Kontexte analysiert, interpretiert, worauf hin die gegenwärtige Relevanz augenscheinlich werden wird.

Es ist Zeit, die Literatur mit ihrem gesellschaftspolitischen Potenzial genauso ernst zu nehmen, wie die Armut, den Krieg und unsere eigene Mitverantwortung in all dessem.

„von der Gnade fremder Menschen“

Eine Analyse von George Taboris Drama

„Flucht nach Ägypten“

anlässlich der gegenwärtigen Flüchtlingsbewegung in Europa

„Der kürzeste deutsche Witz ist Auschwitz.“[1]

George Tabori

Einleitung

Angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingsbewegung 2017 in Europa häufen sich auch in Österreich viele Herausforderungen und schwierige Fragen. Wie gehen wir mit Menschen um, die aus verschiedenen Gründen, wie Krieg, Verfolgung, Unterdrückung oder schlechten Lebensbedingungen, aus ihrer Heimat im Südosten flüchten und zu uns kommen? Wie können wir es schaffen, diese Menschen als Menschen in Not zu begreifen statt bloß als Schmarotzer und Feinde, wie es die rechtsradikale Sicht der FPÖ ist? Und wie gehen wir in der Öffentlichkeit – in der Politik, in den Medien und in der Kunst – mit diesem Thema um?

Ein Blick in die Geschichte und in die Theater- und Literaturgeschichte zeigt, dass es diese Probleme in ähnlicher Form immer schon gegeben hat, aber auch, dass die Kunst solche gesellschaftspolitischen Fragen immer wieder aufgegriffen hat – so beispielsweise auch der aus Ungarn stammende Schriftsteller und Regisseur George Tabori in seinem ersten Theaterstück Flucht nach Ägypten, das 1952 in den USA uraufgeführt wurde. Es handelt vom Schicksal einer Flüchtlingsfamilie, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Österreich über Ägypten nach Amerika auswandern will.

Auf welche Weise geht Tabori für das Theater und die Gesellschaft mit dem Thema Flüchtlinge um? Welches Bild von Flüchtlingen schafft er? Wie baut er sein Stück im Ganzen wie im Detail auf? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wird nach einer recherchierten Biographie des Autors der Text in der deutschen Übersetzung von Ursula Grützmacher-Tabori nach einigen Kriterien analysiert: Schauplatz, Figuren, Inhalt, Dramaturgie, Sprache, Dramengattung, Psychologische Aspekte, Flüchtlingsbild und Gestus. Auch werden autobiographische Bezüge und im Resumé die gegenwärtige Relevanz dieses Dramas erörtert.

Das Ziel ist, durch die Dramenanalyse Einsicht zu bekommen, mit welchen künstlerischen Mitteln George Tabori mit der Flüchtlingsthematik umgeht, und dadurch Impulse für die Kunst, die Gesellschaft und die Politik zu setzen.

1. George Tabori: Holocaust und künstlerische Aufarbeitung

Der Schauspieler, Regisseur, Dramatiker und Romancier George Tabori wurde am 24. Mai 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, in Budapest in Ungarn als Sohn gebildeter, jüdischer Bürger geboren und starb am 23. Juli 2007 in Berlin in Deutschland. Als Kosmopolit sprach und spielte er zwar deutsch, schrieb aber englisch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: George Tabori

Durch seine österreichische Mutter, eine Arzt-Tochter, wuchs er zweisprachig auf. Anfangs katholisch erzogen, wurde er erst im Alter von sieben Jahren als Jude aufgeklärt. Sein Vater, ein linksorientierter Journalist, Schriftsteller und Hobbyhistoriker aus Ungarn, wurde mit weiteren Verwandten in Auschwitz umgebracht. Als Hitler die Macht übernahm, absolvierte Tabori in Berlin eine Hotelbranche-Ausbildung,[2] war danach Übersetzer und Journalist in Budapest und emigrierte 1936 nach London, wo er die britische Staatsbürgerschaft erhielt.

In Bulgarien und der Türkei war er 1939 bis 1941 Auslandskorrespondent und in der britischen Armee Mitarbeiter des Intelligence Office, eines Geheimdienstes. Auch in Palästina war er stationiert. Nach seiner Arbeit bei der BBC 1943 bis 1947 erschienen 1945 sein erster Roman Beneath the Stone und danach weitere Prosawerke .

1947 zog er in die USA und arbeitete bis 1950 in Hollywood und New York als Schriftsteller und Drehbuchautor. So lernte er 1947 Bertolt Brecht kennen, dessen subversives Werk ihn inspirierte. Durch ihn kam Tabori ans Theater und er übersetzte als Erster Stücke Brechts ins Amerikanische. 1951 schrieb er in New York sein erstes Theaterstück Flight into Egypt, das 1952 am Broadway von Elia Kazan uraufgeführt wurde. Es folgten weitere Dramen und Dramenbearbeitungen sowie Filmdrehbücher, unter anderem für Alfred Hitchcock. 1956 begann er auch Stücke zu inszenieren, neben eigenen auch antike, Shakespeare- und absurde Stoffe, und 1966 gründete er die freie Theatergruppe The Strolling Players.

Nach dem Erfolg seines ersten Theaterstücks über Auschwitz, Die Kannibalen 1968, und seinem Anti-Vietnam-Stück, Pinkville 1971, entschied er sich in Deutschland zu bleiben. Mit Witz und Ironie setzte er sich vor allem mit der Geschichte der Deutschen und Juden auseinander, mit dem Grauen von Rassismus und Massenmord, dem er oft schwarzen Humor und absurde Komik entgegensetzt.[3]

Die Kriegsgeneration redete danach in der Regel nicht über die Ereignisse, beziehungsweise verheimlicht und verschweigt sie diese zum Teil noch heute. Ihre Kinder bekamen darüber kaum Wissen, litten aber oft ihr Leben lang an den psychischen Folgeschäden, der ‚emotionalen Keule'.[4]

In seinem Experimentierstudio suchte er mit seinen SchauspielerInnen nach nicht-autoritären Arbeitsformen, so auch mit Gruppenübungen nach Lee Strasberg und der Psychotherapie, was ein offenes und stressfreies Arbeiten ermöglichte: Konzentrations-, Meditationsübungen, Improvisationen und die Gestalttherapie, das Ausleben psychischer Konflikte, als Theatermethode. Für die letztere Strömung war Amerika schon früher aufgeschlossen als Deutschland. Orientiert am Leben, wollte er die SchauspielerInnen zu Menschen machen. Er forderte den totalen Einsatz der Schauspieler, verstand sich aber mehr als Spielmacher oder Geburtshelfer denn als Regisseur, und das in der Zeit des Regietheaters.[5]

1979 führte er sein autobiographisches Stück über seine Mutter auf, die der Deportation ins Konzentrationslager nur zufällig entkam: My Mother´s Courage. Die Uraufführung seiner Hitler-Farce Mein Kampf – zwischen Witz und Erschrecken, Stille und Clownerie – war ein Triumph. 1987 bis 1990 war er Leiter des Wiener Theaters Der Kreis und danach Regisseur am Burg- und Akademietheater, wo er seine Ballade vom Wiener Schnitzel über Antisemitismus uraufführte.[6]

Taboris Schaffen ist ein Liebesangebot des Opfers an die Täter. Er macht es uns nicht leicht, es zu erwidern. Aber die Qual, die Erinnern auslöst, sie verheißt letztlich Heilung. Taboris grausam-witzige Sprach- und Bilderfindungen […], jene verzweifelten Scherze über die Verzweiflung, schreien den Menschen ins Gesicht, doch endlich Augen, Ohren, Hirn und Seele zu öffnen, damit die Kunst eine Schneise schlagen kann ins Leben. Dann wird das Erinnern eine Zukunft haben.[7]

Tabori erhielt einige Preise, unter anderem den Mülheimer Dramatikerpreis 1983 und 1990, die Kainz-Medaille 1988, den Theaterpreis Berlin 1988, den Peter-Weiss-Preis 1990 und den Georg-Büchner-Preis 1992, bei dem es hieß:

Und weil der Erzähler [Tabori] todmüde ist von einer unheilbaren Trauer, und weil auch er betrübt ist über die Grenzen der Aufklärung, scherzt und spielt er und erzählt seine Geschichten so, als wären sie lauter jüdische Witze. […] Die Komik bewahrt das Tragische vorm Triefen. Tabori hat den Bogen raus mit seiner angelsächsischen Selbstironie und einem bösen Sarkasmus, der aber niemals die tödliche Grenze zum Zynismus überschreitet.[8]

All seine biografischen Adern fliessen zusammen: ungarische Nonchalance, angelsächsischer Humor, amerikanische Leichtfüssigkeit, jüdische Chuzpe und mitteleuropäischer Tiefsinn. […] Und er verband die seltene Einheit von Stückeschreiber, Regisseur, Theaterleiter und, gelegentlich, Schauspieler.[9]

„Der kürzeste deutsche Witz ist Auschwitz.“[10] – mit dieser Sentenz bringt Tabori sein Leben und Werk auf den Punkt: Er bewegt sich „auf dem schmalen Grat zwischen dem Erinnern an das in seiner Monstrosität gar nicht nachvollziehbare historische Geschehen und dessen grotesk-komisch verfremdeter Darstellung.“[11]

2. Analyse von „Flucht nach Ägypten“

2.1. Schauplatz und Zeit

Das Drama spielt an einem Tag im Jahr 1949 im Hotel Glubb in Kairo, der Hauptstadt Ägyptens Ende der Faruk-Zeit. Dieses Land ist muslimischen Glaubens, war zu dieser Zeit seit 1922 eine unabhängige parlamentarische Monarchie und kämpfte 1948/49 mit Arabien gegen Israel.[12] In diesem Hotel trifft der Orient auf den Westen. Es ist schäbig, orientalisch eingerichtet, hat aber auch Einrichtungsgegenstände aus dem Westen, es ist heiß und dunkel – so soll ein Schwebezustand zwischen gestern und morgen, Ost und West dargestellt werden. Die Protagonisten des Dramas, die Wiener Familie Engel, befinden sich seit einigen Jahren auf der Flucht, nachdem ihr Kleidergeschäft im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde, und nun müssen sie sich als Zwischenstation in diesem Hotel aufhalten, denn sie wollen eigentlich nach Amerika auswandern. Es handelt sich also um einen Zwischenort, einen Ort des Exils, einen Ab-Ort. Tabori nennt hier, seinem Drama vorangestellt, nicht nur die Figuren mit ihren wichtigsten Eigenschaften, sondern gibt auch einige Hinweise auf das Bühnenbild, das er mit all seinen Räumen beschreibt. Das räumliche Zentrum bildet die Lounge mit der Rezeption im Hotel, es befinden sich links davon das Café, dahinter Privaträume und rechts das Zimmer der Engels mit einem Nebenraum. „Alles – Dekoration, Handlung, Sprache, Kleidung – sollte poetisch, nicht naturalistisch umgesetzt sein“[13], gibt Tabori vor.

2.2. Figuren

Das Drama hat 16 Figuren, eine eher hohe Zahl, mit zum Teil sprechenden Namen. Die Protagonisten sind die drei Charaktere der Familie Engel:

Lili Engel, die Hauptfigur, ist eine hübsche, zarte Wienerin, „reizend und verwundbar, ein Produkt des Charmes, der Musik und der K.u.k.-Morbidität, die Wien für manche Leute hat.“[14] Sie liebt ihren Mann mehr als sich, pflegt ihn und steht ihm bei, arbeitet als Schneiderin und ist manchmal zu gutmütig. Ihre Großmutter hieß Emilia Hübsch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Die Flüchtlingsfamilie: Zusammenhalt auf engstem Raum

Franz Engel, Lilis Ehemann, hat das KZ überlebt und ist körperlich beeinträchtigt im Rollstuhl, leidet an Krämpfen, Schmerzen und Erschöpfung. Seinem Sohn droht er mit Prügel, fühlt sich manchmal von Lili und seinem Sohn ausgegrenzt und würde aber so gerne ein gesunder Mann sein und helfen können.

Bubi Engel ist deren neunjähriger Sohn, ein unsentimentales Kriegskind, frech und gelegentlich Komplize bei Lilis Versuchen Geld zu bekommen.

Die Nebenfiguren, in der Reihenfolge ihres Erscheinens gelistet, sind weniger Charaktere, sondern Typen und zeigen auch moralisch wenig Charakter.

Glubb ist als der Hotelbesitzer kühl, sachlich, habgierig, listig und egoistisch: „Ich bin nicht meines Bruders Hüter.“[15]

Hassan ist der Diener im Hotel aus dem Sudan, südlich von Ägypten.

Dr. Ghoulos ist ein buckliger Arzt und Gast im Hotel, der sich über Frauen und Flüchtlinge unfreundlich äußert: „Wenn alle nach Amerika gehen, wo sollen dann die Amerikaner hin?“ - „Bleiben Sie in Ägypten. Hier kann man arm, alt und hässlich sein, ohne sich schämen zu müssen.“[16]

Tewfik Bey ist ein korrupter Polizist in weißer Uniform, groß, melancholisch und beschreibt sich als „unterbezahlt und überbeschäftigt“.[17] Auch er ist pauschal feindlich gegenüber Frauen und Menschen aus anderen Ländern: „Die Ausländer sind schuld, an allem. Ich hasse sie. […] Und sie hassen mich. Doch ohne einander können wir nicht leben.“[18]

Herr und Frau Kuglhof sind ein beleibtes Ehepaar, ebenfalls aus Österreich und zu Gast im Hotel.

Miss Foster, Lilis Kundin, entspricht als raffgierige, frustrierte Blondine aus besseren Kreisen dem ‚Tussi‘-Klischee.

Hauptmann Pierre Fleure ist ein französischer Offizier, der als Abwehrmechanismus eher lacht, als Mitgefühl zu haben, um tragische Kriegserlebnisse zu überstehen.

Stefan Freund, ein sympathischer, junger Wiener, ist als fröhlicher, leichter Tourist in Ägypten und verkauft Baumwollkapseln von Beruf. Wegen kritischer Äußerungen musste er einmal ins Gefängnis.

Mr. Bronson, der junge Vizekonsul von Amerika, geht als einer von wenigen auf höflichere Weise mit Lili um, handelt schnell und routiniert.

Dr. Lipton ist der vom Vizekonsul angeordnete Arzt.

Außerdem treten noch zwei Polizisten auf.[19]

2.3. Inhalt

1. Akt: 1) In der Früh unterhalten sich Glubb, Hassan, Dr. Ghoulos und Tefwik in der Lounge. Tefwik sucht Lili, da er Schwarzgeld von ihr eintreiben will, da ihre Aufenthaltserlaubnis abgelaufen ist. Auch die Miete an Glubb ist fällig, doch die Familie hat kein Geld mehr.

2) Franz, Lili und Bubi befinden sich im Zimmer, warten auf ihre Visa. Er befürchtet, dass sie fremdgeht, träumt von der Ankunft in Amerika und beklagt die Situation, während Lili optimistischer ist. Er liest in einem Buch:

Sollen wir dem unglücklichen Flüchtling die Gastfreundschaft verwehren, die die Eingeborenen unserer Wildnis [Amerika] unseren Vätern gewährten, die in dieses Land kamen? Soll die unterdrückte Menschheit auf dieser Erde kein Asyl finden?[20]

3) Lili schleimt sich im Hotel mit Bubi bei Tewfik ein, er gibt ihr bis Mittag Zeit.

4) Miss Foster geht respektlos mit Lili um, sie will das Kleid plötzlich nicht haben, das Lili für sie genäht hat. Lili wehrt sich grob und flehend, doch Miss Foster geht kalt weg.

5) Bubi weint vor den wohlhabenden Kugelhofs, aber statt ihm zu helfen, fragt Herr Kuglhof selber bei Lili um Geld für ihren eigenen Flug nach Amerika.

6) Hauptmann Fleure flirtet Lili an, sie verteidigt sich und fragt ihn um Geld, doch er gibt ihr eine Ohrfeige und geht.

7) Glubb bietet wegen der Schulden Lili an, ihm ihre Flugkarten nach Amerika zu verkaufen. Er ist einer, der mit Flüchtlingen handelt und sie ausnutzt.

8) Es folgt eine Wende, da sich endlich jemand sympathisch und nett mit Lili unterhält: Stefan Freund. Doch auch seine glückliche Lage stellt Lili in den Schatten. Ein Höhepunkt tritt mit Ende des ersten Aktes ein, da der Vizekonsul anruft: Es gebe gute Nachrichten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Lili umgeben von Männern

2. Akt: 9) Doch gleich darauf kommt der Tiefpunkt: „Einem Krüppel kann ich kein Visum geben. Er wäre eine Belastung für das Land“,[21] so der Vizekonsul. Die Engels müssen medizinisch untersucht werden.

10) Lili will von Ghoulos Morphium für Franz, er verlangt aber Geld, dann Sex.

11) Dr. Ghoulos provoziert Stefan, redet abfällig über Lili, Stefan verteidigt sie.

12) Stefan schwärmt mit Lili von Wien, ihrer Heimat, flirtet mit ihr, wird aber unangenehm und unfreundlich – eine erneute von ihm bewirkte Wende.

13) Intrigant stiftet Glubb Tefwik an, noch härter vorzugehen, und redet Franz noch mehr Eifersucht ein.

14) Lili bekam das Morphium von Ghoulos, hat wohl mit ihm geschlafen, liebt Franz aber. Der zweite Akt endet mit dem Eintreten der Polizisten.

3. Akt: 5) Große Spannung baut sich wegen der Untersuchung auf: Dr. Lipton erkennt, dass Franz bald sterben wird, und Lili bekommt einen Anfall.

16) Franz vererbt Bubi seine Sachen. Nach einigen verzweifelten Überlegungen, wie es weitergehen soll, beschließt die Familie, dass Lili und Bubi doch gemeinsam in die insgeheim vermisste Heimat Wien fliegen und Franz loslassen müssen. Dieser berührende, überraschende Schluss mündet in die Katastrophe: Franz erschießt sich.

2.4. Dramaturgie

Die Oberflächenstruktur des Dramas ist eine konventionelle Einteilung in drei Akte mit Spannungsaufbau, Höhepunkt, Wendepunkten und Katastrophe. Die Dialoge und Polyloge sind nicht in Szenen eingeteilt, sondern der Text fließt ohne Unterbrechungen. Die oben angestellte 16-teilige Aufschlüsselung des Inhaltes ist ein Versuch, den Text im Nachhinein in Szenen einzuteilen. Das ist aus Gründen von Auf- und Abtritten von Figuren, Schauplatzwechseln und der Handlungslogik erfolgt.

Aus dem Aufbau des Inhaltes, der sich in einigen Teilen parallel zur Figurenangabe lesen lässt, ist zu erkennen, dass es sich bei Flucht nach Ägypten um ein Stationendrama handelt. Die Szenen bestehen als Stationen vorwiegend darin, dass Figuren nacheinander ins Hotel kommen und gehen oder sich dort befinden und Lili auf sie reagiert. Meist versucht sie auf verschiedene Arten Geld zu bekommen, beziehungsweise wollen die anderen Figuren Geld von ihr. Die Familie aus Mutter, Vater, Kind bildet den Kern der Figurenkonstellation, von dem ausgehend Lili mit den Nebenfiguren von außen interagiert. Bildlich gesprochen ist Lili als durchgehend vorkommende und handelnde Protagonistin der rote Faden, der versucht, die auf ihn zukommenden Perlen aufzufädeln.

Dem entsprechend gibt es zwei Perspektiven in der Darstellung: Das Drama beginnt mit einer allgemeinen, fast auktorialen Draufschau von außen, das heißt von den Nebenfiguren, danach überwiegt die Perspektive von Lili.

Das Geschlossene an der Dramaturgie ist neben der 3-Akt-Einteilung die klassische Einhaltung der drei Einheiten nach Aristoteles: Flucht nach Ägypten spielt innerhalb eines einzigen Tages, an ein- und demselben Ort und hat im Groben einen Handlungsstrang, den von Lili. – „Den Aristoteles finde ich noch immer für die Strukturierung am besten“[22], sagte Tabori. – Das Offene ist jedoch die weitgehende Beliebigkeit der konkreten Szenenreihenfolge. Die Übergänge sind simpel und nicht logisch, ähnlich wie bei einem Filmschnitt, was sich auf das Drehbuchschreiben Taboris zurückführen lässt.

Spannung herrscht im Drama einerseits auf den Ausgang – stets stellt sich die Frage, ob sie nach Amerika kommen werden –, andererseits auch auf den Gang: Von wem kriegt die Familie Geld und wie?

2.5. Sprache und Titel

Angepasst an ein deutschsprachiges Publikum, sprechen alle Figuren unabhängig von ihrer nationalen Herkunft Standarddeutsch. Lili spricht mit dem Offizier und Franz auch Französisch. Es handelt sich um eine realistische, zeitgemäße Sprache in Prosa-Form. Auch schöne Metaphern und poetische Bilder werden eingestreut, so beschreibt Stefan Lili als „Blume, die aus ihrem Boden gerissen wurde und in einem Knopfloch verwelkt“[23]. Es entsteht die Assoziation von Lili zu Lilie. Oder Franz sagt über ihr Lächeln: „Ein wunderschönes Lächeln, das meine Schwäche überstrahlt.“[24] Andererseits gibt es auch einige Abwertungen und Beschimpfungen unter den Figuren.

Der Titel Flucht nach Ägypten löst im Leser/der Leserin einige Fragen aus - wer?, warum?, wieso? – ist aber auch im englischen Original Flight into Egypt nicht unproblematisch, da der Weg nach Ägypten bereits stattgefunden hat und sie sich eigentlich auf der Flucht nach Amerika befinden, aber in dem Hotel statisch verharren. Der Grund für diese Formulierung ist die Anspielung auf die biblische Flucht nach Ägypten von Josef und Maria, also ein in Religion und Kunst verbreiteter, traditioneller Begriff innerhalb der Kultur, an die sich Tabori wendet. Auch der positive Familienname Engel ist in dieser Sicht zu verstehen.

2.6. Komödie oder Tragödie?

Auch die Frage nach der Dramengattung tut sich auf, denn der Inhalt ist an sich tragisch, aber das Komische an dem Drama kann auch in den Situationen und Umgangsformen entstehen, wenn Figuren beider Seiten mit List und Tricks versuchen, wie man dem anderen Geld entziehen kann. Auch die Frage nach dem Ausgang gibt eine ambivalente Sicht: Für Franz endet es tragisch im Suizid, für Lili und Bubi insofern gut, als sie in die Heimat zurückkehren können. Es handelt sich also um eine Mischform, eine Tragikomödie. Wenn der Stoff ernst genommen wird, ist es ein tragisches Stück, aber wenn man den Stoff lustig inszenieren will, ist das auch möglich, je nach Konzept, Regie und SchauspielerInnen. Auch Beleidigungen, Schimpfen und abwertende Aussagen haben eine komische und eine tragische Seite. Teils kann man also von einem absurden oder schwarzen Humor sprechen, der sich aus dem unsicheren Dasein der Flüchtlinge ergibt, etwa wenn die Kundin das Kleid plötzlich ablehnt oder wenn Herr Kuglhof Lili selber anbettelt, statt ihr zu helfen.

George Tabori bezeichnete Flucht nach Ägypten als „ironische politische Komödie“ und kritisierte an der nicht erfolgreichen Uraufführung, dass der Regisseur das Drama „zu ernst“[25] inszeniert habe.

[...]


[1] [o.A.:] George Tabori. Austria-Forum 2012. Online im Internet: http://austria-forum.org/af/AustriaWiki/George_Tabori [Stand: 25. 2. 2016]

[2] Vgl. Simhandl, Peter (Hg.): Theatergeschichte in einem Band. 4., akt. Aufl. Mit Beiträgen von Franz Wille und Grit van Dyk. Berlin: Henschel Verl. 2014, S. 327

[3] Vgl. Sucher, C. Bernd (Hg.): Theaterlexikon. Autoren, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner, Kritiker. bearb. erw. 2. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1999, S. 696 f.

[4] Vgl. Sumper, Michael Gernot: George Tabori. Mitschrift in der VO Theater- u. Literaturgeschichte III bei Evelyn Deutsch-Schreiner. Graz WS 2015/2016

[5] Vgl. Simhandl, Peter (Hg.): Theatergeschichte in einem Band, S. 328-330

[6] Vgl. Sucher, C. Bernd (Hg.): Theaterlexikon, S. 696 f.

[7] Ebda., S. 697, zit. n. Sucher, C. Bernd: [o.T.] Artikel in: Süddeutsche Zeitung, 24. 5. 1989.

[8] Ebda. zit. n.: Biermann, Wolf: Laudatio für Tabori, Georg-Büchner-Preis 1992.

[9] Schlienger, Alfred: Das Lachen als Schmerzprobe. Zum Tod des Dramatikers, Regisseurs und Schriftstellers George Tabori. Neue Zürcher Zeitung 25. 7. 2007. Online im Internet: http://www.nzz.ch/das-lachen-als-schmerzprobe-1.532391 [Stand: 23. 2. 2016]

[10] [o.A.:] George Tabori. Online im Internet: a.a.O.

[11] Simhandl, Peter (Hg.): Theatergeschichte in einem Band, S. 330

[12] Vgl. Strzysch, Marianne; Bergmann, Martin (Hg.): Duden. Schülerlexikon. 7., akt. Aufl. Redaktion Schule und Lernen. Mannheim: Dudenverlag 2003, S. 19 f.

[13] Tabori, George: Flucht nach Ägypten. Deutsch von Ursula Grützmacher-Tabori. Berlin: Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH [pdf-Datei o.J., erhalten 2015]. Datei-Name: FLUCHT NACH ÄGYPTEN George Tabori.pdf, S. 3

[14] Ebda., S. 4

[15] Ebda., S. 6

[16] Ebda., beide S. 32

[17] Ebda., S. 4

[18] Ebda., S. 5

[19] Vgl. ebda., S. 2

[20] Ebda., S. 9

[21] Ebda., S. 28

[22] [o.A.:] Der gewitzte Melancholiker. Eine Auswahl seiner schönsten Aussprüche. ZDF aspekte 27. 7. 2007. Online im Internet: https://web.archive.org/web/20070929134243/ http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,5578242,00.html [Stand: 25. 2. 2016]

[23] Tabori, George: Flucht nach Ägypten, S. 38

[24] Ebda., S. 8

[25] Beide: Göpfert, Peter Hans: Berliner Ensemble: „Flucht nach Ägypten“. Gastspiel Theatre National du Luxembourg. 12. 12. 2015. Online im Internet: https://www.kulturradio.de/ rezensionen/buehne/2015/Berliner-Ensemble-Flucht-nach-Aegypten.html [Stand: 23. 2. 2016]

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Details

Titel
"Vom Krieg leben?" Die gegenwärtige Relevanz von George Taboris "Flucht nach Ägypten" und Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder"
Hochschule
Universität für Musik und darstellende Kunst Graz  (Darstellende Kunst)
Veranstaltung
Seminare Dramaturgie I und II
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
47
Katalognummer
V412706
ISBN (eBook)
9783668639744
ISBN (Buch)
9783668639751
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
krieg, relevanz, george, taboris, flucht, ägypten, bertolt, brechts, mutter, courage, kinder
Arbeit zitieren
Michael Gernot Sumper (Autor), 2016, "Vom Krieg leben?" Die gegenwärtige Relevanz von George Taboris "Flucht nach Ägypten" und Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412706

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